Die SpinnstuHe.
Die beliebteste Stätte für die heitere dörfliche Lebensfreude und Geselligkeit bot früher die Spinnstube. Wervi es draußen stürmte und schneite, hier lachte dem Jungvolk Lust und Liebe, und die Spinnstube gab schönste Gelegenheit zur Anknüpfung zarter Bande. Die Spindel ist das Sinnbild der urdeutschen Göttin, der Frau Holle. Sie ist die Göttin des häuslichen Herdes und waltet über der häuslichen Arbeit des Spinnens und Webens, ist die Wächterin über die häusliche Ordnung, eine Göttin des Fleißes, des Friedens und der Liebe.
Das Spinnen war der deutschen Frau seit grauer Vorzeit eine vertraute Kunst und wurde am Fürstenhofe, im Bürgerhause und in der Bauernstube geübt. Bis in die neuere Zeit hinein war der Leinenschatz ein Stolz der Landfrauen und der Bauerntöchter. Auf dem Hoch- zeitswagen, der die junge Frau und ihre Aussteuer ins neue Heim brachte, stand im Vordergründe das geschmückte Spinnrad als Sinnbild häuslichen Fleißes und weiblicher Geschicklichkeit. So bildete das Spinnen einen wichtigen Bestandteil der ländlichen Winterarbeit, und die Spinnstube war die Stätte, in der sich die weiblichen Angehörigen eines Dorfes mit Spindel und Kunkel zu gemeinsamer Arbeit einfanden. Die Spinnstuben begannen, wenn zu Beginn des Winters im Bauernhause Licht angezündei wurde, und dauerten meistens bis Lichtmeß oder Fastnacht. Die Frauen und Mädchen kamen mit geschmückten Spinnrädern schon bald nach Mittag oder später in dem Bauernhause, das gerade an der Reihe war, zusammen. Ein kleines Dorf bildete ein einziges „Gela ch", in einem größeren taten sich die Mädchen zu mehreren „Gelachen" zusammen Ihre eigentliche Bedeutung erhielten die Spinnstuben durch die mit der Arbeit Hand in Hand gehende Pflege der Geselligkeit und der alten Volksüberlieferungen. Die landschaftlich wechselnden Bezeichnungen für die Spinnstuben und ihren Besuch deuten vielfach auf ihre Beziehungen zum geselligen Leben hin.
Im Thüringer Walde heißen der Bauer und die Bäuerin, in deren Wohnung gerade die Spinnstube stattfindet, „Lichtherr" und „Lichtfrau"; die Mädchen und Burschen werden „Spinnmäkens" und „Spinnknechte" genannt. In der A l t m a r k spricht man von einer „Spinnkoppel". Wie man heute vom „Stempelgehen" redet, so sprach man früher vom „Spinnengehen". In Schlesien und in Böhmen hatte man die „Rockenstube", in Schwaben und im E l s a ß die „Kunkelstube". Andere Benennungen, die ebenfalls vorzugsweise in Süd- deutschland heimisch sind, heben das Zusammensein am Abend, bei Licht, bei der Kerze hervor. In dem Buch von Kück und Sohnrev „Feste und Spiele des deutschen Landvolks" werden die Namen genannt: „Lichtstube", ..Lichtgang", „Lichtenabend" und „Nachtstubat". Daneben treten Benennungen, die mehr das fröhliche und trauliche Zusammensein hervorheben, wie die thüringische „Svell- stube" (von „spellen" gleich plaudern), der altbaverische „Heimgarten", die schwäbische „Hostube" (Heimstube), die elsässische „Maje" oder „Maistube" (von majen, maien gleich plaudern), das lüneburgische „Gelach" (Gelage, Gesellschaft). In Schlesien ist „zum Lichten gehen" eine verbreitete Bezeichnung jedes Abendbesuchs geworden.
