Zul-aer /lnzeiger
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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
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Nr. 278 - 1932
Fulvo, Sametag, 26. November
9. Jahrgang
Vie Bespreuungen Oes Sentrumrsührerr
beitsbildung absieht, und spätestens am Sonnabend einen Mann seines Vertrauens mit der Bildung einer Präsidialregierung beauftragen wird.
ergebnislos verlaufen. Vor der Bildung einerneuen Präsidialregierung
Kaas verhandelt mit den Rechtsparteien.
Die politischen Verhandlungen des Freitags zur Behebung der Regierungskrise konzentrierten sich namentlich auf die Besprechungen, die der Führer der Zentrumspartei, Prälat Dr. Kaas, mit den verschiedenen Parteiführern hatte. Als erster erschien der Führer der Deutschen Vollspartei, Dr. D in g el d e y, bei Dr. Kaas. Sodann hatte Dr. Kaas eine eingehende Aussprache mit dem Parteiführer der Deutschnationalen, Dr. H u g e n b e r g, in der der Standpunkt der Deutschnationalen in der Frage des Dualismus Reich— Preußen und des Parlamentarismus zum Ausdruck kam.
In den Mittagsstunden hatte Kaas eine Besprechung mit dem Führer der Nationalsozialisten, H i t l e r, im Gebäude der Reichskanzlei. Die Besprechung dauerte etwa zwei Stunden. In politischen Kreisen wird die Aussprache zwischen Kaas und Hitler lebhaft kommentiert. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß durch sie noch neue Verhandlungen über eine Mehrheitsbildung, die Hitler für sich abgelehnt hatte, wieder in Gang gebracht werden.
Prälat Dr. Kaas suchte am Freitagabend den Reichspräsidenten wieder auf, um ihm über seine Besprechungen Bericht zu erstatten. Man rechnet allgemein damit, daß spätestens am Sonnabend die Entscheidung darüber fallen wird, wer vom Reichspräsidenten an die Spitze der neuen Regierung gestellt werden wird.
Ore Stellungnahme
der Deuischnaiionalen.
Von deutschnationaler Seite wird zu der Besprechung Kaas-Hugenberg mitgeteilt: Der Zentrumsführer Prälat Kaas hatte den Wunsch ausgesprochen, auf Grund des ihm vom Reichspräsidenten erteilten Auftrages mit dem Führer der Deutschnationalen Volkspartei, Dr. Hugenberg, eine Aussprache zu haben. Diese Unterredung hat Freitag stattgesundeu. Anknüpfend an die deutschnationale Stellungnahme anläßlich des Rücktritts der Regierung Papen nahm Dr. Hugenberg auf die dem Zentrum bekannte Einstellung der Deutschnationalen Volkspartei zum parlamentarischen Svstem Bezug und betonte nochmals, daß die Erfahrungen der letzten Jahre die Schädlichkeit der Partei- und Parlaments- yerrschaft und ihre Ungeeignetheit für das deutsche Volk besonders klar erwiesen hätten. Ebenso könne kein Zweifel an den verheerenden Folgen des seit 1919 zwischen Reich und Preußen herrschenden Dualismus bestehen. Die Entwicklung der letzten Monate enthalte Anfänge zur Überwindung beider Übel. Die Deutschnationale Völks- partei halte an beiden Fortschritten fest, solange es nicht etwa den anders — nämlich parlamentarisch — eingestellten Kräften des Landes gelingen sollte, sie entgegen den deutschnationalen Wünschen wieder hinfällig zu machen. Die Deutschnationale Volkspartei habe die vom Reichspräsidenten in diesem Sommer gefaßten Entschlüsse begrüßt und demgemäß den Gedanken eines Präsidialkabinetts unterstützt. Dabei müssten allerdings die Fehler vermieden werden, die der Arbeit des zurückgetretenen Kabinetts anhafteten.
Der Gedanke, eine Mehrheitsregierung durch die Festlegung von Programmpunkten und Aufgaben vorzubereiten, erinnere so sehr an die Richtiinicnpolitik früherer Jahre, daß gerade die DRVP. nach den gemachten Erfahrungen nicht das Bedürfnis einer Wiederholung empfinden könne. Der wirkliche Mittelpunkt der augenblicklichen schweren Krisenlage beruhe doch anscheinend auf der Schwierigkeit der Verständigung über Personenfragen.
