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gir. 294 Donnerstag, 15. Dezember 1932

Kurze politische Nachrichten.

Hundert betonierte Unterstände beab­sichtigt die belgische Regierung an der deutsch-bel­gischen Grenze zu erbauen und mit automatischen Feuerwaffen zu versehen. Die Kosten von über 60 Mil­lionen Franc sind bereits gedeckt.

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Von zuständiger Stelle wird die schiffahrt- ireibende Bevölkerung darauf aufmerksam ge­macht, daß den deutschen Konsulatsbehörden in Polen keinerlei Mittel zur Unterstützung deutscher Schiffer zur Perfügung stehen. Dieser Umstand sei besonders zu be­achten sowohl von den Schiffern, die wegen der vor­geschrittenen Jahreszeit Gefahr laufen, mit ihren Fahr­zeugen in Polen einzufrieden, als auch von denen, die in der Hoffnung, Ladung zu bekommen, nach Polen fahren.

Ein kirchlicher Mahnruf.

„Rettet deutsche Brüder vor der Verzweiflung!"

^ie Landeskirchenversammlung in Frankfurt am Main nahm einstimmig eine Entschließung an, tn der sie der schwersten Sorge über die Not zahlreicher Glieder unseres Volkes Ausdruck gibt. Sie steht, wie in vielen Häusern die letzten Bestände alles zum Lebensunterhalt Notwendigen aufgebraucht sind und darüber hinaus viele Menschen ein Leben in tiefer Verzagtheit, ja Ver­zweiflung führen. Für junge Menschen bedeutet die Erwerbslosigkeit Entwurzelung aus Familie, Heimat und Kirche, ja oft sogar Verwilderung. _

In dieser Lage richtet die Landeskirchenversammlung an alle Verantwortlichen in Staat, Stadt und Wirt­schaft, insbesondere auch an die Neichsregierung, den dringenden Ruf, „vor allen anderen Aufgaben das eine Ziel der Überwindung der Erwerbslosigkeit mit ganzem Ernst ins Auge zu fassen".

Bis zur Erreichung dieses Zieles sei nicht nur leder Abbau der Renten unmöglich, vielmehr sei zu fordern, daß Renten und Unterstützungen wieder so gestaltet werden, daß sie ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen.

Österreich und die Genfer Abmachung.

Im Wiener Nationalrat wurde von den Parteien das Genfer Abkommen über die Gleichberech- tigungsfrage besprochen. Dabei beglückwünschte der Redner des Landbundes das Deutsche Reich zu diesem wehrpolitischen Erfolge. „Die Besiegten", sagte er, „wurden entwaffnet, während wir von Siegerstaaten umgeben sind, die sich bis an die Zähne bewaffnet haben. Daß nun diesem Zustande ein Ende bereitet wird, erfüllt uns mit besonderer Befriedigung; wir hoffen, daß in der deutschen Frage im .Interesse des gesamten deutschen Volkes bald ein praktischer Erfolg gezeitigt wird."

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In diesem Zusammenhang ist eine Erklärung des amerikanischen Abrüstungsdelegierten NormanDavis von Interesse, der vor seiner Abreise nach USA. in Genf betonte: Das Abrüstungsabkommen würde für Deutsch­land noch nicht die Verwirklichung der praktischen Gleich­berechtigung bringen. Die spätere Angleichung der Rüstungen an den deutschen Rüstungsstand würde sodann nicht durch eine Heraufsetzung der deutschen Rüstungen, sondern durch eine planmäßige Herabsetzung der Rüstungen aller Länder erzielt werden.

Die vom Heidehof.

Roman v. Henriette Drey.

Copyright by Romandienst „Digo" Berlin-Schmargendorf.

28) (Nachdruck verboten.)

21.

Die ersten Herbststürme waren durch das Land gefahren. Bor den nächtlichen Kälteschauern und Regengüssen hatten allenthalben die Blumen ihre Augen geschlossen. Ihr Kleid war fahl und unansehnlich geworden. Und wenn auch die Sonne tagsüber noch ein mühsames Lächeln hatte — so wie Kranke Sterbende lächeln — die Blumen standen doch frö­stelnd geduckt und schrumpften zusammen. Ihre strahlenden Farben waren ausgelöscht. .