In der Spinnstube wurden die Tagesneuigkeiten durchgenommen, wobei auch allerlei kleiner Dorfklatsch mit unterlief. Es wurden Geschichten erzählt, Märchen und Schnurren. Rätselraten wechselte mit Neckereien. Vor allem erklangen beim Schnurren der Räder Volkslieder und Rockenlieder. Spinnen und Singen haben gleichen Rhythmus.
Spinnen, als eine der ältesten häuslichen Arbeiten, ist mit dem Volksglauben aus der Heidenzeit noch eng verwebt; die vielen für die Spinnstuben verbotenen Tage sind heidnische Festeszeiten. Es darf nicht gesponnen werden am Donnerstag- und Sonnabendabend; jede Spinnerin muß am Sonnabend ihre Kunkel leergesponnen baden, sonst spinnen die Hexen oder sonst haspelt der Teufel am Sonntag. Im Mondschein darj man nicht spinnen, denn solches Garn hält nicht, oder die
SUnneMt "Mmrf M Lelnivanks zu Mrem MchentlM In der Spinnstube bekritteln die Mädchen gegenseitig ihre Spinnarbeit. Wie ein Mädchen den Hanf spinnt, einen solchen Mann bekommt sie; spinnt sie immer nur wenig: einen kleinen; spinnt sie viel: einen großen; spinnt sie dick: einen dicken usw. Das Ausraten und Prophezeien des „Zukünftigen" ist zu allen Zeiten der Mädchen liebster Zeitvertreib gewesen und wird es auch bleiben — trotz Schreibmaschinen und Wahlrecht!
Die Spinnstuben stehen in innigem Zusammenhang mit dem Dorfleben. Wenn ihnen auch die neuere Kulturentwicklung starken Abbruch getan hat, sie sollen nicht verschwinden. Mögen die dörflichen Evastöchter spinnen oder stricken, häkeln oder sticken — ihre heiteres Lachen ist dem Landleben heute nötiger als je. Das Lachen ist des Lebens liebstes Kind. Frauenlachen erhellt auch des sorgenernsten Mannes Leben und Haus.
Wie aü ist das Auio?
Die Erfindung des Autos — das kann doch noch gar nicht so lange her sein! denken viele, und dann erzählen ältere Leute, wie, teils zur Verwunderung, teils zum Gaudium des Publikums, die ersten Automobile, die ein bißchen vorsintflutlich aussahen, durch die Straßen fuhren, und wie lange es dauerte, bis man sich an diese „neue Erscheinung" im Straßenbilde einigermaßen gewöhnt hatte. Und die Leute, die das erzählen, brauchen durchaus nicht so furchtbar alt zu sein, denn die Sache liegt erst ein paar Jahrzehnte zurück. Und nun erfährt man ganz plötzlich, daß das Auto nicht ein paar Jahrzehnte, sondern schon ein paar Jahrhunderte, ja, richtig genommen, schon ein paar Jahrtausende alt sei, und daß wir das bloß nicht so richtig gewußt haben.
Im Reichsbund Deutscher Technik legte der Ingenieur Jsendahl kurz und bündig dar, daß sich die Anfänge der mechanisch bewegten Wagen bis in das Jahr 185 n. Chr. zurückverfolgen lassen, so daß das „Auto" nach ein paar hundert Jahren seinen 2000. Geburtstag feiern könnte. Nur daß zwischen „Auto" und „Auto" immerhin ein kleiner Unterschied ist. Die ersten Wagen, die durch eine Maschinerie in Bewegung gesetzt wurden, hatten so geringe Bedeutung, daß sich kein Mensch um sie kümmerte, und daß zwölf oder dreizehn Jahrhunderte vergingen, ehe in der Kulttirgeschichte wieder einmal von mechanischen Wagen die Rede sein konnte. In England und in Holland gab es so was bis ins 18. Jahrhundert hinein, und zwar wurde das „Auto" von damals so betrieben, daß sich einer in den Wagen hineinsetzte und an einem Mechanismus herumwirtschaftete. Irgendeine praktische Bedeutung hatte das aber nicht. Die richtigen Vorläufer und Ahnen unseres Autos waren erst die Dampfwagen, die vor hundert Jahren, also zur Zeit der ersten Eisenbahnen, in England auftauchten und die Straßen unsicher machten, so daß man sie für ebenso gefährlich hielt wie Schienenbahnen. Die Folge davon war, daß die Behörden den Autos eines Tages befahlen, in Ortschaften mit einer Geschwindigkeit von nur zwei englischen Meilen in der Stunde zu fahren, während sie auf offenen Strecken bis zu vier englischen Meilen ausholen durften.
