UntechaltuiWblatt
Sein Opfer.
Der Wirklichkeit nacherzählt von Georg Eschenbach.
Ein Mann schritt unter den entlaubten Bäumen die Landstraße entlang. Er mußte weit gewandert sein, denn seine Hosen waren geflickt und ausgefranst, und die Bartstoppeln standen ihm struppig im Gesicht.
Sein Schritt schien müde, vielleicht auch nur zögernd. Seine Augen waren voll Erwartung auf das Dorf gerichtet, das von Pappeln umringt vor ihm auftauchte. Er sah wie ein Mensch aus, der nach vielen Jahren eine ihm früher liebe Stätte wieder betreten soll und sich doch vor dem Wiedersehen fürchtet, weil er nicht weiß, was ihn nach so langem Fernsein erwartet.
Hundert Schritt vor den ersten Häusern blieb der Mann stehen. Am Straßenrand erhob sich zwischen dürftigen kahlen Büschen ein Denkstein. Er war so armselig wie seine Umgebung, wie das Dorf hinter ihm. Der Wanderer stutzte. Und dann las er aus den einfachen Lettern des Steins, die einmal vergoldet gewesen waren, daß dieses Denkmal zur Erinnerung an diejenigen aus der Gemeinde Tisza-Kotai errichtet worden sei, die im Kampf um ihr ungarisches Vaterland fielen.
Da wachte das Leben in dem Manne auf. Er reckte den Kopf vor und fuhr mit dem Finger über die eingehauenen Lettern, als könnte er so die Namen, die nun kamen, besser buchstabieren. Und dann ließ er die Hand sinken: „Also doch! Andor Asztalos! Hier steht es: Gefallen!"
Er stand lange unschlüssig und mit gebeugtem Kopf. Er sprach ein paar Worte mit sich selbst: „Kehr um! Es ist ja jetzt zwecklos." Und doch blieb er stehen, als könnte er sich nicht von diesem Denkmal trennen.
Das Bellen eines fernen Hundes dort hinten im Dorf weckte ihn aus dem Grübeln. Er hob den Kopf mit plötzlichem Entschluß: „Nein, ich bleibe. Einmal wenigstens will ich die Frau sehen,. die Vilma!"
So betrat er das Dorf. Er sah nach rechts und nach links, und das Erkennen dieses und jenes Hauses flog über sein Gesicht.
Vor einem Hof blieb er stehen. Langsam, zögernd trat der Mann näher. Er legte die Hand auf die Gartenpforte, unschlüssig, ob er eintreten sollte. Dann hob er mit raschem Entschluß doch den Niegel, klopfte an die Haustür.
Eine stämmige Frau in den dreißiger Jahren öffnete. Sie war noch schon in ihrer gesunden Stattlichkeit. Sie sah ein wenig gleichgültig auf den Verschlissenen: „Was soll es sein?"
Die Antwort kam nicht sofort. Die Frau fragte auch nicht gleich zum zweiten Mal. Denn sie sah den Mann mit plötzlichem Erstaunen an. Doch das Zögern dauerte nur einen Augenblick Sie wischte sich mit der Hand über die Stirn, als wollte sie einen unnützen Gedanken rasch verjagen. Dann forderte sie erneut Auskunft: „Was soll es sein?"
Der Mann hatte eine rauhe Stimme: „Ich wollte... ich habe feine Arbeit... ich möchte... kann ich nicht, eine Nacht..." Die Frau sah ân ihm herunter, sah seine ausgetretenen Schuhe und schnitt ihm das Wort ab: „Ja, eine Gesindekammer ist leer. Du kannst heute Nacht hier bleiben, denn es wird bald dunkel sein."
Er hielt den Atem an, als er in das Haus trat. —
Aus der einen Nacht, die der Fremde bleiben sollte, waren schon viele geworden. Denn die Frau hatte sich mit ihrem Mann über ihn unterhalten: „Er hat keine Heimat, und er tut mir leid. Wir können ihn doch beschäftigen, Bela. Ich habe das Gefühl, daß es ein anständiger Mensch ist trotz
Zeitgenossen Homers.
