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Nr. 229 Donnerstag 29 September 1932

Oie Gieuerguischeine.

In der nächsten Nummer des Reichsgesetzblattes werden die Durchführungsbestimmungen zur Steuergutscheinverordnung veröffentlicht wer­den. Hierüber wird eine amtliche Pressenotiz veröffentlicht, in der die wichtigsten Bestimmungen der Durchführungsverordnung dargelegt werden. Von be­sonderem Interesse ist hierbei die Regelung der Aus­gestaltung der Steuergutscheine.

Steuergutscheine werden über 2 0 0 0 0, 10 000. 1000, 200, 100, 50, 20 und 10 Mark (die über 20 und 10 Mark jedoch erst vom 1. Oktober 1933 ab) aus­gegeben. Sie lauten auf den Inhaber. Sie werden in den Rechnungsjahren 1934 bis 1938 auf alle R e i ch s st e u e r n mit Ausnahme der Einkommen- und Körperschaftssteuer in Anrechnung genommen. Bei den Steuergutscheinen zu 50 Mark und darunter, die aus einem Stamm mit 5 A b s ch n i t t e n bestehen, wird vom Beginn jedes der in Frage kommenden Rechnungsjahre ab ein Abschnitt, der auf ein Fünftel des Wertes des Steuergutscheins lautet, abgetrennt und angerechnet.

Um denjenigen Gutscheinberechtigten, deren gutschein- fähiger Betrag im Laufe eines Kalendervierteljahres 50 Mark nicht erreicht, eine alsbaldige Ver­wertungsmöglichkeit ihrer Ansprüche , zu geben, können sie bei ihrem Finanzamt beantragen, einer Bank, Sparkasse oder Genossenschaft eine Bescheinigung darüber zu erteilen, daß sie Steuergutscheine in bestimmter Höhe zu beanspruchen haben. Das Finanzamt übersendet die Bescheinigung der Bank; diese schreibt die gutschein­fähigen Beträge dem Konto des Steuerpflichtigen gut und kann ihm darauf Kredite in entsprechender Höhe ge­währen.

Bei der Anrechnung von Steuergutscheinen wird ein Aufgeld gegeben, das für die Steuergutscheine bzw. Steuergutscheinabschnitte, die vom Rechnungsjahr 1934 an angenommen werden, vier Prozent beträgt, und das für Steuergutscheine und Steuergutscheinabschnitte, die vom Beginn der folgenden Rechnungsjahre an angenom­men werden, jeweils um vier Prozent steigt.

Steuergutscheine für Steuerzahlungen.

Steuergutscheine erhält man: 1. für die Zahlung der U m- satzsteuer, 2. der Gewerbesteuer, 3. der Grund- steuer, 4. derBeförderungssteuer.

Voraussetzung ist jedoch, daß es sich um Steuern handelt, die in der Zeit vom 1. Oktober 1932 bis zum 3 0. September 1933 kraft Gesetzes fällig und entrichtet werden. Landwirtschaft und Forstwirtschaft sollen jedoch für Zahlungen von Steuern der genannten Art auch dann noch Steuergutscheine bekommen können, wenn sie sich die Steuern über den 30. September 1933 haben stunden lassen und bis 31. Dezember 1933 entrichten.

Der Steuergutschein wird bei der B e s ö r d e r u n g s - steuer in voller Höhe, bei den übrigen Steuern in Höhe von 40 Prozent der geleisteten Beiträge ausgestellt.

Steuergutscheine für Mehrbeschäftigung.

Anspruch auf Gewährung von Steuergutscheinen für Mehrbeschäftigung von Arbeitnehmern haben die Unternehmer aller Betriebe mit wirtschaftlichen Zwecken. Auch Personen, die eine freie oder ähnliche Berufstätigkeit aus­üben, haben Anspruch auf Steuergutscheine, wenn ihre Tätig­keit als Gewerbe gilt. Unternehmen, die nach be_m 1. Sep-

So sehen die Steuergutscheine aus.

Ein Muster der auf Grund der Wirtschaftsnotverordnung der Reichsregierung vorgesehenen Steueranrech­nungsscheine. die ab 1. Oktober ausgegeben werden. ।

tembcr 1932 neu errichtet und, erhalten reine Wieuergur- scheine, ebenso nicht Unternehmen, die nach einer Stillegung von mehr als vier Wochen wiedereröffnet worden sind oder werden.

