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— Wer ist ein Deutscher? Seltsame Leute sind wir Deutschen doch, anders als andere Völker. Das wäre an sich gewiß kein Fehler, wie denn die Sonderlinge meist wirklich — besondere Leute sind, wertvoller als die Vielen. Aber die Besonderheiten können sich auch als arge Fehler erweisen, und ein solcher ist der bei uns Deutschen so schwach entwickelte Sinn für unser Volkstum. Wir haben's zwar in der Schule gelernt und singen begeistert von des Deut­schen Vaterland, das reicht, „soweit die deutsche Zunge klingt": aber diese nicht zu bezweifelnde Tatsache macht gleichsam an der Schwelle unseres Bewußtseins halt und ge­langt nicht bis in unser Inneres. Denn sonst wäre es nicht möglich, wenn wir das Deutsche Reich meinen, von Deutsch­land reden, also unsere ostmärkischen Brüder als nicht zu uns gehörig empfinden. Wir haben, zum Schaden des ge­samten Deutschtums, wohl ein stark entwickeltes Staats­bewußtsein, aber ein unausgereiftes Volksbewußtscin. So kommt es, daß selbst „nationale" Kreise von den Sudeten­deutschen, zu deren immer erneutem Schmerz, als von Tschechoslowaken reden: so konnte eine sonst gut deutsche Lehrerin ihren im jetzigen Polnisch-Oberschlesien zurückge­bliebenen Vater ganz im Ernst als Polen bezeichnen; so nennen viele von uns unsere Brüder in Wien und Inns­bruck nicht Deutschösterreicher, sondern Oesterreicher — unsere Feinde wußten ganz genau, warum sie verhinderten, daß der neugeschaffene Kleinstaat den Namen D e u t s ch - Oesterreich erhielt! —; unsere Sprach- (und Volks-) genossen in Zürich und Bern sind uns Schweizer schlechthin, nicht Deutschschweizer, obgleich diese sich selbst mit diesem Ausdruck von ihren Eidgenossen in Genf und Lausanne als den Welschschweizern unterscheiden. Auch die Bezeichnun­gen Deutschungarn, Deutschamerikaner, Deutschbrasilier sind nicht jedem geläufig, wie es sich von selbst verstünde, wenn wir stolzer, volksbewutzter wären, sind es doch unsere Volks­genossen und Brüder, die dieselbe Muttersprache haben wie wir, die sich als Kinder wie wir erfreut haben an Grimms Märchen und deutscher Heldensage, die sich wie wir um die Zeit der Wintersonnenwende um den deutschen Lichterbaum versammeln. Nicht jeder aber, der Bürger des Deutschen Reiches ist, darf als Deutscher bezeichnet werden; haben wir doch auch Staatsangehörige, die fremde Sprachen sprechen; wir Deutschsprachigen dagegen im Reich sind als solche nicht Deutsche schlechthin, sondern Reichsdeutsche. Solche selbst­verständlichen Unterscheidungen sollten in den Schulen ge­lehrt werden, meinetwegen auf behördliche Verfügungen hin, wenn's sonst nicht zu erreichen ist! Dann würde es auch bald aufhören, daß die Deutschen, wenn sie an Aus­ländsdeutsche schreiben, diese in der Aufschrift als Mr., Mrs. usw. bezeichnen; dann würden nicht mehr Geschäfts­briefe in französischer oder englischer Sprache von Deutschen an deutschsprachige Menschen im Ausland geschrieben wer­den, was besonders den Deutschschweizern ein schwerer Stein des Anstoßes ist; und wir würden im Auslande mit Leuten, die unsere Sprache verstehen, in dieser verkehren, statt 'n der fremden zu stammeln. Deutschland und deutsche Art über alles? Ja gewiß, das soll gelten, solange es ein deutsches Volk gibt; aber nicht nur in Feierstunden der Seele, sondern gerade auch im Getriebe des Alltags; nicht als eine schnell vergehende Wallung, sondern als der tiefe Untergrund unseres gesamten Fühlens und Denkens! Richard Palleske (Teutscher Sprachverein).

