Unterhaltungsblatt
Silvester an Bord.
Bon Korvettenkapitän a. D. Fritz Otto Busch.
In der großen Schleuse von Wilhelmshaven liegt das Lintenichiff, klar zum Auslaufen. Das vordere Schleusentor öjiiiet sich langsam, die Leinen straffen sich, an Teck werden die Leute zum Manöver gepfiffen, treten an. Auf der Schanz stehi der Rollenosfizier mit dem ältesten Wachofsizier: „Nun sagen Sie bloß, warum wir ausgerechner Silvester in der Nordsee feiern sollen? Das kann ja heiter werden! .Niemeyer sin Fust' droht auch bereits von der Signalstation, sehen Sie?"
Der andere wirft einen Blick zur Rahe des Signalmastes auf dem Turm der 3. Einfahrt, richtig: drüben hängt der schwarze Ball, die Sturmwarnung, und die niedrig ziehenden, schweren Wolken haben es auch scheinbar hcsonders eilig.
„Einmal müssen die Rekruten doch Seebeine kriegen, und nach Kiel müssen wir auch zu den Einzelübungc», da ist cs doch sehr vernünftig, wenn wir mal wieder um Skagen fahren! Außerdem langt der Punsch eher, wenn so viele ausfallen!"
Ter Kap tänleutnant hebt beschwörend die Hand. „Na, meine schlechtesten Sachen werde ich anziehen, und wenn Sie die ersten Brecher in die Kasematten kriegen trotz angesetzter Blenden, dann denken Sie an inich! Sie wissen doch:
Rund um Skagen, rund um Skagen, Ncmm ein Handtuch dir zum Kragen, Zieh dir Wasserstiefel an, Such' dir einen Oelrock, Mann!"
In der Sammer des Stabszahlmeisters sitzt der Bottler mit angezogenen Knien auf dem Sofa: sie besprechen die Cilvestervorüereitungen: „Also, mit dem Festesien heute abend wissen Sie Bescheid, dazu der Punsch, machen Sie ihn mal ruhig eine Träne stärker bei diesem Wetter draußen."
Der alte Unteroffizier wiegt bedenklich das Haupt: „Ach, Herr Stabszahlmeister, all der schöne Braten und denn der Punsch, soll ich nicht lieber halbe Portionen machen von wegen---"
„'Ne, mein Bester, das geht nicht! Die Männer, die heute nicht seedoll werden, die machen schon Klardeck mit den Sachen, da verlassen Sie sich man drauf!" —
Elf Uhr nachts. Irgendwo westlich der dänischen Küste stampft, rollt und schlingert das Linienschiff durch die aufgewühlte Nordsee. Kein Mensch an Deck außer der Wache auf der Brücke; alle Luken und Türen, die zum Oberdeck führen, find lucht, die Blenden in den Kasematten angezogen, die cleveren Türme seefest gezurrt, ebenso die Boote auf der Barring, dem BootSdeck. nur die beiden Nettungskutter hängen, wie immer in See, klar zum Wegfieren in ihren Davits. Schwer wirbelt der Rauch aus den drei langen Schornsteinen, weggerisien vom Sturm fegt er dicht über den weiß- schäumenden Seen dahin, die geisterhaft immer wieder aus dem Dunkel heranrollen, an den Echiffsseiten hochgischen und -^a'selnd Außendecks und Back überfluten. Hinter dem Relinas- kitid der Brücke steht das Wachpersonal: W. O., Ausguck, Läufer und Signalgasten, irden überkommenden Brecher mit ^spektvoller Verbeugung hinter der Reling begrüßend, triefend »ar Nässe; nur die Seeposten im gepanzerten Stand am Ruder, Maschinrntelegraph und Sprachrohr bleiben trocken. Der wachhabende Offizier ruft den Läufer: „So, nun eile mal zur Kombüse und Hole uns einen ordentlichen Punsch, heute ist das wohl erlaubt! Sag' aber dem Schmudt, er soll seine ver- stirten Nelken erst 'raussischen! Und verschütt' nicht die Hälfte, bis Du wieder oben bist! Los dafür!" —
Zu den Wohnrä men der Mannschaften sieht es wüst aus: ein Teil sitzt an den Holzhacken und feiert, unbekümmert um Seegang und das Wasser, das immer mit den Bewegungen lei Schiffes hin und her schwappt, das sind die alten, seefesten Leute! eine Harmonika tönt dazwischen, Gesang; irgend jemand hat noch einen kleinen WeihnachtSbaum auS dem Spind gekramt und irgendwo festgekeilt, ein anderer versucht ein Grammophon in Gang zu bringen, daS immer wieder von der Back rutscht; aber vergnügt sind sie alle! Nur die Rekruten liegen in den Ecken und verwünschen Seefahrt, Schiff und die ganze Welt. Ein paar Leutnants sitzen bei ihren Divisionen und prosten unerschüttert den Männern zu: ,Fkinder, das ist noch gar nichts! Als wir vor zwei Jahren Silvester feierten, da schwabberten wir in der Biskaya: daS war noch was! Alles ging spazieren an Bord, sämtliche Sachen, die nicht eisern leefestaezurrt waren, und kein Mensch konnte an Deck, nicht mal die Ablösung; die Posten standen einfach durch, die armen Kerle!"
