Nah und Fern
O Eine Spende des Reichspräsidenten. Der Reichspräsident hat für die Familien der bet dem Grubenunglück auf den Delbrück-Schächten bei Hindenburg (O.-S.) verschütteten vier Bergleute als erste Hilfe den Betrag von 1000 Mark gestiftet und den Berghauptmann in Breslau mit der Verteilung betraut.
O Der Staatsanwaltschaftsrat Wasmund pensioniert. Staatsauwaltschaftsrat Wasmund bon der Staatsanwaltschaft I Berlin, gegen den im Zusammenhang mit der Sklarekangelegenheit ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden war, weil ihm vorgeworfen wurde, daß er außerdienstlich mit den Sklareks viel zusammengewesen sei — das Disziplinarverfahren endete mit einem Freispruch Wasmunds —, ist jetzt auf seinen eigenen Antrag in den Ruhestand versetzt worden.
O Ein Todesopfer des Verkehrsunglücks im Erzgebirge. Bei dem Unfall eines Lastautos, das mit 24 Angehörigen der Musikkapelle der 7. SS.-Standarte Plauen im Vogtland besetzt war, waren 14 SS.-Leute verletzt worden, davon sechs schwer. Einer von ihnen ist inzwischen gestorben. Bei einem anderen Verunglückten besteht noch Lebensgefahr.
O Doppclselbstmord eines Ehepaares. In Breslau verübte ein Ehepaar Selbstmord durch Vergiftung mit Zyankali. Als der 54jährige Leiter einer chemischen Fabrik mittags nach Hause kam, fand er seine Ehefrau durch Zyankali vergiftet tot auf. Er beschloß, seinem Leben auf die gleiche Weise ein Ende zu machen und folgte seiner Frau in den Tod. Eine schwere Krankheit der Frau, die größere Aufwendungen verursacht hatte, hatte die wirtschaftlichen Verhältnisse des Chemikers schwer belastet.
O 11 000 Mark Postgelder aus dem fahrenden Zuge geraubt. In der Nähe von Kehlheim drang ein maskierter Räuber in den Postwagen eines Zuges der Nebenbahn- strecke Kehlheim—Saal a. d. Donau ein und raubte eine Kassette mit über 11 000 Mark. Der Postbeamte wurde mit vorgehaltcnem Revolver bedroht. Der Täter sprang dann aus dem fahrenden Zuge und entkam.
O Aufsehenerregende Verhaftung wegen des Kynauer Sprcngstoffdicbstahls. Nachdem im Zusammenhang mit dem Kynauer Sprcngstoffdiebstahl kürzlich der früher in Kynau tätig gewesene Rentmeister Hungerecker in Berlin verhaftet worden war, wurden jetzt unter dem Verdacht der Beteiligung an dem Sprcngstoffdiebstahl Baron von Zedlitz, dessen Hausdame Fräulein Ziedow und der Förster Tietze festgenommen und in das Waldenburger Gerichtsgefängnis eingeliefert.
O Veruntreuungen bei einer Kölner Spar- und Kredit- gesellschaft. Auf Grund einer Anzeige des bisherigen Geschäftsführenden Vorstandes wurde in Köln der Inhaber und alleinige Gesellschafter der Firma „Germania, Spar- und Kredit-G. m. b. H." unter dem Verdacht, umfangreiche Veruntreuungen begangen zu haben, festgenommen. Ob das Treuhandguthaben der Sparer in Mitleidenschaft gezogen ist, steht noch nicht fest.
O Ein französisches Militärauto fährt in eine Offiziersabteilung. In Rouen fuhr ein Militärauto mit 45 Kilometer Geschwindigkeit in eine Abteilung von 30 Offizieren und Unteroffizieren, die der Autoführer infolge starken Regens übersehen zu haben vorgibt. Fünf Offiziere und Unteroffiziere wurden verletzt.
O Neue Erdstöße in Holland. In Helmond wurde zur Nachtzeit ein ziemlich heftiger Erdstoß wahrgenommen. Ter Stoß war so heftig, daß verschiedene Gegenstände noch schwantten, nachdem die Erde sich wieder beruhigt hatte. In Heeswijk und Rosmalen wurden einige leichte Stöße wahrgenommen. Sämtliche Städte liegen in Ostbrabant.
Bunte Tageschponik
Berlin. In Berlin - Tegel ist der Versicherungsagent Johannes Basiert in seiner Wohnung ermordet worden. Es liegt wahrscheinlich Raubmord vor.
