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St.» Emm» «i,,,,d.«m. feinsten Atlasröcken goldgestickten Borten und fluninert das Kerzenlicht im Festsaal eleaaâ Dor. bewegt sich m bett 2^?EsellschaÜ, tanzt ein zierliches Menuett oder sieht " âu, die mit Anmut in tiefen Verbeugungen -edersinken. Im kleinen Nebenraum kommt gedämpftes Licht von ^T^ ^^rm ^u herum dre, Manner b "^J. P unerhört, Messieurs, daß der Herzog von Hannover diesem Menschen Nütger Hinüber heißt er _ buSen^o '" .seinen Landen und im Braunschwe^g°Lüne° "Umsehen eine eigene Postroute aufzurichten! Das greift in HX ^â^en Rechte, die mir über das ganze deutsche

gestattet hat, in ________ uuu w

durgschen eine eigene Postroute aufzurichten meine verbrieften Rechte, die mir über das cu Gebiet das Privileg geben für alle Reit- unb

verliehen vom Kaiser Maximilian." ^- 1

XJ 1 "prwueg geven für alle Reit- und Fahrposten, °2fhen vom Kaiser Maximilian." -Ja, Herr Graf haben , ^ ' ^ber der Kaiser hat doch dem Hannoveraner seine Er­laubnis gegeben " - Hat er, hat er. Das ist's eben!" Der ^ i. räusperte sich, es ist der Feldpostmeister:

ä« Gnaden, Herr Graf! Ta sind verschiedene kleine Punkte. Man mußte dem Postmeister auf die Finger passen können.Hm, aber wer soll das tun?"Ich!" Ningk eine lunge helle Stimme. Der junge Graf Thurn und ^axis ist eingetreten. -Du?" Unglauben, ein wenig Hohn schwurgt in dem scharfen Organ des alten Grafen.Und Deine Verlobung mit der Gräfin Isenburg?"Hat Zeit! Ich kann reiten, das wissen der Herr Vater. Ich kann das Wald-

Ich melde mich als Postillon und sehe, wie die Sache laust ' Die drei älteren Männer schmunzeln. Man Sache!^ Draufgänger. Es ist schon der Richtige für die

x m ^?.: tue Thurn und Taxis haben bis jetzt allein das Privileg sur das gesamte Postwesen Deutschlands gehabt. Sie sind groß und reich dabei geworden. Nun auf einmal im ^ahre 1660 haben sich unerwartet in Norddeutschland die Herzogtümer Hannover, Braunschweig, Lüneburg selbständig gemacht. Rütger Hinüber stellt 30 Pferde, für 40 000 Taler riegtet er Poststationen ein. Der Herzog von Hannover seiner­seits gibt ihm die Baulichkeiten, in denen Rutger Hinüber als Postmeister haust.

In der Rosenlaube beim Posthaus sitzt Aenne, Hinübers einziges Töchterlein, eine Schüssel mit Erbsen auf dem Schoße. 2.« ertönt Fias Posthorn, sie hört eine unbekannte Weise in frischerem Aon, als der alte Balthasar ihn bläst. Bald dar­aus tritt jemonb zu ihr, ein neuer junger Postillon in vor- geschriebener Tracht, hohen Reitstieseln, weißer Hose, kurzer blauer Jacke mit Verschnürung, den hohen Hut in der Hand, ein großer blonder Mann mit lachenden blauen Augen. Aenne ist aufgesprungen. Die Schale rutscht an die Erde, und die Erbsen rollen in den Sand.Wartet, ich helfe Euch!" - Sie tuten beide an der Erde, sammeln die Ausreißer auf, bis beide sich lachend ansehen. Dann sitzen sie aus dem schmalen weißen Bänkchen. Sie fragt:Warst Ihr es, der geblasen hat?" »Ja, kennt Ihr das Lied?" Sie verneint, und er fingt ihr vor:Aennchen von Tharau ist's, die mir gesällt, sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld." Die Muhme Barbara Mist: .AennelMDie läuft ins Haus. Er blickt ihr nach und sag: vor sich hin:Aennchen vor Tharau ist's, die mir gefällt." iDht dem neuen Postillon ist der Postmeister Hinüber sehr zufrieden. Reiten kann der Junge wie der Teufel, und er bläst, daß selbst dem alten Balthasar die Tränen über die Backen kullern. Und Aenne? Sie lebt in einem seligen Traum. Eigentlich soll sie den dicken Bürgermeister heiraten, hätte wohl auch Ja gesagt zu den Wünschen des Vaters, bis ja, bis der Neue gekommen ist Hugo heißt er und hat sich in ihr kleines Herz hineingeblasen und mit seinen schönen blauen Augen hineinaelacht.

