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Nr. 233 — 1932
Fulda, Dienstag, 4. Oktober
9. Jahrgang
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200 Seiten über China
Die Offafienfommifffon berichtet.
Das Sekretariat des Völkerbundes hat nun das Gutachten der nach Ostasien entsandten Völker- bundkommission der Öffentlichkeit überreicht Bekanntlich hat der Völkerbund zu Anfang dieses Jahres, als er von den Chinesen um ein Eingreifen im Streit mit Japan angerufen wurde, sich einfach dadurch aus der Verlegenheit geholfen, daß er eine Studienkommission gebildet und auf die lange Reise nach Ostasien geschickt hat. Diese Kommission, der übrigens auch ein Deutscher, der frühere Gouverneur Schnee, angehörte, hat den Auftrag, dem Völkerbund ein
Gutachten über die Ursachen und Rechtsfragen im chinesisch-japanischen Krieg
zu erstatten. Der Völkerbund hatte damit Zeit gewonnen - Hat dadurch erreicht, daß er um ein Eingreifen in den eigentlichen Streit herumkam. Die Kommission reiste Anfang Februar ab, nahm den längsten Reiseweq über Amerika und Japan und kam gerade auf dem Kriegsschauplatz an, als
die letzten Schüsse bei Schanghai fielen. Die Herren konnten dann in aller Ruhe die Trummer der Kampfstätten besichtigen.
Nach fast halbjähriger Abwesenheit ist die Kommission nun zuruckgekehrt und hat das Ergebnis der Reise in H-orm eines zweihundert Schreibmaschinenseiten langen Gutachtens dem Völkerbund überreicht. Bemerkenswert ist, daß man sich in dem Gutachten in sehr langen Ausführungen mit der Geschichte Chinas und mit den Beziehungen der Chinesen zu anderen Völkern beschäftigt. Der Kernpunkt der ganzen Denkschrift ist die Feststellung, daß
eine Wiederherstellung der Lage, wie sie vordem chinestsch-iapanischen Streit bestanden hat, nicht mehr möglich ist.
Auf Grund dieses Gutachtens soll nun der Völkerbund bv«. âfMuch machen, die sich widersprechenden Interessen Japans und Chinas auszugleichen.
Der Kampf um die Mandschurei.
Wir Deutsche kennen den jetzigen chinesischen Gesandten in Paris und am Völkerbund, Herrn Wellington Koo, schmerzhaft genau. Er war der Präsident jener Völkerbundkommission, deren Tätigkeit und Bericht uns den besten Teil Oberschlesiens gekostet hat und außerdem eine geradezu irrsinnige Grenzziehung vollbrachte. Bls- weilen gibt cs so etwas wie eine Vergeltung rn der Geschichte. Jetzt muß Wellington Koo vor demselben Völkerbund den Kampf gegen Iapa n fuhren, das dem chinesischen Reich die Mandschure r abnahm. Day es gegen alles Recht und nur mit Gewalt geschehen ist, sagt diesmal zwar der Bericht jener Volkerbund- kommission, die unter der Führung bc» Engländers Lytton auf Grund einer fast halbjähriger -atigkeit zu einer scharfen Verurteilung des japanischen ^orgehen^> gelangte: aber Herr Wellington Koo wird mit diesem, ihm so günstigen Bericht etwa ebensoviel erreichen wie etc deutsche Regierung mit ihren Protesten gegen die Zerreißung Oberschlesiens. Nämlich gar nichts. Mit un» machte man in Genf und Paris auch nicht viel ^seber* lesens, — anders natürlich jetzt mit dem Bericht, Herrn Wellington Koo und der Mandschureisorge! Zunächst hat man die ganze Geschichte für sechs Wochen vertagt, und Herr Wellington Koo hat inzwischen Zeit, sich in die Geschichte eines Volkes zu versetzen, dem man mit Ge- walteinGliedvom Leiberiß.