Oben in der Offiziersmesis ist es auch leerer als sonst, ein chaar fehlen doch bei diesem Seegang. Blasse Pantrygäste versuchen den Punsch ohne größere Havarie hereinzubringen, der jüngste Leutnant lacht: „Kinder, seid Ihr vielleicht Seeleute? Da ist ja Jumbo der Seebär seefester als Ihr! Der schwankte heut na )mittag noch ganz vergnügt an Deck herum, als schon die ersten grün über der Reling hingen und ,Kette steckten'!"
Der II. Artillerieoffizier winkt dem unglücklichen Steward mit der Hand, gerade als er endgültig über einen hingefallenen Stuhl strandet: „Geben Sie mal lieber die Whiskyslasche her und ein paar Selter, so wird daS nichts heute! Den Punsch trinkt alleine!"
Draußen rauscht und donnert die See, unheimlich stöhnt und heult es in der Takelage, wie Schreie Ertrinkender gellt es zuweilen aus der Finsternis. Selbst das Klavier beginnt sich zu bewegen, die Bilder an den Wänden taumeln von rechts nach links, und nebenan Dost der Pantry klirrt es von zerbrochenem Porzellan.
„So was nennt sich nun Silvester!" meint der Torpedo- Offizier und gießt sich den Whisky ins Glas. „Seht mal her, genau wie im D-Zug: man wird gebeten, beim Einschenken die Gläser in der Hand zu halten! Man gut, daß die Tische wenigstens festgeschraubt sind!"
Die Messetür öffnet sich, gerade holt das Schiff über, schmetternd fährt die Tür wieder dicht.
„Immer 'rin in die gute Stube! Nicht so schüchtern!" ruft der NavigationsoffiKer vergnügt. Aber er unterbricht seine Rede sofort: „Oh, Verzeihung! Ich bitte gehorsamst um Entschuldigung, Herr Kapitän!"
Ter Kommandant im Mantel tritt ein, das Doppelglas vor der Brust, lacht und versucht, sich mit den Händen überall abstützend, den nächsten Sessel zu erreichen, während alles aus- steht, um Platz zu machen.
„Bitte bleiben Sie doch sitzen, meine Herren! Donnerwetter, heute ist ja allerhand lös draußen, was? Nanu, wo sind denn die andern?"
Einer der Offiziere antwortet lachend: „Die liegen auf der Koje, Herr Kapitän, und denken über den Dienst nach, denen ist es wohl ein bißchen zu lebhaft heute!"
Auch der Kapitän lacht. „Ich wollte nur mal sehen, was Sie hier mache«, unten in meiner Kajüte ist eS zu ungemütlich, da kann man überhaupt nicht mehr ruhig sitzen!
Na, Pantry, habt Ihr noch einen guten Grog für mich? Was machen die Leyte?"
Ter Erste Offizier beugt sich vor. „Soweit sie nicht seedoll sind — wir haben eine Menge Rekruten an Bord —, feiern sie in den Kasematten, die Leutnants sind auch unten, wollen Herr Kapitän mal —"
„Nachher! Jetzt bin ich froh, daß ich endlich mal sitze!" —
Born unter der Back, im Wohnraum der seemännischen Unteroffiziere geht cs hoch her. Hier sitzen die ganz Unentwegten, schwingen die Gläser und singen alte Seemanns- [ieber, dicker Zigarrenqualm und Pfeifenrauch nimmt jede Aussicht, dazu sind hier vorne die Bewegungen des Schisses noch viel ärger zu spüren als anderswo: jeder Nichtseemann würde im Augenblick, wo er den Rainn betritt, sterbens- seekrank werden. Der süße Duft von Punsch und von Berliner Pfannkuchen zieht jedesmal, wenn die Tür geöffnet wird, wie eine Welle hinaus, den Matrosen, die bereits wegen des Seegangs in den Hängematten liegen, in die Nasen.