Welt und Wiffen

w. Fweph Reffe!, der Erfinder der Schiffsschraube. Vor 75 Jahren, am 10. Oktober 1857. starb in Laibach Joseph Ressel, der Erfinder der Schiffsschraube. Ressel, der 1793 in Chrudim in Bödmen geboren war, hatte Forstwissenschaft studiert und lange Zeit als Revierförster und Waldmeister getvirkt. Bereits 1812 hatte er einen Entwurf ausgearbeitet, nach dem an Stelle der Schaufelräder eines Schiffes eine archimedische. Schraube verwendet werden sollte. Alle Probefahrten mit seinem Schraubenfchifs batten Erfolg, aber Ressel gehörte zu den Genies, die zeitlebens verkannt wurden. Andere ernteten später die Früchte seiner genialen Erfindung. Dafür wurde ihm dann in Wien nach seinem Tode ein Denkmal errichtet.

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»rt«d«r.R-cht,!chi>1 durch Bettag Datat Steifer, Sertan L 6a.

24) (Jiacborutf verboten.!

,.Um so besser! Es schadet auch dem Ruf unseres Zirkus. 3f; gut. Sattler! Halten Sie weit. Ausichau nach Talenten!"

Hollerbek schüttelte dem überglücklichen Manne die Hand, and Rattler verzog sich.

„Jetzt kommen Sie, lieber Freund!" wandte sich Hollerbe! wieder an Borke. „Ich habe ein kleines Souper im Hotei gestellt. Das wollen wir uns heute leisten."

„Aber Fräulein Hardenberg muß auch mit!"

„Selbstverständlich, unsere tüchtige Helferin darf nicht feh­len "

Toni streifte aber energisch. „Geht setzt nicht, ich muß noch abrechnen Heute ist ein besonders großer Geldieger aus uns niedergegangen. Da gibt es Arbeit! Es ist aud: nn Minus an der einen Platzkasse. An die fünfund, zwanzis Mark!"

Hollerbek wehrte ab.

„Heute be: dem wahnsinnigen Andrang kein Wunder! Das Mmus wirA verbucht, nicht gesucht. Unsere Kassierer fini zuverlässig."

„Weiß ich! Aber noch etwas: Meinen Sie nicht, Her« Hollerbek. daß es das Gescheiteste wäre, wenn wir den gan­zen Segen auf die auch in der Nacht geöffnete Filiale der Linden-Bank schafften?"

„Das ist sehr vernünftig!! Ich werde telephonieren, daß wir eine Viertelstunde später kommen. Dann sind Sie dock fertig?"

„Mal iehen, Herr Hollerbek!"

Und Toni wurde fertig. Otto half ihr und Markolf dazit Sie 'agten die Zahlen an, rechneten nach und innerhalb zehv Minuten lag die Abrechnung fix und fertig vor und wies die Rekordeinnahme von sechsundzwanzig tausend Mark aus Noch eine Kleinigkeit war darüber.

Der alte Herr schmunzelte, als er die Summe überlas.

„Vier Wochen lang solche Einnahmen . . .1"

„. . . zu schaffen, liegt jetzt bei uns, Herr von Hollerbek l' vollendete Otto Borke. „Machen Sie es, wie ich Ihnen sagte: Blitztournees. Riesenzelt, das zwanzigtausend Men- scheu laßt. Sie sollen sehen, wie der Kram klappt."

„Hoffen wir es, junger Freundl Sind Sie fertig, Fräu­lein Toni?" ,

„Sofort, noch fünf Minuten umkleiden! Große Toilette kann ich nicht aussuchen, Herr Direktor!"

w. Die Goethe-Medaille für einen polmschea Gelehrten. Der deutsche Gesandte in Warschau, von Moltke, überreichte dem polnischen Gelehrten Thaddaus Zielinski von der Warschauer Universität die ihm vom Reichspräsidenten von Hindenburg verliehene Goldene Goethe-Medaille.

w. Wilhelm Furtwänglers Vater. Am 11. Oktober jährt sich zum 25. Male der Tag, an dem in Athen Professor Adolf Furt­wängler, der Vater deS berühmten Orchesterdirigenten Wilhelm Furtwängler, gestorben ist. Adolf Furtwängler war ein hervor­ragender Archäologe, der bedeutsame Werke über griechische ' Gemmen und griechische Vasenmalerei verfaßt hat.

