Rings um Deutschland.
Gewiß ist es tiefschmerzlich für uns, aber doch nicht so ganz ohne Reiz, wenn man als Deutscher die Ohren wegwendet von dem hysterischen Geschrei über die „deutsche Gefahr" und ein paar Blicke hinaus über die Grenze auf unsere lieben Nachbarn wirft, die so maßlos rüsten müssen, weil sie vom Deutschen ganz schauerlich bedroht werden. Um aber sogleich einmal von etwas anderem, heute schon ganz Vergessenem zu reden: Von einem Amerikaner, der zuwenig Prozente oder Provisionen abbekam, ist vieles über die zähe, keine heimlichen Propagandakosten schenende Arbeit der Rüstungsindustrie gegen jede Einschränkung der militärischen Ausgaben für Heer, Marine, Luftflotte usw. enthüllt worden. Die „öffentliche Meinung" soll in diesem Sinne bearbeitet werden.
Man macht das so, wie es einst vor dem Kriege das zaristische Rußland in umfassendster Weise durchführte, wenn es in Frankreich zum Beispiel eine neue Anleihe auflegcn wollte. Dann bezogen die großen Pariser Blätter ihre „kleinen Geschenke", die die Freundschaft erhalten sollten, und die nach dem Sturz des Zaren von der Sowjetregierung ganz genau veröffentlicht worden sind. Das rief in den Pariser Zcitungsredak- tionen einige peinvolle, aber energisch totgeschwiegene Empfindungen hervor. So etwas lohnt sich auch heute; der Rüstungsindustrie geht es in diesem Jahre der Abrüstungskonferenz glänzend, und die größte Waffenfabrik der Welt, Schneider-Creuzot in Frankreich, hat jetzt eine ihren Aktionären wohltuende Dividende von 25 Prozent ausschütten können. Auch die großen französischen Automobilfabriken sind stark beschäftigt, zwar nicht so sehr deswegen, weil sie besonders viele Autos verkaufen, sondern weil die Tanks und die Motorisierung des Heeres gcwaltigeAnfor- derungen an die Produktion stellen. Übrigens mag es interessieren, daß unter dieser Motorisierung nicht etwa nur die Zug- und Aufklärungsmaschinen zu verstehen sind, sondern fast noch mehr die Transportmittel für die Infanterie, „zwecks rascher und geheimer Konzentrierung von Truppen und Material", wie der französische Luftfahrtminister ein wenig aus der Schule plauderte. Deswegen wurde das Straßennetz in Oftfrankreich noch mehr ausgebaut, als es früher schon war; denn „die geheime Konzentrierung könne den Gegner überraschen". In kleinem Maßstab, aber doch entscheidend, haben wir Deutschen dies in der Schlacht an der Marne 1914 erlebt.
Aber ehe das Rheinland endgültig von den Franzosen geräumt wurde, mußten wir uns verpflichten und es ausführen, daß in der Pfalz eine doppelgleisige Eisenbahn zu einer eingleisigen abgebaut wurde, weil sonst der militärische Aufmarsch Deutschlands zu schnell vor sich gegangen wäre! Und jede Bahnhofsrampe wurde geprüft, ob sie nicht etwa so lang war, daß man auf ihr einen Truppentransportzug hätte ausladen können. In diesem Falle mutzte sie verkürzt, meist aber überhaupt beseitigt werden, übrigens möchte man jetzt bei dem Kampf um die deutsche Gleichberechtigung etwas lauter auf die entmilitarisierte Rheinlandzone hinweisen; in dieser Bestimmung liegt ja das Verbot, jedes, auch das kleinste militärische Verteidigungsmittel für dieses Land bis auf 50 Kilometer rechts des Rheins zu schaffen. Im Hinblick auf die Ausgestaltung der modernen Kriegsrüstung besonders in Frankreich ist eine solche „entmilitarisierte" Zone kein militärisches Hindernis, sondern nur die Schikane der „Sieger". Sie haben ja übrigens auch dafür gesorgt, daß unserer Ostgrenze die vorbereitenden Feld-Verteidigungsstellungen genommen wurden.
Gerade im „polnischen Korridor" aber wird in letzter Zeit mit besonderem Eifer an der Aufstellung und Organisierung einer „Großen Reservearmee Pommerellens" gearbeitet. All die zahllosen militärischen Verbände von den „Legionären" über den Verband der Eisenbahner „zur Vorbereitung für die Landesverteidigung", den Aufständischen und Gymnasiastenvereinen „Sokol" bis zu denJungmänner- und Pfadfindervereinen und dem Feuerwehrverband haben sich zu-
Die vom Herdehof.
