Laht Zahlen sprechen!
Die Eheschließungen im Lichte der Statistik.
Die Eheschließungen und was sonst noch dazu gehört, alles schön und klar beleuchtet von der Statistik, von der Spötter und Zweifler behaupten, daß man mit ihr alles beweisen könne! Wenn man sich aber das Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich ansieht und aus seinen langen Zahlenreihen Belehrung zu schöpfen sucht über die Bewegung der Bevölkerung in Deutschland, zum Beispiel über Geburt und Tod, über Eheschließungen und Ehe- trennungen, über Säuglingssterblichkeit und über die Ursachen der Sterbefälle, so geht einem sehr rasch die Erkenntnis auf, daß hier gar nichts bewiesen werden soll, sondern daß mit einer Unsumme von Arbeit in einwandfreier Weise nur nackte, unbestreitbare Tatsachen verzeichnet worden sind, Tatsachen, die in Zahlen ein scharfes Bild geben von dem Leben des deutschen Menschen.
Nehmen wir uns also mal die Eheschließungen vor, gesiebt und gesichtet nach dem Alter der Ehcschlicßenden, wobei jedoch von vornherein gesagt werden muß, daß es sich um die Ehen aus dem Jahre 1930 handelt, indem nämlich die Statistik den Ereignissen immer etwas nach- hinkt. Wie wurde nun 1930 geheiratet? Wie alt waren die heiratenden Männer, wie alt die geheirateten Frauen'? Was die Frauen betrifft, so haben nicht weniger als 39 sich schon im Alter von 15 bis unter 16 Jahren unter die Haube bringen lassen, und eines von diesen „Kücken" hat es mit einem Manne, der schon das 33. Lebensjahr überschritten hatte, versucht. Bon 16 Jahren an heirateten die Frauen schon ganz stark: 964 Sechzehnjährige, 4478 Siebzehnjährige, 12 504 Achtzehnjährige usw. wagten den großen Sprung in die Ehe. Das stärkste Kontingent unter den heiratslustigen Frauen stellten mit 58 570 Bräuten die Dreiundzwanzigjährigen. Von da ab beginnt die Heirats- zisfer der Frauen zu sinken, aber die Heiratsluft flaut darum noch lange nicht ab, und man findet immerhin noch 1004 Frauen „von 60 und darüber", die sich aufs Heiraten cinlietzcn, die meisten von ihnen allerdings nicht zum erstenmal. Gern wissen möchte man, was man unter „darüber" zu verstehen hat, denn es können „darunter" ganz gut auch noch Hundertjährige rangieren. Aber über diesen heiklen Punkt schweigt die Statistik sich diskret aus. Jedoch eines noch muß gesagt werden: von den Frauen von „60 und darüber" hat eine einen Mann von 21 und eine einen dito von 22 geheiratet!
Unb nun die „Pendants" dazu: die Männer. Zwei von ihnen haben schon vor Vollendung des achtzehnten Lebensjahres geheiratet. Im Alter von 18 bis unter 19 aber waren schon 281 aufs Heiraten versessen. Und dann beginnen, genau so wie bei den Frauen, die Heiratsziffern anzusteigen. Die größte Zahl der heiratslustigen Männer stellte mit 53 754 Bräutigamen die Altersklasse 25 bis unter 26. Das muß also wohl als das richtige Heiratsalter festgehalten werden. Dann sinkt bi*e Heiratsziffer der Männer, aber es heiraten z. B. immer noch 16 668 Männer, die 40 bis 45 Jahre alt waren — wahrscheinlich um sich möglichst rasch von der Junggesellensteuer zu befreien. Und dann kommen auch hier wieder die „von 60 und darüber", und da sind es nicht weniger als 6595, was den Beweis liefert, daß die alten Herren immer noch ein bißchen flotter sind als die alten Damen. Drei von den Sechzigjährigen und Darübrigen haben junge Fräuleins von 18 Jahren heimgeführt, drei andere hielten erfolgreich um die Hand von Neunzehnjährigen an, neun schritten mit Zwanzigjährigen zum Standesamt usw. In ihre eigene Altersklasse hinein, also in die Klasse der Frauen von 60 und darüber, haben 809 Männer geheiratet. Alles in allem sind im Jahre 1930 562 648 Ehen geschlossen worden, was gegen die beiden vorangegangenen Jahre einen Rückschritt bedeutet, und gegen das Jahr 1920 mit seinen 894 978 Eheschließungen sogar einen gewaltigen Rückschritt. Für 1931 liegen erst vorläufige Zahlen vor: mit nur 515 411 Eheschließungen sind wir wieder ein Stück zurückgegangen.
