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Ä tlntertmltungsblattè

Sturm von Ost.

Eine Vision von Vergangenem und Kommendem, erzählt von F. Gebhardt.

Düster wuchtet Burg Crossen über dem Ufcrrand des Oderstromes. Breit, mit schäumenden Wogen flutet er vorüber, hochgeschwollen von der Schneeschmelzc im fernen Gebirge. Um die Weidenbüsche am Uferrande schimmert cs goldgrün, rote Ahnung nahenden Lenzes; aber noch verhüllt schwarzes Gewölk den Himmel. Wild tost der Sturm. Von Ost her. Trägt er die Wetter mit sich, lodernde Flammen eines Weltenbrandes, der Untergang droht allem, was auf seinem Pfade liegt? Wie Hilfeschrei gellt es aus dem Wogen- rauscheu. Klirrt der Kampfruf auch aus dem Hufschlag, dem Nossewiehern, dem Wafscnklang, der eben Den Burghof durch- dröhnte?

Bis hinaus in das dämmerige, niedrige Frauengemach dringt der Lärm der Waffen, der Wellen und Winde wohl nicht. Tief in Gebetsandachk versunken kniet die Herzogin Hedivig vor dem Bilde des Gekreuzigten. Im härenen Ge­wand, wie sie erträgt, seit sie Witwe geworden. Schon vorher war ihr sinn weltabgewandt, ihre Seele erdenfern. Erdenirückl leuchtet auch letzt ihr Auge aus bleichem Ant­litz. Wie das einer Seherin, die da lauscht und Dinge schaut, die den andern verborgen sind. Schaut sie, lauscht sie, was die Stimmen der Winde und Wasser, der leise klirrenden Waffen künden wollen? Künftiges Geschehen, dräuendes Unheil — herrlichste, erhabenste Opfertat? Grausen tritt in ihren Blick, der sich schließt, und wieder sinkt sie nieder, und lautlos murmeln die Lippen im Gebet: „Herr, nicht wie ich will — Muß es sein, das heilige Opfer, auf daß Dein Reich gerettet werde, Dein Wille geschehe!"

Stumm, reglos liegt sie lange. Bis hinter ihr leise die Tür^sich in den Angeln dreht. Ein Gewappneter steht auf der Schwelle. Den Helm hat er vom Haupt genommen. Es neigt sich in Ehrfurcht vor der Frau, die sich langsam auf­richtet und ihm entgegensieht. „Zürne mir nicht, o Mutter, daß ich Deine Andacht störe! Nichts Geringes ist, was mich in dieser Stunde hertreibt."

„Und was ist's, das Herzog Heinrich von Schlesien von der Witwe dessen begehrt, von dem er sein Herrentum erbte?"

, Deines Segens, Deines Gebets Kraft, Du Fromme! Williger als anderem Gebet neigen sich dem Deinen die himmlischen Fürbitler. Ter Hilfe, der Kraft von oben wie durch uns selber bedürfen wir, bedarf der Herzog zumal, der Führer in dem Kampf, den wir durchkämpfen müssen."

Frau Hedwig hebt die Hand: „Ich weiß, ich kenne die Not die Dich hertreibt." Da bricht es wie Schrei von seinen Lipven: „Die Not des Abendlandes, die Not der Christenheit. Furchtbar droht die Gefahr, die sich von Ost auf Flügeln des Sturms heranwälzt."

Sie unterbricht ihn: „Ich sah ein gräßlich Gesicht im wachen Traum. De» Ostens Sracbe reckte sich auf mit 'icncyeâm Zahnen Wettet und Brodem brachen aus leinem Rachen. Gelbichwar; stierte lein fratzenhaft Antlitz, ge­waltig ringelte sich iem Schweif, dräuend hob er die Tatzen und 'chlug die Krallen tiet tn den Grund. Sturm und Feuer war 'ein Aicm Vernichtung wurde allem, was er traf." Im emporgewandien Antlitz steht wieder das Grauen. Der Mann vor ihr Narrt Dufter vor sich hin: „Tu sagst es, o Mutter. Ter Drache des Ostens, die Söhne, die Erben des Tschingis- chan die Dämonen des Abgrunds — es geht um's Letzte — der Antichrist ist los!"