Eine Autofahrt in solchem Schneckentempo hatte natürlich keinen Zweck, und so schlief die Automobilindustrie von damals allmählich ein, um erst durch die deutschen Erfindungen von Daimler und Benz zu neuem Leben erweckt zu werden. Das wurde dann hie Automobilindustrie, wie wir sie kennen, das Auto unserer Tage, an dessen Anfänge sich die bekannten „älteren Leute" noch so gut erinnern.
„ Gedanken.
Von Richard vonSchaukal.
Die einen legen Träume aus, andere begründen sie.
*
Urteilen heißt: das Wahre vom Schein unterscheiden.
Schlechtigkeit ist Willensschwäche.
Vermischtes.
= Kein schlechter Gedanke. Kürzlich ereignete sich in einem niederbayerischen Orte ein nettes Stückchen. Eine Hausfrau hatte für den Mittagstisch eine Eans geschlachtet. Sie besuchte den Vormittagsgottesdienst und beauftragte den Mann mit dem Kochen. Damit aber der Mann während ihrer Abwesenheit kein Stück verzehre, nahm sie das künstliche Gebiß ihrer Ehehälfte mit in die Kirche. Das war die beste Gewähr, daß der zurückgelassene Koch mit dem Essen auf die Rückkehr seiner Frau warten mußte.
Vücherecke.
Deutsche Not im alten Reich. Roman von Leonhard Kraft. Kl. 8°. 192 S. in Ganzleinen 2,50 RM. Verlag des Evangelischen Bundes, Berlin W. 35.
Mit diesem geschichtlichen Roman aus der Zeit Gustav Adolfs wird uns ein gutes Buch beschert. Es steht mit Sinn und Recht unter dem Vorspruch:
Ihr, die ihr wandelt im ewigen Licht, segnet die Streiter in Nacht und Graus.
Historische Geschehnisse und Gestalten reden zu uns wahr und echt, wie „der Heerkönig des Evangeliums" „gegen Habsburgs Tyrannei und für ein neues deutsches Reich der Glaubensfreiheit" stets neue Kämpfer gewinnt. Denn das ist das Besondere dieses Buchs: Der König tritt nur wenig hervor- umso schärfer kommt ans Licht, wie er auf seine Zeitgenossen wirkt, wie deutsche Protestanten von Fleisch und Blut in seiner Gefolgschaft für Evangelium und Deutschland stehen und streiten, wie in diesen Getreuen „der Retter der evangelischen Sache die Wacht am Rhein gegen Habsburg und den Westen" hält, wie er den Versucher verjagt, der ihn bereden will, „um den Preis des linken Rheinufers die römische Kaiserkrone von Frankreichs Gnaden zu nehmen", wie der Protestantismus unter Gustav Adolfs Führung sein gut Regiment wider die Komplotte der Klerisei und wider die Ränke der Diplomaten in der Hand hat, wie er aus protestantischem Glauben in gerechter Parität den deutschen Staat baut und Kirchen gestaltet, die lutherische, die reformierte, ja auch die katholische schirmt. Dabei bleibt das Historische nie reine Historie. Aus dem Geschehen da vor unseren Augen wrd das evangelische Volk deutscher Nation von heute erkennen, was ihm nottut. Erfüllen soll sich an uns und durch uns, was einer der Haupthelden, Lutz Frommhold, „der ehemals teutsche Schulmeister in der löblichen Reichsstadt Windsheim an der Aisch, jetzo der Königlichen Krone Schweden bestallter Wachtmeister im Regiment Hohendorf" zum Schluffe spricht: „Evangelisch und deutsch sind die Jungen geboren, um deutsch und evangelisch zu sterben! Schande und Vergessen über sie, wenn es je aus ihrem Gedächtnis schwindet!"