Roman v. Henriette Brey,
Copyright Ly Romandienst „Digo" Berlin-Schmargendorf.
17) (Nachdruck verboten.)
Aber es waren immer nur" Ratten. Zu einem Brief hatt« ter sich bisher noch nicht aufschwingen können. Das konnte map nicht verlangen! Briefschreioen war seine starke Seite nicht
Der Pflug schien ihm leichter zu regieren als die Feder.
Und dann war ja noch ein liebes blondes Mädel da, di« wartete ... ja, da ging's eben nicht anders, da mußte er sick schon mal zu einem Brief hinreitzen, wenns auch saure Arbeit war und ein merkwürdiger Liebesbrief wurde.
Nach dem Heidehof also kamen nur Karten. Und jede Satti begann unweigerlich: „Teile Euch mit, daß ..."
Annemarie lachte. „Teile Euch mit — teile Euch mit! Er kann doch mal wat andres schreiben! Erlebnisse erzählen uv sowat. Der Bernd weiß doch auch rein nix zu sagen!"
Und sie schrieb beim nächsten Paket, Bernd solle doch auch mal so einen richtigen, ausführlichen Brief schreiben! Dann könne man den Nachbarn auch mal was erzählen. Der Pete, Sfenpott vom Weidenhof, was doch bloß ein einfacher Knecht sei, habe allein fünf Franzosen gefangen und sei zum Unter» offizier befördert worden. Und ihr Wilhelm habe von einem Patrouillengang geschrieben! Der.Bernd erlebe doch auch wohl was Besonderes."
Bereitwillig schrieb nun Bernd einen wahrhaftigen Brief, Und der lautete:
„Teile Euch mit, daß ich Annemarie ihr Paket erhalten habe. Und erleben tun wir hier nichts Besonderes als totschießen und totschlagen. Und für Patroillengänge und so, da können sie mich nicht für brauchen. Ich wär nicht sacht« genug. Aber beim Dreinhauen, da bin ich immer vorne an.
Es grüßt Euer Bernd."
Annemarie warf halb lachend, halb ärgerlich den tnhaü- Lchen „Brief" auf den Tisch.
Der Vater schmunzelte. Ja, das war sein Junge! So recht seine Art! Nicht viel Worte und unnützes Gefasel. Aber seiner Mann stellen, wo es galt!
Gertrud sagte nichts. Sie hatte ihre zur Faust gebaute Hand, über die ein Strumpf Annemaries gezogen war — mit gähnenden Löchern, die wie hungrige Mäuler gestopft werden wollten — in den Schoß sinken lassen und schaut« forschend zur Mutter hinüber.
Die saß und ftrtd) behutsam den Brief wieder glatt. Hatt« ihre abwesenden Augen und streichelte immer wieder wie liebkosend über das Papier.
„Min Junge!" murmelte sie.
Und Gerta wußte, wen sie meinte.
Sie wunderte sich nicht, daß die Mutter weniger Sorg« ton um M treuen £^n<J)et.ibt.ni*J&mme^
fammengefötcffenr^^titM^ nicht gerade mit Holzgcwehren, Feuerwerkskörpern und Tankattrappen? Neben diesem als „ziviler Grenzschutz", der übrigens ganz offiziell als militärisch anerkannt ist, besteht in Polen die Föderation der Vaterländischen Verbände, nämlich 26 Militärbünde mit 400 000 Mitgliedern, die in jeder Wojewodschaft ein Infanterieregiment und eigene Kavallerie aufstellen; und dann „zwecks militärischer Vorbereitung", straff organisiert und ebenso modern bewaffnet wie die Armeen selbst, der Schützenvcrband mit 300 000 Mitgliedern. Ebenfalls staatlich anerkannt ist übrigens die Leibgarde Pilsudskis; selbstverständlich trägt dieser Wehrverband auch Uniform. Der Name sagt weniger als der eigentliche Zweck; denn dieser ist eine
Aus Hessen-Nassau und Nachbargebieten
Merkblatt für den 3. Dezember.
1857: Der Bildhauer Chr. Daniel Rauch in Dresden gest. — 1888: Der llniversitätsmechaniker Karl Zeitz, Gründer der Zeitz-Werke, in Jena gest.
Was bittest du von diesem Tag, — Daß er dir freundlich geben mag: — Gedanken, die im Großen ruhn — Und eine Wohltat, still zu tun. Eulenberg.
