N»Wr Protestantismus im Ringen der Zeit.
Die große Reichstagung des Evangelischen Bundes in Kassel.
In Ergänzung unseres Berichts über die 36. Generalversammlung des Evangelischen Bundes, die vom 7, bis 9. Oktober in Kassel stattfand, geben wir der folgenden Darstellung des Tagungsver- laufes Raum. Die Schriftleitung.
Zeiten der Gärung, Zeiten des Suchens sind nicht unbedingt Zeiten des wirklichen Niedergangs, wirkliche Un- gliickszeiten. Liegen in ihnen doch auch Möglichkeiten, kann sich aus ihnen doch unter Umständen fruchtbare Zukunft entwickeln. Nur darf sich der Geist aus ihnen nicht gänzlich entfernen, so daß nur rohe Kräfte übrig bleiben/ die in Sinnlosigkeit widereinander wüten; nur darf nicht völlige Nacht die Tiefe bedecken, so daß kein Stern mehr sichtbar ist, der dem Piloten die Richtung weist. Einen solchen Punkt, eine tragende Kraft, die imstairde ist, die Gewalten der Segenwart in verheißungsvolle Richtung zu drängen, neues Leben, neue Möglichkeiten zu pflanzen, meint der Evangelische Bund, zusammen mit der Christenheit aller Jahrhunderte, zu kennen in dem alten Evangelium. Tief ist er davon durchdrungen, daß er unter der Gewalt, unter der Kraft dieses Evangeliums selbst immer wieder stehen muß, um ein führendes Wort denen zu sagen, die ein solches von ihm begehren. So war es eine Selbstverständlichkeit, daß der Sonntag, der Hauptfesttag der 36. Generalversammlung des Bundes, damit begann, daß seine Prediger von den 22 Kanzeln Kassels ihm und seinen Gesinnungsfreunden von dem Evangelium der Reformation sprachen in seiner Bedeutung für Volkstum und Vaterland, Staat und Kirche.
Mit Freude mußte es jeden erfüllen, der Kirche und Evangelium nicht gänzlich ablehnt, wenn er die dichtgefüllten Kirchen sah, welcher Widerhall der alten Botschaft aus der evangelischen Bevölkerung des Hessenlandes entgegenkam.
Die Kundgebung am Denkmal Landgraf Philipps.
Gegen 12 Uhr bewegten sich dichte Züge von Menschen aus den Gotteshäusern zu dem Denkmal des großen Landgrafen von Hessen, Philipp des Großmütigen, das so mächtig von dem Hintergrund der alten Martinskirche sich ab- hebt. Bald war der weite Platz Kopf an Kopf gefüllt, besonders schön die viele frische evangelische Jugend und die in der Mehrzahl vertretene Männerwelt, die dem Zuschauer den Eindruck aufdrängte: Hier geht's um eine männliche Angelegenheit! Unter Posaunenschall und Männergesang betrat Generalsuperintendent O. Fuchs, Kassel, das grlln- bekränzte Rednerpult. Unterstützt von eingebauten Lautsprechern stellte er die beiden Großen aus reformatorischer Zeit, den hessischen Landgrafen und den Schwedenkönig, der vor dreihundert Jahren bei Lützen fiel, einander gegenüber rn ihrem menschlichen Gegensätze und ihrer geistigen Gemeinsamkeit. Beide haben etwas zu sagen auch dem heutigen Geschlecht. Wir sollen die Väter nicht verleugnen, Philipp, den Bahnbrecher der Reformation, und Gustav Adolf, ihren Verteidiger. Jeder einzelne sei ein Bahnbrecher der Reformation, erfasse sie tiefer und innerlicher und deutlicher, jeder sei ihr Verteidiger gegen die, die sie bekämpfen, Verteidiger durch Bekenntnis und helfende Tat an den Glaubensgenossen, im Herzen den Grundsatz: Gottes Freund oder Feind, ein Drittes gibt es nicht.
