Zul-aer Anzeiger
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Nr. 23 — 1933
Fulda, Freitag, 27. Januar
10. Jahrgang
Die blutige KPD.-Versammlung
Schwere Zusammenflöße «»Dresden
Blutige Folgen einer kommunistischen Demonstration.
In Dresden ist es zu einem schweren blutigen Zusammenstoß zwischen Polizeibeamten und Kommunisten gekommen. Eine kommunistische Versammlung im Keglerheim wurde von der Polizei aufgelöst. Dieser Auflösung widersetzte sich die Menge und ging gegen die Beamten tätlich vor, die darauf von der Schußwaffe Gebrauch machten.
Das Presseamt des Polizeipräsidiums in Dresden teilte über den blutigen Zwischenfall amtlich folgendes mit:
Im Keglerheim auf der Friedrichstrasse fand eine Ver- fammlung des Ka m p s b u n d es g e g c n d e n F a s ch i s- mus mit dem Oberleutnant a. D. F r ü d r i ch als Redner statt. Da Frädrich auch in dieser Versammlung wieder in ausserordentlich gemeingefährlicher Weise zu Tätlichkeiten aufforderte, wurde die Versammlung von dem überwachenden Beamten der politischen Abteilung aufgelöst. Da der polizeilichen Aufforderung zum Verlassen des Saales nicht nachgekommen wurde, wurde von vorsorglich bereitgehaltcnen uniformierten Polizeibeamten vor dem $otmim eine Sperrkette gebildet, die mit der Räumung des Saales zunächst ohne Anwendung des Gummiknüppels begann.
Im gleichen Augenblick setzten insbesondere auf den Galerien Sprechchöre ein: „Wir bleiben da! Sitzen bleiben!" usw. Auch wurde von den Galerien herab
mit Biergläsern, Aschenbechern, Stühlen usw.
nach den den Saal räumenden Beamten, die teilweise btt« durch auch getroffen wurden und denen auch im Saal stärkerer Widerstand entgegengesetzt wurde, geworfen. Gleichzeitig wurde von Versammlungsbesuchern auf den Galerien
auf die Beamten scharf geschossen.
In der Notwehr machten die Beamten nunmehr von der Schusswaffe Gebrauch. Diese Gegenwehr hatte neun Todesopfer und. soweit sich bis jetzt hat feststellen lassen, elf Verletzte zur Folge.
W>e weiter bekannt wird, gab den Anlaß zur Auflösung der kommunistischen Versammlung eine Bemerkung des Redners, Frädrich, der von dem Kampf „gegen die nationalsozialistischen Mordbanden" gesprochen hatte. Die Kommunisten bestreifen, daß von den Galerien herab auf die Beamten geschossen worden sei. Ter Persammlungssaal wurde anschließend von der Polizei versiegelt und die Leichen vorlä"f',g beschlagnahmt. Alle Versammlungen unter freiem Himmel und Umzüge in der Stadt Dresden sind von der Dresdener Polizei bis auf weiteres verboten worden.
Auch das sächsische Staatsministernim hat sich mit dem Zwischenfall beschäftigt. An der Sitzung nahm der Ministerpräsident Schieck und der Polizeipräsident von Dresden teil.
Der Aedner ^rädn'ch
Oberleutnant a. T. Frädrich, der als Re-chswehr- osfrzier in Bautzen gestanden und auch nach seinem Ausscheiden aus der Reichswehr jetzt noch seinen Wohnsitz dort hat. ist,der Politischen Polizei seit langem als einer der gefährlichsten Hetzredner der Kommunistischen Partei bekannt. Vor feinem Eintritt in die KPD. soll Frädrich Nationalsozialist gewesen sein.
Streik im Sachsenwcrk.
