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Zulüaer Anzeiger

Erscheint jeden Werktag. Bezugspreis: monatlich 1.70 NM. Bei Lieferungsbehinderungen durch Höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag: Christian Seipel, Fulda. Druck: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach L H.

Nr. 260 - 1932

Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg

Zul-a- un- Haunetal »Zul-aer Kreisblatt

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Fulda, Freitag, 4. November

9. Jahrgang

II <m IMBW

Berlin ohne Verkehrsmittel.

Verkehrsfireik in Bertin.

Unter Führung von Nationalsozialisten und Kommunisten.

Rund zwei Millionen Berliner müssen alltäg­lich die Straßenbahn, die Autobusse oder die Untergrund­bahn benutzen, um zur Arbeitsstelle zu kommen. Man kann sich die Überraschung vorstellen, als diese Millionen am Donnerstagmorgen an den verschiedenen Haltestellen vergeblich auf ihre Verkehrsmittel warteten, die U-Bahn­höfe verschlossen fanden, und dann in strömendem Regen in oft stundenlangem Marsch den Weg zu Fuß machen mutzten. In den Betrieben gab es viel Ärger und Ver­zögerungen, und gar mancher hat sich bei dem eiligen Lauf ins Geschäft im Regen eine Krankheit geholt, denn bei den meisten Menschen ist heute das Schuhwerk für solche Überraschungen im Herbstregen nicht eingerichtet. Seit Tagen schon hatte man davon gelesen, daß bei der Berliner Verkehrsgesellsckafi Lohnstreitig­keiten bestehen; es handelte sich um eine Sèundenlohn- kürzung von zwei Pfennigen. Man hatte auch von Streik- gefahr gesprochen, aber niemand glaubte ernstlich daran, zumal noch am Abend vorher bekannt wurde, daß eine Urabstimmung der Belegschaft gegen den Streik aus­gefallen sei. Seit 1923 hat Berlin keinen solchen Streik mehr erlebt.

In der Nacht zum Mittwoch ist es der n a t i o n a l» sozialistischen Betriebszellenorganisation in der Berliner Verkehrsgesellschaft zusammen mit den kommunistischen Organisationen gelungen, den wilden Streik durchzudrücken. Die Gewerkschaften sind gegen den Streik. Als die Massen am Morgen zu den Bahnhöfen kamen, fanden sie vor den geschlossenen Toren nationalsozialistische und kommunistische Streikposten vor. Es ist natürlich auch bald zu Zusammenstößen zwischen Arbeitswilligen und Streikenden kommen. Unter dem Schutz von Polizeiautos konnten einige Straßen- babnliniemrn Betrieb genommen werde::.

In der Öffentlichkeit hat der Streik natürlich gar keine Sympathien, besonders in dieser Jahreszeit nicht. Die wenigsten können sich ein Auto leisten, viele holen ihre Fahrräder hervor, wobei natürlich bei dem starken Autoverkehr große Unsallgefahr besteht. Alte Pferdedroschken kommen wieder zu Ehren, ja man sah sogar Leute, die sich mit dem Roller fortbewegten. Die ganze arbeitende Bevölkerung wird durch den Streik auf das empfindlichste getroffen, und das Publikum auf der Straße macht seinem Ärger über die Streikurheber auch recht kräftig Luft.

In politischen Kreisen weist man besonders auf die Tatsache hin, daß die Nationalsozialisten mit den Kommunisten gemeinsam gehen, und erinnert daran, daß die nationalsozialistische Presse gerade dieser Tage kom­munistische Geheimdokumente veröffentlicht hat, in denen Strcikplänezur Herbeiführung eines Umsturzes enthüllt wurden. Viel vermerkt wird auch, daß im Aufruf der nationalsozialistischen Str^rkleitung angekündigt wird, daß dieser Streik nur der Anfang zu größeren Aktionen der nächsten Zeit sei, woraus man schließt, daß der Streik mehr politische als wirtschaftliche Absichten verfolgt.

Wie es zum Streit kam.

In der Nacht zum Mittwoch sollte die Belegschaft der Gesellschaft in einer Urabstimmung über eine von der Direktion geplante Kürzung der Stundenlöhne um zwei Pfennige entscheiden. Dabei wurde von vorn­herein erklärt, daß sich nach dem Statut der Gewerkschaft z w e i D r i t t e l der Belegschaft für den Streik aus- sprechen müßten, wenn er von der Organisation sanktio­niert werden solle. Von den etwa 22 000 Beschäftigten hatten sich nun bei der Urabstimmung 14 500 für den Streik und gegen die Lohnkürzung erklärt.

