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Schlangen in der Hafenkneipe.

Skizze von Wilhelm Au fjex mamn - Wien.

Saß ich da in einer nächtlichen Hafenschenke, in Pa­lermo, Sizilien. Es war eigentlich nichts Besonderes. Hatte mehr Temperament und Romantik erwartet. Matrosen von Uebersee und Fischer, auch Erwerbslose, saßen hier genau se herum wie in Neapel, Barcelona und Cadiz. Einige alte Mädchen dazu. Nur die Fiaskos waren größer und der Wein schwerer. Es wurde sinnlos viel getrunken.

Am Nebentisch hatte sich so eine Art Erzählergemeindc gebildet. Wunderbar anzusehen, wie die Zuhörer sich dabei beschäftigten, kunstgerecht und tiefsinnig und mit staunens­werter Ausdauer durch ihre Zahnlücken auf den Boden zu spucken. Phantastische Geschichten wurden erzählt, wahre Erlebnisse; jeder glaubte dem andern gern und wartete un­geduldig, um noch besser aufzuschneiden.

Sie kamen nach weitem Umweg auf Schlangen sprechen, und ein kleines seltsames Männleins das sie Umberto anredeten, mit einem Kopf wie ein Riese einem Rübezahlbart, meldete sich ungestüm zum Wort.

zu mi1 und

„Es war mein erstes Schiff", erzählte der kleine Kerl, „ein Handelsschiff. Ihr wißt, ich bin nicht von hier. Bou drüben. Nachts hatte ich mich heimlich über die Laufplankc geschlichen, an Bord, und von dort unter Deck. Tie Bunker waren mit Baumwollballcn gestillt. Essen hatte ich mit. Acht Tage, bis zum nächsten Liegehafen, konnte ich es schon aushalten. Wenn der wachthabende Matrose morgens und abends seine Runde machte, versteckte ich mich hinter die Ballen. Nachts schlief ich darauf. Zwei Tage ging alles gut. In der dritten Nacht aber weckte mich plötzlich ein Rasseln neben mir. In der Dunkelheit konnte ich nicht- sehen. Vermutete eine Ratte. Blieb still liegen.und hörte nach einigen Minuten ein neues Rasseln. Fühlte plötzlick auf meinem nackten Fuß etwas Kaltes, Schleimiges kriechen' Eine Schlange! Ich hielt mich unbeweglich. Der furchtbare Schlafgenosse, dessen Größe ich' plötzlich empfand, kroch jetzi über meine Beine und meinen Körper und zuletzt sogar über mein Gesicht. Die Bewegung eines Muskels hatt! meinen Tod veranlaßt. Das befähigte mich, diese entsetzlich! Nervenprobe auszuhalten. Eine ganze Stunde lang krack das Reptil vor- und rückwärts. Zuletzt blieb das Biest

an

meinem Kopf liegen. Schlief ein, von seiner Sicherheit über­zeugt. Wie auf Spinnenbeinchen ging die Nacht vorbei. Endlich, endlich, brach der Tag an In der Morgen­dämmerung sah ich mich sorgfältig um, erhob mich geräusch­los und suchte mir einen schweren Gegenstand. Eine Kette. Die Schlange war nicht mehr zu sehen und mußte sick unter meinen Rock, den ich als Kissen benützte, verkrochen haben. So war es auch. Ich lüftete den Rock ein klein

wenig, bis der Kopf des Tieres zum Vorschein kam. Zer­schmetterte ihn mit der Kette. Verflucht soll ich fein", bekräftigte der Erzähler den guten Ausgang seines fürchter­lichen Erlebnisses, „wenn das nicht die schrecklichste Nach! memeL LkbkllLâ - ist ein gWwli^es Gefühl, wenn man sich so plötzlich vor die Ausgangstür des Lebens ge- stoßen sieht und an der Schwelle des stillen Jenseits steht. Ich möchte keinem von Euch wünschen, in meiner Lage ge­wesen zu sein."