Das Grauen tn Frau Hedwigs Zügen wandelt sich zu begeistertem Ernst: „Ter Antichrist ist los. Er führt seine Scharen wider die Kinder deS Herrn. Aber GotteS Engel werden mit denen tetn beim gewaltigen Endkampf. Sie 'ahren im Sturme daher auf rauschenden Schwingen, und ihre Polaunen dröhnen: .Wachei auf, Ihr alle, die Ihr Christi Namen tränt! Wappnet Euch tm Glauben und Ein­

Lernen Sie einmal Ihr Kind näher kennen!

Wann schreit es am liebsten? — Nahrung löst das erste Lacher aus. — Teuselssratzen interessieren durchaus nicht.

Von Karl Albrecht Reuter.

Es ist nun einmal der Zug der modernen Wissenschaft, Dinge zu erforschen und zu untersuchen, die uns bisher so selbstverständlich erschienen, daß wir uns keine Gedanken dar­über machten, ob unsere Meinung in diesem Punkte richtig war oder falsch.

Galt es nicht jeder jungen Frau als ganz selbstverständ­lich, daß ihr kleines Kind, im Arm getragen und liebkost, sie deshalb anlacht, weil es' das glücklich lächelnde Gesicht der Mutter erkennt? Die Wissenschaft ist heute anderer Ansicht. Sie erklärt, das Wahrnehmungsverniögen des Kindes — seine fünf Sinne — sei bei der Geburt noch längst nicht völlig ent­wickelt. So soll die Verbindung zwischen Auge und Hirn noch nicht ausgenommen oder das in Frage kommende Nerven- und Muskelshstem noch so wenig eingespielt sein, daß ein zwei Monate altes Kind von den Vorgängen in seiner Umgebung nod) nichts sieht. Angeblich erscheint das Gesicht der Mutter dem werdenden Erdenbürger in diesem Alter nur als undeut­licher Schatten, und höchstens blinkende Gegenstände wie Brillengläser, funkelnde Ohrringe, eine Halskette mit einem Brillanten heben sich für das kindliche Auge vom dunklen Hintergrund ab.

. . In letzter Zeit haben hier und dort Universitätskliniken lystematische Untersuchungen über Entwicklung und Gebaren einer größeren Zahl gleichaltriger Kinder angestellt. Die hierbei gemachten Feststellungen sind interessant, wenn auch nicht immer angenehm für die stolze junge Mutter. Erkennt das zwei Monate alte Kind die mütterlichen Gesichtszüge noch durchaus nicht, so weiß es doch sofort, wann die Nahrung in seinen Ge­sichtskreis tritt. Dem Essen gilt das erste Lachen. Von der achten bis zur elften Lebenswoche ist die Nahrung das einzige, was dem Kinde sichtliches Vergnügen bereitet. Erst von der zehnten Lebenswoche ab ist es auch für andere erfreuliche Ein­orücke empfänglich, so vor allem für das Lachen der Mutter, das es nachzuahmen versucht. Eine Woche später beginnt vor­sichtiges Kitzeln die Lachnerven des jungen Erdenbürgers zu reizen, und von der vierzehnten Woche ab streckt das Kind unter freudigem Verziehen des Mundes seine Händchen nach blin­kenden Gegenständen aus.

In wie geringem Maße das, was ein nur wenige Monate altes Kind sieht, sonst auf sein Empfinden einwirkt, zeigt ein ganz einfacher Versuch. Ein junger Erdenbürger wird eine häßliche Teufelsfratze, die sich ein Erwachsener vor das Gesicht hält, ohne jedes Zeichen des Erkennens betrachten und dabei teilnahmslos bleiben, um sich schließlich uninteressiert abzu- wenden. Sobald aber die Person hinter der Fratze plötzlich einen ungewohnten Laut, vielleicht ein Bellen oder Brüllen hören läßt, fängt daö Kind zu weinen an. Dar Gehör ist also

heit! Der arge Femd, der' Antichrist ist los? Wehe Dir, Christenheit, wehe Dir, Abendland, so Du den Mahnruf nicht hörst!" Erschöpft hält sie inne.