Die Ausgrabungen von Ras Schamra. — Ein Rassen- S^melzticgel in grauer Vorzeit. — Eine neue Sprache.
Von H. E r n st U h d e.
Nachdem kürzlich die Ausgrabungsarbeiten bei dem syrischen Küstendorfe. Ras Schamra zum Abschluß gekommen sind, darf man schon jetzt, wo die zahlreichen Funde, noch längst nichi ausgewerlet, die unzähligen Keilschrift-Täfelchen nur zum Teil entziffert sind, sagen, daß die Archäologie einen Erfolg errungen hat, der in seiner Bedeutung schwerlich überschätzt werden kann. Die Stadt, die sich hier in grauer Vorzeit erhob, stellte offenbar den am meisten nach Osten vorgeschobenen Punk! des griechischen Einslußgebiets zu Zeiten Homers dar, und die Reste liefern einen wertvollen Kommentar zu den überraschenden Aufschlüssen, die vor einiger Zeit die Entzifferung der berühmten hittitischen Tafeln uns über die griechische Kultur in Kappadozien gegeben hat.
Ras Schamra ist heute als eine alte Stadt festgcstellt, die sich einst nahe dem Kasos-Berge erhob. Der Ueberlieferung nach soll sie von einem sagenhaften Könige Kasos von Zypern gegründet sein, der aus seiner Heimat und aus Kreta Siedler an die syrische Küste mit sich brachte. _ Dies wird durch die erwähnten Ausgrabungen vollauf bestätigt, die dartun, daß einst eine unmittelbare Verbindung von Syrien aus mit der minoisch-mykenischen Welt wie auch mit Zypern bestand. Die Bewohner Ras Schamras waren allerdings in der Mehrzahl Phöniker oder Syrier und standen ihrerseits wieder in unmittelbarem Verkehr mit Aegypten und — durch das Orontes-Tal — mit Babylonien. Sodaß Ras Schamra ohne Zweifel ein höchst wichtiges Biiweglied zwischen der achäisch-griechischen und der orientalischen Welt bildete. Danach muß das Gebiet, über das sich achäischer Einfluß erstreckte, erheblich weiter nach Osten vorgeschoben werden, als man cs bisher annahm. Die oben erwähnten hittitischen Tafeln hatten als äußersten Punkt dieses Einflusses etwa die Gegend von Tarsus uno Alexandrette erkennen lassen; jetzt wissen wir, daß er viel weiter in das südöstliche Syrien hinein und zum mindesten bis an die nördlichen Grenzen Palästinas reichte.
Daß Achäer und Mykener wiederholt nach Ras Schamra gekommen sind, erhellt aus drei verschiedenen Epochen entstammenden Gruppen zahlreicher Tongefäße, die bei den Ausgrabungen zu Tage gefordert wurden uitb von denen die ältesten dem vierzehnten vorchristlichen Jahrhundert entstammen. Griechischer Herkunft sind auch die prachtvolle Eifenbeinfigur einer Göttin und schließlich eine umfangreiche Waffcnsammluug, die unverkennbar europäischer, nicht minoi- scher oder asiatischer Art sind. Die Tatsache, daß sie teils in unfertigem Zustande aufgefunden wurden, deuten darauf hin, daß ihr achäischer Hersteller offenbar in Ras Schamra, vielleicht nur vorübergehend, ansässig gewesen ist.
, Bedeutend interessanter erscheint noch eine aus Steintafelchen bestehende umfangreiche Bücherei. Ihr Inhalt ist in acht verschiedenen Sprachen abgefaßt, deren eine bislana voch völlig unbekannt war. Dieser ^unb beweist vor allem
seiner Lumpen, und so kommt er vor dem Winter von der Landstraße fort." Bela Gevay sagte Ja.
