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Zulöaer Anzeiger

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Nr. 37 1933

Fulda, Montag, 13. Februar

10. Jahrgang

Die Katastrophe im Saarland.

Auf dem Trümmerfeld von Neunkirchen.

Zahlreiche Todesopfer.

Die Explosionskatastrophe, von der die saarländische Stadt Neunkirchen heimgesucht wurde, zeigte sich in ihrer ganzen Furchtbarkeit, als aus Abend Morgen geworden mar, als der Helle Tag das Grauen der Nacht erst recht deutlich werden ließ. Was sich in der Nacht nur in Um­rissen, gespensterhast beleuchtet durch die immer wieder auf- flackcrnden Flammen den Augen gezeigt hatte, wurde im grellen Tageslicht zu einem entsetzenerregenden Bilde. Soweit das Auge sehen konnte: ein Bild der Verwüstung. Auf Schritt und Tritt stiest man in den Straßen der Stadt auf Verwundete. Eine große, in ihrer Trauer und Er­schütterung schweigende Menschenmenge bewegte sich nach den Stätten des namenlosen Unglücks. Da standen die Familien wortlos vor ihren Häusern. Der eine hatte in seiner Aufregung ein Musikinstrument geborgen, bei dem anderen hatte es noch zu einigen Kleidungsstücken gereicht. Eine Frau trug auf den Armen ein Kätzchen, das die Nacht des Grauens in einem Küchenschrank zugebracht hatte. Ein verletzter Arbeiter hielt in den Armen einen Vogel­bauer als einzigen, als letzten Besitz. Viele stocherten wie geistesabwesend in den Trümmerhaufen herum, ver­meinend, vermißte Angehörige zu finden. Auf der andern Seite ein wüstes Gewirr von Stahlträgern und riesigen Schultbcrgen.

Sanitätskolonnen sanden auf der Straße liegend ein etwa sechs Monate altes Kind in Windeln gewickelt. Ihm hatten die ungeheuren Gewalten nichts anzuhaben vermocht. Seine Eltern aber liegen unter den Trümmern verschüttet.

Es gibt kaum ein Haus der Stadt, das nicht mittelbar oder unmittelbar durch das schwere Unglück in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Die furcht­bare Explosionskatastrophe von Oppau im Jahre 1921 wird in Erinnerung gerufen, aber man möchte fast glauben, daß die Ausmaße dieser Explosion noch weit größer sind.

Von besonderer Tragik ist folgender Vorgang: Als Die Explosion eines Benzolbehälters statt­fand, die die Benzolanlage dem Erdboden glcichmachtc, stieß sofort eine Rettungskolonne zum Explosionsorte vor. Wenige Minuten später explodierte dann der Gasometer, wobei die ganze Rcttungskolonne den Tod fand. Der Wächter des Gasometers! kam wie durch ein Wunder mit dem Leben davon, denn wenige Minuten vor der ersten Explosion hatte er seinen hohen Standort aus dem Gaso­meter verlassen.

Äber die Ursache der Explosion

lassen sich vorläufig nur sehr unbestimmte Feststellungen machen. Es wird vermutet, daß in der Benzolfabrik ein Benzolbchälter explodierte und Tec-mengen in Brand setzte. Die Flammen fraßen sich an der einen Seite des Gasümciers empor und setzten die Stahlplatten in Rot­glut. Darauf erfolgte

die verheerende zweite Explosion, deren Auswirkungen noch unübersehbar sind. Nach einer anderen Lesart soll die Explosion dadurch entstanden sein, daß der Auspuff eines Motors einen Brand verursachte, üer sich auf die Benzolanlage ausdehnte.

Der reine Materialschaden

geht in die Millionen; er lässt sich noch gar nicht genau ab- schätzen. Die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe werden noch viel größer fein. Durch die Stilleauna der

Hier ereignete sich die furchtbare Explosionskatastrophe. Unsere Aufnahme zeigt die Stadt Neunkirchen im Saar­gebiet, die durch die Explosion des rcchts im Vorgerdrunde sichtbaren Gasbehälters schwer Heinigcsucht wurde.

Kokerei werden Hunderte von Menschen " 1 beitslos. Von fünf Hochöfen können nur zwei den Betrieb aufrechterhalten.

Die Gasfernversorgung ist vollkommen stillgelegt worden. Das Homburger S ch w e st e r w e r k des Eisenwerks Neunkirchen mußte stillgelcgt werden, weil lcnre Kesselheizung durch die Ferngasleitung erfolgte, ^uch hier sind die Arbeiter brotlos geworden. Das Elend

das wenige Minuten des Grauens in die Stadt Neun­kirchen geschleudert haben, wird deutlich, wenn man er­fährt, daß rund SO Prozent der Bevölkerung aus Arbeitern bestehen.