Der verkannie Kuchs.

Es gibt Jagden auf vierbeinige lebende Füchse — Fuchsjagden zu Pferde und mit großen Aleuten, ein be­sonders in England beliebter Sport —, und es gibt Fuchsjagden, die nur so heißen, mit Füchsen aber nichts zu tun haben: ein Autler, ein Radler, ein Skiläufer, ein leichtathletischer Waldläufer erhalten einen Vorsprung, und seine Sportgenossen — andere Autler, andere Radler usw. — nehmen die Verfolgung auf imb suchen ihn ein- znholen und einzufangen. Und das nennt man dann eine „sportliche Fuchsjagd". Da das aber nicht allen Zeitgenossen bekannt ist, konnte dieser Tage dicht bei Berlin, wo man doch sonst so hell ist, folgendes passieren: Ter Deutsche Reichs-Autoklub hatte kund und zu wissen getan, daß er in der Umgebung von Strausberg bei Ber­lin eine Fuchsjagd veranstalten iverde, und der Magistrat von Strausberg hatte sich bereit erklärt, die Fuchsjäger nach der fröhlichen Hatz festlich und sozusagen amtlich zu begrüßen. Kaum aber war solches ruchbar ge­worden, als sich der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Tierrecht hinsetzte, um an den Magistrat Strausberg in einem geharnischten Eilbriefe gegen die geplante Tierquälerei schärfsten Protest zu erheben. Worauf der Magistrat Strausberg cs mit der Angst und mit Gewissensbissen zn tun bekam und seinerseits an den Deutschen Rcichs-Autoklub einen Brief schrieb, in welchem er zu wissen verlangte, ob tatsächlich mit Automobilen vierbeinige lebende Füchse gejagt werden sollten. Für so was würde Strausberg natürlich uicbt zu haben sein, für so was würde cs sein Jagdrevier nicht zur Verfügung stellen. Erst nachdem allseitig beruhigende Versicherungen und Aufklärung gegeben waren, konnte die angekündigte „Fuchsjagd" stattfinden, und der „F u ch s " wurde von einem Motorradfahrer gefangen, gerade als er — der Fuchs — in einem Wirtshausc ver- schwinden wollte, um sich ein wenig zu stärken. Das drollige an der Geschichte ist, daß die doch sonst so intel- ligenten Berliner es tatsächlich für möglich gehalten zu haben scheinen, daß Automobile in dichten Wäldern zwischen den Bäumen den schlauen Füchsen nachhüpfen können. Man lernt eben nie aus!

Börse unD ^an^el

Frankfurter Buttergroßhandelspreise vom 8. Oktober. Am Buttermarkt blieb der Monatswechsel auf den Absatz ohne fördernde Wirkung, das Geschäft verlief weiter schlep­pend. Die deutsche Produktion blieb zwar weiter klein, da­gegen war das Angebot aus Holland sehr groß, so daß die Preise erneut bis zu 2 Mk. nâchgaben. Die Verkaufspreise des Großhandels lauten (in 1-Ztr.-Tonnen): holländische Butter 126—128, deutsche Butter 123—125 RM.

Frankfurter Eiergroßhandekspreise vom 8. Oktober. Die mit Beginn des neuen Monats eingetretene Ecfchäftsbele- bung hielt nicht die ganze Woche an. Infolge der gering gewordenen Produktion erfuhren die Preise weitere Er­höhungen von %—1 Pf. per Stück, und Daher übte der Konsum starke Zurückhaltung. Besonders deutsche Eier waren knapp angeboten und wurden um fast 2 Pf. per Stück heraufgesetzt. Es notierten in Pfennigen per Stück ab loco Frankfurt (Main): Bulgaren 8—8.25, Jugoslawen 8—8.25, Rumänen 7.25—7.75, Russen 6.50—7.50, Polen 6.50—8, Holländer 8.25—10.25, Dänen nicht am Markt, Flandern 9—9.50, Bayern 9.50—10, deutsche Frischeier 10.50—12.50, in- und ausländische Mittel- und Schmutzeier 6.75 bis 7 Pf.