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BlnWertragung gegen spinale Kinderlähmung.

Von Dr. L. H. Krame r.

Mit dem Umsichgreifen der spinalen Kinderlähmung hat die Frage, welche Schutzmaßnahmen vorbeugender und heilender Natur hiergegen zu ergreifen sind, erhöhte Bedeu­tung gewonnen.

Der Vorbeugung dienen jene Mittel, die durch Des­infektion des Nasenrachenraums sowie von Magen und Darm die Entwicklung des Krankheitserregers beeinträchtigen und hindern. Auch der Laie begegnet hier einem alten Bekannten, dem Formaldehyd, das besonders in früheren Zeiten aus dem Nachtschränkchen neben dem Krankenlager mit milder Flamme verbrannte, auf diese Weise die tu dèr Luft schwim­menden Bakterien vernichtend. Doch haben die Forschungen über die Wirksamkeit dieser chemischen Verbindung noch keine restlose Ausklärung gebracht, wenn es auch feststehen dürfte, daß Formaldehyd, wenn es sich im Magen und Harn bildet, zur Zerstörung des Krankheitserregers beiträgt. Daneben wird empfohlen, eine desinfizierende Salbe in' die Nase aufzu- jchnupfen und dadurch die dortigen Schleimhäute zu schützen.

Vor allem aber wird nicht nur zum Zwecke der Vor­beugung, sondern mehr noch bei der Heilung der bereits zuni Ausbruch gekommenen spinalen Kinderlähmung die Blut­übertragung als Mittel angewandt. Schon früher ver­suchte man durch die Immunisierung von Pferden ein Heil- ferum herzustellen. Doch konnten weder die vom Pariser Pasteurinstitut noch die in England in dieser Richtung vor- peuommenen Versuche in allen Fällen günstige Erfolge zeitigen. Man ist dann in Schweden, Amerika, Deutschland und anders­wo dazu übergegangen, das Blut der Geheilten ins Treffen zu führen. Es stèht nämlich fest, daß diejenigen Menschen, welche die Krankheit überstanden haben, von nun an dagegen gefeit sind. Besonders günstige (Ergebnisse hat man wie Professor Schottmüller in betDeutschen Medizinischen Wochenschrift" berichtet in Ontario erzielt. Dort beobachtete man am ersten Krankheitstäge 100 Prozent Heilungen, am zweiten 87,7 Pro­zent und am dritten noch 40 Prozent, Ergebnisse, die eindeutig für die Notwendigkeit der F r ü h b e h a n d l u n g sprechen.

Einige Schwierigkeiten macht hier die Beschaffung des so wirksamen Rekonvaleszentenserums. Meist sind cs jo Kinder, die von dieser Krankheit befallen werden; Jie kommen natürlich als Blutspender nicht in Betracht. Um so wichtiger üt die Aufgabe, die von spinaler Kinderlähmung geheilten Erwachsenen zur Uebertragung zu gewinnen. Voraussetzung bleibt hierbei natürlich, daß diese Personen auf Grund ihres Gesundheitszustandes dazu geeignet sind. Sie müssen ferner jeweils zn derselben Blutgruppe gehören wie der Kranke, dem die Transfusion ihres Lebenssaftes helfen soll. Die Infektion der Spender darf zeitlich nicht zu weit zurückliegen, möglichst nicht mehr als vier bis sechs Jahre. Andererseits müssen seit ihrer Erkrankung mindestens sechs bis acht Wochen verstrichen sein. Uebrigens sind einige Forscher zu der Anschauung ge­kommen, daß sich auch das Blut von bisher stets gesund M»PV P^rsmvn gegen spfrâ KüHerWMMgs veWÄ^Hen