Der Fremde nannte sich Ferenc. Er war ein stiller Mann und sprach auch nicht viel mit den Knechten. Nur einmal, als das Gespräch auf die Frau kam, wollte er von ihr hören: „Ist sie schon lange verheiratet?" — „Bela Gevay ist ihr zweiter Mann. Der erste, dem auch der Hof gehörte, Andor Asztalos, starb als Gefangener in Rußland. Sie hat vielleicht gehofft, die Nachricht sei doch nicht wahr. So wartete sie sechs Jahre. Sie war ganz jung gewesen, als sie Andor nahm, und es soll eine große Liebe gewesen sein."
Mehr wollte der neue Knecht anscheinend nicht wissen. Denn er stand auf und ging hinaus. So unvermittelt, oaß die anderen die Köpfe schüttelten und mit dem Finger an ihre Schläfe zeigten: „Er ist eben ein wenig komisch dort oben." —
Auch mit der Frau sprach Ferenc nur wenig. Er tat, was sie ihm sagte. Es war nicht viel, was sie anzuweisen hatte, denn er schien immer zu wissen, was sie von ihm wollte, ohne daß sie es auszusprechen brauchte. Es war wie ein stummes Verständnis zwischen den beiden, und doch blieb immer die Schranke zwischen Herrin und Knecht.
Doch einmal überraschte die Frau den Ferenc bei einem Blick, der ihr das Blut heiß durch die Adern jagte. Er schlug die Augen gleich nieder, als sie aufsah, aber er hörte ihr schweres Atmen. Er wollte wohl gehen, doch die Frau hielt ihn zurück: „Ferenc, Ferenc... was ist mit uns beiden? Ferenc... wer bist Du?"
Sie hatte seine Jacke mit beiden Händen gepackt und zwang ihn, ihr ins Gesicht zu leben.
Ihre Blicke kreuzten sich für Sekunden. Der Mann schwieg. Er fuhr in verhaltener Erregung mit den Händen
über den Stoff feiner Hofe. Dann wollte er den Kopf abwenden und gehen.
Doch die Frau zwang ihn zurück: „Ich habe Deine Auger gesehen. Du bist Andor!"
„Ja."
Sie standen sich schweigend gegenüber, und die Freudi verjüngte das Gesicht der Frau um Jahre.
Da riß Andor sie an sich und küßte sie auf den Mund. Fünfzehn Jahre lang hatte er von diesem Augenblick geträumt, fünfzehn Jahre der Gefangenschaft. Und die Frau gab sich ihm willig hin.
Doch plötzlich fiel aus ihrem Mund ein Wort des Entsetzens: „Bela!"
„Bela!" sagte auch Andor. „Bela!" Und er wußte, was dieses eine Wort bedeutete: „Weg, weg, Du hast kein Rechl mehr in diesem Haus!"
So ließ er die Frau stehen und ging mit müdem Schritt. —
Am andern Morgen kletterte er aufs Dach. Er sagte, dort oben hätten sich durch den Wind ein paar Pfannen verschoben. Doch er kam nicht dazu, den Schaden auszubessern, denn er glitt aus und schlug hart mit dem Kopf auf den Rand des Brunnens auf. Er starb ein.Paar Minuten später.
Die Knechte auf dem Hof zuckten die Achsel: „Er war eben immer ein wenig ungeschickt."
Die Frau schloß sich eine Stunde lang in ihrer Kammer ein. Als sie wiederkam, um aus der Truhe auf dem Flur das Leinen für das Totenhemd zu holen, sah das Gesinde zum ersten Mal, daß ihr schwarzes Haar von grauen Strähnen durchzogen war.
Gute Unterhaltung $-Lektüre bietet ihnen die Heimatzeitung'
die kosmopolitische Natur der alten Hafenstadt, und seine Bedeutung für unsere Kenntnis des homerischen Zeitalters ist, solange die Texte nicht restlos entziffert sind, noch gar nicht abzusehen.