In dem geschützten, mauerumfriedeten Klostergarten eines niederrheinischen Städtchens aber hielt der Herbst noch seine frohen Farbenseste. Da prangten m bunter Ueppigkeit die Astern; standen gleich stolzen Königinnen zartsarbene seidene Malven; glühten flammend die Dahlien; leuchtete an der Mauer blutrot der wilde Wein.

Und die Verwundeten, die in diesem gesegneten Garten sich ergingen, tranken die langentbehrte Schönheit mit durstenden Augen in sich hinein. . _

Ihrer drei saßen unter einer goldblattrigen Ulme. Ein blonder Hühne mit verbundener Schulter und Hand schaute träumend einem verspäteten Zuge von Kranichen nach, der hoch oben Durch die klarblaue Luft legelte.

„Krune Strane, mitte Schwane, Wer will mit nach England fahren ...

sang sein Nachbar, ein blutjunges Kerlchen, fast noch ein Knâbe. , ... , „

„Nein," nahm ein dritter das Wort — ein schlanker, offen­bar philosophisch angelegter Feldgrauer — „nein, das will mir nicht recht einlèuchten, daß dies alte liebe KinderlieS wirklich England gemeint haben soll — das kalte, poesielo e, geschäftsverknöcherte neblige England!... Wer will mit nach England fahren ... nach meiner Ansicht ist damit Engel-Land gemeint — das Land, wo in der Vorstellung der Kleinen in ewigem Frühling und ewiger Sonne die Engel herumfliegen und spielen! England kann schon deswegen nicht gemeint fein, weil die Kraniche ja südwärts ziehen, und das kalte Ns- belland westlich liegt. Was meint ihr, Kameraden?"

JRee —England? Ausgeschlossen!" schüttelte sich der Junge.

Bernd Heidger, der blonde Hühne, sagte nichts. Vielleicht hatte er garnicht hingehört.

Krune Krane, mitte Schwane — ja, das hatten sie früher als Kinder jauchzend gesungen und waren atemlos dem Kranichzuge über Die Heide unten nachgelaufen, mit den Ar­men rudernd und „Krah! Krah!" schreiend. Wenn sie dann beim Dunkelwerden eilig nach Hause rannten, um nicht vom „Heidemann" oder vom JZßafierteüfel" erwischt zu werden.

Unheil aus

SarSisevbahMtlglLSjmLWernerrmMl

, Der Guctsch-Tunnel.

Das Eisenbahnunglück bei Luzern ist die schwerste Cisenbahnkatastrophe, die sich in der Schweiz seit dem Zugzusammenstotz von Bellinzona im Jahre 1924 ereignet hat. Damals waren fünfzehn Tote, darunter der frühere deutsche Staatssekretär Helfferich, zu beklagen. Diesmal wurden sechs Personen getötet — die Befürchtung, daß sich unter den Vermißten weitere sechs Tote befinden, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt — und dreizehn zum Teil schwerverletzte Personen wurden ins Krankenhaus ge­bracht.

Der Guetsch-Tunnel ist ein Engpaß, durch den fast der ganze Bahnverkehr zwischen Luzern und der übrigen Schweiz bewerkstelligt wird. Er hat eine Länge von 1400 Meter und hat durchgehend zwei Gleise. Der Verkehr innerhalb des Tunnels spielt sich aber nich» so ab, daß beispielsweise das eine Gleis nur von Zügen, die nach Luzern fahren, benutzt wird und das andere von Zügen, die von Luzern abfahren. Die Anordnung ist vielmehr so, daß das westliche Gleis in beiden Richtungen den ganzen Bahnverkehr der Linie Luzern—Olten—Basel und Luzern—Langnau—Bern aufnimmt, während das östliche Gleis für den ganzen Bahnverkehr der Linie Luzern- Gotthard und Luzern—Zürich in beiden Richtungen be­nutzt wird. Das bedeutet also, daß die Linien, die den Tunnel durchfahren, nur gewissermaßen eingleisig sind.