Die Ümsitzenden schwiegen verärgert. Beneideten den alten Wasserzwerg mit dem Riesenbart um seine ausnahms­weise wahre Geschichte.

Ich fragte und forderte ihn auf: „Erzähl, was weiter geschah! Ging die Schwarzfahrt gut aus?"

„Ja, Herr", antwortete er. „Dummerweise hatte ich die tote Schlange liegen lassen, und sie wurde von der Tag­wache gefunden. Sie suchten mich, gaben mir etwas Prügel, versprachen mir weitere mit der neunschwänzigen Katze und schleppten mich vor den Alten. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, schenkte er mir die Strase, angeblich wegen meines außerordentlichen Mutes und meiner Kaltblütigkeit. Ich reiste Mit derselben Kiste gleich weiter, kreuz und quer. Hatte feste Heuer genommen. — Herr, aber das war alles vor fünfunddreißig' Jahren. Damals war ich ein junger Bursche und kannte noch keine Nerven."

Ein anderer Matrose klaubte sich nun umständlich einen neuen Priem und brachte es dick:

„Umbertos Erlebnis ist zwar unheimlich", begann er frech, „aber lange nicht so gefährlich, wie es sich anhört. Das Biest wird bestimmt alt und zahnlos gewesen sein, sonst hätte es nicht so lange geschlafen."

Die Augen des Wasserzwerges mit dem langen Bart wurden rund.

Der andere fuhr selbstherrlich fort: „Das lvar ich. Und in Guayana. An einem schwülen Nachmittag war ich im Freien eingeschlafen und träumte von meiner Frau. Sie war sehr zärtlich. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich ge- Seu habe. Mich riß ein wundersames Gefühl an meinen ohlen aus dem Schlummer. Noch im Halbschlaf richtete ich meine krummen Blicke nach unten, und auch ich werde niemals den Schreck vergessen, der mich durchbebte, als ich Kopf und Hals einer ungeheuren Schlange erblickte, die trotz ihrer Jugend gut fünfzigmal so groß war inte die von Um- 1 berto und außerdem besonders giftig, wie ich sofort erkannte."

Der kleine bärtige Mann bekam noch empörtere Augen, „Die Schlange' bedeckte meine Beige fleißig mit Speichel, ein Verfahren aller Schlangen, wie mir ciufiel, das bem Verschlingen vorhergeht. Habe ich recht? Einen Augenblick, aber nur einen kleinen Augenblick, war ich wie betäubt. Dann überlegte ich. Waffen hatte ich keine bei mir. Ich mußte mir anders helfen. Fühlte Mutters Grütze im Kopf. Stellte mich weiter schlafend. Und wahrend das Ungeheuer nun mit der Einspeichclung des linken Armes begann, mischte ich vorsichtig, vorsichtig, bett Speichel von den Füßen wieder ab. Ich' hatte gerade meine Füße so schön sauber und trocken tote ein frischgewaschcncs Segel in der Sonne, als die Schlange mich verschlingen wollte. Ihr könnt Euch die erstaunten Augen des Reptils unmöglich vor­stellen, als es meine trockenen Zehen sah! Augen, wie silberne Westenknöpfe, toie soeben aus einer fetten Sardineirbüchse geangelt. Aergerlich begann das Biest nochmals die Be- speicheluna meiner.Füße. Einstweilen säuberte ich mir nun Arme und Brust. Fünfmal wiederholte sich dasselbe SpiA, und ich hoffte vergebens, daß dem Vieh endlich die Spucke ausgchen würde. Ganz sonderbar wurde mir zumute. Der reine Duft des Wassers und die Melodie des Windes in den Rohrpflanzen waren ein trauriges Abschiedslicd. Plötzlich,- >ch hatte die Schlangenspucke soeben wieder von den Beinen entfernt, rollte ein Schuß durchs Röhricht. Die Schlange »hob mit furchtbarein Gezisch ihren Körper in die Lu t. Dann knallte noch ein Schuß, und sie fiel und rollte sich zuckeiid zusammen. Meine Kameraden, die, beunruhigt durch mein langes Ausbleiben, mich suchten, hatten mir das .Leben gercttet.Lie Schlange war vierria Meter lärm". schloß