„Kommt nicht in Frage, Fräulein Toni. Wir dinieren nicht im „Adlon", sondern in unserem guten alten Artisten» Hotel bei Papa Schulz" sagte der alte Herr gutgelaunt.

Nach wenigen Minuten fuhr man im Auto fort. Fräulein Garry war auch mit eingeladen Erst rollten Sie zur Nacht­bank, wo der Mammon eingezahlt wurde, und dann nach dem kleinen, sauberen Artistenhotel.

Es war eine sehr vergnügliche Nacht.

4.

Li war mit ihrem Gatten gemeinsam in ein Berlinei Hotel übergesiedelt. Dort gab es nochmals eine messerscharfe Auseinandersetzung, in deren Verlauf Petersen langsam seine Riebmdummheit begriff.

„Ich mag nicht mehr mit dir zusammenleben!" rief LI hysterisch. „Alles verdirbst du! Zu nichts hast du Geschick! Was wird Wildt sagen!"

Peterien antwortete nicht.

„Ich schäme mich, zu ihm zu gehen! Du hast gewußt, wa« für uns auf dem Spiele stand!"

„Ich weiß, hunderttausend Mark! Die sind jetzt futsch!*

„Du . du . das sagst du so leicht hin! Noch mehl hätte Wildt vielleicht gezahlt Jetzt ist alles vorbei!"

„Sei still!" fuhr er sie gereizt an. „Mir hat der ganz« Kram iowieio nicht gepaßt! Die verdammte Liebelei mit den jungen Markolf! Denkst du, es war ein Vergnügen, zuzu- sehen, was ihr euch für Augen machtet? Ich will mir keim Hörner aufietzen lassen!"

Voll Hohn fabele ihn an. „Esel! Wenn es eine Frau will dann tut sie es!"

„Du bedauerst wohl, daß es setzt mit deinem jungen Gott Schluß ist! Paßte ia sowieso nicht zu dir, konntest ja ball feine Mutter sein! Lächerlich bist du mir vorgekommen!"

In dieser erquicklichen Weise ging es noch eine gute Weil« fort.

Zwei Tage später fuhr Li tu dem Großindustriellen Wildt, einem Manne hoch in den Fünfzigern, mit scharfen, harten Zügen.

Er begrüßte Me Tänzerin in seiner knappen Art und sagte kurz: „Ich habe Sie erwartet, Li!"

„Sie wissen . . . .?"

„Daß Sie vom Zirkus Hollerbek fort sind! Ja, das weiß ich und möchte jetzt von Ihnen Näheres hören."

Li nahm Platz und erzählte Wildt, was sich alles ereignet hatte. Der Großindustrielle hörte aufmerksam zu, ohne eine Miene zu verziehen, dann tagte er bedauernd: „Schade, Fräu­lein Lil Sie waren auf dem besten Wege, mir mein Ziel er­reichen zu helfen. Damit ist es nun nichts mehr! Ich danke Ihnen auf alle Fälle und werde nicht kleinlich lein."

Er trat zu feinem Schreibtisch und schrieb ihr einen Scheck über zehntausend Mark

„Für Ihre Mühe. Fräulein Li. Es ist schade, aber ießi besteht keine Möglichkeit, daß Sie weiter für mich tätig sein lliunen."

^äfar^ ’^ mm 10. Oktober. (Nicht­amtlicher Vorberickst.) Wegen der jüdischen Feiertage fin­det erst morgen, Dienstag, Viehmarkt statt. Auf dem Schweinemarkt waren angetrieben 4598 Schweine. Bei mittelmäßigem Marktverkauf wurden folgende Preise notiert: b) 44—47, c) 43—46, d) 40—45, e) 38—43.

Amtliche Berliner Notierungen vom 8. Oktober.