Graf Hugo wird als reitender Bote vom Postmeister Hinüber mit Briefen des Herzogs von Hannover nach Braun­schweig geschickt. Er benutzt die Gelegenheit zu einem Abstecher nach Hause. Er reitet Tag und Nacht und kommt gerade in ein Schäferfest hinein. Er tritt ein in seiner Tracht, aber mit seidener Maske. Gräfin Isenburg als schöne Schäferin tanzt mit ihm. Dann ist er verschwunden. Er meldet sich beim alten Grafen, gibt Bericht, daß er in Braunschweig gewesen.Waren die Porti bezahlt?"Nein! die Postsachen des Herzogs gehen ohne Porto."Aha, damit kann ich ihn fassen. Und was stand in dem Brief?" Der Sohn fährt auf:Ich bin kein Spion und kein Schuft." Der Vater wünscht, er solle bleiben zum Fest und seine Verlobung feiern. Aber die Pflicht ruft den Jungen nach Hannover surüd. Der Vater lacht: Pflicht? Dort?" Graf Hugo denkt an Aenne, an die süße kleine Aenne, die voll heißer Sehnsucht auf ihn wartet, und reitet ab.

Der Bürgermeister suchte Balthasar zu überreden, daß er seinem Herrn melde, der junge Postillon sei erst heute in der Nachts zurückgekommen, habe sein müdes Pferd am Zügel führen müssen. Aber Balthasar sagte, es sei alles in Ordnung. Der Neue habe sein Pferd sorgsam abgerieben, ihm Heu in die Raufe getan und bei ihm gewacht. Balthasar wird doch semem Aennchen keinen Kummer machen. Aber das Leid kommt doch. Ter alte Graf wird vom Kaiser zum Fürsten erhoben und ruft den Sohn zurück.

Noch einmal finden sie sich im Rosengarten, Aenne und der fremde Postillon.Kommst Tu wieder?" fragst sie ängst­lich. Da schweigt er und birgt ihren Kopf an seiner breiten Brust. Weiß sie's, daß er nicht der ist, als der er hier auftrat? Sie weint nicht, sie bittet nur:Blase mir noch einmal ,Aennchen von Tharau'!" Soll er ihr sagen, wer er ist? Er fühlt sich schuldig an ihr, an ihrem reinen jungen Herzeil. Kann er bleiben? Alles in Wien im Stich lassen? Vater und Pflichten und seine hohe Stellung? Noch einmal reißt er sie in die Arme.

Die Postkutsche rumpelt über die Steine, und es ertönt weithin:Aennchen von Tharau ist's, die mir gefällt."

An der Hecke steht ein blondes Mädchen und horcht den Tönen nach, dis sie verklingen.

Angst.

Skizze von Karlheinz Arens«Essen.

Der Leutnant von Derendorfs war von Ostafrika heim­gekehrt, wo er den Krieg mitgemacht hatte. Jetzt sitzt er in der Diele des väterlichen Gutshauses und blickt träumerisch bot sich hin. Die Damen haben sich zurückgezogen. Die vier Herren sitzen schweigsam. Der Leutnant hat den ganzen Abend von den Tropen erzählt, den Kämpfen, den Schwarzen und, was die Herren besonders interessierte, von seinen Jagd­erlebnissen.

Am Tisch führt der Stresower, der alte Glasenapp, den Vorsitz. In daS rotbraune Leder seines verwetterten Gesichtes sind viele scharfe Falten eingeschnitten. Er raucht behaglich seine Zigarre und blinzelt mit den scharfen, kleinen Fuchs­augen wohlwollend dem jungen Afrikaner zu.Verfluchter Bengel", denkt der alte Glasenapp wohlgefällig.Das mit dem ollen Biest von Löwen war wirklich fein. Alle Hoch­achtung!"Sag mal, mein Junge", sagt er dann laut, hast Du denn niemals so'n bißchen, na, so 'nen kleinen Frost gekriegt. Hand aufs Herz, sag's mal, mein Junge!"