Eine Zweidrittelmehrheit war also nicht erreicht worden. Nachdem man zunächst angenommen hatte, daß auf Grund dieses Streikbeschlusses der hauptsächlich von Kommu­nisten, Nationalsozialisten und N i ch t o r g a- n i s i e r t e n beschickten Delegiertenkonferenz es nur zu einigen wilden T e i l st r e i k s kommen würde, ruhte am Donnerstagmorgen allgemein auf allen Betriebsbahn­höfen die Arbeit. Arbeitswillige, die zu ihrer Arbeits­stätte kamen, mußten wieder umkehren, da die zahlreich ausgestellten

Streikposten ihnen den Zugang verwehrten.

Die Polizei hatte auf Anforderung seitens der BVG. die Betriebsbahnhöfe besetzt. Die Mannschaftswagen, die, wie üblich, die Belegschaft zu ihrer Arbeitsstätte fahren wollten, wurden trotz polizeilicher Bedeckung mit Steinen beworfen und zum Teil demoliert, so daß sie wieder zurückgezogen werden mußten. Der Betrieb bei der Straßenbahn wurde zunächst teilweise ausgenommen.

Das Publikum wurde aber gezwungen, die Wagen zu verlassen.

Man hatte entweder dem Weichensteller die Stange weg- genommen oder die Leine der Stromabnehmerstange durchschnitten, so daß die Wagen nicht fahren konnten. Die Wagen wurden teilweise mit Steinen be­worfen, so daß Scheiben zertrümmert wurden Auch hatte man die Weichen mit Sand und Steinen gesperrt Straßenbahnwagen sind auf verschiedenen Bahnhöfen be­schädigt worden. '

NaüonaisoziaWischer Ausruf für den Streik.

Die nationalsozialistische Betriebs­zellenabteilung, Gau Groß-Berlin, hat einen Aufruf erlassen, in dem es u. a. heißt:

Die Urabstimmung des Personals der Berliner Ver­kehrsgesellschaft hat in einer überwältigenden Mehrheit den Streik gegen den neuen Lohnabbau beschlossen. Dar­über hinaus wird der Streik der BVG -Bediensteten von der nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation als wirtschaftlich berechtigt anerkannt. Es muß endlich ein­mal Schluß gemacht werden mit der ewigen Lohn­lür z e r e i.

Dieser Verkehrsstrcik in Berlin dürfte nicht der Schluß, sondern wahrscheinlich die Auslassung zu größeren Streikaktionen für die nächste Zeit sein.

Oie Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner erklärt.

Von Der Gewerk 1 chaf 1 D e u l > ch e r Ellen» bahner E V wird zum Berliner Verkehrsstreik mit» ^erei' daß sie Den neuen Lohnabbau besonders deswegen für untragbar halte, als die Vobne des Verkehrs­personals der BVG heute schon erheblich unter den Be­zügen vergleichbarer Reichsbahnbediensteien liegen

Die Gewerkschaft ist an die anderen Verbände mit Dem Ersuchen herangeireten. sofort gemeinsam die geeig­neten Schritte zu unternehmen. um Die Bewegung in geordnete Bahnen zu lenken und um Den Konflikt möglichst schnell in einer Weise zu beenden die den be­rechtigten Ansprüchen des Verkehrspersonals gebührend Rechnung trägt.

Der Schlichter angerufen.

Der Vorstand der BVG. hat den Schlichtungsausschutz Groß-Vertin angerusen. Verchuudtungeu zwischen der BVG-Direktion und den Gewerkschaften sind er­gebnislos verlaufen. Die Gewerkschaften verlangen die Verlängerung des bisherigen Lohntarifs und des Mantel- tarifvertrages bis zum 28. Februar.

Berliner Verkehrsflreik ungesetzlich.

In einer Unterredung zwischen dem Berliner Polizeipräsidenten Melcher, Pvlizeikommandcur Oberst Polen, Regierungsdircltor Kretzschmar und den zuständi­gen Regierungsstellen wurde von Regierungsseite die Ansicht vertreten, daß es sich bei dem Berliner Berkchrs- sèreik um einen ungesetzlichen Streik handele, gegen den ein energisches Vorgehen gerechtfertigt sei.

In Auswirkung dieser Unterredung wurden im Laufe des,Tages bereits vor mehreren BVG.-Bahnhöfen Streikposten verhaftet und der Politischen Polizei zu- geführt.