Beileidstelegramm des Reichspräsidenten.

Der Reichspräsident von Hindenburg hat an den Bürgermeister von Neunkirchen das nachstehende Beileids­telegramm gerichtet:

Ties bewegt durch die Nachricht von dem furchtbaren Unglück, das die Stadt Neunkirchen betroffen hat, spreche ich Ihnen und der Einwohnerschaft Ihrer Stadt meine herzliche, aufrichtige Teilnahme aus, und bitte Sie. diese

Eine erste Aufnahme aus Neunkirchen.

Blick auf einen Teil der durch die furchtbare Explosion zerstörten Werksanlagen, in deren Nähe der in die Lust geflogene Gasometer stand.

besonders den betroffenen Familien zu übermitteln. Als erste Hilfe für die Opfer der Katastrophe überweise ich 100 000 Mrak an die Stadtkaffe Neunkirchen. In treu­deutschem Gedenken gez. von Hindenburg (Reichspräsi­dent)."

Beileidskundgebungen

kamen aus allen Teilen des Reichs und auch aus dem Auslande. Es telegraphierten: der Reichskanzler Adolf Hitler, der Reichsminister Geheim­rat Dr. Hugenberg, der Reichskommiss ar von Papen, die preußische Regierung Braun, der bayerische Ministerpräsident Dr. Held, der Regierungspräsident der Pfalz, der Oberpräsident der Rheinprovinz, der Generalsuperintendent der Rhein­provinz, der Evangelische Oberkirchenrat, der würt- tembergische Staatspräsident, der Bund der Saarvereine, der Generalsekretär des Völkerbundes, der Kabinettschef Mussolinis in seiner Eigenschaft als Präsident des Völkerbundes u. a.

Trauersitzung der Negierungskommissiou in Saarbrücken.

Die Regierungskommission des Saargebietes trat zu einer Trauersitzung zusammen. Man beschloß, zur Durch­führung der ersten Unterstützungsmaßnahmen für die Ob­dachlosen und Verunglückten entsprechende Kredite bereit­zustellen. Ferner wurde für das ganze Saargebiet öffent­liche Trauer angeordnet.

Vorbildliche deutsche Kriegerdenkmäler.

Die Entwürfe für das Reichsehrenmal.

Der Staatssekretär im Reichsinnenministerium, Pfundtner, eröffnete mit einer Ansprache die Ausstellung der Denkmalsentwürfe für das Reichsehrenmal, die auch eine S ch a u v o r b i l d l i ch e r d e u t s ch e r K r : e g er­denk mäler und -ehrungen, die'der Reichskunstwart Dr. Redslob und seine Mitarbeiter in jahrelanger Arbeit zusammengetragen haben, umfaßt. .

Staatssekretär Pfundtner gab zunächst einen kurzen Rückblick über die Geschichte des Reichsehrenmals An­gesichts der ungeheuren Leistungen des deutschen Volkes im Weltkriege war es eine selbstverständliche E h r e n - Pflicht des Vaterlandes, seinem Dank gegenüber den gefallenen Helden auch durch ein äußeres Denkmal sichtbar Ausdruck zu geben. Wenn sich die Denkmalsfrage lewer von Jahr zu Jahr verzögert habe, so sei schuld daran der in den Rachkriegsjahren alles überwuchernde Mate­rie l l e G e i st und die : n n e r e Z e r r : s s c n b e : t. Es ist ein besonderes Verdienst der Frontkâmpferverbande aller Richtungen, daß sie über alle sonstigen Trennungen hinweg zäh den Plan eines Reichsehrenmals vorwarts- getrieben und dabei in Anlehnung an urdeutsches Empfin­den den Gedanken eines Heldenhains in den Vordergrund gestellt haben. ~ . _, .

Der Zweck der Ausstellung, so erklärte der Staats­sekretär, sei in erster Linie der, der Öffentlichkeit und der Fachpresse Gelegenheit zu geben, ihre Auffassung über die ausgestellten Entwürfe zum Ausdruck zu bringen. Die Erörterung in der Öffentlichkeit soll den Boden ebnen helfen für die endgültige Entscheidung des Vorstandes der Stiftung, dem das letzte Wort gebührt.

Oie Hilfe Preußens.

Die Kommiffare des Reiches für Preußen haben zur Linderung der ersten Not einen Betrag von 100 000 Mark zur Verfügung gestellt. Am Tage der Beisetzung der Todesopfer der Explosion werden die Reichsministerien sowie die amtlichen preußischen Gebäude halbmast flaggen.

Reichshilfe beantragt.

Die sozialdemokratischen und die kommunistischen Mit­glieder des Überwachungsausschusses des Reichstages haben einen Antrag gestellt, der die Reichsregierung auf- fordert, für die Hinterbliebenen der Explosionskatastrophe zehn Millionen Mark zur Verfügung zu stellen.