Steuergutscheine für Mehrbeschäftigung werden audf dann ausgegeben, wenn die Arbeit gestreckt und aus eine größere Anzahl von Arbeitnehmern verteilt wird. Die Mehrbeschäftigung wird so errechnet, daß die Durchschnitts­zahl der im Kalcndcrvicrteljahr beschäftigten Arbeitnehmer mit der Durchschnittszahl eines früheren Vierteljahres, und zwar grundsätzlich in den Monaten Juni, Juli, August 1932 ver­glichen wird. Beim Saison- und Kampagnegewerbe ist Vergleichszeitraum das entsprechende Kalenderjahr des Vorjahres, ivobct jedoch 90 Prozent der Arbeitnehmer des Verglcichszeitraumcs der Berechnung zugrundegclcgt werden.

Der Steuergutschein ivirb für die Mehrbeschäftigung eines Arbeitnehmers im Kalendervierteljahr aus 100 Mark aus­gestellt. Wird die Mehrbeschäftigung der Belegschaft mehr als verdoppelt, so mindert sich der Stcucrgutschein im Betrag bei den Unternehmen mit mehr als 50 Arbeitnehmern für die Mehrbeschäftigung, die über die Verdoppelung hinausgeht, auf 50 Mark. Der Steuergutscheinbeirag darf 50 Prozent des durchschnittlichen Entgelts nicht übersteigen, das auf einen Arbeitnehmer des Betriebes in einem Vierteljahr der Mehr- beschäftigung entfällt.

Unheil aus aller Welt.

Eine griechische Insel verschwunden.

Schwere Verwüstungen im Erdbeben­gebiete.

Nach den neuesten Meldungen, die aus dem balka­nischen Erdbebengebiete eingetroffen sind, muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, datz das Erdbeben eine weit höhere Zahl an Todesopfern gefordert hat, als es ursprünglich den Anschein hatte. Es hat sich nämlich her- ausgestellt, daß in der am schwersten betroffenen Gegend der Halbinsel Chalkidike

die kleine Insel Amogiani voll­ständig verschwunden

ist. Es ist auch ungewiß, ob sich größere Teile der aus etwa 700 kleinasiatischen Siedlern bestehenden Bevölkerung vor dem plötzlichen Hereinbruch der Katastrophe in Sicher­heit bringen konnten.

Auch aus der Gegend des Athosgebirges werden starke Verwüstungen gemeldet; die auf dem Athos ge­legenen Klöster sollen teilweise stark in Mitleidenschaft gezogen sein. Auf der Halbinsel Chalkidike ist eine Reihe von Dörfern fast vollständig vernichtet worden. Man rechnet damit, daß das Erdbeben etwa 1 0 0 0 0 Menschen ihrer Wohnstätten beraubt hat. Die Lage der aus ihren Häusern vertriebenen Flüchtlinge ist verzweifelt, da fast alles zum Leben Notwendige fehlt.

M dem Auto in den Rhein gefahren.

Tragisches Ende nach durchzechter Nacht.

Nach einer Meldung aus Mainz kam zur Nachtzeit ein Auto in der Nähe des Bahnhofs Kastel an die Schranke, die die Zufahrt zum Rhein sperrt. Ter Führer ließ sich vom Schrankenwärter die Schranke öffnen und fuhr weiter. Am frühen Morgen stellte der ablösende Schrankenwärter fest, daß

eine Autospur direkt in den. Rhein führte.

Man fand den Wagen in 3J4 Meter Tiefe im Wasser liegend. Das Auto wurde durch einen Kran gehoben. Im Wageninnern fand man die Leiche des 32jährigen Vertreters einer Autofirma namens WilhelmWißler aus Darmstadt. Nach Zeugenaussagen hatte er mit einer Gesellschaft in Kastel bis spät in die Nacht gezecht. Um 2 Uhr wollte er nach Wiesbaden fahren, kam jedoch vom Wege ab. Was den Wärter veranlaßt hat, zu dieser ungewöhnlichen Zeit die Schranke zu öffnen, obwohl an

Wie werden die Steuergutscheine steuerlich behandelt?

Wenn es sich um Personen bandelt, die keinen Betrieb haben, soll das Aufgeld immer steuerfrei sein. Für die Be- Iriebsinbaber richtet sich die Besteuerung des Aufgeldes nach den allgemeinen Ermittlungsvorschriften.