Der Bericht Lyttons — übrigens ein dickes Buch von 150 Foliodruckseiten und 15 Karten — ist auf eine nicht ganz ungefährliche Weise zustande gekommen. Auf Gehenn- wegen, nämlich unter Umgehung der polizeilichen „Überwachung" durch die Japaner, konnte die Kommission Tatsächliches über die mandschurische Volksstimmung und Volks„abstiininung" erfahren, und diese letztere scheint eine gewisse Ähnlichkeit mit jener gehabt zu haben, die einst in dem deutschen E u p e n - M a l in c d y veranstaltet worden ist! Genau so wie die Belgier auf das „Ergebnis" dieser „Volksabstimmung" pochen, werden es bte Japaner in ihrer Antwort auf den Lytton-Bericht wohl auch tun, um die .Komödie des „Rechts" weiterzuspicleu, einer Komödie also, die aber wieder einmal zu einer Tragödie des Völkerbundes werden kann.
Während Japan nach einem sorgfältig vorbereiteten Plan in der Mandschurei vorging, war von einer schematischen Bedrohung der dortigen japanischen Interessen durch die Chinesen überhaupt nicht die Rede, also auch nicht von der Notwendigkeit einer japanischen Selbstverteidigung. Die Bildung des neuen von China unabhangi- gen Mandschurcistaatcs ist nicht durch einen Willensaki der Bevölkerung hcrvorgegangcn, soudcrii ist das Werk der japanischen Bcsatznngstruppcn und Zivilbcamtcn; die Japaner haben alle Macht tatsächlich in Händen. Die 30 Millionen Bevölkerung ist fast ohne Ausnahme gegen die japanische Okkupation und den neuen „Staat". Das sind so die wichtigsten Feststellungen des Berichts! Er konzediert den Japanern nur das Bestehen ihrer starken wirtschaftlichen Interessen. Ungefähr das — entsprechend - gleiche hätte Wellington Koo über Oberschlesicn, die Deutschen und die Polen einstmals berichten müssen, wenn . . .
Eigentlich ist dieser Bericht auch schon überholt. In-wischen bat Japan bett mandschurischen Staat
anerkannt, hat die Verwaltung der Zolleinnahmen übernommen und damit kurzerhand die Brücke zerschlage die die Kommission bauen wollte: die Errichtung einer mandschurischen Autonomie unter der Souveränität der
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nordchinesischen Regierung. Damit ist es tatsächlich vorbei, denn Japandenkt gar nicht daran, auch nur einen Schritt zurückzugehen. Die Anerkennung der Unabhängigkeit geschah, als die Lytton-Kommission bereits wieder in Europa saß. Das Militärregime in Tokio pfiff auf sie und ihren Bericht nebst Empfehlungen, .also auf den Vorschlag der Autonomie für die Mandschurei und schleuniger Verhandlungen zwischen China und Japan. Man drohte sogar mit Austritt aus dem Völkerbund und Schaffung eines neuen, eines asiatischen. Vorläufig will man damit aber noch warten, bis der japanische Gegenspieler Wellington Koos in Genf sieht, zu welchen Beschlüssen und Entscheidungen Mitie November der Völkerbundrat hinsichtlich des Lytton-Berichts kommt.
Dem armen Völkerbund bleibt nichts erspart! Tenn die beiden an den Entwicklungen des Fernen Ostens am meisten interessierten Staaten, Nordamerika und Rußland, gehören ja dem Völkerbund gar nicht an, und das kompliziert die ganze Geschichte noch außerordentlich. In Moskau hat man trotz angeblicher Unterhandlungen mit Japan und trotz dessen handelspolitischen Drohungen es bisher do.ch noch vermieden, den neuen Mandschureistaat anru-
Steine auf neuen Wegen
Re debinderungsversuche deutscher Kontingeotspolitik.
