Zul-aer Mzeiger
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Nr. 258 - 1932
Fulva, Mittwoch 2. November
9 Jahrgang
Neue Wirtschaftswege.
Vor einer neuen
Getreidepreisstützung.
Kontingentierung der Anbaufläche?
Das Neichskabinett wird sich in seiner nächsten Sitzung mit Maßnahmen zur RegnlierungderGe- treidepreise besassen. Diese Frage ist durch die diesjährige Rekordernte und die damit verbundenen Absatzschwierigkeiten ausgeworfen worden. Da Deutschland heute auch hinsichtlich des Weizens Selbstversorger geworden ist, dürsten sich die Maßnahmen der Reichsregie- rung sowohl auf Roggen als auch aus Weizen erstrecken. Mit neuen Z o l l m a ß n a h m e n ist der Weizenpreisfrage jedenfalls nicht mehr beizukommen. Die Entwicklung der Weizenpreise ist seit einiger Zeit rückläufig, wenn auch beispielsweise am letzten Sonnabend die Notierungen wieder etwas günstiger waren. Die Reichsregierung dürste aus der veränderten Gesamtlage die notwendigen Folgen ziehen, über die Maßnahmen, die geplant sind, werden mannigfache Vermutungen geäußert, ohne daß sich bisher bestimmte Anhaltspunkte ergeben. Als Gerücht sei verzeichnet, daß die Reichsregierung eine gewisse Kontingentierung, also Begrenzung der Getreideanbaufläche, ins Auge gefaßt haben soll.
Im Reichskabinett wird weiter die Frage der Gehälter der leitenden Persönlichkeiten der staatlich unterstützten Betriebe erörtert. Die Grundlage der Aussprache im Kabinett ist eine nach langwierigen Verhandlungen zustandegekommene Vorlage, in der der Begriff des subventionierten Betriebes — soweit er für die Gehaltskürzung maßgebend sein soll — klargelegt wird. Diejenigen Betriebe, an denen das Reich nur in geringerem Umfange beteiligt ist, werden von den kommenden Maßnahmen der Reichsregierung nicht betroffen. Dagegen dürften die Gehälter der leitenden Persönlich- kerten in den übrigen Betrieben voraussichtlich eine nicht unbeträchtliche Kürzung erfahren.
Metier Borstoß Bayerns
gegen das Mich?
Reich, Bayern und Württemberg.
Nach dem Verlauf des Kanzlerbesuches in München herrschte in der Öffentlichkeit die Meinung, daß die Gegensätze zwischen Bayern und dem Reich abgemilbert seien. Zur allgemeinen Überraschung hat nun der bayerische Ministerpräsident Dr. Held in einer Wahlversammlung des Zentrums in Stuttgart Äußerungen gegen die Regierung Papen gemacht, die ein völlig verändertes Bild des Verhältnisses zwischen Reich und Preußen ergeben. Obwohl der Staatsgerichtshof die Einsetzung des ReichSkommissars in Preußen bestätigt hat, behauptete Dr. Held, die Bestellung des Reichskommissars sei verfassungswidrig und er machte der Reichsregierung den Vorwurf, daß sie sich mit Gewalt gegen das Urteil von Leipzig durchsetzen wolle. Er, Held, habe dèn Glauben an das Kabinett Papen verloren und sei schwer enttäuscht.
Ob diese Ausführungen nun tatsächlich die Absicht enthalten, von neuem einen Vorstoß gegen das Reich zu unternehmen oder ob nur die Wahlversammlung den bayerischen Ministerpräsidenten biefc Äußerungen als angebracht erscheinen ließen, steht noch nicht fest. Die Reichsregierung hat sich mit der Rede bereits beschäftigt und es ist wahrscheinlich, daß von Berlin aus eine Antwort erfolgen wird. Inzwischen bemüht sich der Vertreter der Reichsregierung bei den süddeutschen Staaten, Freiherr von Lersner, eine Klärung der Lage durch Besuche bei den verantwortlichen Stellen herbeizuführen.
So stattete der Beauftragte der Reichsregierung, Freiherr von Lersner, dem württenbergischen Staatspräsidenten Dr. Bolz einen Besuch ab. Über den Inhalt der Besprechung wurde kein amtlicher Bericht veröffentlicht.
Zwischen Freiherrn von Lersner und dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held, der auf zwei Wahlversammlungen der Zentrumspartei in Stuttgart sprach, bat keine Unterredung stattgefunden, da Dr. Held erst gegen Abend in Stuttgart eintraf, nachdem Freiherr von Lersner bereits wieder nach München zurück- gereift war.