Scharfe Erklärung der NSDAP.-Gauleitung Berlin.

Die Sauleitung der NSDAP, veröffentlicht im Preu­ßischen Pressedienst der NSDAP, folgende Erklärung zum Streik bei der Berliner Verkehrsgescllschaft:Wir Na­tionalsozialisten erkennen die Forderung der BVG.- Arbeitnehmcr an. Wir werden es nicht zulasten, daß unter dem Papen-Regime die Lebenshaltung deutscher Arbeiter unter das Niveau von chinesischen Kulis heruntcrgedrückt wird. Wir machen deshalb den berechtigten Streik bei der BVG. nicht nur mit, sondern wir stellen uns kämpfend und führend an seine Spitze! Achtung! Kein Nationalsozialist L<.et <^treikbrecherarbeit!"

Keine Gèrukirrrän-erung der Verfassung.

Verständigung nicht ausgeschlossen.

In dem Verhältnis Bayerns znm Reich scheint jetzt die Anbahnung einer Verständigung zu erfolgen. Nach den Erklärungen des bayerischen Ministerpräsidenten, daß Bayern die Möglichkeit einer Verständigung unter be­stimmten Voraussetzungen sehe, läßt jetzt auch die Reichs- regicrung versichern, daß die Möglichkeit einer solchen Verständigung nicht ausgeschlossen sei. Nur fei nach Ansicht der Neichsregierung der vom Ministerpräsidenten Held cingeschlagcne Weg nicht geeignet, diese Verständi­gung zu fördern.

Die Neichsregierung betont bei dieser Gelegenheit nochmals, daß sie bei ihrem Vorgehen in Preußen weder die Verfassung angetaftet noch die Struktur des Reiches geändert hätte. Es handle sich lediglich darum, die Politik des Reiches und Preußens in einheitliche Bahnen zu lenken, wozu sie nach dem Urteil des Jtaalsgerichtshofes auch berechtigt sei. Hiernach werde sie auch in Zukunft verfahren. Im übrigen betont die Reichsregierung, daß die bayerische Negierung rechtzeitig von ihr über die in Preußen getroffenen Maßnahmen unterrichtet worden sei.

Sitzung der Ncichsratsausschüffc.

Im großen Reichsratssitzungssaal tagte unter Vorsitz des Neichsinnenministcrs der Ausschuß des Reichsraies für Verfassungs- und Geschäftsordnungssragen. Sowohl die Beratungen des Reichsratsausschusscs als auch die dann folgende Besprechung der Ländervertreier waren streng vertraulich. Die nächste Ausschußsitzung wird Ende der nächsten Woche stattftndci^

Zaleskis Sturz.

Immer mehr lichtet sich der Kreis jener Staats­männer, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahr­zehnts in Genf vor oder hinter den Kulissen eine politisch bedeutsame Rolle spielten. Stresemann ist tot und sein Gegenspieler Briand folgte ihm nicht allzu lange Zeit später ins Grab. Austen Chamberlain, der vielgewandte und sich oft wendende Vertreter des konservativen Eng­lands, ist sozusagen politisch verschollen und nun hat auch Herr Zaleski, Polens langjähriger Außenminister, recht plötzlich ins politische Gras beißen müssen. Das geschah außerdem in einem Augenblick, Da der Motor außen-, man darf vielleicht sagen: weltpolitischen Ge­schehens mit höchster Tourenzahl arbeitet und gerade Zaleski an der Einschaltung dieses Tempos eifrig mit­gewirkt hat.

Die durchaus nicht verhüllte Diktatur Piljud- skis in Polen läßt natürlich die Vermutung zu, daß bei der überraschenden Absägnng des bisherigen Außen­ministers und bei seiner Ersetzung durch einen der in­timsten Vertrauten des Diktators allerhand persön­liche Gründe mitgesprochen haben Sein Nachfolger, der jugendliche Oberst Beck, war früher Pilsudstis Adju­tant und sprang von hier aus empor auf den Postm des Staatssekretärs im Warschauer Auswärtigen Amt, nach­dem er vorher ein kurzes Gastspiel in Paris als polnischer Militärattache gegeben hatte, um sich auf diese Weise in die Diplomatie hineinzufühlen. Da aber für Zaleski selbst die französische Hauptstadt, genauer gesagt: der Ouai d'Orsay, also das dortige Auswärtige Amt, den Dreh­punkt der polnischen Außenpolitik darstellte, stand der bis­herige Außenminister Polens mit einem Fuß immer in Paris und zog sehr oft und stets dann auch Den anderen Fuß nach, ehe wieder einmal in Genf der Vorhang vor der dortigen politischen Bühne bochging. Das Zusammen­spiel mit dem großen französischen Partner klappte denn auch meist ganz ausgezeichnet.

