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Zu Hindenburgs 85. Geburtstag.

Hindenburg, der Soldat.

Am 7. April 1926 brachte eine Ehrenkompagnie des Reichsheeres dem Präsidenten-Feldmarschall zur Feier seines 60jährigen Dienstjnbiläums drei Fahnen des alten Heeres in sein Haus, in denen sich die Merksteine seines alten Soldatcnlebens verkörpern: die des 3. Garde- Regiments zu Fuß, bei dem der junge Leutnant ins mili­tärische Leben eintrat, die des Oldenburgischen Jnfanterre- Regiments Nr. 91, dessen Kommandeur er war, und die des 2. Masurischen Infanterie-Regiments Nr. 147, das im Weltkriege den Namen des Feldherrn trug. Einem Ge­schlecht preußischer Soldaten ist Paul von Beneckendorff und Hindenburg entsprossen, zum Dienste im Heere zog ihn nicht nur Tradition, sondern auch eigener Wunsch. Das Soldatische ist in seinem Wesen beherrschend geblieben bis heute, da Deutschland in Ehrfurcht aus den 85jährigen schaut.

Auf eine an Erfolgen und Ehren unvergleichliche, aber auch an Bitterkeit und Wehmut reiche Laufbahn kann der Feldmarschall heute zurückblicken. Der 19jährige, gerade aus dem Kadettenkorps entlassene Sekondeleutnant, der sich im April 1866 beim 3. Garde-Regiment, damals in Danzig, meldete, erwarb sich schon wenige Wochen später auf den blutigen Gefilden von Königgrätz beim sieg­reichen Sturm auf eine österreichische Batterie den Roten Adlerorden mit Schwertern — und eine Narbe. Der durch- schossene Gardehelm steht noch heute in seinem Arbeits­zimmer. Nach wenigen Friedensjahren in der schönen Garnison Hannover zog der junge Offizier zum zweiten­mal ins Feld. Als Bataillons-, später Regimentsadjutant nahm er an den Schlachten bei St. Privat, Sedan, und vor Paris teil. Mit dem damals sehr sparsam verliehenen Eisernen Kreuz kehrte Hindenburg in das ge­einte Paterland zurück, dessen Geburtsstunde er im Spiegelsaal von Versailles miterlebte.

Es folgte Friedensarbeit in der Truppe, auf der Kriegsakademie und im Generalstabe. Der alte Moltke erkannte bald die hervorragende Begabung des damaligen Majors, über den der sonst Wortkarge urteilte: „Alles, was er in seine Hände nimmt, verläuft ausgezeichnet." Er übertrug Hindenburg ein Lehramt an der Kriegs­akademie, wo mancher der höheren Führer des Welt­krieges sein Schüler wurde.

Immer steiler stieg die Kurve seiner Laufbahn an. Er wurde Kommandeur des Oldenburgischen Infanterie­regiments 91, eine Stellung, in der er, wie er selbst ge­äußert hat, die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte, dann Chef des Stabes des VCI. Armeekorps in Koblenz, Divisionskommandeur in Karlsruhe, wo er dem badischen Großherzogshause besonders nahetrat, und schließlich, am 27. Januar 1903, erreichte er die höchste im Frieden mögliche Dienststellung als Kommandierender General des Magdeburger IV. Armeekorps, die er acht Jahre lang innehatte. Hier konnte sich seine geniale Be­fähigung als Führer großer Truppenverbände voll aus­wirken. Noch heute denken viele alte Offiziere bewundernd an die geistvolle Anlage und Durchführung der von Hindenburg geleiteten Manöver zurück. Seine verstehende, menschliche Güte, seine bis ins kleinste gehende Fürsorge für Offiziere und Mannschaften wußte er, bei aller Schärfe im Dienst, überall in seinem ausgedehnten Befehlsbereich zur Geltung zu bringen. Es ist bezeichnend, daß man in der Armee die im Jahre 1911 erfolgende Verabschiedung Hindenburgs auf eine Differenz mit dem Militärkabinett zurückführte, die ihren Grund in des Generals rückhaltlosem Eintreten für einen nach seiner Ansicht zu Unrecht gemaßregelten Offizier gehabt habe.