Aus der Tatsache, daß in Stuttgart eine Zusammenkunft zwischen dem Reichsbeauftragten und dem bayerischen Ministerpräsidenten nicht ftattgefunben hat, ist vielfach versucht worden, ein Politikum zu machen, indem behauptet wurde, die S t u t t g a t c r Konferenz zwischen Lersner, Held und Bolz sei gescheitert. Von zuständiger Stelle wird hierzu erklärt, daß eine Konferenz in Stuttgart überhaupt nicgepla n 1 gewesen sei.
„Gireng geheim!"
Die NSK. veröffentlich, ein „Rmivschrcibcn deS Zentralkomitees der KPD.".
Die nationalsozialistische Parteikor re- spoudenz veröffentlicht ein „Rundschreiben d e r va r t elexekutive des Zentralkomitees der K P D. , das an die Landesbezirks- und Unterbezirks- leitungen mit dein Vermerk „streng geh ei m" ergangen
der deginn der Milliardenemission.
Die erste Notierung der Steuergutscheine.
Die erste Notierung der Steuergutscheine gestaltete sich zu einem Ereignis der Berliner Börse. Zahlreiche Interessenten und Schaulustige umlagerten die Maklerschranke, in der die Kurse für die zukünftige M i l - liardenemission festgestellt wurden. Die Notiz für die 1934 fälligen Gutscheine wurde mit 9014, für die 1935 fälligen mit 85, für die 1936 fälligen mit 80, für die 1937 fälligen mit 75)4 und für die 1938 fälligen mit 71 Prozent festgesetzt. Der Gesamtumsatz betrug etwa dreiviertel Millionen Mark, die bauvtsächlich auf die 1934er Emissionen entfielen.
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Warum deutsche Konimgenispolitik?
Die Handelsschranken der anderen Länder.
In dem vorbereitenden Wirtschaftsausschuß für die Londoner Konferenz wurde die Frage der Aus- und Einfuhrverbote, Haudelshemmnisse und Kontingente erörtert. Ministerialdirektor Posse, der Vertreter Deutschlands, legte in einer längeren Rede die Richtlinien der deutschen Wirtschafts- und Handelspolitik der letzten Zeit dar und hob besonders die außerordentliche Verschuldung der deutschen Industrie hervor, die heute in hohem Maße auf die Ausfuhr angewiesen sei. Posse verwies gleichzeitig auf die großen Schwierigkeiten, die der deutschen Ausfuhr wegen der Zollpolitik und der Handelsschranken der anderen Länder entgegenstehen. Die deutsche Koutingentierungspolitik erkläre sich als eine zwangsläufige Folge der von den anderen Ländern verfolgten Handels- und Zollpolitik. Die deutsche Regierung könne von ihrer Kontingen- tieiuagäyotiuLnur bg»tn abgeben, , wenn sich auch die anderen Länder zur Aufgabe der bisherigen Handelsschranken und Zollschutzmaßnahmen bereit fänden.
sei. Die Aktionsauslösungen würden danach nicht vor den Wahlen gegeben. Als erster Termin sei vom Zentralkomitee der 1 5. November festgelegt. Die Aktionsauslösungen müßten von den Erwerbslosen ausgehen. Die Mitglieder des Kampfbundes des Rotfront- kämpferbundes, der Kampfgemeinschaft und der Antifa seien fernzuhalten. An den B a u st e l l e n der Wohlfahrts-, Pflicht- und Kommunalarbeiter seien Streiks zu organisieren. Weiter sollen auf allen größeren Plätzen der Großstädte Demonstrationen durchgeführt werden. Die Mitglieder der RFB., der KG. und der Antifa sollen mobilisiert und im entscheidenden Augenblick eingesetzt werden. Die Bewaffnung erfolge, soweit diese Gruppen noch nicht bewaffnet seien, vor Beginn der Aktion. Die Kampfgruppen würden in drei Gruppen geteilt: Angriffs-, Verteidigungs- und Wachl- bienft. Die Angriffstruppen hätten, wenn die staatlichen Organe gegen die Erwerbslosenkundgebungen eingesetzt würden, sofort die Stützpunkte der staatlichen Organe zu besetzen. Die Verteidigungstruppe greife die eingesetzten Organe an, um sie so lange festzuhalten, bis den Angriffstruppen die Besetzung der Wachen, Kasernen, Lager und Unterkünfte gelungen sei. Die Wachtdien st truppe habe sofort bei Beginn der Aktionsauslösung die Verkehrsinstitute zu besetzen, und zwar in folgender Reihenfolge: Fernsprechämter, Flughäfen, Post und Eisenbahnen, städtische Verwaltungsgebäude und zuletzt die Banken.