2hm präsidialregierullg.
Die Fühlungnahme des Prälaten Dr. Kaas mit den Parteien ergebnislos verlaufen.
Amtlich wird gemeldet:
„Reichspräsident von H i n d e n b u rg empfing am Freitagnachmittag um 5 Uhr den Führer des Zentrums, den Prälaten Kaas, der ihm über seine Besprechungen
^cn Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Partei, der Deutschnationalen Bollspartei, der Bayerischen Volks- Partei und der Deutschen Volksvartei über die etwa noch vorhandenen Möglichkeiten zur Bildung einer Not- un d â.^/'ts Mehrheit berichtete. Prälat Kaas hat in
Vesvrechungen an die Führer der Parteien in erster M? Lbm ^7nc B”1^*- ob sie ebenso wie das Zentrum tir ™ l,bcr "in sachliches Not und Arbeits- Programm für eine M e h r h e i t s r c g i e r u n g be- ^""e ist von dem Vorsitzenden unrM rfr ^.°^p"rtei und der Deutschen Bolks- c”d beantwortet worden. Der Vorsitzende oNua â kâ^"« ' ' e n Volkspartei hat die B-tcili- gnng an solchen Beratungen als im Widerspruch mit der Gesamthn' una seiner Partei stehend n i ch t z u g e s a g t. D°" Vor chcnde der NSDAP, erklärte, an sich ent- spräche die FMtMnm der sachlichen GruMagc für
eine etwaige Mehrheilsregierung durchaus seiner Auffassung. Auf Grund der Erfahrungen der vergangenen Tage und auf Grund der Überzeugung, daß auch einem positiven Ergebnis dieser Beratungen seitens cinflust- reicher Stellen keineFolge gegeben würde, halte er eine Beteiligung seinerseits nichtmehrfürvertretbar.
Auf Grund dieser Feststellungen bat Prälat Kaas den Herrn Reichspräsidenten, von einer weiteren Fühlungnahme mit den Parteien a b s e h e n zu dürfen. Der Herr Reichspräsident dankte dem Prälaten für seine Bemühungen." Es ist anzunehmen, daß der Reichspräsident nun von redem weiteren Versuch einer parlamentarischen Mehr-
Prälat Kaas.
der mit den Parreiführern Verhandlungen hatte.
Die gescheiterten
Ernste Meinnngsäußerungen.
Die Ausführungen der Berliner Blätter, die sich mit den gescheiterten Verhandlungen zwischen Hindenburg und Hitler beschäftigen, sind fast durchweg aus einen ernsten Ton gestimmt.
Die zwischenparteilich eingestellte Deutsche Allgemeine Zeitung hofft, daß noch eine Einigung tm nationalen Lager zustandekommt. Sonst würde eine der schwärzesten Stunden der an erhebenden Ereignissen wirklich nicht reichen Rachkriegsgeschichte gekommen sein
Der bürgerlich-nationale Lokalanzeiger rechnet damit, daß nach einem Scheitern der Verhandlungen mit Prälat Kaas eine neue Präsidialregierung komme. Wenn es zu einer Erörterung des Reichspräsidenten mit den Parteien über die Grundlage einer neuen Präsidialregierung kommen sollte, werde von deutschnationaler Seite mit größtem Nachdruck daraus hingewiesen werden, daß das kommende Kabineti der verschärften augenblicklichen Lage durch umfangreiche Neubesetzungen gegenüber dem bisherigen Kabinett von Papen Rechnung tragen müsse. Die innenpolitische Lage sei natürlich durch die neue Kampfansage der Nationalsozialisten und durch das Scheitern aller Bemühungen des Reichspräsidenten, eine parlamentarische Mehrheitsbildung zu erreichen, wesentlich ernster geworden.