Die Kontingentspolitik, zu der Deutschland durch seine Notlage und durch die Absperrmaßnahmen des Auslandes gezwungen wurde, hat in den Ländern, deren Ausfuhr nach Deutschland dadurch betroffen und eingeschränkt worden ist, natürlich eine sehr geteilte Aufnahme gefunden. Während die deutsch-belgischen Kontingentierungsverhandlungen sehr schnell zu einem Abschluß gekommen sind, und nach der amtlichen Verlautbarung eine grundsätzliche, beide Teile befriedigende Einigung erfolgt sein soll, wobei allerdings über die Einzelheiten der Kontingente und die dafür eingeräumten deutschen Zugeständnisse bisher nichts besannt geworden ist, hatItalien mit einer Devisenregelung geantwortet, die man in Berliner politischen Kreisen als einen
schweren Angriff gegen Deutschland
empfindet, auf den Deutschland voraussichtlich mit Gegenmaßnahmen antworten wird. Weiter wird in politischen Kreisen erklärt, es sei nicht möglich, die Kontingentsbestimmungen fremden Ländern gegenüber danach zu regeln, ob man mit einem Lande befreundet fei oder nicht. Die Notlage Deutschlands erfordere cs, daß allen Ländern gegenüber gleichmäßig vorgegangen werde. Die Möglichkeit eines Kompromisses sei nicht gegeben, weil dieses dann auch für alle anderen in Frage kommenden Länder in Anspruch genommen werden würde. Die italienischen Abwehrmaßnahmen gegen die deutsche Kontingcntspolitik müssen sich zu einer Wirtschaftsblockade gegen Deutschland auswirken. Die Anweisung an die italienischen Banken, den Importeuren deutscher Waren die zur Bezahlung nötigen Devisen zu sperren, müßte, so wird erklärt, praktisch das Ende der deutschen Einfuhr nach Italien bedeuten.
Reichsiagsverkleinerung durch Wahlmüdigkeit?
Im Hinblick auf die zahlreichen politischen Wahlen, die in diesem Jahre schon stattgcfunden haben, rechnet man jetzt allgemein damit, daß die Wahlbeteiligung, Pie bei der letzten Reichstagswahl bekanntlich ungewöhnlich groß war, erheblich zu r ü ck g e h t und sich da- init auch die Zahl der Reichstagsabgeordneten nicht unwesentlich vermindert. Man nimmt an, daß durch das fortgesetzte Wählen die Wahlmüdigkeit fo_ groß werden wird, daß der neue Reichstag allenfalls 550 bis 560 Abgeordnete umfaßt.
In der ostpreußischen Kreisstadt S t a l l u p ö n c n sand eine Nachwahl zu den G e m e i n d c w a h l e n statt, die seinerzeit für ungültig erklärt wurden. Es erhielten (die Zahlen der letzten Reichstagswahl in Klammern): Nationalsozialisten 1262 (2199), Wirt- schaftsliste (DNVP., DVP., Wirtschaftspartei) 653 (382), SPD. 200 (482), Kommunisten 620 (503). Danach verteilen sich die 18 Mandate wie folgt: 9 Nationalsozialisten, 4 Wirtschaftslistc, 1 Sozialdemokrat, 4 Kommunisten. Die Wahlbeteiligung lag mit 67 Prozent um 16 Prozent unter der Beteiligung an der letzten Reichstagswahl.
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Bei den Gemeindewahlen in Köppelsdorf bei Sonneberg t. Thür, erhielten die NSDAP. 492 (878) Stimmen, die Bürg e r l. Liste (DNVP., DVP- und Wirtsch.-P.) 215 (118), SPD. 262 (456). und tue Kom - . m u n i st en 643 (858) Stimmen.
erkennen. Und der amerikanische Staatssekretär Stimson hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als er jetzt in einer Wahlrede äußerte, das japanische Vorgehen bedeute nicht bloß einen schweren Schlag für die amerikanischen Handelsinteressen in der Mandschurei, sondern „geradezu eine Todesdrohung gegen die Autorität der großen Nachkriegsverträge, die von den Nationen der Welt geschaffen wurden, um die Wiederholung einer derartigen Katastrophe zu verhindern, wie sie der Weltkrieg darstellte". Man wird sich aber in Tokio weder aus dieser beweglichen Klage viel machen noch aus der „triumphierenden" Feststellung Stimsons, bisher hätten alle Staaten die „Nichtanerkennungs"politik gegenüber der Mandschurei befolgt. Bezeichnender ist wohl, daß das Marinedepartement in Washington mitteilte, die amerikanische Atlantikflotte werde noch für ein weiteres Jahr im Stillen Ozean verbleiben.