Wie die NSK. weiter berichtet, lägen auch schon die ersten amtlichen Bekanntmachungen nach der Revolution im Wortlaut vor. So ein Nundtele- gramm an alle Amtsstellen des Reiches, in dem cs heiße, daß alle Ämter Weisungen vom Vollzugsrat der Revolutionsexekutive erhielten. Reichs-, Land- und Stadtparlamente aufgelöst und alle politischen Versammlungen bei Todes st rafe verboten seien. Eine andere Verordnung bestimme, daß, wer die Grenze zu überschreiten versuche, standrechtlich mit dem Tode bestraft werde. Standrechtlich werde auch erschossen, wer Streiks oder politische Kundgebungen veranlasse ober an ihnen teilnehme usw. Alles Bargeld sei beschlagnahmt. Die revolutionäre Pressestelle prüfe den Inhaltvoller Zeitungen und Druckschriften. Die Polizeistunde sei auf 8 Uhr abends festgesetzt.
Wie cs in dem von der NSK. veröffentlichten Rundschreiben weiter heißt, befinde sich die KPD. ab 1. Oktober in höchster Alarm- und Kampfbereitschaft.
Geheimnisvolle Mordtaten in Susanen.
In dem bulgarischen Seebad Varna herrscht Aufregung über rätselhafte Mordtaten aus den letzten Monaten. Es verschwanden Frauen, von denen man später nur noch die abgcschniltcnen Köpfe fand, und zwar in drei Fällen in Brunnenschächten. Schon vor mehreren Monaten wurde im Schacht eines Ziehbrunnens der Kopf einer jungen Frau gefunden, jetzt wiederum in einem anderen Ziehbrunnen die Köpfe zweier junger Mädchen. In keinem Falle sind die Körper der Ermordeten auf- gefunden worden. Die Polizei sucht in ganz Bulgarien Spuren zu entdecken, die zur Ergreifung des Mörders führen könnten. Man vermutet, daß es sich um einen Massenmörder nach dem Düsseldorfer Vorbild oder um einen Lustmörder handelt.
Miliz oder Berufsheer?
Daran, daß die Abrüstungskonferenz praktisch festgefahren ist — übrigens auch ohne die deutsche Weigerung, an ihr teilzunehmen —, zweifelte wohl kaum noch irgendein Mensch. Nicht einmal die Staatsmänner glaubten daran, den Karren wieder vorwärts zu kriegen, wenn dieser nicht ganz gehörig entlastet wird. Das geschieht jetzt der Idee und Absicht nach mit dem „konstruktiven" Plan Herriots, und man darf hinsichtlich der vielberufenen deutschen Gleichberechtigung etwa sagen, daß der Herriot- Plan uns in gewisser Beziehung diese Gleichberechtigung zugestehen soll, nämlich in der der Heeresorganisation. Der französische Ministerpräsident sprach von einer „Verallgemeinerung der Herabsetzung der kurzfristigen Dienstpflicht für die im Mutterland stehenden Streitkräfte", wobei die Bedingung zu erfüllen sei, daß „alle Formationen, die dieser Heeresorganisation zuwiderlaufen, wie die Reichswehr, aufzulösen seien".
