Zul-aer Anzeiger $uWa / Olatt 2
Nr. 303 Dienstag, 27. Dezember 1932
Kurze politische Nachrichten.
Wegen der Entlassung langgedien.ter E i s e n b ahn b e a m t e r und Arbeiter hat sich der Reichstagsabgeordnete Dr. Quaatz im Hinblick aus die sozialen Versicherungen der Negierung kürzlich wieder mit Vorstellungen an die Reichsbahnhauptverwaltung, den Reichsverkehrsminister und den Reichskanzler v. Schleicher- gewandt.
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Das amerikanische Repräsentantenhaus hatte die B i e r v o r l a g e, die die sofortige Freigabe von Bier mit 3,2 Gewichtsprozent Alkohol vorsieht, angenommen und sie an den Senat weitergeleitet. Der dort unternommene Versuch, die Biervorlage noch vor Weihnachten durchzubringen, wurde mit einer Mehrheit von 48 gegen 23 Stimmen vereitelt. Der Kongreß vertagte sich über die Weihnachtsfeiertage. Die Biervorlage „schloß im Schubfach des Rechtsausschnsses des Senats"
Ruhige Weihnachien in Berlin.
Die Weihnachtsfeier-tage verliefen in der Reichs- Haupt st a d t in völliger Ruhe, Der Reichspräsident verbrachte, wie vorgesehen, die Festtage im engsten Familienkreise. Einige Reichsminister, darunter Außenminister von Neurath, haben Weihnachten außerhalb Berlins verlebt. Irgendwelche politischen Ereignisse sind, » im Gegensatz zu manchen früheren Jahren der Nachkriegszeit, nicht eingetreten. Da die Bestimmungen über den Burgfrieden noch in Kraft sind, unterblieben auch Kundgebungen politischer Vereinigungen. Lediglich eine am Sonntagabend in Moabit tagende Versammlung eines „naturwissenschaftlichen Vereins" erwies sich als öffentliche, politische Veranstaltung der KPD. und wurde-aus diesem Grunde durch Beamte der Politischen und der Schutzpolizei aufgelöst.
Auch von größeren Bränden und Verkehrsunfällen ist Berlin an diesem Weihnachtsfest verschont geblieben. Feuerwehr und Sanitäter wurden zwar verschiedentlich alarmiert, doch handelte es sich durchweg um geringfügige Unfälle. Nur ein Verkehrsunfall am Äelle-Alliance-Platz hat ein Todesopfer gefordert.
Ein „Heiliges Lahr" angeorönei.
Aus der Weihnachtsansprache des Papstes.
In seiner auch durch Rundfunk übertragenen Ansprache an das Kardinalskollegium kündigte der Papst an, daß das nächste Jahr, in dem sich zum 1900. Male der Todestag Christi jährt, wie jetzt auch als Ergebnis der wissenschaftlichen Forschung angenommen werden könne, als Jubeljahr zur Erinnerung an dieses bedeutendste Ereignis begangen werden soll. Das Jubeljahr soll am ___ Palmsonntag beginnen und mit dem Palmsonntag 1934 irr i^i sein Ende finden. Die ganzeLllcuMheii soll eingetaden werden, sich an diesen Feiern zu beteiligen, damit sie von den politischen Streitigkeiten abgelenkt werde. In diesem Zusammenhang erwähnte der Papst den Streit um die Kriegsschulden und die Abrüstung. Die Verschärfung der wirtschaftlichen und finanziellen Krise und das Andauern der politischen Schwierigkeiten, das sich im letzten Jahr gezeigt habe, wurde vom Papst lebhaft beklagt.
Nah und $ern
0 Revision im Caro-Petschet Prozeß. Zum Caro- Petschek-Prozeß, der mit der Freisprechung des Geheimrats Caro endigte, >vird gemeldet, daß die Familie Petschek Revision beim Reichsgericht einlegen werde.