der Matrose sein Abenteuer, „und hätte fünf Gistzähne so groß wie Hühnereier, ja, wie ausgewachsene Hühnereier." Er spie seinen grient aus und spülte mit einem neuen Glas Wein seine Unverfrorenheit von der Zunge in den Magen hinunter. Schaute herausfordernd Umberto an.

Umberto, der vor Aerger und Alkohol halb ein­geschlummert war und nun aufhörte zu schnarchen, erwachte ganz und grinste so listig, daß alle erschraken und glaubten, er würde etwas an der Sache bezweifeln.

„So große Schlangen gibt es ja gar nicht in Guayana, ich war ja auch schon dort", wagte er wirklich einzuwenden.

Der andere ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: „Du irrst Dich, Umberto, und bist schon zu lange fort von Guayana, aber die Schlangen haben noch immer nicht auf­gehört zu wachsen", sagte er. „Eines verstehe ich jedoch jetzt, worüber ich mir lange vergebens den Kopf zerbrochen habe: Im Bauch der Schlange,— wir hatten sie anfgeschlitzt

Oertliche Betäubung mittels alter Schuhe.

Zauberkünste des modernen Chemikers. — Jasmindust ans Leder. — Geheimnisse einer Retorte.

Bon Eberhard H e s s e l o h.

Verehrte Hausfrau, eine Frage: Was machen Sie mit alten Schuhen?. Wenn sie noch einigermaßen brauchbar sind, werden Sie die Dinger wahrscheinlich einem Menschen schenken, dem es in diesen lausigen Zeiten noch schlechter geht als Ihnen. Ist der Schuh aber bis zur letzten Möglichkeit abgetragen, was dann? Wahrscheinlich werfen Sie das un­nütze Möbel in die Mülltonne, oder Sie quälen sich damit ab, cs zu verbrennen, was meistens mit etlichem Gestank verbunden ist.

Warum machen Sie sich soviel unnütze Mühe? Wollen Sie nicht einmal versuchen, sich der Sache auf andere Weise zu entledigen? Wie wäre es zum Beispiel, wenn Sie sich beim Zahnarzt mit so einem alten Schuh örtlich betäuben ließen?

Sie schlagen entsetzt die Hände zusammen, zucken gekränkt die Achsel. Sie denken eben, man^ mute Ihnen zu, sich mit dem schiefgetretenen Absatz einen Schlag auf den Kopf geben zu lassen, der Sie für ein.paar Minuten in Ohnmacht versetzt! Weit gefehlt. Sie sollen sich bloß einmal erzählen lassen, wozu man so einen verachteten ausgetretenen Schuh noch verwenden kann. Sie werden über die sich dabei ergebenden Möglichkeiten staunen.

Fragen Sie einmal — ich weiß nicht, ob Sie brieflichen Verkehr mit den Vereinigten Staaten pflegen — Herrn Josef Michelmann aus Roxbury (Massachusetts) um Auskunft. Der wird Ihnen mit der Bescheidenheit des Erfinders antworten, daß es ihm gelungen ist, aus alten Schuhen Gold zu zaubern. Nicht dgs.gelbc..Metall, das soviel? Alchemisten zu „machen" versuchten, sondern Gold in bildlichem Sinne des Wortes: Alle möglichen Stoffe, die sich mit gutem Gewinn verkaufen lassen.

Ich will Ihnen da nur ein paar Namen nennen: Chrom- oxyd, (Chlorammonium, Kalziumkarbonat, Pyrolatechin, Pyr­rol, Indol, Tetrajodpyrrol, Tropakokain, Sulfozhanide und noch Dutzende von anderen Stoffen. Aber Sie können ja mit all diesen Namen nicht viel ansangeu. Lassen Sie sich die Sache deshalb erklären!