*

Ausräumungsarbeiten in Aeunkirchen.

Ursache der Katastrophe noch immer ungeklärt. Rückkehr der geflüchteten Bewohner.

Die Stadt Neunkirchen ist von einer ungeheuer großen Zahl Fremder aus der näheren und weiteren Um­gebung sowie aus dem Auslande überschwemmt. Die Landjäger haben Mühe, den ungeheuren Verkehr auf den Straßen zu regeln.

Die Bevölkerung macht sich jetzt schon wieder daran, die Schäden zu reparieren. Die Läden der Geschäfte sind mit Brettern zugenagelt, um Diebereien zu verhindern. Die Häuser in der Saarbrücker Straße, die zur Unglücksstötte führt, fmb vollkommen geräumt, da weiterhin Einsturzgefahr besteht.

Ter brennende Regenerator des Eisenwerkes ist jetzt endlich erloschen. Er bietet jedoch in seiner schiefen Lage eine dauernde Gefahr. Wie die Generaldirektion des Eisenwerkes mitteilt, ist die Gefahr einer weiteren Explosion noch immer nicht ganz behoben.

Das furchtbare Gerücht, nach dem noch 200 Menschen unter den Trümmern begraben liegen sollten, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Tie Ver­miß t e n, die in der Furch: vor neuen Erplosionen Büros und Wohnungen verlassen hatten, sino alle wieder in Neunkirchen eingetroffen.

Die Zahl der Toten ist nunmehr endgültig festzustellen. Sie betrügt 57, und zwar 23 Männer, 25 Frauen, 3 Kinder und 6 Vermißte. In den Krankenhäusern befinden sich als Schwerverletzte noch 148 Personen, von denen einige in Lebensgefahr schweben.

Nach Mitteilung der Werksdirektton kann erst durch genaue Untersuchungen und insbesondere Zeugenaussagen die Ursache des Unglücks festgestellt werden. Vorläufig steht man noch vor einem völligen Rätsel, da der Gaso­meter als einer der modernsten, den man heute besitzt, und als vollkommen erplosionssicher galt. Fest steh: bisher, daß etwa zwei bis drei Minuten vor der Explosion eine Flamme am Gasometer emporschlug.

*

Spende des Papstes für Neunkirchen.

Papst Pius XI. hat über den Bischof von Trier eine Spende von 5000 Mark für die durch das Neun­kirchener Unglück schwer betroffenen Familien zur Ver­fügung gestellt.' Nach den letzten Meldungen aus Neun­kirchen ist die genaue Zahl der Todesopfer doch noch nicht bekanntgegeben worden. Man spricht von 66 Toten. Dem stehen jedoch Mitteilungen der Knappschaft gegen­über, wonach die Zahl der Toten etwas geringer sein soll. Die Gefahr, daß die unterirdischen Benzol­behälter auch noch in die Luft fliegen, ist behoben worden, nachdem es gelungen ist die großen unterirdischen Tanks l e e r z u p u m p e n. Daaeaen hat eine große Ge­neratorenbatterie von vier Hochkesseln neue Gasnahrung erhalten. Man wird sie ausbrennen lassen müssen.

Zum Sefuch des Reichsgerichts- präsidenten beim Reichskanzler.

Amtlich wird mitgeteilt:Seitens der Reichsregierung und des Präsidenten des Reichsgerichts wird zu den Preffemeldungen über den Besuch des Präsidenten des Reichsgerichts bei dem Reichskanzler folgendes erklärt: Der Präsident des Reichsgerichts hat den Reichskanzler aufgesucht, weil dieser den Wunsch geäußert hatte, wie die anderen Spitzen der Behörden so auch ihn persön­lich kenncnzulernen. Von dem Inhalt der Ver­ordnung des Herrn Reichspräsidenten zur Herstel­lung geordneter Re gierungsverhältnissc in Preußen vom 6. Februar d. I. ist der Präsident des Reichsgerichts weder bei seinem Besuch noch sonst vor Erlaß ber Verordnung in Kenntnis gesetzt worden. Irgendein Versuch, die Auffassung des Präsidenten des Reichsgerichts über die Verfassungsmäßigkeit von Maßnahmen der in der Verordnung getroffenen Art zu erkunden, ist selbstverständlich nicht unternommen worden."

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Reichskanzler Hitler hat im Auftrage des Reichspräsi­denten die Internationale Automobil- iinb Motorradaus- siellung in Berlin feierlich eröffnet.

* Die Reichsminister Hugenberg, von Papen und Scldte hielten anläßlich des deutschnationalen Parteitages Ansprachen.

* Die Explosionskatastrophe in Neunkirchen hat zahlreiche Todesopfer qeforbert Pic Zahl der Verletzten wird auf über tausend geschätzt.