*

Ein Verletzter, der bei dem Eisenbahnunglück bei Luzern einen doppelten Beinbruch davongetragen hat, gibt eine Schilderung davon, wie er und viele andere Ver­wundete drei Stunden lang eingeklemmt in einer fürchterlichen Lage unter den Trümmern aus­harren mußten, bis er befreit werden konnte. Die Rettungs­mannschaft konnte nur mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen, weil die Wagen so geborsten waren, daß sie

proèefle und GeLâchier m Genf.

Frankreich versucht weiter zu sabotieren.

Der H a u p 1 a u s s ch u tz der Abrüstungskonferenz trat zum erstenmal feit dem Austritt Deutschlands zu einer öffentlichen Sitzung zusammen, an der der deutsche Vertreter, Gesandter von Weizsäcker, wieder teilnahm. Die Sitzung nahm einen bewegten Ver­lauf. Der allgemein erwartete Protests ch r i t t kleinerer Mächte gegen die von den Großmächten außerhalb der Konferenz getroffenen Vereinbarungen wurde von dem polnischen Vertreter eingeleitet. Diesem Protest Polens schlossen sich S ü d s l a w i e n, Griechenland, Rumänien, Uruguay, Spa­nien und Belgien an. Die Vertreter dieser Mächte machten offiziell Vorbehalte gegen jegliche Vereinbarung der Großmächte geltend, die außerhalb der Ab­rüstungskonferenz getroffen würden und durch die die Konferenz vor vollendete Tatsachen gestellt würde.

Unter stürmische m G e l ächter des ganzen Saales gab sodann ,'dèr russische Außenkommissar Lit­winow die Erklärung ab, die Konferenz habe sich nach zehn Monaten wieder in der ursprünglichen Form rekon­struiert. Es sei zu hoffen, daß in den nächsten zehn Monaten keine weiteren Verluste entständen, die wieder zehn Monate zur Wiederherstellung der Konferenz notwendig machen würden.

Der Hauptausschuß hat dann seine weiteren Verhand­lungen bis zum 31. Januar mit der Annahme einer Ent­schließung vertagt, in der der Hauvtausschuß von den Vereinbarungen der fünf Großmächte vom 11. Dezember Kenntnis nimmt. Er begrüßt mit Befriedi­gung die Erklärung, nach der die fünf Mächte entschlossen dann hatte die Mutter Pfannkuchen gebacken.' Und in der Ofenröhre zischten die Bratäpsel.. .

„Ahl" Er wollte die Schulter dehnen — sank aber schnell zusammen; immer noch vergaß er seine Wunden.

Nun, die würden wohl bald heilen. Und Die Hand auch. Freilich, die sah jchliminer aus. Zwei Finger hatte er opfern müssen!

Er starrte auf den Verband nieder. In Gottes Namen! Die Zügelfaust wars nicht. Und Den Pflug konnte er trotzdem regieren. Ja. Dafür ginge nun bald beim — heim!

Gestern waren die'Seinen dagewesen.

Ja, Mutter und Trina . .. fein liebes Mädchen — die hat­ten wohl arg gemeint. Aber Die gute Seite bei allem war: für ihn war Der Krieg zu Ende!

Wenn es hätte fein müssen, er hätte noch weiter feinen Mann gestellt. Mit Wucht dreingeschlagen! Nun aber durfte er wieder seine eigene Scholle bauen, Heimatluft atmen —.

War's nicht an demselben sommermüden Herbstabend, als in Feindesland des zweiten Heidehofsohnes Geschick sich er­füllte? —

Sie hockten im Unterstand zusammen. Der Boden erzitterte wie in Krämpfen vor Dem höllischen Getöse und Gebrüll der Geschütze.

Da kam's herangesaust —

„Hinlegen!" schrie noch einer schreckensbleich — und schon fuhr, Tod und Verderben bringend, die Granate mitten unter sie . . .

Ein Stoßgebet zum Himmel — im nächsten Augenblick mußten sie alle zerrissen sein!

Doch — keine Erplosion erfolgte. Ein Blindgänger!

Unteroffizier Heidger sprang auf, bleich, aber entschloßen. Jeden Augenblick konnte Das Geschoß zerplatzen--Um Gott, all Die Familienväter! Was lag an ihm? Er mußte sich opfern.

Gedankenschnell nahm er die gefährliche Höllenmaschine auf feine Arme — rannte dem Ausgang des Grabens zu . . . legte vierzig Schritte weiter die Granate mit hastiger Vorsicht hin . . .