Wetterbericht.
Eine Tiefdruckstörung, die in der Nacht zum Freitag unser Gebiet überquert, bringt uns stärkere Bewölkung, aber nur unwesentliche Niederschläge. Die darauffolgende Besserung wird aber nur von kurzer Dauer sein, da über Großbritannien bereits ein neues Luftdruckfallgebiet erschienen ist, das voraussichtlich mit großer Geschwindigkeit ostwärts ziehen und neue Eintrübung mit Regen bringen wird. — Vorhersage bis Freitag abend: Wolkig bis aufheiternd, später wieder neue Eintrübung mit Regenneigung, im ganzen mild, westliche Winde. — Witterung's- aussichten für Samstag: Unbeständiges Wetter mit zeitweiligen Niederschlägen, auffrischende Winde aus West bis Nordwest.
* Fulda, den 2. Dezember 1932.
Oie Schutzpatronin der Artillerie.
Zum Barbaratage (4. Dezember).
Die von der Artillerie haben ihre eigene Schutzpatronin: es ist die heilige Barbara, deren Gedächtnistag ■*^er 4. Dezember ist. Barbara heißt „die Fremde": so -nannte man die fromme Frau, weil sie „in einem fremden Lande", in Kleinasien oder Ägypten — genau weiß man das nicht —, lebte und daselbst von ihrem eigenen Vater wegen ihres Bekenntnisses zum Christentum nach grausamen Martern enthauptet wurde. Der Vater wurde unmittelbar nachher vom Blitz erschlagen. Aus diesem Grunde wird die heilige Barbara bei Gewittern angerufen. Was aber hat sie mit der Artillerie zu tun? Es ist dazu sagen, daß sie ursprünglich die Schutzheilige auch anderer Kriegsleute war und daneben noch die Patronin der Waffenschmiede und der Bergleute, und das darum, weil alle diese Menschen mehr als andere Menschen von einem schnellen und plötzlichen Tode bedroht sein sollen. Waffenhandwerk und Grubenerplosionen können, wie man weiß, gefährlich werden, und da auch Barbara eines unerwarteten und raschen Todes gestorben ist, war die Beziehung hergestellt. Die bildende Kunst gab denn auch der Heiligen ein Schwert oder gar moderne Kanonenläufe als Hauptsymbole, und aus französischen Kriegsschiffen heißt noch heute die Pulverkammer „Sainte-Barbe" (Heilige Barabara), was darauf hindeutet, daß sie dem Schutze der Heiligen empfohlen ist.
Viel freundlicher lauten andere Dinge, die man mit der heiligen Barbara in Verbindung bringt. In Süddeutschland und in Österreich, aber auch noch anderswo, ist
um' den ausgestoßenen, gestrandeten! Die verlorenen Söhne sind es ja zumeist, um die Tränen fließen und Herzen zer- martert werden!
Ewiges Geheimnis der Mutterliebe, die sich stets den schwachen, gefallenen, kranken, dem schuldigen, hilfsbedürftigen Kinde zuwenden wird! Nicht minder lieb ist ihr das andere, pflichtgetreue. Aber dieses kann sie erreichen mit ihrer Liebe und Sorge, kann ihm Liebes tun — doch keine Brücke, kein Steg fühtt zu dem Verlorenen!
Und darum irren ihre Sehnsüchte suchend umher, wie in einem schwarzen, lichtlosen Raum uno wissen kein Ziel unk kommen klagend in der Nacht zurück und weinen: Wir haben ihn nicht gefunden, vielleicht ist er tot!...
In der großen Stube des Heidehofes sah es aus, als ob die Näherin an der Wäscheaussteuer der Haustochter arbeitete. AufTisch und Stühlen und Ofenbank lagen Leinenballer herum, Berge von Hemden, Handtüchern, Bettlacken.
Doch es war keine Näherin zu sehen, und die Hemden uni Leinentücher schienen auch keine neuen zu sein.
Nur die Bäuerin und ihre Töchter waren in der Stube Sie waren eifrig beschäftigt, Leinen auszusondern. Die Bäuerin prüfte bedächtig alle Rollen und strich wohlgefällig übei das köstliche Gewebe. Das waren ihre liebsten Schätze, die alljährlich aus Truhen und Kästen ans Tageslicht kamen unk in Sommerwind und Sonne auf grünem Rasen lagen, um von neuem schneeweiß gebleicht zu'werden.