Die erste Friedensgarnison des jungen Leutnants, Hannover, sollte nun der Ruhesitz des Generals für feine alten Jahre werden. Wir wissen, daß es anders'kam. In der gefahrvollsten Stunde des beginnenden Welt­krieges sprang Hindenburg in die Bresche, durch die sich schon die russische Flut in deutsches Land wälzte. Wenige Tage später hatte er seinen Namen mit ehernem Griffel in die Tafeln der Geschichte eingegraben: Tannen­berg! Es folgten unvergeßliche Siege der deutschen Volksheere unter Hindenburgs Führung. Sie leben im

Herzen der Nation, im Gedächtnis der Welt fort. Alles Genie des Führers, aller Opfermut deutscher Soldaten aber waren vergebens. Die Stahlgewitter einer gan­zen Welt zerschlugen die feldgrauen Mauern, die Hungerblockade erwürgte das Volk. Hindenburg stand wie ein Fels auch in den Stürmen des Zusammen- bruches. Stolz und treu führte er das unbesiegte Heer in die Heimat. Tann kehrte er still in die schöne Stadt an der Leine zurück, in tiefer Trauer um des Vaterlandes Not, aber nie an Deutschlands Zukunft verzweifelnd.

Es war ihm nicht beschicken, die wohlverdiente Ruhe des Lebensabends dort zu genießen, denn noch einmal rief die Nation den Führer aus großer Zeit, um ihm das höchste Amt des Reiches zu übertragen. Und seit seinem Einzuge in das Präsidentenpalais ist der alte Feldherr auch äußerlich wieder dem deutschen Heere ver­bunden, dessen Oberbefehlshaber er als Reichs­präsident ist. Wer ihn bei den letzten Manövern fah, fühlte, wie ernst er auch diesen Teil seiner Pflichten, der ihm freilich durch nun bald sieben Jahrzehnte lieb und vertraut ist, nimmt.

So grüßen Hindenburg, den ersten Soldaten des Reiches, heute an seinem 85. Geburtstag mit der ganzen Nation vor allem auch die Männer, die einst mit Stolz die Uniform der alten Armee trugen, die unter seiner Führung den Feind vier Jahre lang von Deutschlands heiligem Boden fernhielten, und die Jungen, die in den Reihen unserer Reichswehr stehen, in tiefster, dankbarer Ehrfurcht. Maior a. D. F.

Hindenburg als Staatsmann.

. Wenn man am fünfundachtzigsten Geburtstag des Reichspräsidenten von Hindenburg an jene Zeit und jenen Tag zurückdenkt, an dem er das achte Jahrzehnt seines Lebens vollendete, dann überschaut dies Sich-Erinnern von 1927 bis 1932 einen steilen Aufstieg Hindenburgs zu immer arößerer, immer stärkerer Einwirkuna und Ge­

staltung'„pölitischer" Art.'Nicht aus persönlichem Ehrgeiz, seinem Amt als Reichspräsident den Kreis der politischen Einwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeit zu erweitern, schob sich die Wucht dieses seines Amtes immer tiefer und breiter hinein; wir Deutsche wissen alle, daß ihm persön­liches Streben nach Macht fernlag und fernliegen wird. Er hat, wenn man so sagen darf, „genug getan für seinen Ruhm".

Vielmehr hat ihn, wie schon früher, zu diesem Ein­setzen dessen, was in solchem Ausmaß kein Deutscher neben ihn besitzt, wieder die politische Not seines und unseres Vaterlandes gezwungen. Die in Weimar als schnell ge­zimmerter Notbau errichtete parlamentarische Demokratie vermochte als Staatsform die widerstrebenden politischen Kräfte nicht mehr zu einer lebendig wirkenden, zu einer die schwere Notzeit meisternden Einheit zu binden. Da hat Hindenburg, der damals 83jährige, den Ruf des Schicksals erkannt und dieser Erkenntnis mit all der sicheren und verantwortungsbewußten Gewißheit Folge geleistet, die das Wesen und Handeln des Menschen Hindenburg in Krieg und Frieden ausmacht und ihm als dem Führer die Gefolgschaft selbst Widerstrebender erzwang. Aus der damals durch ihn herbeigeführten, allmählich vorwärts­schreitenden inneren Umgestaltung des Staates ist in den letztvergangenen zweieinhalb Jahren etwas selbstverständ­lich Bestehendes geworden. Das ist von außen her gesehen das Werk des „Politikers", vielmehr des Staats­mannes Hindenburg, sein und nur sein ureigenstes, aber auch nur ihm mögliches Werk. An die Stelle der unpersönlichen Form trat der Geist der Verantwor­tung einer Persönlichkeit, — und dieser Geist machte lebendig, was der Buchstabe zu töten drohte. Das war die Durchführung eines zweiten „Hindenburg-Programms".