Aus dieser seiner sechsjährigen Tätigkeit kennen wir Deutschen Herrn Zaleski ja besser als uns lieb ist! lind so schmerzlich es für uns ist, dies feststellen zu müssen, Zaleski hat e»Jn den schier unzähligen Fällen in denen nicht bloß von amtlicher deutscher Seite, sondern auch durch die deutschen Vertretungen und Organisationen in Polen Angriffe auf ihn wegen der schandbaren Deutsch­tumsverfolgung von Ostoberschlcsim bis hinauf zum Kor­ridor unternommen wurden, mit Geschick verstanden, diese Beschwerden in Genf versacken zu lassen, selbst dann, wenn das schreiendste Unrecht seines Staates offen vor aller Welt vorhanden war. Spätere Niederlagen Polens vor dem Haager Staatsgerichtshof nahm man in Warschau weiter nicht tragisch, weil den Herren Richtern jede Mög­lichkeit dafür fehlte. ihre Entscheidung durchzusetzen oder durchführen zu lassen. Derartige Hindernisse umging Zaleski dann auf krummen Wegen oder ließ sic gerades­wegs mit Gewalt beseitigen. Ihm haben sie niemals er­hebliche Sorgen gemacht; um so flüssiger entquollen seinem Munde die üblichen Genfer Phrasen vonVölkcrv'cr- söhnung" und demGeist der internationalen Verständi­gung". Mit dem Öl dieser Nethorik versuchte und ver­stand er es, die etwaigen Stürmcbenwogen im Genfer Wasserglase schnell zu beruhigen. Stand doch hinter ihm als starker Helfer die französische Freund­schaft. Da war es leicht, den Kampf gegen Deutschland zu führen und für Frankreich die Wacht im Osten zu halten. Sprach doch auch Briand einmal von demlästigen Treiben" der Minderheitenvertreter in Genf!

Gewiß hat Zaleski in feiner Politik strategisch und taktisch dem leisesten Winke gehorcht, der von Pilsudskis Hand kam. Aber es scheint fast, als ob er dem Diktator zu eng und zu tief in die Maschen der größeren, der kon­tinental-europäischen Politik Europas verstrickt fei und darüber näherliegende Probleme der polnischen Außen­politik mit lässigerer, wenig erfolgreicher Hand bearbeitete. Zwar hat er den Nichtangriffspakt mit Rußland unter­zeichnet, aber die Vorbedingung für dessen Inkrafttreten

Rumäniens gleichartiger Abschluß mit der Moskauer Regierung wurde wegen des Streits um Bessarabien nicht erfüllt. Auch die Beziehungen zu Frankreich be­gannen etwas kühler zu werden; die französische Militär­mission verließ Warschau und kurz daraus erhielt man dort die schmerzliche Mitteilung, daß die Pariser Ne­gierung bzw. die dortigen Großbanken sich vorläufig nicht in der Lage sähen, die zweite Teilzahlung für Den Bau der Bahn von Ostobcrschlcsten nach Gdingen zu leisten. Zaleski scheiterte mit seinem Vorschlag an Herriot, der Betrag solle doch einfach im französischen Staatshaus­halt als Ausgabe eingesetzt werden; denn dafür zeigte Herriot eine bemerkenswert kalte Schulter Und es handelte sich doch nur um 300 Millionen Franc also etwa 50 Millionen Mark. Nun liegen zwar die Eisenbahn­schienen da, aber cs fehlt das rollende Material und das Geld für die BabnhofSbaulcn.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Neichsregierung hat eine Stützung der Eetreidepreise beschlossen.

* Ein Burgfriede für die Zeit nach der Reichstagswahl ist vom Reichspräsidenten angeordnet worden.

* Ein wilder Streik des nationalsozialistischen und kommu­nistischen T-ilcs der Belegschaft der Berliner Berkehrsgesell- schast hat zu einer Einstellung ihres Betriebes gciuhrt.

* Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht wegen des Unter­gangs derNiobe" endete mit dem Frerspruch lhres Komma«. dauLü^ Kapttünlcutmwtp Rzchfps.