Um Gottes willen, nur noch ein paar Schritte, dann ist er gerettet--. Rennt zurück wie Der Wind--

. . , Da brüllt es auf wie ein Raubtier, dem man feine Beute aus Den Zähnen reiht.

Ein ungeheurer Krach rote von einem Erdbeben! Haushoch stürzt eine Garbe von Rauch, Steinen, Erde . . . Zehn Schritte weiter liegt Clemens Heidger blutüberströmt---

Die Nachricht kam auf Den Heidehof. Einer der geretteten Landsturmleute schrieb an Die Familie. Erzählte Die opfer­willige Heldentat in ergreifender Schlichtheit.

'„Mein Weib und meine fünf Kinder sollen für den Retter beten," schloß Der Brave. „Ick weiß nicht, ob ich lebend heimkehre, aber Diesmal hat Ihr Sohn mich und Die Ka­meraden vor sicherem Tode errettet und sein eigenes Leben nicht geschont. Wir haben alle gemeint, als wir ihn so

all« Welt.

jeden Augenblick völlig zusammenzubrechen drohten. Die Dunkelheit machte das Rettungswerk im Tunnel noch schwieriger.

Die Zahl der Todesopfer beträgt nach den letzten Mit­teilungen des Stationsamtes Luzern neun und die der Verletzten 13. Unter den Getöteten befindet sich auch ein Deutscher, und zwar der Berliner Geschäftsreisende Türk. Vier noch Vermißte dürften auch tot sein.

Die Verletzten weisen Schädelbrüche, Schenkel­brüche und Quetschungen auf. Unter ihnen befindet sich auch eine junge Berlinerin, Fräulein Willis Stock, die aber nur eine leichte Unlerschenkelquetschung erlitt. Erschütternd war es, wie die unverletzt ge­bliebenen Passagiere einer nach dem anderen, wie aus einer Hölle entronnen, aus dem Tunnel wankten. Mehrere hatten einen Nervenschock erlitten.

Wie weiter bekannt wird, hatte bei dem Zusammen­stoß der Züricher Schnellzug eine Stundengeschwindigkeit von etwa 7 0 Kilometer. Die beiden Lokomotiven fuhren ganz ineinander. Der Arm des einen Lokomoiiv- führers ragte noch wie ein furchtbares Warnungssianal aus dem zertrümmerten Führerstand heraus. Der Post­wagen des einen Zuges wurde senkrecht ausgestellt und der Stuttgarter Personenwagen türmte sich auf ibn hinauf.

Ein 308 Meter-Ausbruch des Krakatau.

Amsterdam. Der Krakatau ist erneut in erhöhte Tätigkeit getreten. Es hat ein Ausbruch von 300 Meter Höhe start- gesunden. Die Ausbrüche der letzten Zeit erreichten nur 100 Meter Höhe.

Erdrutsch in Spanien — elf Tote.

Paris. Nach einer Meldung aus Madrid ereignete sich in Alcala de Jucar in der Provinz Albacete ein Erdrutsch, der wahrscheinlich auf die letzten andauernden Rcgcnfälle zurückzusührcn ist. Elf Personen wurden dabei getötet und 14 zum Teil schwer verletzt. Bon Den Bergen stürzten große Felsmasten ans die anliegenden Häuser, die vollkommen zerstört wurden.

seien, auf der Abrüstungskonferenz mit den übrigen dort vertretenen Mächten zusammcnzuarbeitcn, um so schnell wie möglich ein Abrüstungsabkommen aus­zuarbeiten, das eine wesentliche Herabsetzung und Be­grenzung der Rüstungen einschließlich der Bestimmungen für eine Revision im Sinne weiterer Herabsetzungen in sich trägt. • *

Der Vorstoß der kleineren Mächte in der Sitzung des Hauptausschusses der Abrüstungskonferenz wird in unterrichteten Kreisen auf französischen Einfluß zurückgeführt und ist auf Grund einer sorgfältig vor­bereiteten Vereinbarung erfolgt, um in Zukunft die un­mittelbaren Besprechungen zwischen den fünf Groß­mächten und die Erörterung der praktischen Anwendung der deutschen Gleichberechtigung außerhalb der Ab­rüstungskonferenz unmöglich zu machen. Jedoch kann als selbstverständlich angenommen werden, daß die fünf Groß­mächte sich durch dieses Manöver nicht stören lassen und an ihrer Vereinbarung, die großen politischen Fragen der Abrüstungskonferenz unter s i ch zu behandeln, weiter festbalten werden.