Rheinsberg «Mark). Drei Kinder einer Familie Krause — der Mann ist als Scherenschleiser aus der Wanderschaft — sind, wäbrenv die Mutter außerhalb des Hauses war, durch Kohlen- aas« erstickt.
Schäfchenwolken tm reinsten Weiß — bis alles verblaßte und rloich und nur noch die weißen Wattebälle am Himmel hinten.
Clemens Heidger zog mühsam den Blick ab und sah nach 'erbosten.
Dort stand die schwarze Finsternis wie eine undurchdring- iche Wand--dort schlief die Heimat m Frieden — in Frieden.
Schlief? Oh, zu dieser Stunde waren viele, die den Schlaf nicht fanden! Die in dem Atmen der Nacht das Stöhnen der Sterbenden hörten, der Blutenden, Zerrissenen, der Ertrinkenden, Verschütteten!
Waren viele, deren Seelen zur Nacht auszogen, ruhelos ^as Grab des Liebsten zu suchen . . . und wußten nicht, wo. Obs tm Werschlamm war oder einem Massengrab der Champagne. Oder in einer einsamen Schlucht, oder aus dem Grunde eines Sumpfes. Ja — ob er überhaupt ein Grab gefunden, ob er nicht mit einem unterminierten Stollen in die Luft binausgeflogen war, hinausgewirbelt ins Wesenlose?
Und wie viele Tränen um „die da draußen" flossen zu die- ier Stunde — ungesehen von Menschen. Vor denen trug das Leid stolz die Stirpe hoch — aber in der Stille der Nacht lag es jammernd hingeworfen vor Gott!
„Mutter," murmelte der einsame Soldat mit erstickter Stimme — „Mutter! Schwesterlein!...
Er tastete nach seiner Brieftasche auf seiner Brust. Dort mifterte etwas.
Ein Strauß trockenen Heidekrautes war es.
„Adelheid . . . mein verlorenes Lieb!"
Wie eine Lichterscheinung aus seinem reinen Kinderland war sie vor ihm gestanden, da er den harten Sühneweg anwat.
Ob sie ihm vergeben? Ob nur Mitleid mit dem gestrandeten Jugendfreunde ihr das warme heilige Leuchten in den Abschiedsblick gelegt hatte? ...
Oh, er wollte ihre Achtung wiedererringen! Und wenn dann ihre Liebe noch nicht ganz tot war, wenn noch ein Funken unter der Ajche glimmte... Hastig riß er die Brieftasche heraus, öffnete sie, »egte die Wange an die Erikastengel, atmete inbrünstig den Heidedust, den Heimathauch ein.
Der letzte Gruß der Heimat kam aus der Heimat liebsten Händen!
„Teure Heimat,".flüsterte er. „Mit meinem Blute will ich dich zurückkaufen!"
^er Bauer vom Heidehof stampfte sich draußen den Schnee von den Schuhen und trat in die Stücke, wo seine Frau eben den Tisch deckte.
„Wüstes Wetter!" brummte er, wickelte umständlich den Wollschal vom Hals und vertauschte die Schuhe mit den , rohgefütterten Holzklompen, die in der Feuerecke vorwärmten. „'s gibt noch mehr Schnee, Frau. Ich spürs in meiner Schulter"
Persönlichkeit und Handschrift.
Don Else Jepsen.
Zu den in neuerer Zeit stark gepflegten Wissenschaften gehört ohne Zweifel die Graphologie, die Schriftdeutung. In den letzten Jahrzehnten ist dieser Wissenszweig durch die Forschung bedeutend ausgebaut und zu einem wichtigen Hilfsmitels der Charakterkunde gemacht worden. Die Handschrift, das hervorragende Mitteilungsmittel des modernen Menschen, nimmt die feinsten Seelenregungen auf, und da sie stets fast mechanisch zu Papier gebracht wird, ist ihre Gestalt untrüglicher für die Charakterforschung als etwa das Gesicht, die Augen oder gar die Rede eines Menschen.