Mit herzlichen Worten der Ehrfurcht und Dankbarkeit legten hierauf der Bundespräsident v. Dr. Conze für den Esamtbund, Studienprofessor Hof manu., Kassel für den Kurhesstschen Hauptverein, Pfarrer Berck, Roßdorf, für den Hauptverein Hessen und ein Vertreter des örtlichen Verkehrs- und Bezirksvereins'Kränze der Erinnerung am Denkmal des Landgrafen nieder. Die „feste Burg", von den Massen gewaltig gesungen, bildete den wirkungsvollen Abschluß der schlichten Feier.
Die evangelischen Volksversammlungen.
Am Nachmittage waren für die evangelische Bevölkerung Kassels evangel. Volksversammlungen in der Earni- sonkirche und in der Alten lutherischen Kirche vorgesehen. Das Thema lautete in beiden Fällen: „Evangelium und V o l k s t u m".
Der Gegenstand wurde nach zwei Richtungen hin behandelt: Das Volkstum vom Evangelium aus betrachtet und das Evangelium vom Volkstum a u s.
Der ersten Aufgabe sich unterziehend, zeigte Dr. Mani- t i u s, Berlin — ausgehend von den Spannungen, die zwischen den beiden Größen Volkstum und Evangelium an sich bestehen u. in der Geschichte mannigfach hervorgetreten sind, seinen Standpunkt im reformatorischen Verständnis des Evangeliums nehmend — wie das Volkstum, von diesem Punkte aus gesehen, eine Schöpfung Gottes ist, der geschichtliche Ort, an dem die sittlichen Forderungen des Evangeliums in die Wirklichkeit umgesetzt werden sollen, an dem sich Gott in Vergangenheit und Gegenwart in den
Männern der Geschichte, die er rief, immer wieder offenbart hat und offenbart, wie dieses Volkstum das heilige Gefäß ist, in dem das Evangelium selber durch die Zeiten bewahrt und weitergegeben wird, der Kristall, in dem es sich eigen- und einzigartig bricht. Weiter zeigte der Redner die Verpflichtungen auf, die dem einzelnen vom Evangelium her am Volkstum erwachsen, daß es ein auserwähltes Volk in ausfchließendem Sinne nicht gibt, wobei stark betont wurde, daß gerade vom Evangelium her die Fehler und Mängel jedes Volkstums, das, wie alles Irdische, immer unter der Sünde steht, stark ins Licht treten, was Vergötterung und Vergötzung von Volk und Raste einfach unmöglich macht.
Schließlich wies der Redner auf, wie Volkstum und Evangelium ewig in schwerster Spannung stehen und zur völligen Deckung nie gelangen werden, um schließlich auf die schärfste Zuspitzung einzugehen, daß der Mensch unter Umständen auch heute vor die Entscheidung: Volkstum oder Evangelium, gestellt werden kann.
Mit einer Erinnerung daran, wie die großen Christen in den Heldenzeiten des Christentums sich in diesem äußersten Falle entschieden haben, und einem Hinweis auf die Tragik dieser Entscheidung, die die Tragik des Evangeliums und des religiösen Menschen überhaupt ist, schloß der Redner.
Die zweite Seite des Gegenstandes: „Das Evangelium vom Volkstum aus betrachtet", behandelte Studiendirektor T i e tz e n, Herrnhut. Er führte aus:
Trotz aller herrlichen nationalen Erscheinungen der Gegenwart herrscht noch in vielen Teilen unseres Volkes Gleichgültigkeit gegen die tiefen Werte, die im Volkstum als einer Gottesgabe ruhen. Sie huldigen immer noch kosmopolitisch-pazifistischen Ideen und Zielen, und übersehen, daß das Christentum nicht international, sondern übernational ist und die Heilighaltung des Volkstums jedem als Forderung stellt. Die Erfüllung dieser Forderung bedeutet nicht Blut- und Rastenvergötzung, sondern nur Achtung einer Eottesordnung. Je tiefer wir im Evangelium wurzeln, desto stärker wird unser Pflichtgefühl gegenüber unserem Volk. Gott kann nur zu dem Volke in Treue stehen, das sich ihm gegenüber gebunden und verantwortlich weiß. Nur wenn sich ein Volk dessen zuerst bewußt bleibt, wird es auch dem eigenen Volkstum Treue halten können, Treue im Leben, im Kämpfen und im Sterben für fein Glück. Nie war diese doppelte Treue nötiger, denn in der heutigen Zeit. Durch die Lebenskräfte der Reformation strömten evangelisches Christentum und deutsches Volkstum zu einem gewaltigen Strom zusammen, aus dem unser Volk sein Tiefstes für seine Entwicklung, seine Kultur und seine Geschichte schöpfte. So dürfen Evangelium und Volkstum sich nie ausschließen, sondern müssen in der starken Wechselwirkung stehen, die Luther, diesen ganz und gar im Evangelium wurzelnden Menschen, zu dem großen Lebensbekenntnis brachte: „Deutsch bin ich geboren, meinen Deutschen will ich dienen!"