Über die Geburten im Jahre 1930 können wir nicht in der gleichen ausführlichen Weise berichten, aber der Mehrlingsgeburten müssen wir doch noch mit einigen Worten gedenken. Zwillinasaeburten kamen 13 567mal vor, Dril-
liugsgevurteu 12 Int al, von VierUngsgeburken aber gab es nur eine, die sich aus zwei Knaben und zwei Mädchen zusammensetzte, was ein schöner Beweis von Gleichberechtigung der Geschlechter ist. Die meisten Vierlingsgeburten seit 1924 zählte das Jahr 1927 mit drei von der Sorte: diese drei Vierlingsgeburten bestanden aus zusammen fünf Knaben und sieben Mädchen.
Die Wahlresultate im Krankenwagen.
Eine drollige Wahlgeschichte, die den Reiz und den Vorzug der Wahrheit hat, wird aus einer großen oberschlesischen Stadt, die nicht weit von der polnischen Grenze entfernt liegt, berichtet. Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli und auch bei früheren Wahlen war diese Madt immer mit am schnellsten unter den deutschen Städten mit der Ermittlung des Wahlergebnisses fertig gewesen. Auf diesen Ruhm wollte sie auch am 6. November nicht verzichten, und so arbeitete man denn in den Wahllokalen und in der Zentrale mit fieberhaftem Eifer, um womöglich den eigenen früheren Zählungsrekord noch zu schlagen. Und das wäre auch gelungen, wenn nicht ein Wahlbezirk, der weit draußen an der polnischen Grenze lag, allzu lange auf sich hätte warten lassen. Man rief den Bezirk wiederholt telephonisch an, er möge sich doch beeilen, aber er schien nicht fertig werden zu können.
In dieser Not kam ein findiger Kopf auf den Gedanken, die Feuerwehr anzurufen. Bei der Feuerwehr ist in jener Stadt der städtische Autopark untergebracht, und sie sollte nun rasch mit einem Auto hinfahren zur Grenze und die Wahlzettel holen. „Feuerwehr", rief man, „holen Sie doch mal rasch mit einem Wagen aus dem Wahlbezirk 6 die Resultate ab!" — „Welche Tante?" rief es zurück. — „Ach was, Tante! Die Wahlresultate sollen Sie abholen! Hier ist das Wahlamt!" — „Resultate? Wo sollen wir denn das abholen?" — „Nicht das, sondern die, die Resultate, die von der Wahl! Verstehen Sie denn nicht deutsch?" — „Schön, werden wir die Resultate abholen", erwiderte der Mann am Telephon, der tatsächlich nicht ganz gut deutsch zu verstehen schien, was an der ober- schlesisch-polnischen Grenze keine Seltenheit ist. Einige Minuten später stand vor dem Wahllokal des Wahlbezirks 6 das städtische — Krankenauto! „Hier soll wohl", sagte der Autoführer, „eine weibliche Person abgeholt werden, Resultate oder so heißt sie . . ." Es verging noch einige Zeit, ehe der Mann aufgeklärt werden konnte; dann wurden die Wahlresultate im Krankenwagen zur Zentrale aefahren.
Das Jubiläum Nr Zigarette.
Wenn es um ein Jubiläum der Zigarette geht, machen wir alle, denen alles irdische Wesen Rauch ist, gern mit — selbstverständlich auch die Damen. Und ein solches Jubiläum ist jetzt fällig, denn die Zigarette wird in diesen Tagen hundert Jahre alt. „Erst hundert Jahre?" wird hier mancher verwundert fragen; denn manchem ist es so, als wenn die Menschen schon zu Olims Zeiten Zigaretten geraucht haben müßten. Aber es sind wirklich erst hundert Jahre verflossen, seitdem wir sie kennen, teils als Einzelnummer, teils in banderolierten Päckchen, in denen oft neun Zigaretten zehn bedeuteten, teils mit, teils ohne Mundstück.