Mister Michelmann, eben von der Hochschule gekommen, hörte seinen alten Herrn, einen Schuhhändler, sagen: „Es ist doch ein Jammer um die Zehnlausende von Tonnen altes Schuhleder, das jährlich weggcworfcn werden muß, weil cs zu nichts nütz ist." Die Aeußerung- gab dem jungen Alaun zu denken.

Wie man vor hundert Jahren in die Zukunft blickte.

Von Richard Busch-Zanèner- München.

Am 24. August 1768 wurde zu Brandenburg an der Havel ein höchst kurioser Luftikus geboren, Julius von Boß, ein Zeit- und Namensgenosse des berühmten Homerübersetzers J. H. Voß. Ohne eine Schule oder eine Universität besucht zu haben, lernte, er Schreiben und Lesen nur so nebenbei und diente im übrigen Vogt 14. bis zum 30. Lebensjahr im Heere, um schließlich als Leutnant..feinen Abschied zu nehmen. Nun zählte er an seinen Rockknöpfen ab, was er nun eigentlich werden wolle, und weil ihm just keine anderen Berufe besser zusagen wollten als die des Schriftstellers, Komponisten ober Malers, so rechnete er seine vier Knöpfe herunter, bis er eben auf den Schriftsteller kam. Mit Witz und etwas Frivolität, un­bekümmert um Vernunft und Sinn stellte- er mit be­ängstigender Fruchtbarkeit eine stattliche Reihe leichter Lust­spiele her, die zum großen Gaudium des Berliner Bieder­meier im Vormärz oftmals über die Bretter gingen, viel be­klatscht unb gefeiert, obwohl sie nichts weiter zum Inhalt hatten als eine leise Parodierung der Berliner Gesellschaft.

Vor beiläufig einem runden Jahrhundert brachte Voß auch ein Bühnenstück hervor, das zeigen wollte, wie sich der fixe Poet Berlin im zwanzigsten Jahrhundert dachte. Zwar ging ihm da die Phantasie mitunter recht gewaltig durch, im Großen und Ganzen aber ist doch nicht mal allzu viel ins Blaue hineinfabuliert, zumal wenn man sich einen Augen­blick darüber besinnt, daß hinter vielem, was Voß als zeit vertreibenden Unsinn auf die Bühne brachte, heutzutage manch bittere, für unser Volk schwerwiegende Wahrheit steckt. Sa etwa, wenn er versichert, es gäbe spätestens 1924 keine Bauern mehr, und die wenigen, die sich allenfalls noch mit Land­wirtschaft befassen, seien besondere Liebhaber, die man besser „Kultivateure" nenne. Was man noch anbaut, werde mit „mechanischen Dampfpflügen" gewonnen, „die von selbst vor­wärtsgehend ackern und aus betten hinten Rauch aufstcigt" — also offenbar eine Vorahnung unserer modernen Traktoren.

Berlin, Charlottenburg und den Wedding denkt sich Voß zu einer Stadt zusammengewachsen. Diese Weissagung hat sich voll und ganz erfüllt, aber das Folgende kann man nur in Variationen gelten lassen: Auf allen Kirchtürmen befänden sich (optische).Telegraphen, die'.zur raschen Verbreitung der Neuigkeiten dienten, eine Andeutung, die man vielleicht aus den Rundfunk umbiegen könnte. Zutreffender ist, was Voß über das Pressewesen vorausgesagt hat, tvenngleich hier bis heute noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind, die Böß sich zurecht gelegt hat. In seinem Großberlin würde cs im 20. Jahrhundert 16 Tageszeitungen. 12 Stünden- zcitungen und eine Halbstundenzeitung geben, uno weil schließ­lich doch niemand diese 30 Blätter durchlieft, müsse eine be­sonders knappe, nur das Wichtigste meldende „Esseirzial-. zeitung" eingeführt werderr. Die rasche Beförderung der Nach­

— fanden wir zu unserer größten Ueberraschung ein Ein- geborenenmädchcn. Noch lebend. Mit süßen Händchen und noch süßeren Füßchen. „Habt Ihr nicht meinen schönen Umberto gesehen?' flötete es und flüchtete, als es unsere großen Augen sah, schnell in den dunklen Wald."