Sämtliche Arbeiter im Sachsenwerk. Licht- und Kraftwerke A.-G. tn Niedersedlitz, haben am Donnerstag den Betrieb verlassen. Es ist anzunehmen, daß dieser Streik mit den blutigen Ereignissen in Dresden zusammenhängt. Die Leitung des Sachsenwerkes hofft, daß sich der Streik nur auf Donnerstag erstrecken wird.
Maßnahmen der Reichsregierung.
Im Zusammenhang mit den blutigen Ereignissen in Dresden wird an zuständiger Reichsstclle an die vor einigen Tagen ergangene Warnung erinnert, dass die Art, in der augenblicklich gehetzt werde, die Regierung veranlassen würde, gewisse Massnahmen zu ergreifen. Möglicherweise würden die Dresdener Vorfälle dazu führen, diese Überlegungen der Regierung zu beschleunigen.
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Oer Anlaß zur Dresdener Versammlung^' ausiösung.
Die Persönlichkeit des Hetzredners Frädrich.
Die weiteren Ermittlungen über die blutigen Vorgänge in Dresden haben ergeben, daß der aufsichtführende Beamte der Politischen Polizei die kommunistische Versammlung im Kcglerhcim anflöste, als der Redner Frädrich den bekannten antifaschistischen Kampfspruch zitierte: „Wenn ihr geschlagen werdet, so schlagt wieder, wenn ihr gestochen werdet, so stechet wieder, wenn ihr geschossen werdet, so schieß, wieder."
Ter Versammlungsredner, der frühere Reichswehr- oislzicr Frädrich, hatte seinen Dienst wegen Unterschlagungen verlassen müssen. Als Musikant in einem Bautzener Kino unterschlug er aus einer Sammlung für eine Musikkapelle erhebliche Gelder. Frädrich, der in- zwischen zur NSDAP, übergetreten, aber bald wieder aus SLr Partei ausgeschietzon war, wurde wegen UntLr-
schlagung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Frädrich war schließlich der Kommunistischen Partei beigetreten.
Tumuli im Sächsischen Landtag.
Besprechung der blutigen Zwischenfälle.
Im Sächsischen Landtag, der sich mit den blutigen Vorfällen in Dresden beschäftigte, erklärte Innenminister Richter, daß nach den ihm zugegangcnen Informationen die Versammlung habe aufgelöst werden müssen, weil der aufreizend sprechende Redner Frädrich zu Gewalttätigkeiten aufgerufen habe. Beim Vorgehen der Beamten sei auf sie von der Galerie geschossen worden. Bei diesen Worten des Ministers erhob sich ein
großer Tumult bei den Komm uni sten, die die Worte des Ministers als Lüge hinstellten. Der Minister erklärte nochmals ausdrücklich, daß nach den übereinstimmenden Darstellungen der Polizeibeamten von der Galerie auf sie geschossen worden sei. Polizeibeamte hätten die Schüsse beobachtet. Auch seien an der Stelle, wo sich die Schützen befunden hätten,
Patronen gefunden.
Weiteren Anhalt bildeten die Schußrinschlage an der Stelle des Bodens, wo die Polizeibeamten gestanden hatten.
Der Minister sprach sodann sein tiefstes Bedauern über diese Vorgänge aus, gedachte des Elends, das hierdurch über viele Familien gekommen sei, sagte aber auch, daß es
eine ernste Mahnung
an die sei, die die Massen durch Wort und Schrift verhetzten. Er brachte schließlich zum Ausdruck, daß die Ncichsregierung vielleicht etwas voreilig die Terrornot- Verordnung aufgehoben habe und erklärte, daß der politischen Agitation unbedingt Schranken gesetzt werden müßten. Die Polizei, so schloß der Minister, müsse sich den unlauteren Elementen gegenüber durchsetzen, und wenn sie durch Angriffe in Notwehr gedrängt werde, so sei sie nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, mit der Waffe ihr Leben zu schützen.
Und wieder Aeltcstenrat
Schleicher fordert Klärung.
Die parlamentarische Lage.