Was die Handschrift aber besonders wertvoll macht, ist dies, daß sie ein dauerhaftes Dokument darstellt. Mag ihr Urheber längst dahingegangen sein, in seinen Schriftzügen ist sein Charakterbild verewigt und enthüllt sich jedem Kundigen, der es zu deuten versteht. Solche Deutungen haben oft einen eigenartigen Reiz. Wie kam es z. B., daß Goethe und Schiller, Deutschlands größte Dichter, sich zu keiner innigen Herzensfreundschaft fanden, obwohl in beiden das Feuer des Genies lohte, beide gleichen Idealen zustrebten? Für diese seltsame Erscheinung sind viele, oft kleinliche Gründe geltend gemacht worden. Betrachtet man jedoch die Schriftzüge dieses Zweigestirns, so erkennt man bald, daß in Goethe und schiller Gegensätze lagen, die auch ihr bestes Wollen nicht überwinden konnte.
Bei beiden zeigt sich in den graziös hingeworfenen Kurven das Genie. Während jedoch Goethes Züge ruhige Beobachtung und eine gewisse zähe Gleichmäßigkeit bei der Verfolgung seiner Ideen kundtun, verrät Schillers Schrift den rastlos Tätigen, von der Begeisterung Auf- und Abgerissenen. Man sieht das an seiner ungleichmäßigen Linienführung und den ständig wechselnden Formen der Buchstaben. Bei dem gelasseneren, ausgeglicheneren Goethe konnten die plötzlichen Aufwallungen kein Echo finden, um so weniger, als Goethes Schrift in ihrer zarten Rundung große Empfindsamkeit aufweist, während Schillers spitze Züge — die in seiner Ge- samtschrift allerdings mehr hervortreten — Neigung zu Spott und Angriffslust verraten.
Ein umgekehrtes Verhältnis zeigt der Vergleich der Schriften des Altreichskanzlers Bismarck und Kaiser Wilhelms I. Diese beiden Männer der deutschen Geschichte waren zweifellos große Gegensätze, die sich dennoch in ihrer Wirksamkeit wunoervoll ergänzten.
Bismarcks hohe, keulenförmige Buchstaben lassen einen fast an Starrsinn grenzenden Willen erkennen, der sich seiner Kraft bewußt ist und deshalb zu herrschen verlangt. Daneben zeigen sich die Merkmale eines klaren, durchdringenden Geistes, gepaart mit draufgängerischer Angriffslust, die der markante, säbelartige Schlußzug seines Namens besonders unterstreicht. Sein großes diplomatisches Talent spricht aus der wellenförmigen Zeilenführung. Kluge Anpassungsfähigkeit zeichnet dagegen die Schriftzüge Wilhelms I. aus. Ferner Intelligenz und Klarheit des Denkens, die bedeutender ist, als manche seiner Zeitgenossen es wahr haben wollten. Seine zarte Federführung verrät viel Gutmütigkeit, aber wenig positiven Willen. Da die Schrift außerdem keine Zeichen persönlichen Ehrgeizes enthüllt, und er die überragende Bedeutung Bismarcks fühlte, konnte es ihm nicht schwer-
„Ach, wat die armen Soldaten da ausstehen!" erwiderte die Frau mitleidig. „Gut, daß ich Bernd noch die dicke wollene Unterhalte und die Mütze mit den Ohrklappen geschickt hab!.. Ob die wohl alle einen haben, der für sie sorgt?"
Sie wußte einen, für den keiner sorgte.
„Richtig!" fiel es dem Bauern ein, „da is mir der alte Thomas in den Weg gelaufen und hat mir gleich die Poft mit- gegeben."
Er kramte in feiner Tasche.
„Ist auch ’n Brief für dich bei, Mutter."
„Für mich?" Sie wechselte die Farbe und setzte sich.
„Da, vom Hannes wieder. Na, den versorgst du ja ordentlich," neckte er und stopfte seine Pfeife.
„Ja — ja, vom Hannes . . . Natürlich vom Hannes."
Von wem hatte sie denn sonst einen Brief erwartet?
Sie zog eine Haarnadel aus den Flechten und öffnete damit das Schreiben. Las bedächtig. Auf einmal fingen ihre Finger an zu zittern. Sie las und las — der Brief sank in ihren Schoß.
„Na, wat is denn? So wat Herzbewegendes wird der Jung doch nit schreiben."
Behaglich setzte er die Pfeife in Brand.
Sie sah ihn an mit seltsamem Blick, zögerte . . . schob ihm das Papier zu.
Neugierig gingen seine Augen über die Zeilen. Dann verfinsterte sich plötzlich sein Gesicht. Er warf das Blatt hin und stapfte schweren Schrittes zur Diele.
„Na, wat is denn Vater über die Leber gekrochen?" wunderte sich Annemarie und griff nach dem Brief. Den Hannes hatte sie immer gut leiden mögen.