Nach vorläufiger Einteilung zerfallen die Tafeln in drei Gruppen: Werke rein literarischen Charakters in einer frühsemitischen Sprache: diplomatische Urkunden, ähnlich, den berühmten Briefen von Tell-el-Amarna; schließlich umfangreiche Bruchstücke grammatischer Werke, denen vermutlich der Hauptwert innewohnt. Tenn eins der größten Stücke ist ein Teil eines Wörterbuchs, das Wörter einer bisher unbekannten Sprache ins Semitische übersetzt. Beide Sprachen sind in Keilschrift abgefaßt, und die Entzifferung dieser den Archäologen neuen Sprache sollte daher keine allzu großen Schwierigkeiten bieten. Möglicherweise ergibt sich hier sogar die Aussicht auf eine Uebersetzung des Minoischen.
Die in Ras Schamra freigelegten Gebäude und Grabstätten befinden sich in gutem Zustande, wohl dank dem llnt« stände, daß auf den Trümmern der alten Stadt nach ihrer Zerstörung im Zivilisten Jahrhundert vor Christus nicht, wie es sonst oft geschehen, eine neue errichtet wurde. In den Gräbern fanden sich zahlreiche Spuren gewisser zu Ehren der Göttin der Fruchtbarkeit abgehaltener Zeremonien asiatischen Charakters, und ein glücklicher Zufall hat es gewollt, daß eine der bereits entzifferten Keilschrifttafeln eine ausführliche Beschreibung dieser Riten enthielt — ein Zusammentreffen, wie sich nur ivenige Archäologen dessen freuen können.
Auf die Verbindung mit Aegypten weisen gewisse geschnitzte Grabsteine,hin, währeird andere hittitischen Einfluß erkennen lassen. Ganz offensichtlich stellt Ras Schamra einen Punkt dar, in dem sich Osten und Westen in engster Berührung gegenüber standen. Die eigentlichen Einwohner werden Phöniker der Art, wie sie Hpmcr beschreibt, gewesen sein, zu denen sich Vertreter der wichtigsten damals die Küsten des Mittelmeers bewohnenden Rassen und Völker, gesellt haben dürften. Es cuistand somit hier ein Rassen-Schmel;- tiegcl im kleinen, wie ihn etwa heute die Bereinigten Staaten im großen bilden.
Ras Schamra wird neben die archäologisch und kulturgeschichtlich wichtigsten Städte des Altertums gestellt werden müssen. Wie Mykene uns das Leben des 14. unb 13. vorchristlichen Jahrhunderts zeigt, Knoftos das der nichtgriechischen minoischen Welt, Troja das eines teils achäischen, teils aua- tolischen, von seinem Hauptstamm getrennten Volkes, so bildet Ras Schamra den Platz, wo alle diese verschiedenen Kulturen einander begegneten und mit Hittitern, Babyloniern und Acgyptcrn in Berührung kamen. Die Fahrten der homerischen Helden treten durch diese Fundè an der syrischen Küste teilweise in ein ganz neues Licht.
Ras Schamra fand ein plötzliches Ende: Es wurde in Laufe deS 12. Jahrhunderts vor Christus von Seeräuberr überfallen und gleich den meisten Küstenstädten dieser wilder Zeit unter ihnen auch Troja und Mykene, bis auf den Grünt zerstört. Mehr als drei Jahrtausende sind verstrichen, eh> der Spaten des Archäologen die alte Stadt aus dem Schub der Vergangenheit wieder ins. Tageslicht. gebracht hat.
Falsches Ziel.
Afrikanisches Erlebnis von C. Kellmann- Plön.