Herzog Heinrich aber lacht bitter auf: „Einigkeit? Des Abendlands Völker in West und Süd, die Stämme des Reiches, sie alle, die sich Christen nennen, sie hadern wider einander um Irdisches, um Besitz und Macht, um Herren­recht und Kronen. Blinde Zwietracht hetzt Bruder gegen Bruder. Jeder will für sich erraffen, soviel er nur mag. Keiner achtet der nahen, der furchtbaren Gefahr, die von Osten hereinbricht."

„Stehst Du, Herzog'von Schlesien, nicht kampfbereit tlnd gewappnet?"

„Die wir die Ostwacht halten, werden wir, wenn wir gleich zusammensteheu, deM andringcndcn Feind die Stirn bieten können, es hindern, daß er die Grenzen überflutet, sich verheerend in deutsche Gaue ergießt? Und wenn wir ihn zur blutigen Entscheidungsschlacht stellen — auf schlesischem, auf deutschem Grund wird das Furchtbare anheben, und deutsche Erde sich mit unserem Blute röten. Wird das Opfer dem Abend- laude Rettung bringen? Wurden sie nicht schon alle reif zum Untergang, zum Tage der letzten Ernte? Wehe Dir, Christen­heit, wehe Dir, Abendland, daß Du Deiner heiligen Sendung, Deiner selbst vergaßest!"

Ueber Frau Hedwigs Antlitz fliegt himmlische Ver­klärung: „Nicht sollst noch darfst Du zagen, Schlesiens Herzog, Wächter im Ost! Denn Du bist erwählt und berufen, den Drachen zu bezwingen wie einst der fromme Ritter Georg. Sankt Michael und seine Helfer sind mit Dir. Ströme des Lprerbluteë werden fließen, auch Deines. Doch nimmer ver­gebens. io Tu ausharrest. Umkehren muß der Antichrist, denn des Ewigen ist der Sieg. Die Völker der Christenheit, des Abendlandes werden aufatmen, weil Tu sie sterbend errettet hast. Knie nieder, Heinrich, mein Sohn, daß Deine Mutter Tich legnend zum Lpferlod für Deutschlands, der Christenheit Sache weiht! Bleibe stark, Wächter im Ost, Retter Der Deinen!"

Erichütlert kniet Herzog Heinrich. Segnend legt die Mukierhand sich auf sein Haupt. Dann schreitet er stumm hinaus. Im Burghof IchaUi es aufs neue von Gewieher, Hunchlag und Waffenklirren, das Tor fällt zu, Die Zugbrücke nieder. Tann wird es still. Nur der Sturm, der Wvgen- drang von Osten hei füllt Die Luft mit Brausen. Bringt er Den Frühling und neues Leben, der Sturm von Ost? Bring! er Vernichtung und Untergang?

jytau Hedwig steht und lauscht und späht vor sich hin. Klar 'chwebi vor ihr das Bild dessen, was tn naher Zukunft kommen wird, als unentrinnbares Schicksal. Kampf, ent- 'cheidendei Endkampi auf deutscher Erde, auf den Gefilden der Ostmark. Ströme geopferten Bluts, auch das ihres einzigen Sohnes!

^fhre Lippen beben, ihr Auge umflort sich. Ihre Hand pretzi sich auf das Herz: „Sieben Schwerter — wie Dir, Maria. Himmelskönigin!" Und tm Stoß des Oststurms er» zittern die Mauern des alten ViaftenfcWoffeS'am Oderstrom.

Die Hände.

Skizze von Victor Meyer-Eckhardt -Düsseldorf.