Wie die Zigarette vor hundert Jahren erfunden worden ist, das wissen wahrscheinlich nur wenige, und wenn es nunmehr viele erfahren, werden es vermutlich die wenigsten von ihnen glauben wollen, weil es ein bißchen wunderlich klingt. Daß die Zigarette aus dem Orient zu uns gekommen ist, wird man vielleicht ohne weiteres für wahr halten, daß sie aber zuerst eine — Patronenhülse war, wird man möglicherweise als ein orientalisches Märchen aus „Tausendundeiner Nacht" ansehen. Die Sache ging aber so zu: Im Jahre 1832 schlugen sich in Syrien aufständische Truppen des ägyptischen Khediven mit Truppen des türkischen Sultans herum. Um seine Truppen „anzufeuern", schickte eines Tages der Khedive den Soldaten eine ganze Ladung köstlichen
ägyptischen Tabaks unb dazu eine Labung Pfeifen, auf daß die Krieger den Tabak irgendwo hineinstopfen könnten Ausgerechneet aber schlug in die Pfeifen, als sie ausgevackt werden sollten, eine türkische Granate hinein und zertrümmerte den ganzen Kram. Nun war guter Rat teuer' was sollte man mit dem guten Tabak anfangen? In dieser Not kam ein schlichter Kriegsmann auf eine geniale Idee- er nahm einer Patrone den bleiernen Kopf abf schüttete das Pulver weg und stopfte dann die leere Papphülse mit dem Tabak aus Ägypten voll. Die erste Zigarette war erfunden! Später hat man, wie jedermann weiß, so was nicht mehr mit Patronenhülsen gemacht, sondern mit Röllchen von Seidenpapier; aber die Patronenhülse verdient als Urahne der Zigarettenröllchen unbedingt eine besondere Ehrung, wenn wir jetzt das Jubiläum der Zigarette feiern unb zu Ehren des alten syrischen Kriegers Ringe in die Luft blasen.
Fahrende Musikanien.
Heller Hörnerklang mitten in die mittägliche Stille des Landlebens! Am Dorfanger haben drei Männer mit Blechinstrumenten Platz genommen und schmettern mit lautem Klange in die Welt: Wem Gott will rechte Lust erweisen. Und dann ziehen sie von Hof zu Hof und blasen überall ihr Stücklein.
Die fahrenden Musikanten, von denen so manches alte Volkslied kündet, sind gegenwärtig wieder eine allgemeine Erscheinung geworden. Und während in der Großstadt die Anzahl der jungen Leute, die auf den Straßen und Höfen ihre Weifen erklingen lassen, schon fast zu groß geworden ist, begrüßt man auf dem Lande die Bringer froher Töne, da sich ihre Zahl namentlich in den entlegeneren Orten einstweilen noch im richtigen Maße hält.
Es sind meist Arbeitslose, die sonst nur bei besonderen Gelegenheiten als Musiker auftraten, aber jetzt aus ihrer Kunst ein Gewerbe machen müssen. Und auch ihr Brot ist nicht leicht. „Jetzt weht schon durch die Wälder der rauhe Boreas, wir streifen durch die Felder, vom Schnee und Regen naß", singt Eichendorff, und so heißt es auch für viele dieser Musikantengruppen. Wie ihr Tagelohn ausfällt, das ist vollkommen Glückssache. Namentlich mit dem Bargeld ist es oft schlecht bestellt. Es gibt Tage, wo es nicht zum Übernachten und Frühstück reichen würde. Denn die Bauern sind ja in manchen Gegenden mit dem Gelde so übel dran, daß sie mit dem besten Willen nicht viel spenden können. Aber eine freundliche Einladung zu einem Imbiß fällt immer wieder ab, zwischendurch sogar ein Zipfel Wurst oder Speck zum Mitnehmen, und auch die Unterkunft macht gewöhnlich keine Schwierigkeiten. Hier und dort feiert ein Gastwirt Schlachtfest und freut sich, daß die Musiker ordentlich Stimmung in den Abend bringen. Dafür gibt es freie Verpflegung und Nachtlager. Und unter den Gästen ist der eine ober andere, der die Künstlerkehlen nicht vertrocknen läßt.
Dazwischen kommt dann einmal ein Glückstag. Da wird eine silberne Hochzeit oder ein Geburtstag gefeiert, die Musikanten erfahren es und das unerwartete Ständchen wird willig belohnt. Solches Geld muß man zurücklegen für magere Zeiten, für den Ersatz der Kleidung und für den Wandergewerbeschein, denn auch diese fahrenden Leute sind an strenge Vorschriften gebunden. Ihr Gewerbeschein gilt nur für ein bestimmtes Gebiet und für einen begrenzten Regierungsbezirk, außerdem müssen sie die Genehmigung des Amtsvorstehers einholen.
So ist durch die Not der ZeiUK der Nöt' zum Trotz' ein Stück frohgemutes altes Volksleben wieder aufgewacht. Und mit ihm viel halbverklungene Weisen; denn wenn man diese Musikanten nach ihrem Programm fragt, das sie ganz nach ihrer Erfahrung mit den Wünschen der Zuhörer einrichten, so hört man: Am beliebtesten sind überall die guten alten Stücke, Märsche, Tänze, und vor allem die alten deutschen Volkslieder. Die werden von den Zuhörern am meisten bestellt und bewähren immer wieder die beste Zugkraft. Die werden überall verstanden, so weit die deutsche Zunge "-ngt, da singt Jung und Alt mit, und daran hat diese schnellebige Zeit nichts ändern können.