„Dat muß ich sagen, der Hannes weiß besser die Worte zu setzen als unser Bernd," nickte sie beifällig ein paarmal zwischen dem Lesen.
„ . . . Und indem daß ich Euch vielmals danke für alles, besonders für den Tabak und die Socken und die Mettwurst." Und dann erstaunt:
„Und muß ich Euch das nun sagen: ich hab den Clemens gesehen! Unser Regiment, da war eine Batterie feftgefahren in einem Granatloch. Und alle Mann mußten helfen, und das dauerte wohl zwei Stund. Und da zogen auf dem Weg links die Kolonnen nach vorn, die in Stellung gingen. Und als wir gerade die vordersten Rader mit Bohlen hoben, da hab ich zufällig in die Höh gekuckt. Und da hat mich einer angesehen, der würd so weiß wie Käs. Und ich hab ihn auf der Stell gekannt und schrei: „Clemens! Clemens Heidger!" und will zu ihm! Aber bei Militär, da gibts kein Willen. Und so schrei ich ihm bloß zu. Und er hat mich auch gekannt. Aber da hat er den Kopf weggedreht und ist schon weiter mit den anderen. Aber gewesen ist er es, da verwett ich unsere rotbunte holsteinische Kuh drum. Die Achselklappen waren herunter, das ist immer, wenn es zum Sturm geht, sonst hätt ich das Regiment lesen können. Aber ich will mich doch mal umhören, Frau, und geb dann gleich Bescheid ...
^MerLMML^. ° * murmelte Annemarie mechMilch-vor
fallen, dem Taimenscheu und geborenen Staatsmann VtS- mard die Zügel zu überlassen.
Die Persönlichkeit, die heute nicht nur im Mittelpunkt des Interesses Deutschlands, sondern der ganzen Welt steht, ist Reichspräsident von Hindenburg. Zwar liegt fein langes Leben offen vor aller Augen, so daß sein Charakter schon klar umrissen ist. Dennoch entbehrt es nicht eines gewissen Reizes, zu sehen, was seine Schrift dem Graphologen zu verraten hat.
Das ausfallende Merkmal ist hier die außerordentliche Klarheit seiner Schrift, die festen energischen Grundstriche, deren es trotz aller Ecken nicht an Rundung fehlt. Das entspricht einer großen KlarheitderGedanken, Entschlossenheit, einer bedeutenden Spannkraft und einer bisweilen rücksichtslosen Energie, wenn er es für notwendig erachtet, sowie Versöhnlichkeit und wohlwollendes Wesen. An diplomatischem Geschick fehlt es nicht, und die logische Jdeenvcrbindung zeigt sich besonders deutlich in dem charakteristischen Schlußzug, der zugleich den Bogen auf das u setzt. Bei ausgeprägtem Stolz, der aus der auffallend großen Schrift des Namenszuges spricht, ist ihm jede kleinliche Eitelkeit fremd. Seine vorauseilenden i-Punkte unb u-Bogen verraten den vorausschauenden Geist.
Der neue Mann in Amerika, der vor kurzem gewählte Präsident Roosevelt, ist derjenige, von dessen Entscheidungen das amerikanische Volk eine Wendung zum Besseren erhofft, der Namenszug Roosevelts ist recht zwiespältig Die schroffe Form in seinem Vornamen steht mit der gefälligen Rundung seines Familiennamens in starkem Kontrast. Die Schriftzüge zeigen große Begeisterungs- fahigkert und Herzensgute, die zur teilnehmenden Sorge um das Schicksal eines Volkes günstige Vorbedingungen sind. Die wellenförmige Zeilenführung spricht für diplo- matlfches Geschick, das mit dem R verbundene D für große Komblnationsgabe, und die geschlossenen o deuten an, daß er sich nicht in die Karten gucken läßt. Der Knoten am Schlußpunkt läßt Zähigkeit erkennen, und zwar eine Zähigkeit, die zur Unbeugsamkeit in der Durchführung seiner Ideen werden kann.
Der berühmteste Hund der Erde.