Alles blickt erwartungsvoll den Leutnant an. Dieser zögert eine Weile, alsdann beginnt er:Na ja ich muß offen sagen--einmal habe ich na, sagen wir's nur Ängst gehabt. Und zwar eine heiße, scheußliche Angst ich mag gar nicht daran denken! Das war, bevor ich nach Afrika ging. Ich war noch vier Wochen in den bayrischen Beroen

läßt, falls diese Menschen durch das nahe Zusammenleben mit Infizierten immun geworden find, wenn also eine sogenannte »stille Feiung" stattgefunden hat. Vor allem kommen in dieser Hinsicht Familienmitglieder in Betracht.

Auf Veranlassung des Reichsinnenministers haben sich neuerdings chemische Werke bereit erklärt, aus dem Blut Ge­nesener, das unmittelbar nach der Entnahme eingesandt worden ht unentgeltlich das Serum herzustellen. Im übrigen werden staatliche Zentralstellen sich Listen der zur Uebertragung be­reiten Erwachsenen anlegen müssen, damit bei dem Auftreten einer Infektion sofort die Transfusion vorgenommen werden kann. Zu erstreben ist nach Professor Schottmüller eine mög­lichst reichliche Blutübertragung von einem halben bis einem ganzen Liter. Bei der Medizinischen Universitätsklinik in Ham­burg konnte schon eine so gut funktionierende Organisation geschaffen werden, daß dort auf Anruf jederzeit die Adresse und Blutgruppe eines geeigneten und bereiten Spenders zu erhalten ist. Dabei darf es nicht wunder nehmen, daß es recht viele Menschen sind, die sich zu diesen Liebesdiensten gegen Entgelt zur Verfügung stellen. Der amtliche Preis beträgt in Hamburg fünf Mark für hundert Kubikzentimeter.

Manches bedarf hinsichtlich dieser Heilmethoden noch der Klärung. Daß ihnen eine große Bedeutung zukommt, steht jedoch außer Frage.

Der Eremit von Kanagawa.

Die japanische Polizei hat dieser Tage einen seltsamen Mann entdeckt: den Eremiten von Kanagawa. Gelegentlich der Durchsuchung eines Waldes wurde eine Höhle am Fug eines siebzig Meter hohcu Felsens gefunden. Sie war nur mit zwei einfachen Matten aus Reisstroh ausgestattet, und auf einer von ihnen lag ein Mann, der sich nach einigem ängst­lichen Zögern als der siebenundsechzigjährige Schiyokitschi Na­kayama zu erkennen gab. Niemand hatte den Namen schon einmal gehört. Nur ein älterer Schutzmann glaubte, sich eines ähnlichen Namens entsinnen zu können:Lebte nicht vor langer Zeit drüben in Aschigara eine Familie, die so ähnlich hieß?"Ja", sagte der seltsame Einsiedler,ich gehörte zu dieser Familie. Sie war Jahrhunderte hindurch ehrbar und geachtet gewesen, bis mein Stiefbruder ihren guten Ruf be­sudelte. Er kam ins Gefängnis, und schließlich war fein Leben nur eine Kette von Verbrechen und Strafen. Die Leute wiesen mit Fingern auf uns. Ich schämte mich fast zu Tode, und schließlich konnte ich cs nicht länger ertragen. Ich ging in den Wald und grub mir diese Höhle. Ich lebe hier seit dreißig Jahren und habe meinen Frieden gesunden. Ich brauche mich um keinen Menschen zu flimmern, finde im Walde, was ich zum Lebeu brauche. Meine Höhle ist wärmer, als es mein Haus in Aschigara je sein könnte. Ich habe au den Tieren hier im Wald Unterhaltung genug, und bitte, auch ferner in Ruhe gelassen zu werden." Die Behörden erwiesen dem seltsamen Eremiten den Gefallen. Sie mußten nur pflichtgemäß dem in den Slandcsaüitsrcaistcru als verstorben Pezeichneten zu neuem Leben vèchrlfcnr.

und in der Schweiz, und da, so Anfang Augnst war's. Morgens früh weg von Lauterbrunn, von da auf Mürrenalp, wieder runter, dann nach Wengeralp immer zu Fuß da mochte es gegen sechs Uhr abends sein. Ich hatte mich etwas aus- geruhl und konnte mich nicht von dem überwältigenden An­blick der nahen Jungfrau trennen. Ich mußte aber allmählich noch aufbrechen, wenn ich an dem Abend noch Grindelwald er­reichen wollte.