* Devisenbörse. Dollar 4,20—4,21; engl. Pfund 14,52—14,56; holl. Gulden 169,63—169,97; Danz. 81,87—82,03; franz. Frane 16,53—16,57; schweiz. 81,32—81,48; Beig. 58,44—58,56; Italien 21,57—21,61; schwed. Krone 74,58—74,72; dän. 75,32—75,48; vorweg. 73,18—73,32; tschech. 12,46—12,48; östcrr. Schilling 51,95—52,05; poln. Zlotv (nicht amtlich» 47,15—47,35; Argen­tinien 0.890—0,894; Spanien 34,42—34,48.

Getreide und Olsaaien per 1000 Kilogramm, sonst bet 100 Kilogramm in Reichsmark:

8. 10.

7. 10.

8. 10.

7. 10.

Welz., mark.

202-204

201-203

Weizkl. f. Bln.

9,4-9,7

9,4-9,7

poiuersch.

—

—

Roggkl. f. Bln.

8,4-8,8

8,4-8,8

Rogg., märt.

156-158

155-157

Raps

—

—

Braugerste

174-184

174-184

Leinsaat

——

—

Sommergerste

—

—

Viktoriacrbs.

22,0-25,0 22,0-25,0

Futtergerste

167-173

167-173

kl. Speiscrbs.

—

—

Wintergerste

—

—

Futtererbsen

14,0-17,0 14,0-17,0

Hafer, iuärt.

135-140

135-140

Ackerbohnen

—

——

pomersch

Peluschken

—

—

westpreuß.

—

Wicken

17,0-20,0 17,0-20,0

Weizenmehl

Lupine, blaue

11 “•

per 100 kg

Lupine, gelbe

—

fr. Berl. br.

Seradelle

—

—

inkl. Sack 25,5-28,7 25,5-28,7

Leinkuchen

10,3-10,5 10,3-10,5

Aoggcnmchl

Erdnußkuchen 11,5-11,8 11,5-11.8

per 100 kg

Trockenschntzl.

9,2-9,5

9,2-9,5

fr. Berl. br.

Soyaschrot

10,5

10,4

inkl. Sack 20,2-22,7 20,2-22,7

Kartosselsl.

—

'—

Bücherecke.

Speakeasys und Tanzschulen. Der Seemann hat es nicht gut in Neuyork. Zwar Landsleute findet er genug, und jedes Volk hat in Manhattan sein Viertel. Die deutschen Seeleute fahren die 3. Avenue hinauf bis zur 86. Straße, da ist das deutsche Vergnügungsviertel, ein winziges St. Pauli, aber auch das „Deutsche Theater" und — die Speakeasies. Die gibt es auch in den Italiener- vierteln, bei den Negern, bei den Schottländern (obgleich die wirklich so geizig sind wie in den Witzen). Speakeasy, d. h.: Sprich leise! Und es wird auch leise gesprochen in diesen kleinen Lokalen. Akan geht eine Treppe hinauf, klopft an, ein Guckloch öffnet sich, man sieht ein Auge, das sich selten irrt, denn kaum je wird jemand Unrechtes in ein Speakeasy gelassen. Man bekommt hier Alkohol, so viel man will, bösen Alkohol, guten Alkohol, am häufigsten den in konzentrierter Form (weil der am leichtesten zu schmug­geln ist). Am schwierigsten zu schmuggeln, und deshalb am teuersten, ist übrigens — deutsches Bier. Neuyork ist ein trauriges Pflaster für Seeleute, die Tour dahin ist unbe­liebt. Denn es gibt hier wenig freundwillige Mädchen, und mancher Matrose und Heizer muß, um überhaupt mal wieder ein bißchen was Blbndes und Nettes im Arm zu haben, in die „Tanzschulen" gehen. Heinz Liepmann schil­dert sie im Oktoberheft von Velhagen u. Klasings Monats­heften: Zehn Cents kostet ein Tanz. In der Mitte steht die Mistes, unendlich dick und breit; sie klatscht in die Hände, und ein kleiner dünner Herr beginnt sofort ein Orchester, das außer ihm noch einen Klavierspielr und einen Saxo­phonisten enthält ■— er selbst spielte Eerge — zu diri­gieren. Die jungen Mädchen, zwischen dreißig und fünfzig, alle mit sehr kurzen weißen Kleidchen und blauen Schleifen im Haar, knicksen vor den Seeleuten. Ein schauerliches , Bild^ und es entbehrt nicht jener wilden Komik, die an das Tragische grenzt. Nach Wochen und Monaten und Jahren Dumpfheit und Arbeit und ewig nichts als Meer — ein wenig Duft von Mädchen zu spüren, weiße Händchen, weiche Stimmen, ein kleines, hohes Lachen, eine Erinnerung — so tappen denn die harten, festen Kerle in ihren schweren Stiefeln, breitbeinig noch von der See, mit diesen alten, müden Mädchen herum, die frisch und strahlend lächeln müssen: zehn Cents pro Tanz, zweiuuvierzig Pfennige.