Die ängstlichen. Gesichter aller hellten sich auf, nur der bärtige, dickköpfige Seemann knurrte etwas Unverständliches. Es war aber nicht so arg.

Langsam kamen neue Erzählungen in den Gang. Plötz­lich zog einer ein Stück Papier aus der Tasche und begann mit Bleistift zu schreiben. Und dann? Ja, was war denn los? Plötzlich wie weggeblasen die bunten Abenteuer. Statt dessen schrieb nun einer nach dem andern seine Briefe. Langsam und schwer, aber doch sehr schön waren die Schrift­züge: „Liebe Frau!..." Oder „Liebe, Liebste Mutter!..."

Flog durch die schmutzige Hafenschenke ein kleiner Engel? Es war so still.

Schließlich beschloß er, so einen alten Schuh ein­mal in seine Bestandteile zu zerlegen, um zu prüfen, ob mit ihnen nichts anzufangen sei. Das heißt, er trennte nicht bic Nähte auf ober zog die Holzstifte heraus und zog die Fäden heraus, sondern er „destillierte" den Schuh. Er brachte ihn unter Zusetzung von Dämpfen in eine erhitzte Retorte, die mit einem Kondensator in Verbindung stand. So zerlegte er den Schuh in drei Hauptbestandteile: Gas, Destillat und Kohle. Das Gas betrachtete er nur als Nebenprodukt und benutzte es wieder zur Erwärmung seiner Retorte. In der Kohle fand Michelmann in Gestalt einer feinen grünlichen Asche Chromoxyd, das als Malerfarbe, häufiger aber, seiner hervor­ragenden Eigenschaften wegen, als Porzellan- und Druckfarbe für Wertpapiere benutzt wird.

Weit mehr interessierte den Chemiker das in einer Schale unterhalb des Kondensators aufgefangene Destillat, das zivei Schichten bildete, eine ölige und eine wässerige. In letzterer stellte er reiche Mengen Ammonium fest, aus dem er durch Versetzen mit Kalk Chlorammonium oder Salmiak gewann, dessen Verwendungsmöglichkeit sich nicht auf den Gebrauch im Haushalt beschränkt, sondern das noch in der Verzinkerei Verzinnerei, zum Löten, zum Füllen galvanischer Elemente, in der Farbenindustrie und in der Heilkunde Anwendung findet, ganz abgesehen von der Bedeutung des Chlorammoniums als Kunstdünger. Neben anderen Stoffen gewann Michelmann aus dem Chlorammonium Pyrokatechin, das in der Photo graphie als Entwickler Verwendung findet.

Die ölige Flüssigkeit lieferte unter anderem Pyrrol und Pyrrolderivate. Zu letzteren gehören als die wichtigsten bas Indol, das zur Herstellung von Farbstoffen und vor allem von Riechstoffen z. B. von künstlichem Jasminduft, verwandt wird, das Tetrajodpyrrol, das als geruchloses Ersatzunttei für goboform dient, und das Tropakokain, das zur lokalen chmerzbetäubung Anwendung- findet und den Vorteil hat, längst nicht so schädlich auf den Organismus einzuwirkeii wie Kokain.