Der Tag bedauert cs, daß die Aussprache zwischen Hugenberg und Hitler, zu der ja der deutschnationale Führer immer bereit gewesen sei, anscheinend infolge mancherlei Schwierigkeiten innerhalb der NSDAP, erst möglich geworden sei, nach dem vorläufigen Abschluß der Auseinandersetzungen zwischen Hindenburg und Hitler. So hätte die Tatsache, daß der deutsch- nationale Führer zu keinem Zeitpunkt einen Monopolanspruch gestellt gud die Verpflichtung des nationalen Dienstes stets als das Primäre anerkannt habe, sich auf die Entscheidung Hitlers vielleicht nicht auswirken können. Man kann nur hoffen, daß die Kampfansage bis aufs Messer, die man in nationalsozialistischen Kreisen gegen jede nicht von Hitler geführte Regierung zu hören bekomme, doch nicht zur Wirklichkeit werde
Das Berliner Zentrumsblatt Germania schreibt unter der Überschrift „Es gibt k;in Zurück!" u. a.: Ein Wiederaufleben der demissionierten Regierung in ihrer persönlichen Enge, in ihren unglücklichen Methoden und in manchen ihrer heiß- bekämpften Ziele würde das genaue Gegenteil einer politischen Entspannung bedeuten. Die Tage der Krise, die wir seit der vergangenen Woche in atemloser Spannung erlebten, seien nicht in der Weise einfach zu überspringen, daß man das wieder- hcrstcllt, was vorher war Etwas Neues m ü s s e k o in - m e n , weil nur dieses Neue die Basis einer politischen Konzentration sein könne. Um diese Konzentration werde noch ein letzter Versuch gemacht werden Der Verlauf der letzten Tage sei nicht geeignet. große Hoffnungen aus seinen Ausgang zu erwecken. Aber die Sorgen der Zukunst würden um so schwerer, wenn dieser Versuch mißlinge.
Der nationalsozialistische Angriss nimmt zu den politischen Vorgängen der letzten Tage zunächst keine Stellung. Er beschränkt sich daraus, den gesamten politischen Schriftwechsel der letzten Zeit dokumentarisch wiederzugeben und sagt dann in der Überschrift: Deutsches Volk, nun urteile du. Wer recht und mer unrecht hat.
Die Vossische Zeitung, die der Staatspartei nabe- siebt, betont, daß sie weder Freude noch Genugtuung darüber empfinde, daß der Versuch einer nationalen Konzentration unter der Kanzlerschaft Hitlers ergebnislos geblieben sei. Rie- manb unterschätze die Gefährlichkeit des Erpcriments. das Hitlers Berufung barftede. Trotzdem hätte er gemacht werden müssen wenn Hitler sich zu der parlamentarischen Lösung verstanden hätte. Es hätte dann an Gegengewichten nicht gefehlt, die Abenteuerlichste Verbindern könnten.
eher sozialdemokratische Vorwärts freut sich, daß Hitlers Traum aus sei. Eine Wiedcrbcauftragung Papens aber würde eine außerordentlich ernste Verschärfung der Krise bedeutcrl.
Röhm an die SA. und SS.
Der Stabschef Hitlers, Hauptmann Röhm, veröffentlicht folgenden Aufruf an die SA. und SS.:
„SA.- und SS.-Kameraden! In dem zähen Ringen um Freiheit und Brot des deutschen Volkes liegt wieder ein Kampfabschnitt hinter uns. Der Reichspräsident hat das Angebot des Führers, sich mit der ganzen Kraft der Bewegung ihm zur Rettung von Volk und Vaterland zur Verfügung zu stellen, zurückgewiesen.
Noch ist die Stunde der Entscheidung nicht gekommen. Der Angriff wird fortgesetzt. Ungebeugt und trotzig! Die Hauptlast des Kampfes ruht weiterhin auf SA. und SS. Ich weiß, welche unermeßbaren, immer sich steigernden Opfer an Gut und Blut Ihr in dem jahrelangen Ringen gebracht habt. Sie wären vergebens, wenn wir vor dem Ziel erlahmen würden: Noch nie waren wir dem Erfolg so nahe wie heute.
Gedenkt des November 1918! Die Fahne der Freiheit, die uns Adolf Hitler in die Faust gegeben hat, wird nie eingerollt.
Wir glauben an den Sieg! Es lebe der Führer!
Der Chef des Stabes, gez. Ernst Röhm."
*
Sitzung des Neichskabinetis.
Am Freitagnachmittag trat das geschäftsführende Reichskabinett zu einer Sitzung zusammen, in der zunächst ein Bericht über die Verhandlungen der letzten Tage entgegengenommen wurde Dann wurden laufende Angelegenheiten beraten. Am Sonnabendvormittag wird beim Reichspräsidenten eine interneBeratung über die neugeschaffene Lage stattfinden. Man erwartet noch für Sonnabend die Ernennung des neuen Reichskanzlers.