Auf der Brücke sieht der W. O. sehnsüchtig nach der Uhr. „Immerhin, noch zehn Minuten, aha, da werden die Posten schon gepurrt!"
Da doch die meisten rwch auf den Beinen sind, pfeift der Bootsmannsmaat der Wacke unten aus: „Die nächsten Nummern sich klarmachennnnn!"
Der Kapitänleutnant ruft den Läufer: „So, wenn auch die Glocke festgezurrt ist, das neue Jahr woll'n wir doch gebührend einläuten, was? Also: Punkt zwölf wird geglast! Mensch, halt Dich fest!"
Rummmmms, klatsch, schlägt ein Brecher über die Back, weiß schäumt es über den vorderen schweren Turm, gischtet hoch, fegt über das Brückenkleid, alles duckt sich, nur ein F. T.- (— Funksntelegraphie) Gast, der gerade schwankend die Brücke betritt, bekommt eine ordentliche Ladung Salzwaffer ab und
Neujahrsspruch.
Glückauf zum neuen Jahre,
Verlange nicht zuviel: Bekränze Deine Haare, Greis in Dein Sailenspiel! Und wcrden's düstere Lieder, Nng' nicht zu tief das Haupt: Die Gärten glänzen wieder. Noch ehe Düs geglaubt!
Hans Bethge.
rollt, sein Meldeblatt krampfhaft in der Faust, gegen die Tür des Gartenhauses.
Mitleidig lächelt der Signalmaat der Wache. „Mach bloß, daß Tu runterkommst, das ist hier nichts für Stubeic- aelehrle! Setz Tich unten in Eurer F. T.-Box auf die Dampfheizung, vielleicht wirst Tu dann bis morgen wieder trocken!"
Ter Diann rappelt sich hoch, tritt zum W. O. „Herr Kapitänleutuant, die ersten Neujahrsglückwünsche!"
Unten an Teck klettern Leute aus den Niedergangsluken, sammeln sich auf dem Mitteldeck trotz des Wetters, stehen um die Schisssglocke, Unteres fixiere, Matrosen, Heizer, ein paar Offiziere kommen von achtern hinzu, alle scheu dem Läufer zu, der, sich krampfhaft mit einer Hand festhallend, am Glockenschwengel arbeitet, endlich ist eS so weit: klar und hell, den Sturm übertönend, scharf, metallen, klingen 16 Schläge der großen Glocke in die Nacht: acht für das alte Jahr, acht für oas neue.
Rufe, Neujahrswünsche, schwirren umher, Handschlag und fröhliches Lachen.
Trüben an Steuerbord, weit über der wandernden See, über der Weite voll Gischt und Schaum blitzt ein dänisches Feuer auf, ruhig, in gleichen Abständen, zuverlässig, ein wach- lameS Auge, sieht es hinaus auf das dunkle Meer, aus das schlingernde Schiff, ein heller Gruß des neuen JcchreS.
Steuer Anfang.
Neujahrsskizze von Paulrichard Hensel.
Es war schon Winter, als Inge endlich von ihrem Krankenlager aufstehen konnte.
„Jetzt sehe ich erst, daß Du selbst ganz mager geworden bist", sagte sie, als Lutz ihr ein paar Blumen brachte, und strich ihm über die Stirn, „aber es wird doch noch alles gut. Paß auf, Lutz, wir sangen ganz von neuem an ..."
Sie machte sich keine Vorstellung davon, wie das sein könne; es kam ihr nur darauf an, etwas Liebes zu sagen, weil Lutz in diesen stillen Monaten ihr so oft Freude gegeben hatte. Und der Mann selbst wußte nur zu gut, oaß Nenbeginnen für ein jungrs Mädchen nur hieß, die versäumten Freuden nachzuholen, und daß er bald damit verdrängt sein würde. Denn er war arm geworden, und Entbehrung macht bedrückt und unfrei, daS hatte er tennengelernt. Seine Bücher mußten den Weg zum Händler gehen, damit er dann und wann Inge etwas mitbringen konnte, wenn er sie besuchte. Das durfte sie nie wissen, denn dann würden ihre Augen nicht so leuchten. Und es war immer noch keine Aussicht, neue Arbeit und sichtbaren Erfolg zu gewinnen. Dabei stand Weihnachten vor der Tür.