Der Bergführer Marcel Mousillon aus Courmaheur ist über Nacht der bekannteste Mann seines Standes geworden. Und zwar hat er dies seinem treuen, ausdauernden und findigen Hunde zu verdanken. Das Tier hatte seinen Herrn verloren, als er einige Wanderer die Gletscher des Montblanc hinanfführte. Nachfolgende Bergsteiger fanden den kleinen Kerl winselnd in einer Unterkunftshutte. Er ließ sich aber nicht fangen, sondern trabte durch Schnee und Eis von bannen, dem Gipfel zu. Dreißig Stunden später trafen ihn dieselben Touristen vor der Ballot-Hütte. Natürlich war der Foxterrier völlig entkräftet, halb erfroren, und die Pfoten bluteten jämmerlich. Man verband ihn. Aber er gestattete es kkkcht, daß man ihn auf den Arm nahm. Er brachte es tatsächlich fertig, zu Fuß den Montblanc, den höchsten Berg Europas, der 4807 Meter weit in den Aether hinausragt, zu erreichen. Längst waren die Verbände wieder durchgeblutet. Eissplitter hatten das Fell des Tieres zerrissen. Klagend blickte es sich nach dem vorlorenen Herrn um. Dann brach es zusammen. Denn natürlich war Mousillon bereits weiter gezogen. Die mitleidigen Bergsteiger nahmen den Hund auf den Arm und trugen ihn mit sich nach Chamonir hinab. Erfteulicherweise war der erste Mensch, der dieser Gesellschaft begegnete, Mousillon, der seit fünf Tagen verzweifelt nach dem treuen Gefährten gesucht hatte.
sich hin und sah erstaunt die andern an. „Unser Clemens... Ja, so merkwürdig ist bas!“
Eerta schaute auf die Mutter, die wortlos mit gefalteten Händen dasaß.
„Gott Dank, Annemarie!" betonte Gerta nachdrücklich. „Wenigstens wissen wir nun, daß er noch lebt, ’s ist doch unser Bruder!"
„Sa, Gerta, Gott Dank!" stimmte nun auch Annemarie entschieden zu. „Nich, Mutter? Wo er doch jetzt Soldat ist und für uns kämpft, so gut wie die anbern! Mehr kann einer nicht tun. Wenns bloß wahr ist!"
„Es ist wahr. Ich fühls, es ist wahr," sagte die Mutter still.
Und der Hannes bekam für feine Nachricht ein doppelt so großes Paket und einen langen Brief seiner Herrin.
Der Hannes kraute sich den Kopf beim Lesen. Brummte vor sich hin:
„Recht klug wird man aus den Leuten doch nie! Nu mein ich, se wär wunders wie froh und hätte tausend Fragen — wie er aussieht und so. Nee! Bloß Wenn du was erfährst, schreib es mir sofort! Kein Gruß an ihn und nix nich. Hm! ia, ja — is doch ne kuriose Rasse, die vom Heidehofl"
Allmählich leerte sich das Gotteshaus.
Wieder einer aus der Gemeinde! Der wievielte schon?
Diesmal war es Moorkötters Jakob, des Gemeindedieners Aeltester, den in Rußland eine Miene in tausend Atome zerrissen hatte.
Stets, wenn einem gefallenen Sohn der Gemeinde das Totenamt gehalten wurde, war die Kirche vollbesetzt wie an Festtagen. Wußte man denn, ob es nicht gleichzeitig dem eigenen Liebsten galt? Ob der zur Stunde nicht schon starr und kalt vor dem Feinde lag?
Auch die vom Heidehof waren fast vollzählig da. Die Frau fehlte nie, auch bei der drängendsten Arbeit nicht.
„Sauwetter," schimpften draußen ein paar Bauern und stapften durch den Matsch.
„Im Januar muß es schneien und frieren, daß die Schwatte kracht, Januar muß vor Kälte knacken, wenn die Ernte gut soll sacken!, das ist alte Bauernregel!"
Ein Häuflein sammelte sich um die weinenden schcharzgè' kleideten Angehörigen des Gefallenen.
Wie das war, das Grausige?
Und sie hörten mit schreckensbleichen Gesichtern zu, wie der alte Vater mit müder Stimme den Brief des Kompagnieführers vorlas. Schüttelten sich vor Entsetzen und wollten doch kein Wort verlieren. ' • „ ...
„Un nicht mal 'n ehrlich Soldatengrab, 'n ehrlich grab hat der arme Iakob!" weinte seine Mutter. „Kem Priester hat 'n einsegnen können. Zerfetzt und in alle Winde zer streut ist sein armer Leib — och, dat is noch bat ^wrgfte Und et war immer jo’n guten Jungen, nich, Vatter? Hat^un- nie Verdruß gemacht." (Fortsetzung W