Der Ältestenrat des Reichstages, der am Freitag nachmittag um 3 Uhr zusammcntrctcn soll, findet nach wie vor eine ungeklärte Lage vor, wie bei seiner Sitzung vor acht Tagen. Die Verschiebung hat also wenig genützt. Verschiedene Reichstagsfraktionen haben noch für Freitag vormittag Sitzungen anberaumt, um endgültige Beschlüsse über ihre Haltung zu fassen.
Staatssekretär Planck wird, wie von zuständiger Stelle r itgeteilt wird, in der Sitzung des Ältestenrats im Namen der Ncichsregierung nochmals eine volle und klare Entscheidung fordern. Auch eine Vertagung aus vorgeschobenen technischen Rücksichten würde der Absicht der Ncichsregierung widersprechen.
Von sonst gut unterrichteten Kreisen wird angenommen, daß der Reichstag wie geplant am 31. Januar zu- sammcntreten wird. Dem ReichskanAer wird Gelegenheit gegeben werden, die Erklärung der Ncichsregierung über die von ihr beabsichtigte Führung der Politik dem Reichstag bekanntzugeben. "Man glaubt allgemein, daß auch die verschiedenen Fraktionen zu der Regierungserklärung Stellung nehmen werden. Ob es dann aber zu einer Abstimmung über die vorliegenden Mißtrauensanträge kommen oder etwa eine Vertagung des Reichstags auf einige Zeit eintreten wird, ohne eine Entscheidung für oder gegen das Kabinett Schleicher herbeizusühren, steht noch nicht fest.
Diese Haltung des Reichstags dürfte nicht zuletzt abhängig gemacht werden von dem Ergebnis der Verhandlungen, die die Parteien zur
Bildung einer neuen Negierung seit geraumer Zeit führen. Es ist bekannt, daß solche Verhandlungen namentlich zwischen den Nationalsozialisten und den Deutschnatioualen gepflegt werden, wobei die Deutschnationalen das Ziel verfolgen, die Nationalsozialisten mit an die Verantwortung 31t bringen.
In Kreisen der Neichsregierung erklärt man nach wie vor daß Reichskanzler von Schleicher aus eine umgehende Klärung dränge, womit man zum Ausdruck bringen will, daß der Reichskanzler für den Fall eines drohenden Mißtrauensvotums oder für den Fall einer Verschleppung der Reichstagsentscheidung ohne ausgesprochene Tolerierung der Regierung
die Auflösungsvollmacht erhalten und von ihr Gebrauch machen werde. Es dürfte aber ausschließlich von dem Reichspräsidenten selbst abhängen, ob er überzeugt ist, daß sich eine breitere, wenn auch nicht parlamentarisch voll ausreichende Basis für eine andere Regierung finden läßt, die endlich die Ratioualfoziattsten
Anträge, die von Kommunisten und Sozialdemokraten eiugebracht worden sind, verlangen, daß alle beteiligten Polizeibeamten sofort ihres Dienstes enthoben würden. Tie Redner dieser Parteien bestreiten, daß von der Galerie geschossen worden sei.
Von nationalsozialistischer Seite wird der Vorfall als ein wohlvorbereiteter Überfall auf die Polizei, die in Notwehr gewesen sei, angesehen. Die NSDAP. Hofft, daß „das vorbildliche Verhalten der Dresdener Polizei
beim Herrn Reichskanzler von Schleicher Schule machen
möge. Tenn gerade unter der autoritären Negierung dieses Kanzlergenerals mehren.sich von Tag zu Tag die Mordüberfälle auf Angehörige nationaler Verbände, ohne daß irgendwie dagegen durchgcgriffcn werde."