„Du bist heute so guter Laune", sagte Inge eines Abends, als sie durch die Straßen bummelten, um die Auslagen in den Schaufenstern zu betrachten.
„Und dabei müßte ich eigentlich betrübt sein", antwortete Lutz, „denn die nächsten Tage werden mich sehr in Anspruch nehmen. Ich werde mich nicht viel um meine Inge kümmern können."
„Hast Du einen Auftrag?" fragte sie lebhaft.
„Ja — ich werde Dir später alles erzählen. Es ist noch vieles unklar —"
„Aber Du glaubst, daß cs etwas wird?"
„Gewiß", sagte er, und er war froh, daß die Fensterauslagen eines Geschäftshauses, das -sie jetzt erreichten, die Fragen unterbrachen.
Es traf schon zu, daß er eine neue Arbeit übernommen hatte, deren Ertrag aber noch ungewiß und weit entfernt war; aber das Näherliegende verschwieg er: Vor drei Tagen traf er einen Schulfreund, sie tranken ein paar Gläser Bier und sprachen unvermeidlich von den wirtschaftlichen Verhältnissen. Der andere ließ Droschkenautos fahren. „Jetzt in der Festwoche wird das Geschäft sicher wieder besser werden", sagte er, „die L-ute gehen abends viel aus, und daS Wetter ist naß ..."
...Kannst Du mich nicht beschäftigen?" fragte Lutz.
f,Ja, wie denn?' Ich verstehe nicht recht — Du bist Architekt..."
„Ich habe den Führerschein, aber kein Geld."
Und so kam es, daß nach manchem Hin und Her Lutz jeden Abend in der Garage des Freundes antrat, um seine Droschke abzuholen und vor den Theatern und Tanzstätten auf Gäste zu warten. Dafür würde er Inge zu Weihnachten etwas schenken, aber er konnte sie fast nie mehr sehen, weil die andere Arbeit auch Zeit verlangte und Schlaf gleichfalls sein muffte. ,
Erst am Silvestertage sahen sie sich wieder. Wie luird das Jahr enden? fragten sie sich. Da erzählte Inge, daß sie zu einer Freundin eingeladen fei — nicht wahr, er verstehe das, sie sei so lange nicht in Gesellschaft gewesen, und dort sei es immer amüsant. Lutz nicktè nur. Er ivußte, daß in jener Gesellschaft ein Mann war, der Inge seit langem verehrte, und daß sie nie diese Atmosphäre von Freude und Sorglosigkeit würde entbehren können. Dieser Gedanke tat ein wenig weh —
An diesem Abend war sein Wagen dauernd besetzt. Statt auf dqs Glockenläuten mußte er auf die Straßenkreuzungen achten, und statt der strahlenden Bäunie hinter den Fenstern sah er in dem Spiegel an der Windschutzscheibe die Verliebtheit der Menschen im Wagen hinter ihm. Plötzlich hatte er Sehnsucht nach Inge. Er kannte das Haus, in dem sie jetzt war. Lange hielt er mit dem Wagen davor. Die Straße war still, aber aus den hcllerleuchteten Fenstern drang Musik und Lachen. Plötzlich hörte er die Haustür gehen. Da erkannte er die Sinnlosigkeit dieses Wartens, und er fuhr schon au, als die beiden Menschen, die aus dem Haus gekommen waren, ihm vergeblich nachriefen. —
Er glaubte, noch zu träumen, als am Neujahrstag Inge an seiner Wohnungstür klingelte. „Komm!" sagte sie. „Frische Luft ivird uns beiden gut tun." Und als er sie immer tioch verwundert ansah: „Wir ivollten doch neu beginnen, und ich mache den Anfang, Lutz..."