Vor fünf Jahren, an seinem 80. Geburtstag, war Hindenburg als Reichspräsident doch noch und „nur" der Repräsentant des deutschen Volkes, politisch gesehen; damals war er fast schon ein „Mythos" geworden, ein Symbol von gewaltiger Stärke und aufrichtender Ein­dringlichkeit als bester Deutscher, ein Bild des Dienstes am Vaterland, — aber doch ohne politische Willensmacht. Er war die Verkörperung des fast legendär gewordenen deutschen Gedankens, einer natio­nalen Idee, auf deren einstige Verwirklichung für unser ganzes Volk wir sehnsüchtig hofften, — aber ohne einen politisch unmittelbar gestaltenden Willen. Ganz anders ist das geworden, als jener Ruf des Schicksals zum Tragen und Ertragen stärkster Verantwortung an ihn erging. Aus dem Symbol wurde tief eingreifende Gegenständlichkeit, aus dem Mythos eine unser Volks- und Einzelschicksal scharf bestimmende Wirk­lichkeit. Vor fünf Jahren konnte man noch schreiben, daß „er nicht mehr an politisches Tun verhaftet" sei. Vor die Aufgabe, es wieder sein zu müssen, stellte den Reichs­präsidenten eine Entwicklung, für die er keine Verant­wortung und keine Schuld hatte; es rief zwingend die Not, und Hindenburg versagte sich diesem Ruf nicht, politisch gestaltend wirken und formen zu sollen. Er wußte, daß er sich damit auch in die Gefahr jedes unmittel­bar tätigen und eingreifenden „Politikers" begab, sich Gegner zu verschaffen. Denn jedes politische Tun unterliegt dem Lob und dem Tadel, dem Erfolg ob es — dem Mißerfolg. Er hat gewußt, daß dann manche, viele ihm nicht mehr Gefolgschaft leisten würden; aber fein Wesen, sein Persönlichstes zwang ihn auf diesen Weg des unmittelbar sten Führertums, denn er konnte sich nicht dem Dienst am Vaterland, niemals und auch jetzt nicht, versagen. Er — durfte einfach diese Pflicht­erfüllung nicht von sich weisen!

Eine spätere Zeit erst, die dem politischen Nahkampf entrückt ist, wird die ganze Größe dieses Entschlusses er­fassen und würdigen können, die Größe auch des Einsatzes im Ringen um die Gestaltung deutscher Gegenwart und Zukunft. Sie zu Besserem umzuformen war immer das Lebensziel des Generalfeldmarschalls und des Reichs­präsidenten, — und das ist auch das Wollen und Streben aller Teutschen.

Hindenburg in der Anekdote.

Hindenburg in der Geschichte! Sein Charakter­bild ist fest umrissen — es schwankt und wankt nicht. Ganz Deutschland weiß, und mit Deutschland weiß es die ganze Welt, daß der greife Reichspräsident und Feld­marschall dem deuffchen Volke ein wahrer, ehrlicher Führer war und ist im Kriege und im Frieden, und daß er die höchste Achtung selbst derer genießt, welche nicht immer mit ihm eines Sinnes waren und eines Weges gingen. Tas alles ist allbekannt und kann auch durch „der Parteien Gunst oder Hatz" nicht mehr verwirrt werden. Aber Hindenburg in der Anekdote — das ist ein anderes Kapitel! Hier gibt es manches, was nicht jedermann weitz, oder was vielleicht irgendeinmal er­zählt wurde, aber aus dem Gedächtnis der Lebenden wieder entschwunden ist; und wenn auch lange nicht alles wahr sein mag, was erzählt wurde und erzählt wird — es genügt schon, datz es wahrscheinlich ist, weil es dem Wesen und der Art, weil es dem Charakterbilde des ehernen, unerschütterlichen Mannes durchaus entspricht. Und darum sei einiges von dem, was man sich von und über Hindenburg berichtet, an dem Tage, an dem er, rüstig wie nur je zuvor, das8 5. Lebensjahrvoll­en d e t, in zwangloser Folge in Erinnerung gebracht.

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Als sich der Reichspräsident eines Tages mit einigen Gästen, die in sein Haus gekommen waren, unterhielt, fragte ihn einer von diesen im Laufe des Gesprächs, wie sich wohl nach seiner Ansicht bei hervorragenden Menschen, die in der Öffentlichkeit stünden, grohe Nervosität äußere. „Wenn Sie mich meinen sollten", erwiderte Hindenburg, „so kann ich Ihnen sagen, daß i ch p s e i f e, wenn ich nervös bin." — „Aber Erzellenz", entgegnete verblüfft der Frager, „keiner von uns erinnert sich, Sie jemals pfeifen gehört zu haben." — „Habe ich ja auch noch nie getan", lautete die Antwort.