O Ein Polizcioffizier schießt i» Notwehr auf einen TA. Arzt. In einer Gaststätte am Anhalter Bahnhof in Berlin kam es zwischen NSDAP.-Angehörigen untereinander 311 einer schweren Schlägerei, bei der zwei SA.-Leute Kopfverletzungen davontrugen. Als ein Polizei- offizier den Streit schlichten ivollte, trat ihm der 31jährige SA.-Arzt Dr. Fritz Döpner mit vorgehaltener Schußwaffe entgegen. Der Polizeioffizier gab zunächst Ms seiner Dienstpistole zwei Schreckschüsse ab. Da Döpner aber weiter die Pistole in Anschlag auf den Polizeioffizier gerichtet hielt und kurze Zeit darauf mehrere Schüsse auf ihn abgab, wurde das Feuèr von deni Polizeioffizier - erwidert. Döpner brach schwer getroffen zusammen. Von dem inzwischen eingetrofsenen Überfallkommando wurden noch sechs Personen festgenommen.
O Mit dem Krankenwagen verunglückt. Zwischen Son- dershausen und Bebra fuhr der Krankenwagen der Nordhausener Sanitätskolonne vom Roten Kreuz infolge der Glätte in einen Graben und überschlug sich. Der Wagenführer wurde so schwer verletzt, daß er auf dem Wege zum Krankenhause starb. Zwei Sanitäter, die mitfuhren, trugen schwere Kopfverletzungen davon.
O Ein Streckenarbeiter auf dem Bahngleis tot auf- gefunden. Der Lokomotivführer eines Güterzuges meldete dem Bahnhofsvorsteher in Bützow, daß er auf dèm Gleis zwischen Warnow und Bützow eine Leiche liegen gesehen habe. Feststellungen ergaben, daß es sich um den 53 Jahre alten Streckenarbeiter Ahrens aus Warnow handelte. Ahrens versah seinen Dienst als Streckenläufer und ist bei seiner Tätigkeit höchstwahrscheinlich vom Zuge überfahren worden.
O Glücklich verlaufener Fenstersturz aus dem vierten Stock. Ein Fenstersturz, der glücklich ablief, ereignete sich in Hamburg. Aus dem vierten Stock eines Hauses am Nagelsweg stürzte eine Frau beim Fensterputzen plötzlich ab und fiel in dem Kanal. Ein vorbeifahrender Schiffer rettete die infolge des Schrecks bewußtlos gewordene Frau, die ins Haus geschafft wurde, wo die sofort Angestellten Wiederbelebungsversuche von Erfolg waren. Die Frau hat keinerlei Verletzungen davongelragen.
0 Zwei Schmuggler von einem polnischen Grenz- beamtcn erschossen. Am Grenzübergang von Rotzberg (Oberschlesien) würden zwei Schmuggler von einem polnischen Grenzbeamten erschossen. Der Beamte stieß unweit von Goretzko auf drei Personen, die deutsche Waren über die Grenze schmuggeln wollten. Er forderte die Schmuggler- auf, stehenzubleiben, und gab bald darauf einen Schutz ab, der den Schmuggler Wilhelm Piekacz tötete. Die beiden anderen Schmuggler, die Brüder des Erschossenen, wollten dem Toten die Schmuggelware abnehmen und zurück über die Grenze flüchten. Der Beamte schnitt ihnen jedoch den Weg ab und gab mehrere Schüsse auf sie ab, wodurch Stephan Piekacz so scbwer verletzt wurde, daß er kurze Zeit darauf verstarb.
0 Fünf Tote bei einer Munitionsexplosion. Bei einer Übung der Seeschietzschule von Nettuno in Italien ereignete sich eine Munitionsexplosion, bei der ein Sergeant und vier Mann getötet wurden. Die Beerdigung der Verunglückten fand im Beisein des Kriegsministers statt.