Erst, als sie durch den sonntäglich stillen Park gingen, fand er die Antwort darauf: „Ich hab' gar nicht mehr daran g»- glaubt, Inge —"
„Aber warum denn nicht, Lutz? Weil ich auch zu anderen ging? Verstehst Du das nicht? Du weißt, es gehörte so Diel zu meinem Leben, was jetzt nicht mehr ist. Auch jene Menschen, bei denen ich war. Und wäre ich gestern abend allein geblieben, wäre vielleicht immer wieder der Gedanke in mit aufgetaucht, ich habe etwas versäumt, ich habe auf etwas verzichten müssen. Weil doch aber alles anders werden soll und weil gestern das Ende des Jahres war, ging ich noch einmal hin, um mir selbst zu bestätigen, daß jenes Alte zu Ende ist und daß mich an diese Menschen und an diese Zeit nichts mehr bindet —* Das brauchte sie ja nicht zu erzählen, wie froh sie war, daß der Wagen, der vor dem Hause gehalten hatte, vorzeitig adfuhr und daß die schlecht verhüllte Enttäuschung und Lieblosigkeit jenes anderen Mannes, der sie begleiten wollte und dann wortkarg zu Fuß neben ihr ging, sie erkennen ließ, wie fremd er ihr längst geworden war und wie sehr sie letzt nach einem lieben Wort verlangte. „Und ich sah doch, Lutz, daß Du auch neu anfingst — mit Deiner Arbeit — und —" Neill, mehr war nicht zu sagen nötig, sie fühlte es an seinem Händedruck. Daß sie Angst gehabt hatte, ihn zu verlieren, sollte er später erst wissen —
Lutz hielt die kleine Hand fest. Mädel, dachte er, wenn Du ch sprichst, weiß ich ja erst, was für mich neu anzufangen heißt. Was hilft die Arbeit allein, wenn ich nicht Vertrauen zu Dir habe?
Und mit diesem Gedanken fing der Neujahrstag erst richtig für ibn an.
In der Jahreskurve.
Randbemerkungen von Alfred Hein.
Kalendertage, immer nur Kalendertage. Wann noch ein Tag, an dem du vor Seligkeit nicht weißt, haben wir heute Dienstag oder Mittwoch?
Silvesterglocken. Prosit Neujahr! Die meiste« erkennen tut Jubeln erschrocken, daß sie von Jahr zu Jahr mehr fühlet» wie wenig das Glück sich mit solchem lärmenden Rausch herbeirufen läßt.
Nur oberflächliche Gemüter hoffen im Silvestertrubel, daß aus dem perlenden Sektglas endlich im kommenden Jahr das „große Glück" hochsprudelt. Stillere und tiefere denken: Wann war ich doch das letzte Mal glücklich? Und dann stellen sie fest, daß dieses wenige Glück des vergangenen Jahres ganz anders, viel abseitiger und demutvoller, aussah als jenes prunkende, das sie vielleicht zu Beginn des Jahres erhofft.
Nur wer ichlss schwebt, lebt. Wer weiß, daß er lebt, erträgt nur noch das Leben.
Jahreswende — nichts als ein letztes Kalenderblatt Die Jahre der Ewigkeit wandern uicwanvelbar heiter mit den Gestirnen. Wandere mit ihnen, und du wirst auch heiter fern.
Devrient gewinnt die Wette.
Iln feinem gewohnten SkuumiijM-lajte filU Devrient im Kreise feiner Freunde beim Wein. Wahrerm der lebhaften Unterhallunq beobachtet der Schauspieler einen Maurer, der an der gegenüberliegende» Straßenseite an einem Neubau arbeitet. Als der Meister der Helle enn Schnupftabakdose aus dem Kittel zieht, ruft Devrient in das Gespräch: „Wetten, daß ich schneller eine Flasche Sekt trMw als der Kerl da seine Priese in die Nase bekommt. Kellner saust heran und bringt den Sekt. Der MaurerJmpi auf die Dose, Devrient trittst das erste Glas. Die Schacht" wird aufgeklappt, der Schauspieler trinkt. Bedächtig greifen die kalkigen Finger in den Tabak, die Flasche ist erst zur Hälfte leer. Die Slammtischrunde fällt spottend über Den zechenden Devrient her. Da kommt ein Arbeitsge»oste de» Maurers über die Laufbretter des Gerüstes. Die Kameradschaft verlangt, daß auch diesem ein Prieschen angeboten wird. Langsam und uinstäicdlich faßt der zweite Arbeiter m den würzigen Staub. Nun stehen sich die beiden Manne in luftiger Höhe gegenüber, halten sorgsam zwischen Dau» und Zeigefinger den Schnupftabak und ergehen sich int e n gehenden Gespräch über Berufsfragen und Tagesaygelea . heilen. Devrient aber prostet ihnen mit dem letzten G I des perlenden Schaumweines zu, ehe er ihn behaglich Gewrnu seiner Metta durch die Kehle rumeu lallt.