Daß Herriot hierbei gerade die Reichswehr erwähnte, hat auch noch seinen besonderen Grund außerdem an sich schon auf der Hand liegenden. Man bezeichnet unsere Reichswehr als „Berufs"-Hcer und hat — wegen der zwölfjährigen Dienstzeit — damit auch nicht ganz unrecht. Wenn man aber in Frankreich außerdem von einem „Kaderheer" sprach, das also im Ernstfall durch Auffüllung mit ausgebildeten Mannschaften zu einem Polkshcer gemacht werden würde, so ist dem nicht nur enlgegenzustellen, daß diese ausgebildeten Mannschaften überhaupt nicht da sind, und andererseits, daß man uns ja dieses „Berufs"- oder „Kader"-Heer im Versailler Vertrag einfach befohlen hat. Damals waren die französischen Generale durchaus dafür, daß Deutschland eine gewisse, natürlich zahlenmäßig sehr begrenzte „allgemeine" Wehrpflicht beibehalten sollte, wobei allerdings die Bewaffnung nicht über die in Versailles gezogenen Grenzen hinausgehen sollte. Denn man stand damals auf dem Standpunkt, daß für den modernen Krieg wirklich ausgebildete Soldaten zu erhalten eine kurze Dienstzeit kaum genügen würde, daß also ein Berufsheer doch wohl eine größereMefahrchedeute. M der „Zivilist" Lloyd George war e& der in Versailles demgegenüber das Berufsheer für Deutschland durchsetzte und dann war es eine fast naturgemäße Folge, daß schon 1920 die Reichswehr von 200 000 Mann auf die Hälfte herabgesetzt werden mußte. Jedenfalls erhielt Deutschland ein Berufsheer nach englischem Muster, obwohl man sich doch eigentlich darüber hätte klar sein müssen, daß die englischen „soldiers" in der Hauptsache für ganz andere Zwecke als für die Verteidigung des Mutterlandes bestimmt sind.
Offenbar hält Herriot heute wieder die Einführung eines „Miliz"-Svstems in Deutschland für viel weniger gefährlich als das Bestehen der Reichswehr, obwohl damit die Zahl der für den Krieg zwar nicht ausgebildeten, aber „angelernten" Mannschaften auch dann steigen würde, wenn der zahlenmäßige Umfang der Miliz verhältnismäßig klein wäre. Denn diese Art der militärischen Ausbildung selbst schon macht der Miliz den Angriffskrieg heute noch unmöglicher als früher, und zwar nicht bloß deswegen, weil der ganze Zweck des Milizheeres nur aus die Landesverteidigung gerichtet sein will Berufsmäßig dabei tätig müßte eine Art Gerippe sein, das Ausbildungsund Führerpersonal also, das etwa nach schweizerischem Muster den zur Dienstpflicht eingezogenen und später zu Übungen herangeholten Mannschaften kaum mehr als die Anfänge moderner militärischer Kenntnisse beibringen könnte.
Nur in einem, allerdings möchte man sagen: an sich „unmilitärischen" Punkte, wäre das Milizsysiem dem Berufsheer vorzuziehen. Die Miliz verkörpert wenigstens etwas, wenigstens als Stückwerk den Gedanken der Wehrpflicht des Staatsbürgers. In der Entwicklung vom Berufsheer zum Volksheer ging das Milizsystem diesem letzteren voraus. Das heute militärisch Zweckmäßige wird davon aber nicht berührt, auch nicht — und darüber hat Herriot bezeichnenderweise vorläufig gar nichts gesagt —, wie es denn eigentlich mit der Frage der Bewaffnung steht! Auch für einen modernen Defensivkrieg ist das letzten Endes entscheidend, besonders für Deutschland, wo man ja mit größtem Raffinement alle Verteidigungsmöglichkeiten bis auf zwei Dutzend Kanonen mittleren Kalibers restlos hat zerstören lassen.
Man hat uns die Reichswehr aufgedrängt und es ist unmöglich, daß man sie nun einfach beseitigen will, ehe das Milizsystem für einen auch nur einigermaßen ausreichenden Ersatz sorgen könnte. Frankreich selbst erklärt ja, daß es einen derartig radikalen Umbau seiner Wehrmacht, wie ihn Herriot „grundsätzlich" vorschlägt, sofort durchzuführen gar nicht imstande wäre — obwohl cs doch Millionen ausgebildeter Reserven besitzt. Wir können das noch viel weniger, und die anderen Länder mit Berufsheeren und allgemeiner Dienstpflicht dürften sich auch weigern, sofort den Umbau zu vollziehen Herriots Plan gelangt mit allen Einzelheiten jetzt vor das Büro der Abrüstungskonferenz und damit vor deren Arbeitsausschuß. Erst dann wird man sagen können, ob und wie sich ein praktischer Weg aus dèm Labyrinth findet, in dem die Konferenz sich verirrt bat.
Kleine Zeitung für eilige tefer
♦ Die Steucrgutscheinc sind zum erstenmal an der Berliner Börse zur Notiz gekommen. . „
* Bvr einem Kriegsgericht in Kiel beginnt am s. November der Prozesi nenen den Kommandanten des untergegangcncn Schulschiffes „Niobe", dem Fahrlässigkeit in der Wahrnehmung des Dienstes vorgeworsen wird.
* In Frankreich und Belgien sind starke '»turnt- und über- schwcmmungSfchädrn angerichtri worden.