Diese mächtigen Basten feinfädigen Gespinstes, das wie Seide glänzte, waren der Stolz des Heidehofes. Eltern unt Ureltern hatten daran gesponnen. Es überdauerte hundertmal das neumodische Zeug, das nach ein paar Wochen schon fadenscheinig war. Dies hier war solid und däftig, wie es sich für Bauernart schickte.
Keine Hausfrau trennt sich gern von ihren Leinenschätzen. Und erst recht kein Bauer öffnet leichten Herzens die wohlgefüllten Truhen zur Hergabe eines Stückes; denn das Ansehen einer Bauerntochter wird nicht zum wenigsten nach den Leinwandrollen gemessen. Aber der Krieg wirkte Wunder und stellte alles auf den Kopf.
Durste man selbstsüchtig aus gierig aufgestapelten Schätzen hocken, wo die draußen bluteten und starben?
Die man wund und zerrissen als blutige Ernte des Schlacht- feldes heimbrachte, bedurften dieser Schätze.
Allenthalben sammelten Damen der verschiedenen Frauenvereine Leinwand für die Lazarette. Und Adelheid Liesefeld die unten im Dorf ihre jungfrische Kraft in den Dienst jeglicher Liebestitigkeit gestellt hatte, war deshalb nach langer Zeil wieder einmal auf dem Hof gewesen.
„Die Brinkhofers Trina hat vorige Woche einen großen Ballen Leinwand gebracht, den ihre Großmutter noch selbst gesponnen hatte," sagte Adelheid lächelnd, denn sie kannte ihre Lepte. „Da haben die Damen aber Augen gemacht. Denn so'n ganzes Stück geben, das tut schon nicht jeder. Kann es auch
voVe^kuMldung Mi SMetzen, Felddienst, WsDÄvesen usw. Und wenn man über die Südostg?enze blickt, dann sieht man dort die tschechischen „Sokols" mit ihren rund 650 000 Mitgliedern, für deren Ausbildung das eben über Polen Gesagte gleichfalls gilt. Hier finden dann, um die Schlagkraft zu erhalten, unter Leitung aktiver Offiziere und Unteroffiziere des öfteren übun gen statt.
Wenn man sich also in Genf so eifrig an den deutschen „Wehrverbänden" rièb, dann könnten sich die Herren dort noch schneller beruhigen, wenn auch sie einmal darauf blicken würden, wie es in dieser Beziehung rings um Deutschland aussieht?
es Brauch, am Barbaratage Wacholder- oder Ebereschcn- zweige abzureißcn und sie als „Barbarazweige" in Wasser auf den warmen Ofen zu setzen, damit sie zu Weihnachten grün werden. Um die Weihnachtszeit, und zwar am zweiten Weihnachtstage oder zwei Tage später, am Tage „der unschuldigen Kinder", hier und da aber auch erst zu Neujahr oder am Dreikönigstage, finden diese „Barbarazweige" eine ganz eigenartige Verwendung: man braucht sie nämlich zum „Pfeffern", das dem in Norddeutschland zu Ostern gebräuchlichen Schlagen mit der „Lebensrute" entspricht. Kinder werden von ihren Eltern geschlagen, Eltern von den Kindern, Mädchen von den Burschen, Burschen von den Mädchen, und das alles am frühen Morgen, wenn alle noch im Bett liegen. Diefes Schlagen mit den Barbarazweigen soll Gesundheit und Gedeihen verheißen, weshalb an manchen Orten sogar das Vieh „gepfeffert" wird. Die Menschen werden für den Liebesdienst des „Pfefferns" mit Pfefferkuchen belohnt. Möglicherweise rührt der Pfefferkuchen, auch Lebkuchen (Lebenskuchen) genannt, von diesem Gebrauch her; in Bayern nennt man, die Lebensrute noch jetzt „Pfeffergerte", und der neben dem Pfefferkuchen verabreichte Branntwein heißt „Pfefferlesbranntwein". Und da der Wacholder früher auch Quickholder genannt wurde und die Eberesche Quicke, so nannte man die kraftverleihende Lebensrute auch Lebenserguicker oder Lebenserfrischer. Wir aber sagen einfach „Barbarazweige", und es wäre interessant, wenn man erführe, ob auch die schwere Artillerie sq poetisch denkt!
Silberne Hochzeit.
Am morgigen Tage, dem 3. Dezember, begehen Herr Justizoberinspektor W. Fehling und seine Frau Gemahlin das Fest der silbernen Hochzeit.
Fleischverbilligung.