Während der Aussprache über die Anträge kam es zu einem
ungewöhnlichen Zwischenfall auf der Pressetribüne, von der herab ein nationalsozialistischer Pressevertreter angeblich einen Zuruf gemacht haben soll, von dem aber auf der Tribüne nichts gehört worden ist. Eine Anzahl Kommunisten drang in die Pressetribüne, packte den Nationalsozialisten und versuchte, ihn von der Tribüne hcrunter- zuziehen. Es kam zu einem de artigen Tumult, daß die Sitzung unterbrochen werden mußte.
Landtagssitzung nochmals unterbrochen.
Im Sächsischen Landtag kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Tribünenbesuchcr bedrohten den im Zusammenhang mit der Mordsache Hentsch bckamit- gewordcncn nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Ben necke in den Wandelgängen des Landtages und drohten, ihn zum Fenster hinausz »werfen. Landtagsdiener stellten die Ruhe wieder her.
Die Beratungen des Landtages mußten dann zum zweitenmal unterbrochen werden. Nach einer langen Sitzung des Ältestenrates stellte Präsident Dr. Eckardt fest, daß sich der Zwi scheu rufer auf der Pressetribüne nicht habe ermitteln lassen. Es sei nicht nachgewiesen, daß ein Pressevertreter den Zwischenruf gemacht habe. Es sei eine gröbliche Störung, wenn Abgeordnete die Pressetribüne stürmen und den Pressev-r- treter, den sie für den Zurufer hielten, von der Pressetribüne zerren wollten. Als er dann den Ausschluß der beiden kommunistischen Abgeordneten Sindermann und Herrmann verkündete, kam es z u n e n e n Tumult- szenen. Die beiden Abgeordneten weigerten sich, den Saal zu verlassen Daraufhin unterbrach Präsident Eckardt nochmals die Sitzung.
zur Regierungspartei macht, oder ob er es bei der gegenwärtigen Lösung belassen, dann ihr aber auch alle und notfalls über die bisher gewohnten hinausgehende Vollmachten zur Durchführung ihres Arbeitsprogramms geben will.
Ein Oemenii zu den Gerüchten um Schleicher.
Wie von zuständiger Stelle erklärt wird, sind die Gerüchte, daß Reichskanzler von Schleicher znrückgetreten sei, falsch. Von Schleicher beabsichtige auch nicht, zurka- zutreten, and werde, wie daS bereits mehrfach erihirt worden sei, die Entscheidung deS Ältestenrates ab« warten und frühestens am Sonnabend vormittag dem Reichspräsidenten von Hindenburg Vortrag halten aber die politische Lage und über die Maßnahmen, die möglicherweise zur Verhütung ähnlicher Vorfälle wie in Dresden getroffen werden könnten. DaS Gerücht, der Führer der Deutschnatioualen, Dr. Hugenberg, habe am Donnerstag im RcichspräsidentcnpalaiS eine Minister- liste der Harzburger Front überreicht, treffe nicht zu.
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Ferner wird von der Reichsprefsestelle der NSDAP, zu der Falschmeldung eines Berliner Abendblattes Stet- lang genommen, wonach ein Kabinett von Papen gebildet werden solle, dessen Ernennung nur noch von einer Zustimmung Adolf Hitlers abhänge, der bereits in Berlin eingetroffen sei, und erklärt, daß es sich hier um einen a u fgelegten Schwindel handele. Er sei offenbar von der Regierung nahestehenden Presseorganen aus- gestrcui worden, um zur Verwirrung der Lage beigutragen. Hitler befinde sich zur Zeit i n M ü n ch e n. Es sei außerdem bekannt, daß er seinen Führungsanspruch keineswegs aufgegeben habe.
Kleine Jeituna für eilige Leser
* Die Ncichsregierung wird in der AltestenratSsitzung deS Reichstages am Freitag nochmals volle und klare Entscheidung fordern.
* Die Notwendigkeit der Stärkung deS Binnenmarktes betonte NeichSernährungSministcr Freiherr von Braun in AuS- sührlMLcn vor dem HauShaltSauSschtz.
* Die strenge Kälte hat in Frankreich wieder mehrere Todes-