Das Buch, in einer kristallklaren Sprache, mit einer stets sich steigernden dramatischen Wucht geschrieben, das Werk eines Mannes, der mit dem Sehen des Historikers das Schauen des Künstlers verbindet, sei dem deutschevangelischen Hause (auch den anderen würde es nicht schaden!) aufs wärmste empfohlen.
Unser Landsmann Leonhard Kraft Isaf mit seinem historischen Roman „Deutsche Not im alten Reich" uns Hessen und unseren Nachbarn eine besondere Freude bereitet. Spielt doch die Erzählung außer in Windsheim, in Sulzbach und dem kurmainzischen Erfurt besonders in Mainz. Und da kennt sich der Verfaffer vortrefflich aus. Denn 'er ist selber Mini die MaiuD
Gaffen und ihre Geschichte so gut wie kaum einer. Der Mann, der über Gustav Adolfs protestantische Politik auf Grund eingehender Forschungen Neues und Gutes gebracht und das alles in der vortrefflichen Schrift „Gustav Adolf in Heffen" niedergelegt hat, ist uns ja auch durch die scharfe Feder, die er im Dienst der Wahrheit gegen die Gegner des Schwedenkönigs und des Protestantismus überhaupt führt, kein Fremder. So freue ich mich, sein vortreffliches Buch ganz besonders den Hessen und ihren Nachbarn empfehlen zu können.__Berck.
Vom Heidgershof verstoßen zu sein, das dünkte Bernd die härteste aller Strafen.
Auch Annemarie war milde gestimmt.
„Er hat sich gewiß die Hörner abgelaufen. Mit der Zeit kriegt der Wildeste Verstand," meinte sie.
Von der schlimmen Wechselgeschichte wußten die drei Geschwister nichts.
_ Die Mutter aber fand keine Ruhe. Wo alle stolz auf ihre Söhne waren, ihnen alles zuliebe taten, sollte er allein aus- gestoßen sein, keine Heimat haben?----
Da war einer der Knechte, der Hannes, ein schlanker Bursch mit offenem Gesicht, der seit seiner Schulzeit aus dem Hof war. Der hatte auch in Bonn gedient, kurze Zeit nach Clemens.
Ob sie den vielleicht fragte? ...
Sie packte dem Hannes ein besonders großes Paket. Konnte gar nicht damit fertig werden und hatte immer noch etwas zu verstauen. Bis diè andern ungeduldig schon vorangingen.
Endlich aber war's getan. Die beiden waren allein in der großen Küche.
Gerührt dankte der Bursche.
„Also vergelt? Gott vielmal, Bâuerinl Wenn meine Mutter noch lebte, die hätt' wahrhaftig nicht besser für mich sorgen können."
Sie hielt seine Hand fest und sagte gepreßt:
„Hannes, wie deine Mutter will ich weiter für dich sorgen. Denk', daß du hier deine Heimat hast. Aber ... ich habe eine Bitt'. Wenn du — es könnte ja sein ... vielleicht trifft du — unseren Clemens .. . Ich weiß nit, wo er is, aber wenn er noch im Land is — wat meinst du, kommt er dann zu seinem Regiment? Ob sie ihn wohl finden?"
Der Knecht sah an ihr vorbei in unbewußtem Zartgefühl. Er empfand, was hier ein Mutterherz und ein Bauernstolz litt.