0 Abstieg in den Krater des Stromboli. Nach einer Meldung aus Neapel ist der Gelehrte Arpad Kirner in den Krater des Vulkans Stromboli hinabgestiegen und hat sich dort drei volle Stunden ausgehalten. Er war für diesen Abstieg mir einer -vollständigen Asbestkleidung, mit Gasmaske^ Sauerstoffapparaten und einem festen Helm, der ihn gegen Lavafälle schützen sollte, versehen. Hinter sich her zog er ein 300 Meter langes Asbestseil, in das elektrischer Draht eingesponnen war, der seine Grubenlampe speiste. Als er zurückkam, war er vollkommen erschöpft und könnte nur die Worte sagen: „Es war fürchterlich!" Dann verfiel er in einen todesähnlichen Schlaf.
Doorn. Der Kaiser ist noch immer leicht drkrankt. Auch die rheumatischen Anfälle halten bnoch an. so daß er sich Schonung auferlegen muß. Aus diesem Grunde nahm er nicht an der Weihnachtsfeier teil, die im Vestibül von Haus Doorn für die Beamten und Angestellten sowie für die auf Haus Doorn stationierten holländischen Gendarmen veranstaltet wurde. Auch der übliche WeihnachtsgottcKdienst ist ausgefallen.
Börse und Handel.
Frankfurt a. M. (Buttergroßhandelspreise n o m 2 4. Dezember.) Düs Weihnachtsgeschäft hat allgemein stark enttäuscht, denn die Umsätze waren kaum größer als sonst. Die schwache Kaufkraft der breiten Konsumentenmasse hat sich in diefem Jahre besonders fühlbar gemacht. Dazu kam in der letzten Woche starkes Angbot sowohl vom In- als auch vom Ausland, so daß die Lager nicht annähernd geräumt werden konnten. Der Preisverfall für Auslandsbutter blieb hier nicht ohne Wirkung. Die Preise für deutsche Butter gingen um 10 bis 13 RM. auf 120—125 und für holländische Butter um ca. 6 RM. auf 125—128 RM. für die 1-Ztr.-Tonne im Erotzbezug zurück. — Infolge des Ansteigens der Produktion sind die Anssichten auf bessere Preise sehr gering.
Frankfurt a. M. (Eiergroßhandelsprcise vom 2 4. Dezember.) Das starke Angebot von Frischeiern, insbesondere aus Holland und Flandern, führte in der abgelaufenen Woche zu einer schwachen Tendenz. Tie Preise lagen durchschnittlich um 14—% Pf. niedriger, Holländer, Flandern unb deutsche Frischeier notierten von 1—2 Pf. schwächer. Der Ahjgtz war außerordentlich gering. Das drängende Auslandsangevot war in erster Linie die Folge der schwachen Aufnahmeneignng seitens Englands und der Schweiz. Es notierten in Pf. per Stück loco Frankfurt; Vulgaren 8.50—9, Jugoslawen 8.50—9, Rumänen 8.25—8.50, Polen 8—8.50, Holländer 7.50—10.75, Flandern 9.50—9.75, deutsche Frischeier 9—12, in- und ausländische Mittel- nnd Schmutzeier 7—7.50. In Kühlhauseiern hat sich das Angebot derart verringert, daß kaum noch Ware vorhanden ist. Der Preis hierfür blieb mit 7—8.50 Pf. per Stück unverändert.
Frankfurt a. M. (S ch l a ch t v i e h m a r k t vom 2 7. Dez.; nichtamtlicher Vorbericht.) Ochsen: a1) 27—29, c) 24—26, d) 20—22. Bullen: a) 23—26, b) 20—22. Kühe: a) 23—25, b) 20—22, c) 17—19, d) 12—16. Färsen: a) 27—30, b) 24—26, c) 20—23. Kälber: b) 35—37, c) 31—34, d) 25—30. Schafe: al) 24—26, b) 20—23. Schweine: b) 37— 40, c) 36—40, d) 35—39, e) 32—37. Aufgetrieben waren: Rinder 1099, darunter Ochsen 296, Bullen 72, Kühe 371, Färsen 320, ferner Kälber 712, Schafe 120, Schweine 4670. Marktverlauf: Rinder und Schafe schleppend, Kälber und Schweine ruhig.