Der Abschied war ziemlich kühl.

Als Li wieder auf der Straße war, dachte sie: „Warum wohl will er Hollerbek mit seinem Unternehmen vernichten? Warum wohl?

Sie ahnte nicht, daß Hollerbek eine Stunde später bei Wildt zu Gaste war und ihm aufs herzlichste die Hand schüttelte.

„Was machen wir, alter Freund!" sagte Herr von Holler* bek herzlich. „Wir haben uns lange nicht gesehen!"

„Viel Arbeit! Ich hätte mir gern Ihre neueste Attraktion angesehen, werde es noch nachholen. Zigarre gefällig?"

„Tanke sehr!"

Die Männer saßen sich gegenüber.

„Also das Geschäft geht ausgezeichnet?" fragte WilA lauernd. Er gab sich den Anschein des Interessierten.

„Danke! Scheinbar wird unsere Umstellung ein Schlager!*

„Dann werden Sie bald in die Lage kommen, mir meine üchtzigtausend Mark zurückzuzahlen!"

„Ja ... und nein! Deswegen komme ich zu Ihnen. Wir haben gestern sechsundzwanzigtausend Mark Kasse gemacht, Ein Rekorderfolg! Es sieht auch für die nächsten Tage sehr günstig aus. Ich erwarte weiter gute Einnahmen Das könnte ermöglichen, daß ich Ihr Guthaben zur Hälfte in nächster Zeit abdecke."

„Es eilt nicht so, lieber Hollerbek!"

„Sehr nett zu hören! Lieber Wildt, ich will Ihnen einmal Näheres über meine Pläne erzählen. Ich möchte ein größeres Zelt bauen, das zwanzigtausend Personen faßt, und mich um­stellen. Keine Monatstournees mehr, sondern Vlitztournees, Don einem Tag bis acht Tagen."

Ausführlich erklärte der Zirkusdirektor seinen Plan und wies Wildt entsprechende Voranschläge zur Einsicht vor.

Wildt überprüfte sie interessiert und sagte dann: „Liebei Hollerbek, dazu brauchen Sie mindestens einhundertundfünf' zigtausend Mark neues Kapital."

„Ja, und ich bin zu Ihnen gekommen, um zu fragen, ob Sie mir diesen Betrag zur Verfügung stellen können."

Wildt sah unter halbgeschlossenen Augenlidern auf Holler» bek.

„Viel Geld, und immerhin gewagt, die Sache!"

„Unser Risiko ist nach der Neuumstellung vielleicht kleiner als vordem. Sie wissen, welchen Wert mein Zirkus repräsen­tiert. Alle die großen Wagen und der Maschinenpark mil vielem anderen sowie auch sämtliche Tiere sind mein alleiniges Eigentum. Ich glaube, wenn ich meinen Zirkus mit zwei Millionen bewerte, dann bin ich ein vorsichtiger Geschäfts­mann "

„Richtig, aber . . . gesetzt den Fall, irgend etwas Unvor­hergesehenes zwänge Sie, den Zirkus zu liquidieren — das wird nicht eintreten — aber angenommen, es träte ein Glauben Sie mir, dann hätten Sie Mühe, mehr als drei­hunderttausend Mark herauszuholen."

„Sie sehen etwas zu schwarz!"

lForllcyung folgt.!