Hermann Schenk entstammte einer lenen alten Familien, Die 'n der Uebereinstimmung überlieferten Ranggefühls und äußerer Taseinsführung noch heute ein Gebot der Gesell- ichaflsordnung erblicken. In auskömmlichen Verhältnissen ausgewachsen, lebte der kaum dreißigjährige, von den Be- rusensteu schon anerkannte Maler mit der Mutter tn einer dürftigen Wohnung und hatte überdies tn einem anderen Viertel der Stadt eine Dachkammer zum Werkraum. In­dessen verkaufte er seit langem nichts mehr. Seit vielen Monaten waren die vollendeten Bilder dem Kunsthändler Weigelt vergeblich in Auftrag gegeben. Die einzig verbliebene

früher entwickelt als das Sehvermögen und dient zur Er­regung einer der beiden Empfindungen, die im geistigen Leben deS kleinen Kindes die größte Rolle spielen: Der Furcht, die durch jedes ungewohnte Geräusch ausgelöst wird.

Die zweite Empfindung, der Aerger, ist bisher nicht ge­nügend beachtet worden. Ein kleines Kind — wenn es normal veranlagt ist — ärgert sich stündlich. Hierzu genügt schon die vorübergehende Behinderung einer gewohnten Bewegung, das Festhalten eines Armes oder Beines. Manche Mutter weiß nicht, warum ihr Liebling, der sonst so ruhig ist, plötzlich in wütendes Geschrei ausbricht. Sie nimmt ihn auf den Arm und wundert sich, daß die Erregung nicht nachläßt, obwohl sie alle möglichen Ablenkungsversuche anstellt. Alles hat vielleicht nur daran gelegen, daß der Kleine mit den Beinen strampeln wollte und durch die zu fest gesteckte Decke daran gehindert wurde. Die Fähigkeit, sich zu ärgern — soweit hier von einer Fähigkeit gesprochen werden kann — oder sich ärgern zu lassen, erreicht im dritten Lebensjahr ihren Höhepunkt. Von dieser Zeit an nimmt sie regelmäßig ab. Es ist also durchaus kein Zeichen abnormer Veranlagung, wenn ein zwei- oder drei­jähriges Kind durch Kleinigkeiten zur Wut gebracht werden kann. Die Verärgerungsfähigkeit des erwachsenen Menschen wird die des Kindes niemals überschreiten.

Allgemein gilt die Ansicht, Frauen seien redseliger als Männer. Vergleichende Untersuchungen haben ergeben, daß diese Meinung schon durch die Kinder bestätigt wird. Denn durchschnittlich beginnen Mädchen mit achtzehn Monaten zu sprechen, Jungen dagegen erst einen Monat später. Nach An­sicht eines amerikanischen Wissenschaftlers ist biefe Zeit der ersten ernst zu nehmenden Sprechversuche für die spätere Ent­wicklung des Kindes von so großer Bedeutung, daß er allen Ernstes den Vorschlag macht, die Schulpflicht sollte mit Beginn des dritten Lebensjahres eintreten. Die Mütter werden freilich mit dieser Forderung nicht einverstanden sein.

Junge Väter sind immer der Ansicht, ihre Kinder schrien ausgerechnet dann am meisten, lautesten und hartnäckigsten, wenn die geplagten Alltagsmenschen der Nachtruhe bedürfen. Untersuchungen, die an einer Universitätsklinik mit rund tausend kleinen Kindern gemacht wurden, ergaben aber, daß die Zeit, da die jungen Erdenbürger am meisten zu lärmen belieben, um sechs Uhr morgens liegt, wenn für das Kind die Frühstückszeit gekommen ist. ....

Interessant sind die Untersuchungen, inwieweit die wirt­schaftlichen Verhältnisse im Elternhaus die spätere geistige und seelische Entwicklung des Kindes beeinflussen. Es wurde näm­lich festgcstettt, daß Kinder aus reichen, ja selbst aus nur,gut- gestellten Familien im Durchschnitt nicht gleich gute Eigen- schäften besitzen wie Nachkömmlinge weniger gut gestellter Eltern. Eine Familie, deren Vermögensverhältnisse etwas unter dem Durchschnitt für das gesamte, Land liegen, scheint diesen Untersuchungen zufolge der beste Nährboden für die Ent­wicklung guter Charaktereigenschaften im Kinde sein.