„Sicher, Bäuerin! Der Preuß läßt keinen aus. Wenn er nit arad übers Wasser is, finden sie ihn schon. Die Papiere weisen dat schon aus! Dann kommt er in seine Garnison. Todsicher." Sie atmete schwer.
„Und da könnt' es sein . i . du siehst ihn! Sieh, wir haben uns ... ein bißchen überworfen — das kommt schon überall mal vor." Ach Gott, daß sie sich vor dem Knecht bloß- stellen mußte! „Aber nun . . . also, wenn du ihn siehst, sag chm — nein, nix sag; aber schreib' mir, hörst, Hannes?"
„Ja, gern, Bäuerin!" versprach der Bursche und drückte fest die Hand der sonst so ruhigen, zurückhaltenden Frau.
„Behüt Gotti Bleib brav. Auf Wiedersehen! Aus Wiedersehen .. ."
Und der Hannes verstand gut, daß diese Segenswunsch« weniger ihm, als dem verlorenen Sohn des Hauses galten
12.
Adelheid Liesefeld stand mit ihren Eltern auf dem Bahnhof zu Münster. Sie waren gekommen, um Richard, der als Arzt zur Front ging, im Vorbeifahren noch ein letztes Mal LU jebeik
Nur zehn Minuten waren's gewesen — zehn Minuten not Heimatglück und Abjchieösweh, voll Liebe und Treue, vol unvergeßlicher Worte! Bis zum letzten Augenblick ausgekostet — als müsse alles, was man an Zärtlichkeit im Herzer trug, was man in langen Jahren sich Liebes zu jagen vergaß, sich in diesen letzten Augenblick pressen! . ..
Als der Zug schon anzog, reichte Adelheid dem geliebter Bruder noch schnell einen Strauß lilaroter Heideblumen ins
„Dank, Schwesterchen! Ein letzter Heimatgruß!" ries Richard bewegt und winkte mit dem Taschentuch, solange ei von den Semen etwas erspähen konnte.
Nun stand Adelheid allem auf dem Bahnsteig. Die Eltern gatten Bekannte getroffen und plauderten mit ihnen im
Sie trug noch einen zweiten Strauß der roten Erikaglöck- chen in der Hand. Für wen hatte sie ihn gepflückt? ... Oh, sie traf gewiß noch irgendwo einen Bekannten aus dem Heidedorf, das kam jetzt oft vor. Der würde sich dann freuen über den heimatlichen Abjchiedsgruhl
Konnte man unsern tobbereiten Heimatkämpfern je genug Liebes erweisen?
Beklommen tastete sie sich durch das Menschengewühl. Um sie brandete ein tausendfältiges Leben, ein Wogen und Fluten wie Meereswellen.
Wo donnernd ein Zug einlief, stauten sich die Wellen, quirlten und brandeten ungestüm. Wie ein gefräßiges Meeresungeheuer schluckte der Zug sie ein.
Musik erscholl, prickelndes Marschtempo. Ein Regiment blumengeschmückter Soldaten zog vorüber. Helmspitzen und Waffen blitzten aus duftenden Sträußen. Drüben klangen Vaterlandslieder, Heimatlieder. Die Schlußsätze einer zündenden Rede schlugen ans Ohr.
Erschütternde Abschiedsszenen spielten sich ab. Herzbrechendes Schluchzen, stilles Weinen — und starkes, tapferes Lächeln unter Tränen, ob auch das Herz in Jammer zuckte! Brennheiße Küsse. Hände, die sich nicht lösen wollten. Augen, die sich ineinander festsaugten.
Dazwischen jungfrisches Lachen und grimmiger Humor — feldgrauer Humor! Und wenn einer wie eine feurige Rakete das Lied zum Himmel steigen ließ: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall" — dann sprang der elektrische Funke durch all die Tausende von Feldgrauen, donnernd brachen sich bis Sangeswogen an den Gewölben. „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!"