Amtliche Berliner Notierungen vom 24. Dezember.
♦ Devisenbörse. Dollar 4,20—4,21; engl. Piund 14,02 bis 14,06; holl. Gulden 169,13-169,47; Danz. 81,72—81,88; franz. Franc 16,42—16,46; schwciz. 80,99—81,15; Belg 58,27—58,39; Italien 21,55—21,59; schwed. Krone 76,42—76,58: dän 72,62 bis • 72,77; vorweg. 72,18—72,32; tschech. 12,46—12.48; österr. Schilling 51;95—52,05; Argentinien 0,85—0,86; Spanien 34,37 bis 34,43.
Gdlretbe und Cliaaten per 1000 Kilogramm, sonst per 100 Kilogramm in Reichsmark:
24. 12. 23. 12.
24. 12 23. 12.
Weiz., mark. 186-188 186-188
Dom in er sch — —
Rogg., märt. 153-155 153-155
Braugerste 166-175 166-175
Sommergerste — —
Fultergerste 158-165 158-165
Wintergerste — —
Hafer, märt. 114-119 114-119 pommerjch. — —
westpieuß. — —
Weizenmehl per 100 kg fr Berl br. ins! Sack 23,2-26,2 23,2-26.2
Roggenmehl .
Per 100 kg fr Berl br.
inkl. Sack 19,1-21,4 19,0-21,4
Weizkl. f. Bln. 8,8-9,2
Roggkt s. Bln. 8,7-9,0 Raps —
8,8-9,2
8,7-9,0
Leinsaat Viktormerbs kl Speiseerbf Fultererbsen Peluschken Ackerbohnen Wicken
21,0-26,0 20,0-22,0 13,0-15,0 13.0-14,5 13,5-15.5 14,0-16,0
Lupine, blaue 8.0-10,0 Lupine, gelbe 11,7-13,0 Serradelle 18,0-24,0
Leinkuchen 10,0 Erdnußkuchen 10,3-10,5 Trockenschnitzel 8,8
Sovaschrot 9,6-10,2
Kartoffelfl. 13,4-13.6
21,0-26,0 20,0-22,0 13,0 15,0 13.0 14,5 13.5-15,5 14 016,0
8,0-10,0 11,7-13,0 18.0-24,0
10,0
10,3 10,5 8,8
9,7-10,2
Der Kampf ums Glück.
Roman aus dem Leben.
Urheberrecht durch Herold-Verlag Homburg-Saar.
5] (Nachdruck verboten.)
Johannsen stand auf einer bet höchsten Galerien, die sich um die Maschinenräume zogen, und schaute von oben in den wilden Lärm hinunter. Er hatte sich heute schwächer gefühlt als sonst und dachte mit einem gewissen Wohlbehagen daran, datz er heute früher als sonst diese heiße Stätte des Lärms und der Unrast verlassen durfte, um sich für kurze Stunden in seinem trauten Heim pusruhen zu können.
Er rief einigen Arbeitern einen Befehl zu, die sich alsbald schleunigst entfernten.
Johannsen befand sich allein in der schwindelnden Höhe.
Da Plötzlich überkam ihn wieder eine Schwäche, gegen die er jedesmal vergeblich anzukämpfen suchte. Er hatte das Gefühl, als befinde er sich in einem großen Krater, dessen Flammen sich zückend nach ihm ausstveckten, um ihn zu ergreifen.
In plötzlich aufsteigender Angst klammerte er sich an das Geländer, mit letzter Kraft wollte er diese Schwäche -abschütteln, er wollte um Hilfe rufen, aber er merkte, daß die trockene Kehle ihm den Dienst versagte, und er hatte nur noch das eine Gefühl: „Fort, fort von hier, du erstickst hier oben, du brichst hier zusammen!" Und so raffte er sich noch einmal auf und tastete sich an dem Geländer entlang, um an die steile Wendeltreppe zu kommen.
Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, da übermannte ihn der Anfall mit neuer Gewalt, die grellen elektrischen Sonnen tanzten um ihn im wirren Kreise her, er fühlte, daß er jetzt hinstürzen mußte, und griff in wahnsinniger Angst um sich, aber er verfehlte das schützende Geländer, seine Hand griff ins Leere, er taumelte und stürzte lautlos in die gähnende Tiefe. Man hörte ein mehrmaliges dumpfes Aufschlagen; mehrere Arbeiter richteten infolgedessen den Blick nach der Unglücksstelle nnd sahen nur eine leblose Masse daliegen.
Sofort stürzten sie herzu, ein schriller Pfiff, die Maschinen standen still und um den dunklen, leblos scheinenden Körper des alten Werkführers versammelten sich die rußigen Scharen der Arbeiter.
Noch ehe sie in ihrem ersten Schreck wußten, was sie sollten, stand ihr Chef, Erich Steinthal, zwischen ihnen und neben ihm ein junges Mädchen, das mit vor Schrecken gleichsam erstaunten Augen um sich blickte und nicht begriff, was hier geschehen war.
Es war Johanna Johannsen, die Tochter des Verunglückten. Sie hatte in dem Portierhause auf ihren Vater gewartet, da Ivar Erich Steiuthal vovübergekmnmen, um vor Schluß der Fabrik noch einmal ins Büro zu gehen; er hatte Johanna mitgenommen, damit sie ihren Vater timt der Arbeit wegholen solle, und so waren sie balde gerade in beth Augenblick in den Maschincurgum ge
treten, als der alte Werlführer aus der fürchterlichen Höhe herab- gcstllrzt war nnd nun wie leblos zu ihren Ffjßen lag.
5.
Ganz ratlos, ganz erstarrt von dem schrecklichen Ereignis, das sich-soeben .vor seinen Singen abgespielt, stand Erich einen Augenblick, aber Johanna hatte sofort begriffen, um was es sich handelte.
„Vater, lieber Vater!" gellte ihr Aufschrei durch die weite Halle und sie'stürzte über den Körper des leblosen Alten. Ihr Schmerz und ihr laut aufschreiendèr Jammer dauerte indessen nur ben Bruchteil einer Minute; sofort nahm sie ihren Verstand nnd ihre ganze Tatkraft zusammen, um schleunigst die nötige Hilfe anzuordnen.
„Schnell einen Arzt, Leute, das ist das erste! Unb dann helft mir meinen Vater anfheben!"
Hundert berußte Hände wollten zugreifen, aber Erich, der nun auch zur Besinnung gekommen war, schob die Arbeiter beiseite. Er selbst hob liebevoll den greisen Kopf empor und mit Hilse Johannas und der nächststehenden Leute trug man den Körper Johannsens in die Büroräume, die sich zu ebener Erde befanden. Hier bettete man ihn aus ein altes Ledersofa, und Johanna, tapfer unb mutig die Tränen zurückdrängend, begann den Vater zu entkleiden, um nach einer äußeren Verletzung zu suchen.
Mit fiebernden Angen verfolgte Erich die hastigen, schlanken Finger des jungen Mädchens, die so energisch nnd zielbewußt Rettung zu bringen suchten.
Erich selbst netzte die Schläfen des Verletzten mit Wasser und belebenden Essenzen, welche man aus der Fabrikapothekc Herbei- gehvlt hatte.
Aeußere Verletzungen waren, soviel man flüchtig konstatieren konnte, nicht zn entdecken. Der Fall aus der Höhe schien, durch mehrfache. Hindernisse unterbrochen, nicht bie vernichtende Wirkung ausgeübt zu haben, die man befürchten mußte.
Der alte Johannsen war anscheinend über mehrere Treppenabsätze gestolpert; genau hatte c3 ja keiner gesehen, aber nur so konnte man sich das seltsame Faktum erklären, daß der Körper nicht zermalmt worden ivar.
Bewegungslos und steif, mit geschloffenen Augen lag er da unb ein Laie hätte nicht konstatieren tännen, ob noch Leben in ihm sei, ober ob die inneren Verletzungen so schwer seien, daß er bereits verschieden war.