Was den Steuergütschein selbst anlangt, so bildet seine Ausgabe nach geltendem Recht steuerpflichtiges E i n k o m 'm e n. Aus der vollen Besteuerung würden sich aber Härten ergeben. Bei Steuerpflichtigen, an dje Gutscheine vom Finanzamt ausgegeben worden sind, soll daher im Ausgabe- jahr für die Steuerberechnung das Einkommen, das aus die Steuergutscheine entfällt, statt mit dem vollen Kurswert nur mit e i n e m F ü n M e ( dieses Kurswertes angesetzt werden tmaßgcbcnd ist der Börsenkurs am 31. Dezember des Ausgabe- jayres).

Kurze politische Nachrichten.

Reichskanzler von Papen wird voraussichtlich am 11. Oktober in München eintreffen, um der bayerischen Staatsregierung einen offiziellen Regierungsbesuch zu machen. Am 12. Oktober wird der Reichskanzler vor dem Gremium des Jndustriellenverbandcs in München die Auf­fassung der Reichsregierung zu den schwebenden Wirt- schaftsfragcn darlegen.

Das Preußische Staatsministetium hat den Mini­sterialdirektor Dr. Nobis zum Staatssekretär dieses Ministeriums ernannt.

NSDAP, gegen Lohnabzüge.

Auf einer nationalsozialistischen Wahlkundgebung in München kündigte Gauleiter Wagner unter stürmischem Beifall der Versammlung an, daß die Partei jeden Arbeit­geber mit Schimpf und Schande ausschließen werde, der auf Grund der Notverordnung seinen Arbeitern den Lohn kürze. Jeder Parteigenosse habe die Pflicht, einen wegen der Notverordnungsbestimmungen ausbrechenden Streik bis aufs letzte zu unterstützen. Die Gewerkschaften hätten die gesamte deutsche Arbeiterschaft zum Generalstreik auf- rufen sollen. Aber die Führung der schaffenden Stände sei heute kraftlos. Die einzige revolutionäre Bewegung, die es heute in Deutschland gebe, sei die NSDAP.

Nah und Fern

O Neuer Raketenstart am 6. Oktober. Die sofort nach Abbruch des ersten Startversuchs der Winkler-Rakete auf- genommenen Verhandlungen haben zu dem Ergebnis ge­führt, daß ein zweiter Startversuch am 6. Oktober unter­nommen werden soll. Die Sauerstoffbehältcr werden in­zwischen in den Fabriken neu gefüllt und dürften bis zum vorgesehenen Zeitpunkt wieder in Ostpreußen sein. Bis zu dieser Zeit hofft man, auch die au der Rakete uot- wendig gewordenen Reparaturen durchgeführt zu haben.

O Geheimrat Louis Hagen erleidet einen Schlaganfall. Der rheinische Wirtschaftsführer, Geheimer Kommerzien­rat Dr. Louis Hagen, der Vorsitzende der Kölner In­dustrie- und Handelskammer, erlitt einen Schlaganfall. Sein Zustand ist sehr ernst.

der Straße bis zum Rhein keine Häuser, sondern nur einige Schuppen stehen, steht noch nicht fest.

Ein Lastauto von einem Personenzuge erfaßt.

Vier Schwerverletzte.

Ein Personenzug, der von Koblenz nach Mayen fuhr, stieß an dem Bahnübergang Bubenheimer Weg mit einem Lastauto, das in Richtung Koblenz fuhr, zusammen. Die Maschine erfaßte den Wagen von hinten und schob ihn neben den Bahnkörper. Bei dem Zusammenstöße trugen vier Personen erhebliche Verletzungen davon.

200 Todesopfer in Porionko.

Zahlreiche Ortschaften zerstört.

Nach den letzten Meldungen aus Portorilo hat der Wirbelsturm 200 Todesopfer gefordert. Die Zahl der Ver­letzten geht in die Tausende. Das amerikanische Note Kreuz hat eine Hilfsexpedition entsandt. Die Sturmverwüstun- gcn sind furchtbar. Zahlreiche Häuser sind zusammen­gestürzt. Es wird befürchtet, daß viele Ortschaften im Innern des Landes völlig zerstört sind.

Vierstündiger Kamps mit Hornissen.

Die Feuerwehr geht mit Brandfackeln vor.