Die aufgeführten Stoffe sollen nur eine Blütcnlese dessen sein, was aus so einem verachteten alten Schuh gewonnen werden kann. Moderne Zauberkunst bringt es fertig, mittels irgend einer abgelegten Fußbekleidung das Bild einer schönen Frau für immer auf die Platte zu bannen, durch künstlich! Blumendüfte die weiblichen Reize zu erhöhen und leben Schmerz zu verhüten wenn man sich — der großen Modi solgend — den Blinddarm entfernen läßt. Izt Derartiger nicht viel wunderbarer, als wenn es mittelalterlichen Alche­misten gelungen wäre, aus Blei Gold su machen?

richten dachte sich Botz jo, datz mittels eines Mörlcr- „Postgranaten" von Ort zu Ort geschossen werden, mit einet Geschwindigkeit, daß in sechs Stunden ein Brief von Berlin nach Wien gelangen könnte. Zur Personenbeförderung lchluc Boß derartige Vorrichtungen aber beim doch nicht vor; Hiei prophezeite er zwar mit Richtigkeit, daß im 20. Jahrhundert die Postkutsche abgetan sei, und ebenso richtig nannte er die Luft den einzigen künftigen Verkehrsweg. Zwölf Stunden sollte eine Reise von Berlin nach Petersburg in Anspruch nehmen — aber nun merkwürdigerweise nicht, wie man erwarten niöchtc, in einem „mechanischen" Flugzeug, sondern in einer Art fliegender Postkutsche, die, sinnvoll und echt bicbermeier- lich-romantisch, von zwölf Adlern gezogen toerbe, „Unfälle sind dabei so gut wie ausgeschlossen", fügt er mit Ueberzeugung noch bei, es sei denn, daß „die Adler einmal vor Blitzen scheu werden". Zu Wasser prophezeite Voß ebenfalls keine Ricsen­dampfer, wie es wohl das nächstliegende gewesen wäre, er hoffte vielmehr, es werde endlich gelingen, Walfische so zu dressieren, daß sie — nach Elephantenart mit einem Dirckteur auf dem Nacken — gehorsamst 300 Zentner und mehr von Kontinent zu Kontinent schleppen, und sogar zur Oder, Elbe und Spree hereinkämen, um vor dem Berliner Schloß anzu­legen. Selbstverständlich bekämen sie für solche Binnenaus- flüge einen Sack mit Seeluft-Präparaten umgeschnallt und zeitweilig Salzpillen zu schlucken.

. Auch von der Frauenemanzipation hatte Voß seine eigene Meinung. In allen Städten wird es Fraueunniversitäten geben, auf denen man „Topfwissenschaftslehre" und „Kessel- Theorie" lernen könnte, ja die Freiheit der studierenden wclb- Itcheu Jugend ginge so weit, daß sie „der Frau Prorcktorin zuweilen die Fenster einwirft", und „wenn Mädchen heiraten wollen, würden sie den Jünglingen ihre Liebe selbst erklären".

Mitunter hat auch hierin Boß in seinen Prophezeiungen recht bekommen, wenngleich sich weder eigene Fraucn- nniversitäten noch eine besondere „Küchenfakultät" eingebürgert haben. Uebcrhaupt scheint er in Einzelheiten weit über das Halbwegs Annehmbare hinausgeratcn zu sein, wenn er sich mit Dingen der Wissenschaft befaßte. Denn was er der Me dizin des 20. Jahrhunderts zu traut, ist nun allerdings bis heute noch nicht erfüllt, und bei aller Tüchtigkeit unserer Chirurgen wird es damit auch noch einige Weite haben: „Wer Polypen in der Luftröhre hat, dem wird in zwei Minuten der Kopf bis auf einen kleinen Hautrand ab genommen, der Polyp herausgehoben und alles wieder an gefügt."

Das Stück, in dem der Autodidakt, Leutnant und Schrift stellereibesitzer Julius von Boß diese Zukunft:geblasen hat, erfuhr um 1823 seine ersten Aufführungen, wurde viel gefeiert und brachte es zu einem beliebten, oft gespielten Schlager des Vormärz. 1832 starb Voß. Es sei wenig stens seiner kuriosen ZukunftSphantastereicir wegen sein Name für einen Augenblick in Erinuerung gerächt.