Der Weg führt über magere, graue Matten längs der Zahnradbahn. Nach einer halben Marschstunde fuhr der letzte Zug an mir vorbei. Die Abteile waren erleuchtet. Ich sah noch die schimmernde Masse des kurzen, langsam steigenden Zuges da verschwand er in einem Tunnel. Das Klappern der Räder wurde immer leiser, dann war es ganz still. Ich schritt durch die immer tiefer sinkende Dämmerung. Tann kletterte ich den schmalen Weg hinab in das düstere Tal von Grindelwald. Der Weg verdiente kaum mehr biefe Be­zeichnung. Mein rechter Arm streifte die Felsenmauer des Eignerriesen. In senkrechter, unabfehbarer Steilheit ragten die Felsen neben mir empor. Hoch oben ein weißes Flimmern: die vereisten Schneeselder unter zackiaen Givfeln.

Ich schritt eilig weiter. Die Dunkelheit sank immer tiefer weiß der Himmel, ich fühlte mich von diesen starren Steinhaufen fast bedrückt. Nach einer Viertelstunde blieb ich stehen und lehnte mich an die Felswand. Ich fühlte mich plötz­lich scheußlich einsam auf Stunden keine Menschenseele. Ich blickte in das Tal mit den drohenden Föhrenbataillonen. Der Weg wurde allmählich sehr schlecht, nur noch ein Neben- und Ueoeretnanber von Steinen verschiedenster Größe und Form. Es war nichs mehr weiter als ein altes Bachbelt, in dem ich dahin stolperte. Allmählich bildeten die Föhren dickere Trupps, dann kam wieder eine minutenlange Lichtung. Von einer höheren Stelle aus sah ich den Grindelwald, wo in der letzten Nacht, wie man mir erzählt hatte, ein Wanderer über­fallen worden war. Zu beiden Seiten des Weges reckten sich jetzt steile Böschungen empor und auf diesen, undurchdringlich ineinandergewachsen, die Tannen des Grindelwaldes. Das wird wohl die Stelle gewesen sein, wo man den Touristen übersatten hat! Da, ein lautes Knacken im Gebüsch über mir und hol's der Satan ich fing an zu laufen! Zwar D.ur ein paar Sätze, dann blieb ich stehen. Sagte mir, daß irgenb ein harmloses Waldtier da oben umher liefe, und^schalt mich, daß meine Nerven durch die großen Strapazen des Tages überreizt seien. Während ich mir diese sehr vernünftige Rede hielt, ertappte ich mich doch dabei, daß mein Auge das Ende des Hohlweges suchte. Ich beschloß also meine rebellischen Nerven zu bezwingen. Man mußte doch seinen Willen durch­setzen können. Den langen Alpjtock legte ich auf den Boden und kletterte die Böschung des Hohlweges hinauf. _ Natürlich war nichts zu bemerken. Da sagte ich mir: Du willst jetzt nach Afrika gehen, eine Stellung einnehmen, wo von deiner Enl- schlossenhcit, Kaltblütigkeit nicht nur dein und deiner Ge­fährten Leben, sondern auch die Interessen des Vaterlandes abhängen. Schämen müßte man sich."

Die Nerven, die Nerven", meint der alte Glasenapp kopfnickend.

Ja natürlich die Nerven ja, aber als preußischer Offizier darf man eben keine Nerven haben, und diese Stunden waren mir sehr unangenehm. Doch weiter! Plötzlich hörte der Weg auf, vor mir dichtes Tannengestrüpp. Himmelelement tatsächlich verlaufen! Das Vernünftigste wäre gewesen, sich einfach hinzulegen und cinzuschlafen. Aber ich war zu auf­geregt. Ich rannte also durch den dicht verwachsenen Tann. Die scharfen Zweige zerkratzten mir das Gesicht, ich stolperte über irgend etwas. Ein Waldtier flüchtete aufgeschrcckt, ich hastete weiter durch die einfach undurchdringliche Finsternis. Ta, ein schwarzes, massiges Etwas. Ein Haus! Ein Block­haus oder eine Sennhütte. Ich beschloß, um Einlaß zu bitten und da zu bleiben.