Fast anderthalb Stunden dauerte cs, ehe ein Arzt zur Stelle ivar; er hatte erst von dem gegenüberliegenden St. Pauli hevbci- geholt werden müssen. *
Sobald der Arzt den Büroraum betrat, setzte bet anwesende Prokurist ihm auseinander, um was für einen Unfall es sich handelte.
Erich wollte ebenfalls sprechen, aber er fühlte, baß ihm die Stimme versagte; es war die klare Erkenntnis über ihn gekommen, daß er und nur er allein der Schuldige an diesem Unfall war, und diese Erkenntnis halte ihn mit einem tiefen inneren AWW erfüllt,
Todbleich stand er an bet Wand neben dem Sofa, ans w.tchem der alte Werkführer lag, nnd starrte mit ausdruckslosen Augen auf ben Körper. Er fühlte, daß er dieses Unglück in feinem ganzen Leben nicht wieder vergessen könne unb daß die Erinnerung daran bestimmend für sein ferneres Lebensschicksal sein würde.
Der Arzt hatte inzwischen mit seiner Untersuchung begonnen, indem er mit erstauntem Blick Johanna maß, die ihm dabei hils- r eiche Hand leistete.
„Ich bin die Tochter des BeriMglückten!" erklärte sie ihn, leise, mit fast erstickter Stimme, und so groß war die Energie und die Tatkraft des .jungen Mädchens, daß cs für sie mit den einen Gedanken gab, ihrem Vater Rettnng und Hilfe zu bringen, ohne durch unnötiges Jammern und Weinen bie Tätigkeit des Arztes zu verwirren.
Ter Arzt. konstatierte vor allen Dingen, daß das Leben in dem Verunglückten noch tlicht erloschen sei. Welchen Grad und Umfang die innere Verletzung einnahm, konnte er natürlich nicht gleich feststellen, und so ordnete er als das zweckmäßigste die sofortige Ueberfühviing des Werkmeisters in ein Krankenhaus an.
Johanna wandte sich an den Arzt. „Warum in ein Kraukeu- Haus? Bitte, lassen Sie doch meinen Vater in unsere Wohnung schaffen, ich werde ihm bie treueste unb beste Pflegerin sein!"
„Unmöglich," erwiderte der Arzt, „es ist höchstwahrscheinlich, daß größere Operationen vorgenonimen werden müssen, unb bann müßten wir ihn ja doch in eine Heilanstalt überführen!"
Jetzt mischte sich auch Erich in das Gespräch ein. „Ich bitte,' den Kranken in eine Privatklinik bringen zu lassen und zwar in biejenige, welche die beste Gewähr für seine Behandlung und Hcr-- stestung bietet. Der Kostenpunkt bars dabei keine Rolle spielen!"
„Wenn, dem so ist, so lassen wir ihn in die Klinik des Doktors Kirchberg transportieren," entschied der Doktor. „Das beste wird sein, wir bestellen fei einer Unfallstation einen Transportwagen an da» gegenüberliegende Ufer von St. Pauli unb versuche» auf bie möglichst bequemste Weise den Verunglückten in einem Boot hierüberzubringen!"
Die Arbeiter legten den Verunglückten auf eine Tragbahre, so baß er leise schaukelnd Ivie in einer Wiege lag.
Es war ein stiller Trauerzug, der sich über das weite Gelände der Werft hinüber und an den mit ihren hohen, schwarzen Gerüsten gèspcnsterhaft in die Suft ragenden Docks vorbei nach dem Boote begab.
•'^1 öm- großen Hitze des Tages war eine dunkle, gewitterschwüle Nacht hereingebrochen. Ein lebhafter Wind wehte von der Elbe herüber und kühlte die heißen Stirnen der Männer, welche die Bahre trugen.
Am Himmpl jagten sich drohende Wolkenballen; ganz in der Ferne wctterlenchtctc es in kurzen Zeitabschnitten.
(Fortsetzung folgt.)