Vom Städtischen Wohlfahrtsamt wird mitgeteilt: Die Fleischverkaufsstellen werden hierdurch nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß die Rechnungen über die eingelösten Abschnitte Nr. 1, 2 und 3 bis spätestens zum 9. Dezember d. K eingereicht sein müssen. Verspätet eingehende Rechnungen können nicht mehr beglichen werden. Außerdem wolle darauf geachtet werden, daß die Abschnitte den Firmenstempel der Verkaufsstelle sowie das Datum des Einlösungstages tragen müssen.
27. Rhönturntag.
Am Sonntag, den 4. Dezember, findet nachmittags 3 Uhr in der Hauptwache der 27. ordentliche Rhönturntag statt. Der Rhönturnfestausschutz, der auf der Wasserkuppe Eigentum besitzt, auf dem alljährlich das Rhönturnfest stattfindet, besteht aus den beiden hiesigen Turnvereinen Turngemeinde 1848 und Turn- u. Fechtklub 1888, sowie aus dem Turnverein Gersfeld. Jeder Verein der Deutschen Turnerschaft ist stimmberechtigt, wenn er an den letzten beiden Rhönturnfesten teilgenommen hat.
Na, was die Brinkhofers konnten, das konnten die Heidgers erst recht! Die ließen sich nicht lumpen, das braucht keiner zu denken!
Und die Bäuerin versprach, mal Umschau zu halten.
Gertruds Augen hatten schon seit der Freundin Eintritt unruhig gebrannt. Und endlich fiel von der Mutter Lippen di« Frage, die Gertrud nicht aussprach: „Wie geht es Richard?"
„Danke. Er ist noch gesund und heil. Es muß furchtbar doe! zugehen. Richard schreibt selten. Er findet kaum die Zeit dazu Die Aerzte stehen bis in die Nacht hinein am Operationstisch."
„Aber er ist doch wenigstens nicht in Gefahr," warf Gertrud anscheinend gleichgültig hin.
'Adelheid zuckte die Achseln. „Natürlich nicht so sehr wie die da vorn, Gerta. Aber ohne Gefahr ist keiner! Neulich mußten die Unsern einmal zurück; das kam so unerwattet, daß nicht schnell genug die Verwundeten weggeschaft werden konnten und das Lazarett noch in feindliches Feuer geriet. Sieben arme Soldaten und ein Arzt wurden von den Granaten zerrissen! Und einmal warfen die feindlichen Flieger Bomben, von denen eine das Feldlazarett traf... Fünf Tote! Sa, der Krieg ist grausig!" 1
Sille schwiegen. Gertruds dunkle Augen starrten groß und erschreckt.
Adelheids Blicke gingen langsam durch das Zimmer, das so viele Erinnerungen weckte.
In das Schweigen klang Frau Heidgers Stimme.
„Ob er . . . Weißt du, ob . .. Ich meine, ob Richard auch schon mal Bekannte getroffen hat? Nein, Bernd steht ganz wo anders, das weiß ich. Aber sonst... es könnte doch mal sein — geht oft so furios zu ... im Krieg. Treffen sich manche .. /'
Die andern verstanden augenblicklich, an wen die Mutter dachte, wohin die Sorge der Mutter schon wieder lief. Und das Zittern ihrer Stimme verriet so unausgesprochenes Leid.
Gertas Kopf senkte sich. In Adelheids Augen trat ein Mitleid. War auch hier eine Wunde, die blutete? Sich nicht schloß? Hatte die Familie sich denn nicht losgesagt von dem — dem .. .?
Aber dies war die Mutter —1 das sagte alles!
Sie wußte jetzt: die Seele dieser Frau schrie nach ihrem Kindel Dieser Frau konnte sie das Schwerste abnehmen, wenn sie gestand: „Er lebt! Er ist nicht untergegangen. Ich selbst habe chn in Münster auf Atemzugslänge gesehen!"
Bisher hatte ihr Mädchenstolz ihr die Lippen versiegelt. Aber nun, wo die Mutter um ihn litt . . .
Das Wort, das schon auf Adelheids Lippen stand, wurde nicht ausgesprochen. Denn ihre wandernden Augen trafen auf eine leere Stelle an der Wand ..
Da hatte früher ein Bild des flotten Studenten gehangen. Es hing nicht mehr dort.
Sogar fein Bild haben sie weggetan! Er ist ausgclöfcht bei ihnen. Ich habe mich also geirrt! dachte sie und preßte die Livven zusammen.
(Fortsetzung folgt.)
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