Der Evangelische Bund im Rundfunk.
Um 6 Uhr hatte der Rundfunk dem Evangelischen Bund die Möglichkeit geboten, sich an die weitere Oeffentlichkeit zu wenden.
Der Bundesdirektor D. Fahrenhorst, Berlin, sprach hier: „Ein deutsch-evangelisches Wort zur 3 6. Generalversammlung des Evangelischen Bundes in Kasse l". In kurzen Strichen zeichnete er ein Bild von der Geschichte, dem Leben, den Zielen und Aufgaben und der Arbeitsweise des Evangelischen Bundes, worüber die Oeffentlichkeit immer noch sehr unvollkommen unterrichtet ist.
Inzwischen fand im Blauen Saale der Stadthalle eine Wiederholung des Eustav-Adolf-Festspiels statt, dessen sich die Ortsgruppe Kassel des Reichsbundes für Volksbühnenspiele mit Eifer und Liebe angenommen hatte.
Festversammlung in der Stadthalle und Ausklang.
Es war ein überwältigender Anblick am Abend um 8 Uhr, die festlich gestimmte Menge zu sehen, die Kopf an Kopf, auch die Emporen waren überfüllt, den Riesenraum der Kasseler Stadthalle füllte. Im Namen des Gesamtbundes begrüßte der Bundespräsident mit herzlichem Wort und Dank die evangelischen Glaubensgenossen, die in solcher Anzahl erschienen waren, und eröffnete damit die Reihe der offiziellen Begrüßungen. Es sprachen: Landesoberpfar- rer D. Moeller, Kassel, für den Evangelischen Kirchen- ausschuß, den Nassauischen Kirchenrat und die Kirchenregierungen von Frankfurt und Nassau. Auch der Gruß der Preußischen Staatsregierung durch Regierungspräsident Dr. Friedensburg fand warme Worte der Änerken- nung. Er sah in dem geschichtlich gegebenen Wettstreit der
Konfessionen einen Auftrieb der geistigen und religiösen Entwicklung. Die Regierung wisse wohl, daß die deutsche Geschichte ohne Luthers Tat undenkbar ist, und sie vergesse dabei nicht, daß der größte Teil der preußischen Bevölkerung protestantisch ist. Oberbürgermeister Dr. Stadler sprach für die Stadt Kassel, Professor D. Dr. Herme- l i n k für die Theologische Fakultät Marburg. Oberverwaltungsinspektor Mensel überreichte dem Präsidium eine Festgabe in Höhe von 10 200 RM., die trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Hauptvereinen des Evangelischen Bundes gesammelt worden war.
Nach zwei hervorragend zu Gehör gebrachten Chorwerken nahm der Bundesdirektor D. Fahrenhorst das Wort zu seinem Vortrag: „Die Forderungen des deutschen Protestantismus für Staat und Kirch e". Er gab zunächst die vom Präsidium vorgelegten und vom Zentralvorstande des Evangelischen Bundes angenommenen Thesen bekannt, in denen versucht wird, auf Grund des Bundesprogramms Grundsätzliches zur Gegen- wartsaufgabs für Staat und Kirche zu sagen, sowie die praktischen Forderungen, die aus diesem Grundsätzlichen heraus der Bund an Staat und Kirche erhebt. Hieran schlossen sich erläuternde Worte. Der Redner stellte den evangelischen Menschen, der im Kämmerlein seines Glaubens lebt, dem protestantischen Menschen gegenüber, der mit evangelischer Elaubenserhaltung ins Leben tritt, bereit, Verantwortung zu tragen.- Der Protestant muß ins Leben hinaus, weil er die Wende der Zeiten sieht und fühlt. Erörtert wurde der protestantische Begriff des Staates, sowie das, was der Protestant unter Kirche versteht. Erörtert ward auch die Stellung des Bundes zur nationalen Bewegung; ihre großen Verdienste traten in Helles Licht, aber auch die Sorgen, die durch so manche Ereignisse in jüngster Vergangenheit notwendig hervorgerufen werden müssen. Gefordert wurde ein Staat auf christlicher Grundlage, einwandfreie Führer, ein sozialer, nationaler, deutscher, wehrhafter, paritätischer Staat. Für die Kirche wurde gefordert, sie müsse frei sein, eine deutsche Kirche, die unpolitisch und immer Kirche bleiben müsse.