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Einmal stellten Maler und Bildhauer die Geduld des alten Herrn auf eine harte Probe: die einen wollten ihn auf die Leinwand bringen, die andern wollten ihn modellieren, aber der Reichspräsident wollte eigent­lich keines von beiden. „Hören Sie, meine Herren", sagte er, „fünfzig Jahre hindurch hat keiner gefunden, daß mein Kopf, von künstlerischen Gesichtspunkten aus ge­sehen, irgend etwas Interessantes biete. Anfangs, als ich viel. viel Zeit übrig hatte. ist es keinem Künstler

eingefallen, zu mir zu kommen, um mich im Bilde oder in Erz oder Marmor zu verewigen. Jetzt aber, wo ich keine Minute frei habe, laust ihr mir alle nach." Nicht anders zeigte Hindenburg sich den Photographen gegenüber. Bei der letzten Reichspräsidentenwahl sollte er, wenn es nach den Pbotographen gegangen wäre, jeden Tag vor dem Objektiv fisten ober stehen. Eine Zeitlang ließ er sich das geduldig gefallen, dann aber

Hindenburg als junger Leutnant.

wollte er nicht mehr mitmachen. „Machen Sie das, wie Sie wollen", sagte er, „aber ich kann Ihnen die Versiche­rung geben, daß sich mein Gesicht seit gestern nicht ge­ändert hat."

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Ein ausländischer Iournalist fragte den Reichspräsidenten eines Tages, welches wohl der

schönste Tag seines Lebens gewesen sei. „Der schönste Tag meines Lebens?" entgegnete Hindenburg. „Da brauche ich wirklich nicht lange nachzudenken: das war der Tag, an dem ich als Kadett an meinem Geburts­tage so viel Kuchen essen und so viel süße Milch trinken durfte, daß ich mir den ganzen Bauch vollstopfen konnte und richtig Leibschmerzen bekam."

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Alle Welt weiß, daß Hindenburg trotz seiner vielen Lebensjahre noch rüstig und kräftig ist — „stark w i e e i n e a l t e E i ch e", sagte erst kürzlich jemand, der ihn zu sehen Gelegenheit hatte. Und der Reichspräsident liebt es, seine erstaunliche körperliche Rüstigkeit zu zeigen, um allen Gerüchten, daß er an Altersschwäche leide, energisch entgegenzutreten. Als er einmal bei einem Neujahrs- empfange auf einen Stock gestützt vor den versammel­ten Diplomaten und Ministern erscheinen mußte, ent­schuldigte er sich sofort mit den Worten: „Ich bitte, zu ent- fchuldigen, daß ich mit dem Stock komme. Ich hatte einen kleinen Jagdunfall." Er setzt niemals eine Brille auf — in der Öffentlichkeit wenigstens hat man ihn noch nie mit einem Äugenglase gesehen —, aber die um ihn sind, wissen, daß die Reden und Ansprachen, die er öffent­lich in seiner gewohnten Weise, mit bloßem Auge und in aufrechter Haltung, vorliest, mit großen Schriftzeichen ge­schrieben oder gedruckt sein müssen . Er pflegt langsam, aber unermüdlich und unermüdet die Front aufgestellter Regimenter abzuschreiten und kann bei offiziellen Festlich­keiten, wenn es darauf ankommt, stundenlang stehen; nie­mals zeigt er dann das Bedürfnis, sich zu setzen.

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Lebhaftes Interesse hat er für die Jagd und für einen vernünftigen Sport. Er hat noch heute ein sicheres Auge und ist ein guter Schütze. Im letzten Sommer über­raschte ihn eines Morgens einer der Herren, die damals in Neudeck waren, beim Scheibenschießen. „Es geht noch immer!" sagte Hindenburg zufrieden, nachdem er einen guten Schutz abgegeben hatte. In der Öffentlichkeit zeigt sich der Reichspräsident nicht allzugern. Er soll es auch nicht gern sehen, wenn in Zeitungsartikeln allzuviel Rühmens von ihm gemacht wird. Als ihn einmal bei einer der vielen Wahlen, die wir in der letzten Zeit erlebt haben, vor dem Wahllokal Nundfuirkleute baten, ein paar Worte ins Mikrophon zu sprechen, verharrte der Reichs­präsident einige Minuten in Schweigen und sagte dann: „So — nun ist es wohl genug!" Das ist Hinden­burg, so ist Hindenburg!