Die vom Herdehof-
Roman v. H e n r i e t t e Drey.
Copyright by Romendienst „Digo" Berlin-Schmargendorf.
7 (Nachdruck verboten.)
Den Fahrweg vermeidend, schlug'sie'einen Fußpfad ein, der um das Totenmoor führte.
Es war ein wonniges Wandern, so in die sinkende Abendsonne hinein.
Adelheid liebte den Herbst mit seinen starken, ungebrochenen Farben, mit seiner früchteschweren, strahlenden Erfüllung, seinem königlichen Geben. Es lag so viel herbe Kraft und reise Schönheit in ihm, abgeklärter Friede, stolze Vollendung nach reicher Verheißung.
Sie liebte ihn auch, wenn die Schleier der Wehmut ihn umspannen, wenn zartblauer Duft alle harten Linien auflöste und in Schönheit die Dinge verklärte. Wenn der Ruch welkenden Kartoffelkrautes wie ein Hauch von Sterben und Vergehen sie anwehte. Wenn der Pflug über die jüngst noch blühenden Felder ging. Wenn die Wandervögel nach dem Sehnsuchtsland des Südens zogen und die letzten Blätter müde zur Erde taumelten.
Mehr aber liebte sie ihn, wenn er, wie heute, stolz und gebefroh und königlich, sich lächelnd und jauchzend zum Sterben bereitete.
Drüben der Heidgerswald stand in prangender Schöne. Das gleißte und schimmerte in sprühenden Sonnenfluten, vom zartesten, hauchblassen Gelb bis zum tiefsten Rostbraun und Kupfer und Purpur. Von tausend Farben wob der Heidewald sich ein golddurchwirktes, köstliches, prunkendes Brokatgewand — als ging's zu einer Hochzeit und nicht zum Sterben!
Adelheid setzte sich im Schatten einer Birkengruppe, die in blaßgoldenem Blätterschmuck stand, nieder Und blickte träumend einem Kranichzuge nach, der die klarblaue Luft durchsegelte. Ihre Seele hielt eine Feierstunde---
„So ganz versunken, Adelheid?" klang plötzlich eine Stimme. Vor ihr stand einer.
Sie fuhr zusammen.
„Du, Clemens? .. . Oh, ich .. . Aber du wolltest doch zu dem Kommers?" fragte sie erstaunt und seltsam beklommen.
Sie hatte ihn nicht kommen sehen, die Birken verdeckten die Wegbiegung. Der weiche Sand schluckte die Schritte ein.
„Wie du siehst, bin ich nicht hingegangen!"
Er war blaß. In seiner Stimme schwang eine geheime Erregung. Bebte es von Unausgesprochenem.
„Ich wußte, daß du heute zu Gerta gingst... ich wollte dich hier erwarten. Adelheid ... ich bin .. . Ich muß mit dir reden, Adelheid."
Er umgriff ihre Hände, preßte sie heftig. Atmete schwer, wie.in Dränanis.
Sie entzog sie ihm verwirrt.
„Laß, Clemens ... Ich muß auch nach Hause . s s Ja. Es dämmert schon."
„Nein, du wirst mich anhören, Adelheid.--O Adelheid, weißt du denn nicht... fühlst du denn nicht, was du mir bist? . . . Wie all mein Sehnen zu dir geht.. seit ich dich wiedersah in all deiner Lieblichkeit, deiner unberührten Süße und Reine. . . Adelheid!"
Wie aus Brunnentiefen, gewaltsam brach es aus seiner Seele .. . das Ueberwältigende, das wie ein Frühlingssturm ihn durchbrauste — heiß, leidenschaftlich, wie es seine Art war. . .
Die Worte überstürzten sich. Wie herausgeschleudert aus ihm. Er wußte kaum noch, was er sagte . . . schwieg . . . stammelte von neuem. . .
Tief aufgewühlte Gewalten durchbebten seine Stimme. Mit einem zitternden Aufatmen preßte er des Mädchens Hände.
„. .. Run weißt du alles, Adelheid! In diesen lieben Händen liegt mein Glück . . . Nun sag mir ein Wort! Sag, daß du mir gut bist. Mein guter Engel sein willst! Ich weiß, ich bin deiner nicht wert. Aber ohne dich muß ich zugrunde gehen. Deine Liebe wird mich schützen."
Auf ihren Wangen kam und ging die Röte. Jagten zum Nacken hin. Ihre Lippen bebten. Doch kein Wort kam darüber.