„Todesdrohung gegen die Nachkriegsverträge", also insbesondere gegen den „Kriegsächtungspakt" Kelloggs, — dieses Wort wird man auch in Deutschland mit offenen Ohren vernehmen. Denn jene Verträge sind ja die einzige „Sicherheit", die Deutschland gegen einen Überfall von draußen her besitzt. Wenn daher der Völkerbund aus den Feststellungen des Lytton-Berichts nicht die notwendigen Folgerungen ziehen und verletztes Recht sühnen will oder nicht sühnen kann, dann spricht er selbst das Todesurteil über jene Verträge aus. Und dann müssen wir erst recht aus eigener Kraft für unsere nationale Sicherheit sorgen. Würde man uns dann noch mit Vertragsbestimmungen entgegentreten dürfen, ohne schamrot ru werden?
Auf ähnlicher Linie bewegen sich die Zollmaßnahmen der Schweiz. Die erneute Erhöhung des Kartoffel- einfuhrzolles bedeutet eine schwere Schädigung besonders des badischen Kartoffelbaues.
Wenn darin fortgesahren würde, unter Verkennung der Zwangslage, in der Deutschland handelt, die deutschen Kontingentierungsmaßnahmen
mit Wirtschaftsblockaden
zu beantworten, so müßten uns unsere Auslandsgläubiger auch die Lösung des Rätsels verraten, womit wir unsere Auslandsverpflichtungen begleichen sollen. Unsere geringen Vorräte an Gold und Devisen brauchen wir selbst im Lande, um unsere Währung zu stützen und zu erhalten, und unsere Warenaus f u h r reicht schon heute nicht mehr dazu aus, um unseren aue^ ländischen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Nach einer Veröffentlichung des amerikanischen Industrie- Handelspolitik getrieben worden. Wenn es jetzt die Fähigkeit Deutschlands, seine ausländischen Schulden zu bezahlen, wird der deutsche Ausfuhrüberschuß für 1932 auf 286 Million Dollar geschätzt. Diese Summe sei
um rund 71 Millionen Dollar zu niedrig,
um die laufenden deutschen Anslandsvcrpflichtungcn abdecken zu können. U. a. wird auch erklärt, daß Deutschland in diesem Jahre viel weniger Einkünfte aus seinen Aus- landsinvestitioncn haben werde als im Jahre 1931.
Ta Deutschland keine Möglichkeit hat, seine Schulden anders als durch Warenausfuhr zu bezahlen, bedeutet eine weitere Behinderung unserer Ausfuhr durch unsere Gläubigerländer, daß sie selbst den Ast absägcu, auf dem sie sitzen. Deutschland ist, nicht zuletzt durch seine auswärtigen Gläubiger selbst, auf neue Wege der Handelspolitik selbst getrieben worden. Wenn es jetzt die sperrangelweit offenen Tore der M e i st b e g ü n st i g u n g durch die Kontingente etwas schließt, so sollte man im Ausland Verständnis für diese Notmaßnahmen haben und die Bahn nicht gleich am Anfang durch Steine und Schranken verrammeln.
Zusammenstoß zwischen Tschechen und Deutschen.
Ein tschechischer Offizier schießt zwei Deutsche nieder.
In Falkenau in der Tschechoslowakei kam cs zu einem blutigen Zusammen st oß zwischen Tschechen und Deutschen. In einem Tanzsaale wurden deutsche Lieder gesungen, worauf eine tschechische Gesellschaft, darunter auch Offiziere, mit tschechischen Liedern antwortete. Es kam zu einer Auseinandersetzung, die aus dem Marktplatze ihre Fortsetzung fand. Von deutscher Seite wird behauptet, daß die tschechische Gesellschaft die Deutschen in unerhörter Weise beschimpft habe, während die Tschechen erklären, sie seien von den Deutschen belästigt worden. Einer der tschechischen Offiziere feuerte, angeblich in Notwehr, aus seinem Dienst - revolver vier Schüsse ab, durch die zwei Deutsche verletzt wurden, davon einer schwer. Ein tschechischer Offizier trug eine Kopfverletzung davon.
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Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Auswärtige Ausschuß bcS Reichstages ist auf bett 11. Oktober cinbcrufen worden zur Entgegennahme de. Berichts über die Lausanner Verhandlungen.
* Tas Genfer Generalsekretariat veröffentlicht dm Bericht der Mandschureikommission deö BöNerbundcö über den chinesisch-japanischen Konflikt.
* Infolge der schweren Erdbeben in Griechenland haben auch die berühmten Klöster auf dem Berge Äthoo großen Schaden erlitten.