Zuchthausurtkil im Gleiwitzer SondergerichlSprozeY.

Glciwitz In dem Prozeß gegen die RaiionalsozMlistcn Atolle und Dobrionka fällte das Sondcrgerichi das Urteil, jioke wurde zu sieben Jahren Zuchthaus, Dobrionka zu vier .Renaten Gefängnis, die durch die Umersuchungshafi verbüßt sind, verurteilt. Bekanntlich waren die beiden Angeklagten im eiuto durcy die Straßen gefahren und batten sinnlos um sieb geichonen. Dabei waren Polizeibeamie verletzt worden.

schwer verwundet sahen. Er war bewußtlos. Sanitäter ha­ben ibn sortgebrachl zum Verbandsplatz. Da lebte er noch.

Gott gebe ihm Genesung!"

Wie eine Blitzlohe schlug der Brief ein. Die Mädchen mein­ten laut. Die Mutter saß wie erstarrt da. Jeder Bluts­tropfen wich aus ihrem talffahlen Gesicht.

Dann aber schluchzte sie plötzlich auf: „Clemens, mein Kind! Mein gutes Kind . . . Nein, er wird leben! Gott wird ihn uns wieder zuführen!"

Kreideweiß lehnte der Bauer am Tischs. Die Hand, Die Den Brief hielt, zitterte. Der starke Mann war bis ins Mark ge­troffen . . . Der Rest feines Stolzes brach kläglich zusammen.

Das. was lein verstoßener Sohn getan hatte, — das war mehr als Pflicht und Mannestat. Das war heldische Auf­opferung, das war Größe!

Er richtete sich auf, ging schwerfällig um Den Tisch zu feiner weinenden Frau — legte ihr die Hand auf die Schulter und stammelte: „Mutter, meine nicht. Es ist also wieder gut. Clemens ist wieder unser Sohn . . . Ich bin stolz auf ihn "

Da legte Die Frau Den Kopf an seine breite Brust und schluchzte heiß auf.

Der Bauer vom Heidehof tat nichts halb. Noch selbigen Tages schrieb er an das Regiment feines Sohnes Clemens und an alle Stellen, die etwa Auskunft geben sonnten, in welchem Lazarett er liege.

Und ob er?

Eine Zeit des bangen Wartens kam. des ruhelosen Umher­wanderns, des fieberhaften Harrens auf die Post.

Aber in dieser Zeit seelischer Hochspannung wurde der h«b> stolze Heidehoser es inne — zuerst mit hilfloser Beschämung, dann mit Erschütterung, ausgewühlt bis ins Innerste ... Dann mit plötzlich erwachtem Vaterstolz und gewaltsam aufquel- lender Vaterliebe: daß Der verstoßene Sohn nie ganz und gar aus Dem Baterherzen verbannt, nie mit der Wurzel ausge- rodet gewesen war! Daß er immer noch hartnäckig und sieg­haft ein ganz verborgenes Herzenswinkelchen behauptet hatte, aus Dem ihn kein berechtigter Groll, kein gedemütigter Stolz, keine gekränkte Liebe zu vertreiben gemocht hatte . 1.

„Kann ich noch etwas für sie tun, lieber Freund?" fragte der Pfarrer des Feldlazarettes und beugte sich teilnehmend über den regungslos liegenden Verwundeten. „Vielleicht Ihren Angehörigen schreiben?"

Keine Antwort erfolgte.

Forschend blickte er in Die Züge des fürchterlich zugsr'ch. teten Mannes, Der ganz mit blutgetränkten Binden umhüllt war.

Versank er schon wieder in diese todesähnliche Bewußtlosig­keit. der Aermste?

Doch nein, mühsam erhob sich der rechte Ann, das einzige noch freie Glied. Die Hand zeigte schwankend, tastend irgend wohin;

Die Lippen öffneten sich . .. suchten nergebens ein Wort Zu formell. ------------ -------