„Spricb, Geliebte . .. hast du mich lieb? Sieh mich an."
Da hob sie langsam die Wimpern. Er sah, daß die Augen voll Tränen standen.
„Ja. ... ich bin dir gut."
Wie ein Hauch wehte es von ihren Lippen.
„O du . .. du! Du Einzige, Süße!.. . Adelheid, Herzliebl"
Stürmisch preßte er sie an sich, küßte ihre Augen, ihre Stirn, ihren unberührten Mund . . . Immer wieder.
Ein paar Augenblicke lag ihr goldbrauner Knof an seiner Brust. Dann richtete sie sich verwirrt auf. Strich die Haare aus der Stirn.
Tiefes Rot überflutete ihr Gesicht.
„Die Eltern . . . Clemens," stammelte sie. „Oh . . . wie konnte ich ... Ich darf nicht —"
Ihr Vater war ein Feino von vorzeitigen Bindungen und Heimlichkeiten.
Ein Schatten überhuschte seine Stirn. Zärtlich beschwichtigte er: „Morgen komme ich gleich herüber und frage sie, Liebes. Sie waren mir stets wohlgesinnt. Dein Vater wird mir wohl eine kleine Strafpredigt halten — na, Recht hat er ja. Aber ich werde ihm schon beweisen, daß ich nun ... O du, mein Liebstes! Meine Welt!"
Im Grunde war es ihm doch nicht ganz behaglich. Er brannte keineswegs darauf, jetzt schon Aoelheids Eltern gegenüberzutreten. Die süßè ' michkeit der Liebe zu genießen. das dünkte ihm vic : ■ .
Aber diesen reinen Augen gegenüber gab es keine andere Antwort.
Wieder umschlang er sie ungestüm. Heiße Wellen stürmten in ihm auf. Er küßte sie auf den Mund . .. Lange.
Und dann ein holdes Geplauder — süß, töricht, sinnlos und doch voll Sinn. . . wie es nur Liebenden eigen ist
Und dann wieder ein stummes Versunkensein — — — In goldgesäumte Abendkissen versank die Sonne — eine Wunde im Herzen. In breiten Scharlachfluten verströmte ihi Herzblut...
Im Gerank hingen brennrote Blätter — wie versprengte Blutstropfen.
Adelheid hob den Kopf von seiner Schulter und sah ihm tief in die Augen. Faßte zag seine beiden Hände. Fragte ernsthaft:
„Clemens, nicht wahr, du wirst jetzt fleißig studieren und .. . und . . . ."
Sie stockte errötend. Zupfte einen silberseidigen Herbstfaden von seinem Rock.
„Natürlich, Liebling! Von heute an beginnt ein neues Leben. Nun ich einen so großen Schatz gefunden habe, muß ich ihn doch zu verdienen suchen . .. Jetzt wird feste gebüffelt . . . und in ein paar Jahren hole ich mir meine junge Frau Doktor heim —--. Wirst du auf mich warten, Herzlieb?"
„Ja, Clemens! Ich warte auf dich."
Es klang feierlich.
Beide schwiegen. In ihnen sang das Glück. Bilder voll goldener Zukunftsbreiten, voll beseligtem Beieinandersein tauchten märchenschön vor ihnen auf.
Dann jagte in dem Mädchen eine geheime Angst auf.
Oh . . . würden diese Glücksträume nicht zerrinnen? Würde Clemens . . .
Sie schmiegte sich an ilM
„Clemens ... die Leute sagen ..
Er biß sich auf die Lippen.
„Ja, ja, die lieben Nächsten! 'n bissel ein leichtes Huhn war ich schon. Hab's dir ja ehrlich gebeichtet, Kind. Aber daß die Lästermäuler über mich herfallen ... so arg ist's nun doch nicht."
Vertrauend sahen die meertiefen Augen zu ihm auf. Der letzte Hauch von uneingestaudener Befürchtung war daraus geschwunden. _
„Ich glaube an dich, Liebster!" sagte sie einfach. Es klang wie ein Gelöbnis. „Ich weiß, du wirst mein Vertrauen nicht enttäuschen."
Wieder sah sie ihm tief in die Augen, beschwörend . . - bis auf den Grund der Seele . . . flüsterte hanchleise: „Clemens, — ich muß dich immer achten können. Ohne Achtung müßte meine Liebe sterben."
„Das sollst du auch, mein Lieb! Bei Gott! Ich schwöre es dir, Herzlieb."
Stürmisch küßte er ihren ernsten, süßen Mund.
Es war ihm heiliger Ernst mit diesem Schwur.
^Fortsetzung folgt.)