Wo brausend ein Zug in die Halle einfuhr, liefen Frauen und Mädchen mit Platten voll Erfrischungen, mit Tassen und Gläsern, mit Blumen, Schokolade, belegten Brötchen, Karten, Zigaretten und allem, was Liebe für Scheidende ersinnen kann.
Wie die müden Gesichter der oft aus weiter Ferne Kommenden aufleuchteten! Frohe Rufe, Scherzworte. Zurückgedrängt das Trennungsweh.
Ah! man konnte die steifen Glieder mal dehnen. Wie die Zigarre jchmeckte! Was, all die guten Sachen MM Mitneh
men? Auch diese nahrhaften Paketchen noch? Unb bie herrlichen Rosen! Kinder, Kinder, man wurde >a förmlich einge- spannen in lauter Liebe! ...
Einer der Soldaten, ein Schlanker, Blaffer, mit schwermütigen Augen, stimmte mit wundervoll geschultem Tenor das alte wehmütige Reiterlied an:
Weh, daß wir scheiden müssen!
Laß dich noch einmal küssen —
Ich muß an Kaisers Seiten
Ins falsche Welschland reiten . ; -
Fahrwohl — fahrwohl, mein teures Lieb!
Einen Augenblick stockte das gewaltige Treiben. Wie gebannt lauschte alles:
Ich denk' an dich mit Sehnen,
Gedenk an mich mit Tränen!
Wenn mir die Augen brechen,
Will ich zuletzt noch sprechen :
Fahrwohl — fahrwohl, mein teures Lieb!
„Einsteigen, einsteigen! Abfahren!" Aus den Fenstern winkten Hände. Singend „Deutschland über alles!" fuhren sie ms Feindesland — in den Tod!
Und gleich daraus donnerte auf dem Gleise nebenan ein neuer, endlos langer Zug heran, und dasselbe Schauspiel wiederholte sich.
Manche Züge hielten auch bloß ein paar Minuten, um Posi einzunehmen; dann waren die Feldgrauen schon an einer del früheren Stationen gelabt worden. Ungeduldig hielt dann bei Zug, atemlos, mit zitternden Flanken. Heftig schnaubend stieß er den scharfen Dampfstrahl aus. Schneller, schneller! Was säumt ihr? Eure Brüder draußen warten schon auf euch. Ihl müßt ihnen helfen! Sie warten — warten — warten! . . .
Adelheid stand an einen Pfeiler gelehnt und schaute wie betäubt in das drängende Treiben. Wie ein verlorenst Tropfen im Meer fühlte sie sich.
Da zogen sie hin, die Hochgemuten, Starken, Todbereiten! Wie viele kehrten nie zurück! . . .
Wie viele kehrten zurück, zerschossen, mit zerbrochenem Leben! . ..
Drüben stand ein Lazarettzug. Ein Trupp Barmherziger Schwestern bestieg ihn eben. Und jenseits der Halle sah Adelheid Frauen und Mädchen mit der Binde vom Roten Kreuz.
Ja — die durften alle mithelfen! Alle Hände konnte man brauchen. War's nicht zu heißem Kampf, dann war's, um Wunden zu heilen.
Und sie? Sie kehrte zurück in den bequemen Frieden des Heimatdorfes . . .
Nein, nein — nimmermehr! Es litt sie nicht in Untätigkeit.
Wie eine Erleuchtung kam's ihr plötzlich: sie wollte Krankenpflegerin werden!! Noch heute würde sie die Eltern darum bitten Für andere sorgen, sich vergessen, sich hingeben, den Goldschatz ihrer Liebe in tausendfacher kleiner Münze aus- geben an die Söhne ihres Volkes — darin lag auch Heilung für sie von der geheimen Wunde, die in ihrem Innern fortblutete.
(Fortsetzung folgt.).