Einna^ne, eine winzige Rente" der Mutter, renkte nicht ein­mal aus, sie vor dem Hungertode zu wahren — da ent­schloß sich Hermann Schenk, durch seine Körperkraft zu ver­dienen, was ihm der Genius nicht einbringen wollte. Nach beschämendem Irren und Suchen fand er für die Nachmittags stunden eine Stelle als Packer in einer Möbelfabrik. Taz warf im Monat vierzig oder auch fünfzig Mark ab. Der Mutter brachte er dieses Geld als einen Erlös, den er durch Verhandeln von Skizzen und Zeichnungen an Freunde ge­wonnen habe, denn von seiner wahren Beschäftigung der mehr als sechzigjährigen, in fast eigensinnigem Stolze alt ge­wordenen Frau zu erzählen, erschien ihm unmöglich. Zur Sorge warb ihm der Einfall, die Aufmerksame möge von seinen Händen, die zusehends mehr die Spuren seiner rauhen Tätigkeit wiesen, sein Geheimnis ablesen können. So weilte er denn nur morgens wirklich in seiner Werkstatt und malte dort mit dünnstem Aufstrich schon eintrocknender Farben aus Pappe und Kistenholz, was ihm noch aus der Seele wollte. Den Enttourf zu einer geplanten großen Darstellung von sechs Jäterinnen auszuführen verwehrte ihm der Mangel aller notwendigen Stoffe.

Die erste Nachricht des Kunsthändlers, daß eines der kleineren Bilder für siebzig Mark untergebracht sei, erfreute ihn nur halb, weil er sich um das Wohlsein der Mutter zu quälen begann. Nichts aber verriet er ihr von seiner Angst um ihr Aussehen. Ihre Müde und Schwäche wäre nur durch bessere Nahrung zu beheben gewesen, und eben diese lehnte sie ab auch nach Dem unverhofften Verdienst. Nun malte er halbtags an dem größeren Werk. Und er hatte das Glück, daß Weigelt wohl jeden Monat ein anderes der früheren Bilder zu einem ähnlichen Preise verkaufte. Nach einem halben Jahr waren die „Jäterinnm" im Rahmen — auch dieses Bild trug er zum Händler.

Die Mutter schien ihm jetzt völlig verwandelt. Nach- lässigkenen ließ sie in der Wohnung zum Vorschein kommen, und oftmals im Abendgespräche waren ihre Antworten kurz oder sinnlos, oder sie blieben aus. Nur das Lächeln, das Mutter und Sohn zu den Tageszeiten einander zeigten, strahlte so rein wie immer. Der Gedanke, daß er sie ein­mal, und bald vielleicht, werde entbehren müssen, machte ihn vollends elend und dumps Ueberfiel ihn im Bett dieses Leid, jo wälzte er sich ruhelos für Stunden.

Am 3. Januar fand er tn Der Arbeitskammei eine neue Nachricht von Weigelt: diesesmal eine Drahtpost, die den Maler für sieben Uhr abends in die Handlung bestellte. Schenk durfte Besonderes erwarten, aber zu hoffen wagte er nicht. Als er den blendend erleuchteten Geschäftsraum betrat, hörte er die Stimme des Kunstmannes aus der Schreibstube raunen. Sogleich zog er sich tn die äußerste Ferne des Ladens zurück, weil Weigelt nicht liebte, daß seine Betreuten von seinen Bräuchen erführen. Als er wiederum Sprechen vernahm, blickte er auf. Der Händler geleitete eine Dame, die ein Paket hielt, zum Ausgang. Glich nicht jene zarte Gestalt sehr feiner Mutter? War fieKS nicht selbst?