Verhandlungen.
Stimmen aus dem Reich.
Auch die Blätter außerhalb der Rcichshauptstadt verhehlen nicht den Ernst der Lage.
Die Kölnische Zeitung bedauert, daß die Verhandlungen über die Heranziehung der Nationalsozialisten, die aus der Seite des Reichspräsidenten mit allem Ernst und 'Verständigungswillen geführt worden seien, wieder einmal an den Machtanjprnchèn und an der Kurzsichtigkeit Hitlers gescheitert feien. An dem Ausschließlichkeitsanspruch Hitlers itnb der Nationalsozialisten und den Gefahren, die hieraus dem ganzen Volke erwachsen, seien die Verhandlungen in der Tat gescheitert Ausgabe der Slaatsregierung könne es letzt nicht sein, die Kampfansage der Nationalsozialisten ebenso scharf zu Erwidern, ihre Ausgabe könne es nur fein, über Hitler hinweg durch ein starkes, wirklich überparteiliches und tatkräftiges Kabinett direkt beim Volk Verständnis zu wecken.
Die Kölnische Volkszeitung schreibt: Es wäre dem Gedanken des nationalen Zusammenschlusses besser gedient worden, wenn dem kommenden Kanzler die Ver- Pflichtung auferlegt worden wäre, dafür zu sorgen, daß er eine Mehrheit im Reichstag finde Vielleicht wäre sie tm Anfang nicht sicher gewesen, aber die Aussicht, daß sie cs würde, war durchaus vorbanden Auch läßt sich nicht verkennen, daß einige der präsidialen Vorbehalte mit den Vorschriften der Reichsvcrsasslmg, daß der Reichskanzler die Richl- linien der Politik bestimmt und daß er dem Reichspräsidenten Vorschläge für die Ministcrliste zu machen hat. nicht ganz in Einklang zu bringen sind Aber der entscheidende Fehler ist gewesen, daß Hitler trotz Bedenken, die er hatte, den Versuch der Mehrheitsbildung erst gar nicht gemacht hat
Im Leitartikel der Frankfurter Z e i t u n a heißl es: Entscheidend bleibt, daß der Nationalsozialismus das parlamentarische Gespräch nicht aufzuiiehmcn wagte Die 9iatio« nalsozialisten fürchteten, sich selbst auszugeben, wenn sie an Stelle der Alleinherrschaft die Idee der Zusanimenarbeii gesetzt hätten. Eine gewaltige Erregung mag die Männer durch- schüttelt haben, denen plötzlich die Siarrheii ihrer eigenen politischen Situation offenbar gemacht worden ist Sie verkündeten mit leidenschaftlicher Stimme, sie seien bereit, das Vaterland zu retten Aber sie dürfen sich nicht verhehlen, daß die Ration aus dem nationalsozialistischen Verhalten nur schließen kann, die NSDAP, könne über ihre eigenen Kräfte nicht hinaus und habe deshalb zunächst einmal daran gedacht, sich selbst zu retten
Nach dein Hamburger Fremdenblaii sind tm Grunde für das Scheitern der Kabinettsbildung durch Adolf Hitler das Verhältnis des Reichspräsidenten zum Führer der Nationalsozialisten und die Ausfassung Hitlers von dem Verhältnis seiner Bewegung zu den Parteien verantwortlich. Das Blatt ermahnt alle Träger des Bürgertums, weniger an Enttäuschung und Verärgerung als an die Rot des Reiches zu denken und an die Mittel, ihr zu begegnen.
Im Völkischen Beobachter schreibt Rosenberg unter der Überschrift: „Das mißglückte Spiel mit bc_r NSDAP.": Die deutsche Ration werde cs begrüßen, daß Adolf Hitler auf den herausfordernden Brief des Siaats-
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Führer der Zeutrumspartei, Prälat Dr. KaaS, erstattete dem Reichspräsidenten Bericht über seine Besprechungen mit den Parteiführern.
* RcichSlagSpräsidcnt Göring hat den neuen Reichstag für den 6. Dezember eütberufen.
* Der RcichSvcrdaiid deS Handwerks fordert ein Rcichö- miniftcrium für den gewerblichen Mittelstand.