Die Altonaer Feuerwehr hatte einen nicht alltäglichen schweren Kampf zu bestehen. Im Jenischpark hatte sich ein größerer Hornissenschwarm in einen hohlen Baum ein­genistet. Nachdem mehrere Anwohner durch Stiche schwer verletzt worden waren, wurde die Feuerwehr alarmiert, die das Nest erst nach v i e r st ü n d i g e m Kampfe vernichten konnte. Ein Hund, der dem Baum zu nahe gekommen war, wurde durch einen Stich völlig gelähmt. Eine Frau, die kurz darauf gestochen wurde, zeigte gleich­falls schwere Lähmungserscheinungen. Die Feuer­wehr ging

mit Feuerschutzanzügen und Rauchhelmen bewehrt gegen das in vier Meter Höhe befindliche Nest vor. Auf einer hohen Stange wurde ein Twistbausch befestigt, der mit Benzol getränkt war. Als man mit der Brandfackel in die unmittelbare Nähe des Nestes kam, stürzten die Hornisten in großen Schwärmen in die Flamme, um gleich darauf völlig verkohlt zur Erde zu fallen. Der von den Hornissen bewohnte Teil des Baumes wurde schließlich abgesägt.

0 Sechs Todesopfer des französischen U-Boot-Unglücks. Die Zahl der Todesopfer bei der Explosion auf dem französischen Unterseeboot „Perseus" hat sich, wie aus Paris gemeldet wird, auf sechs erhöht.

O Hütejungen machen Versuche mit einer Feldgeschütz­granate. Der kürzlich erfolgte Sprengstoffanschlag auf den Schnellzug Moskau—Berlin westlich Dünaburg hat jetzt eine verhältnismäßig „harmlose" Aufklärung gefunden. Die Annahme, daß beim Anschlag ein politisches Ziel ver­folgt worden sei, bewahrheitet sich nicht. Vielmehr er­gaben die polizeilichen Nachforschungen, daß der Anschlag von zwei Hütejungen verübt wurde, die die Spreng­wirkung einer aus dem Weltkriege stammenden Feld­geschützgranate beobachten wollten. Einer der Schuldigen konnte bereits verhaftet werden.

O Blutiger Zusammenstoß zwischen Arbeitslosen und Polizei in London. Bei einem Zusammenstoß zwischen Arbeitslosen und Polizisten in dem Londoner Stadtteil Westham wurden zehn Personen verwundet. Die Arbeits­losen marschierten mit roten Fahnen und die „Internatio­nale" singend vor das Rathaus, wo sie in einer Massen­kundgebung eine Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung forderten. Sie versuchten, in das Gebäude einzudringen, und überwältigten die Schutzleute, von denen vier verletzt wurden. Als Polizeiverstärkung eintraf, entwickelte sich ein Handgemenge, bei dem die Menge mit Ziegeln, Flaschen und Steinen die Polizisten bewarf. Erst als die Polizei Verstärkung erhielt, konnte die Ordnung wieder hergcstellt werden.

0 Der Kampf um das Blaue Band des Ozeans. Der neue italienische Ozeandampfer „Rex", der 50 000 Tonnen groß ist, hat die Überfahrt von Genua nach Newyork an- gctrcten und will das Blaue Band des Ozeans, das die „Bremen" gewonnen hat, für Italien erobern.

Vermischte Nachrichten

Zwei Wilderer zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.

Ratiüor. Vor dem RaUborer Schwurgericht stauben der 26jährige Gelegenheitsarbeiter Emil Grodoll und der 27 Jahre alte Landwirtssohn Anton Wodnik aus Slawikau, die den Förster Tiolka aus Grcgorsdors, der sie beim Wildern ertappt hatte, erschlagen hatten. Das Gericht erkannte gegen beide An­geklagte wegen gemeinschaftlichen Totschlags, Forstwiderstaiidcs und Jagdvergehens auf lebenslängliches Zuchthaus, sechs Atonale Gefängnis und dauernde Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.

Zwei Tote, vier Verletzte bei einem Flugzeugunglück.

Rom. Ein Vcrkchrswasscrflugzeug der Strecke Venedig- Triest, das wegen eines Gewitters bei Grado niebergeben mußte, «stiess gegen einen Damm und überschlug sich. Dabei wurden zwei Personen getötet, zwei schwer und zwei leicht berietst.

Wiener Großindustrieller erschießt sich.

Wien. Der Wiener Großindustrielle Felix Pollak-Parnegg hat sich tm Urnenhain des Krematoriums erschossen. Felix Pollak-Parnegg war der Chef des Textilunternehmens Her­mann Pollack Söhne, das eines der größten österreichischen Textilumernchmungen gewesen ist. Auch sein Bruder Fritz Pollak-Parnegg hat vor zwei Jahren Selbstmord begangen.

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