Ich klopfte ans Fenster, einmal, zweimal niemand öffnete. Still und tot lag das Haus bat auf einer kleinen Lichtung; es paßte so recht in diese wilde Umgebung. Nach einigem Suchen fand ich die Tür, die von außen mit einem Pflock zugesteckt war. Also eine verlassene Sennhütte! Einerlei, ich trat ein und fand nach kurzem Tappen eine Streu. Ohne Licht anzuzünden warf ich mich darauf nieder und mußte wohl trotz der hochgradigen Aufregung sofort eingeschlafen sein. Wie lange ich geschlafen, wußte ich nicht. Plötzlich wachte ich auf mit dem dumpfen Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Lauschte angestrengt. Richtig, draußen streifte irgend etwas an der Wand entlang. Ich hörte es ganz deutlich.

Es schien mir plö^tzlich ganz klar, daß Wilderer oder noch Schlimmere hier einen Schlupfwinkel hatten. Wozu diente sonst die Hütte mitten im Wald? Ich hatte plötzlich den leb­haften Wunsch, irgend einer bestimmten Gefahr ins Auge zu sehen nur nicht länger dies entsetzliche, dumpfe Angstgefiihl. Ich riß also ein Streichholz an und hielt es empor, gleich dar- auf sprang ich entsetzt zurück. Was sich meinen Augen bot, war grauenhaft. Mir >var es, als würde mein Herz von einer kalten Faust gepackt und krampfhaft zusammengepretzt. In meiner unmittelbaren Nähe lag ein riesiger, graugelber Kerl auf dem Rücken tot. Er war nur mit einem fchmutzigen Hemd bekleidet. Der Mund stand weit offen und ließ ein gelbes Gebiß sehen, weit aufgcrissene Augen, rot unterlaufen, grau und stier. Grane Haarsträhnen hingen dem Toten um die Stirn, das ganze übrige Gesicht war von Bartstoppeln bis dicht unter die Augen bedeckt. Die Hände waren in bas Heu eingekrallt. Ich hatte das Gefühl, daß der Tote jeden Moment aufspringen und mir an die Kehle wollte. So lächer­lich das jetzt klingen mag, damals wirkte es furchtbar auf mich.

Ich stand von Entsetzen gelähmt fei es nun, daß mein flackerndes Streichholz dies so erscheinen ließ, ich glaubte, der Mensch mache vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben. Ich ließ die Schachtel fallen, stieß einen Schrei aus und stürzte an die Tür, im Herzen die furchtbarste, heißeste Angst, die wohl ein Mensch fühlen kann. Ta wurde die Tür von außen aus- gestoßen, und ich sah zwei Kerle, von denen der eine ein Bell trug. Tod und Wahnsinn! Meine Gedanken verwirrten sich, ich taumelte zu Boden...

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf derselben Streu. Der Tote war mit einem alten Tuche zugcdeckt. Neben mir saß ein Herr, an der Tür lehnte der Mann, den ich zuletzt mit dem Beil gesehen hatte. Ter eine war der Arzt aus Grindel­wald und von dem anderen, dem Sohn des Alten, ja der Nacht an das Lager des sterbenden Vaters gerufen. Sie be­merkten, daß die Tür von außen geöffnet war und glaubten, daß Gesindel eingcdrungen wäre. Als sie eintraten, so er­zählten sie, sei ich mit verzerrtem Gesicht herausgefturzt um dann in Ohnmacht gefallen.

Mittlerweile war es ganz hell geworden. ^cp dankte den Leuten und ging mit dem Doktor nach Grindelwald Aber so recht fühlte ich mich erst wieder, als ich tm Hotel einen Kognak getrunken hatte und dem Rauch meuter Zigarette «ML?