Sorgenvoll blicke ich der eben abgefertigten langen Träger- kolonne nach, die sich den nach Kiiaro führenden schmalen Negerpfad langsam hinaufschlängelt, um unsern tm Süden der Kolonie kämpfenden Truppen Verpflegung zu bringen. Plötzlich kreischen Eingeborenenweiber auf. In großer Aufregung laufen sie auf mich zu: „Njiati mingi sana! (sehr viele Büffels" schreien sie wie oesessen und Deuten wild gestikulierend nach dem benachbarten Tal, wo sich die Schöpfstelle für mein Buschlager befindet. Donnerwetter! Ein Kaffernbüffel mit einem Gewicht von 20 bis 30 Zentnern! Der kommt mir gerade recht, unsere Verpflegung ist immer knapper geworden. Schnell hole ich meine am Zellpfosten hängende Pirschbüchse und eile den Abhang hinunter. Mein Boy Ibrahim folgt im Laufschritt mit gefüllter Feldflasche und Reservepatronen. In dem schmalen, sich mehrere Meilen weit hinziehenden Tal, das vor Jahrtausenden wohl ein Fluß gewesen, kann ich zahlreiche, ganz frische Büffelspuren mit teilweise noch rauchender Losung fcststellen, aber von den Tieren selber ist nichts zu entdecken. Kurt entschlossen folge ich der nicht zu verfehlenden Fährte. Vielleicht sichte ich das begehrte Wildbret in dem dichten Gestrüpp und übermannshohen Grase der Talsohle. Unbarmherzig brennen die Strahlen der tropischen Novembersonne herab. In das enge Tal gelangt kein Lufthauch. Der Schweiß rinnt in Strömen. Schwärme von blutgierigen Fliegen stürzen sich auf uns. Von der unmittelbar vor uns ziehenden Büffelherde schlägt ab und zu durchdringender Wildgeruch entgegen. Die ersehnten Stiere wollen sich aber immer noch nicht zeigen. Die Verfolgung ist sehr anstrengend. Schon hat sie zwei Stunden gedauert. Mißmutig will ich umkehren. Da bleibt Ibrahim plötzlich stehen und zeigt aufgeregt nach der Mitte des Tales, das an dieser Stelle mit besonders dichtem Busch- und Strauchwerk bewachsen ist. Ich blicke in die angedeutete Richtung, kann aber trotz angestrengtesten Spähens zunächst nichts sehen. Nach einer Weile bemerke ich, daß sich Dort etwas Graues bewegn Aber keinerlei Kennzeichen sind sichtbar. Nur eines steht für mich fest, daß es sich nur um einen Büffel dei vor mir verfolgten Herde handeln kann, die vier verhasst, um Schutz vor der prallen Sonne und den lästigen Fliegen zu juchen. Vergeblich warte ich einige Sekunden. Das unbekannte Ziel toll etwas mehr zeigen. Ein schlecht angebrachter Schuß kann für mich zum Verhängnis werden. Der trotz seiner wuchtigen Masse ungeheuer gewandte Büffel mit dem meter- br.iten mächtigen Gehörn nimmt, wenn er verwunde, wird, fast 'nrmer an und gilt daher als der gefährlichste Gegner tm afrikanischen Busch.
Noch einmal überprüfe ich behutsam mein gutes Mauler- gewehr — einen Streifenlader mit vier Patronen — und ent= 1 panne vorsichtig: dann lasse ich fliegen. Die Wirkung des Schuftes ist unerwartet. Unter einem markerschütternden Schrei verschwindet der graue Fleck. Für einen Augenblick wird zu meinem Entsetzen der Kopf eines jungen Elefanten sichtbar. In den nächsten Sekunden stürmen die beiden Alter mit hoch erhobenem Rüssel wie zwei Lokomotiven die Talböschung herauf geradewegs auf mich zu. Die gewaltigen, fenstergroßen Ohrdeckel der rasenden Urwaldriesen sind Unheil drohend aufgerichtet.
Der zu Tode erschrockene, unbewaffnete Ibrahim rennt wie ein Tollgewordcner davon und ruft mir noch tm Fortlaufen mit ängstlich bebender Stimme zu: „Kimbia Bwana, wanakuia (Fliehe Herr, sie kommens!" Einen Augenblick bin ich vor Schrecken gelähmt. Dann aber mache ich kurz kehrt unt renne blindlings in den Buschwald hinein. Die wütenden Angreifer sind dicht hinter mir. Deutlich höre ich ihre Tritte Das Herz klopft mir ungestüm bis zum Halse hinauf: bald bin ich am Ende meiner Kraft. Mechanisch repetiere ich im Laufen, dann suche ich hinter einem Baume Schutz.