Nach neuen musikalischen Darbietungen ergriff Professor I). Dr. Veyer, Greifswald, das Wort zu etwa folgenden äbfchließenden Ausführungen: Kennzeichnend für die Tagung sei gewesen, daß sie der Arbeit gewidmet war, dem Ringen um die Wahrheit, jenem Ringen, das zu Taten schreitet. Nun möge die Oeffentlichkeit achten auf das, was evangelische Theologie, evangelische Kirche, evangelischer Volkswille ihr zu sagen hätten. Die veröffentlichten Forderungen seien Gabe und Dienst am Volke, ein Werk der Theologie, die Zeit der religiösen Gefühle gehe zu Ende. Die Theologie müsse werden, was sie zu Luthers Zeiten war, die selbstverständliche Grundhaltung zu allen menschlichen LebensLußerungen. Nur müsse es eine gute Theologie sein. Die aufgestellten Sätze haben ihre Kraft von dem Glauben, der sie geformt hat als theologische Einsicht. Sie sind ein Wort für die Kirche und aus der Kirche. Die Zeit neige zu sehr dazu, die evangelische Kirche mit Mißtrauen zu betrachten, lutherische Theologie werde uns lehren, in der Kirche unsere Heimat zu finden. Nur in der Kirche sind wir evangelische Christenheit. Völker als solche hätten kein Daseinsrecht, sie hätten es nur durch ihre Sendung. Unser Volk solle vom Evangelium durchleuchtetes Volkstum gestalten, und so befehlen wir Volk und Kirche dem, der unsere feste Burg ist und bleiben wird.
Mit dem Gesang des „Wächter-Liedes" schloß die 36. Gesamttagung des Evangelischen Bundes.
Der Montag brachte die
Vertreter-Versammlung des Hauptvereins für Kurhesse» und Waldeck.
Die Kasseler Kirchenregierung grüßte durch Landespfarrer D. Fuchs, die Waldecker durch Kirchenrat Eottheis- Corbach.
Studienrat Professor A. Ehringhaus -Kassel erstattete den Jahresbericht. Wirtschaftliche Not und politische Leidenschaft verdrängen in weiten Kreisen die tieferen Interessen, so daß die Gottlosenbewegung ihre Zeit gekommen glaubt. Dennoch zählt der Hauptverein 180 Zweigvereine und hat im wesentlichen seinen Mitgliederbestand gehalten, in einigen Gegenden noch erhöht.
Den Kassenbericht erstattete der Schatzmeister, Bankbevollmächtigter Siebrecht. In Einnahme wurden 26 814 RM., in Ausgabe 22 310 RM. nachgewiesen. An Unterstützungen erhielten die vier Pflegegemeinden in Böhmen und, Steiermark 2978 RM. Die Kassenprüfer hatten zu Beanstandungen keinen Anlaß gefunden. Die Versammlung erteilte die Entlastung.
Vier besonders verdiente langjährige Mitglieder des Hauptvereins erhielten die L u t h e r g e d e n k m ii n z e zuerkannt: Bankbeamter E y s e l in Langenselbold, Lehrer E,ä r t n e r in Hanau, Postassistent Heck in Kassel und Pfarrer Knöll in Wachenbuchen.
Die Wahlen für den Vorstand des Kasseler Hauptvereins ergaben Wiederwahl der ausscheidenden Mitglieder und Zuwahl von Oberpostrat Bayer, Pfarrer T a‘u ber und Metropolitan K. Wolff (früher Schmalkalden).
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