So kam es, daß er Weigelt, sobald er ihn begrüßt hatte, zuerst nach jener Dame fragte. Der zog ungeduldig die Lust durch Die Lippen. „Ich kenne sie nicht — aber sie ist die Ab­nehmerin Ihrer Bildchen."

Schenk zuckte zusammen, doch lachte er dann schon über sich: Sein Irrtum war jetzt erwiesen.

„Viel mehr wird Sie etwas anderes interessieren", fuhr der Händler fort, „der Staat will Ihre Hüterinnen' er» werben, der Agent leider nur mit Ihnen in Person^ ver­handeln: morgen früh um zehn an diesem Ort. — Wollen Sie gefälligst dieses unterschreiben?"

Er schob einen Zettel hin: dreißig Prozent hatte sich Weigelt gesichert.

Ter Maler setzte seinen Flamen unter das Blatt.

„Daß Sie nur kräftig fordern, nicht unter zwölftausend!" Weigelt ereiferte sich. „Denn es ist ganz gewiß, daß die Leute tn Ihr Bild wie vernarrt sind."

Schenk nickte — und nickte noch immer, als ihn der Kunsthändler, der recht höflich geworden war, aus der Tür ließ.

Als er das Zimmer seiner Mutter betrat, war die Freude in ihm erst mächtig geworden. Er bemerkte noch eben, daß der Tisch ohne Speisen war, dann stürzte er sich der Frau zu Füßen und erzählte sein Glück — sie weinte lange.

Als sie sich dann aufstützte aus ihrem Sessel, um in Die Küche zu gehen, gedachte er wieder der Sinnestäuschung m dem Geschäft. Er eilte ihr nach und faßte sie beim Arm „Muller, was hast Tu heute bet Weigelt getan?" fragte er mehr aus Uebermut als tm Ernst.

Die Mutter setzte sich aus Den Holzstuhl und griff ihn bei den Gelenken. „Mein Sohn", sagte sie, „was ist Denn aus Seinen Händen geworden? Sind Tir beim Malen die Nägel zersplissen, diese Risse und Schnitte in die Haut ge» kommen?"

Er wollte ihr bestürzt die Hände entziehen — sie behielt sie nur fester und küßte sie nacheinander. „Kein Wort, Kind, laß mich zu Ende reden! — Das von Deinen Händen habe ich immer gewußt, ich wußte von Deiner Arbeit." Sie richtete sich fast heftig auf. „Aber Dein Recht war auch mein Recht. Darum tat ich guten Gewissens, was Du mit nie erlaubt haben würdest."

„Was tatest Du?"

„Soll ich lügen, wo alles vorüber ist? An den Vor­mittagen habe ich in einem Haushalt geholfen, an den llèach- mittagen in einem andern Kinder verwahrt. Mich hat es zerstreut."

„Mutter!" — wieder war er in die Knie gesunken.

„Still, Hermann! Es mußte fein. Nur indem Du Deine Bilder verkauftest, konnte ich Dir ja helfen. Ging das ohne Geheimnis?" Sie sprach aus den Schluchzenden ein m ganz klarem Ton. „Wie nanntest Du denn Dein Werk? Auch ich wollte mitjäten an unserem Leben."

Er wischte sich die Tränen aus den Augen und spayu um Die grauen Finger der Frau. „O Mutter — Du hast an meinen Händen gesehen — und ich nicht an den Demen..."

Welt und Wissen.

w. Jean Baptiste Lully, der Schöpfer der nationalen sf""Ä fischen Oper. Vor 300 Jahren, am 29. November 1632, war» in Florenz der Komponist Jean Baptiste Lully geboren. Küchenjunge kam er an den Pariser Hof, wurde, da " i musikalisch war, aus Kosten Ludwig XIV. in der Wli'fu gebildet, wurde bann Hofkomponist und bcmiinbcte eilte r nale französische Oper. Ouvertüren und Tau3 sinne 1 $ Opern I Theseus«, „Wiëfon", .Roland« " a.) würd- » außerhalb der Bühne gespielt, was in bart ^mMand Neu war und sich in der Folgezeit auch »m i übertrug.