Da gewahre ich, daß die Entfernung bis zu den herumtobenden Kolossen größer geworden ist. Sie haben, da ich zum Glück, ohne es selber zu ahnen, mit dem Winde gelaufen bin die Witterung verloren. Nun winden sie, wohl kaum zwanzic Schritte entfernt, mit den langen Greifern, die wie Fabrik- schornsteinc in die Luft ragen, fieberhaft nach dem verhaßter Feinde. Plötzlich schwenken sie nach dem Lager zu ab. Sü wittern Ibrahim, der in dieser Richtung geflüchtet ist und tr einiger Entfernung einen meterbiefen Baum erklettert hat Dort sitzt er, etwa sechs Meter hoch, in einer Astgabelung zusammengekauert. Gar bald haben die gereizten Riesen mii ihrer feinen Witterung die Stelle ausfindig gemacht. Sie umkreisen mehrmals mit erhobenem Rüssel den Baum, ohne der schreckensbleichen Boy erhaschen zu können. Vergeblich müht sich der gewaltige Bulle, den Baum umzuknicken, indem er tr. wütendem Anlauf die mächtigen Stoßzähne hinein zu bohrer versucht. Dann wendet sich plötzlich die Kuh von ihrem Cpfei ab und kehrt mit dem Bullen zu dem todkrank geschoftener Kleinen zurück, der fortwährend zu Herzen gehende Schreit ausstößt. Die beiden Alten richten den Schwerverwundeter auf, bilden mit ihren Rüsseln unter Dessen Bauch eine Ar- Tragbahre und führen so das lange Tier, das stöhnend voi Schmerz in ihrer Mitte dahinschwankt, mit sich fort. Es ip ein einzigartiges Bild, das die Elternliebe dieser klugen Urwald- recken ergreifend zum Ausdruck bringt. Ergriffen schaue ich Den Dahinziehenden nach, bis sie im Buschwald verschwinden.
Fasanen und Erdbeben.
Wie bei uns nicht allgemein bekannt sein dürfte, sind Fasanen besonders empfindlich gegen die leisesten Erdbeben- erscheinungen, und in verschiedenen Teilen der Erde glaubt man sogar, daß sie solche durch ihr Verhalten ankündigen können. Schon vor einiger Zeit hat der japanische Gelehrte Professor Sckiya versucht, diese Behauptung wissenschaftlich nachzuprüfen, allerdings ohne Erfolg. Bei dem Mißlingen der Versuche kann aber sehr wohl der Umstand mitgefprodten haben, daß die Versuchstiere sich nicht in ihrer gewohnten Umgebung frei zu bewegen vermochten. Sekiyas Landsmann Professor Omori hat dann später Fasanen, die in einem benachbarten Park lebten, aus etwa hundert Meter Entfernung in bett ruhigen Nachtstunden beobachtet. Im Laufe dreier Jahre verzeichnete er bei Erderschültcrungcn m 22 Fällen eine auffallende Unruhe der Vögel. Bei sieben Gelegenheiten ließen sie ein ängstliches Schreien hören, bevor das Zittern der Erbe fühlbar wurde: in fünf Fallen ertönte das Schreien gleichzeitig mit oder ^urz nach der Erd erschütterung. Viermal wurde das Schreien gehört, _ ohne daß seitens des Beobachters eine Erdbewegung scstzustellen gewesen wäre. In allen diesen vier Fällen waren aber von seismographischen Instrumenten solche ausgezeichnet worden. Nur ein einziges Mal ereignete sich eine Erderschüiierung, ohne daß die Fasanen sich dadurch beeinflussen ließen,