Der Platzhirsch.
Raturskizze von Wilhelm H o ch g r e v e.
Die Täler dampfen. Nach vielen Dürrwochen sind die Schleusen des Himmels geb^chen; drei Tage und vier Nächte ist das ersehnte Naß ununterbrochen zur Erde geflutet. Sinn dürfen die verdursteten Bäche wieder tosen und toTen, zum Gebrüll wird ihr wildes Lied, wo sie sich über haushohe Wände stürzen. Nebel wallen und wogen. Die ersten kalten Nächte dieses Herbstes haben mit eisigem Atem die freien Hänge und Blößen überhaucht, letzte Blüten erschlaffend, vernichtend. Nur im Schutze einer Waldwand, eines Felsens oder Wurfbodens glimmt noch roter Fingerhut. Auf den Berg- iviescu aber blühen die Herbstzeitlosen, Hochzeitsschmnck für das Edelwild der Berge. Die Hirschbrunst ist im Gange.
In der großen Eberbachdickung steht wieder wie alle die letzten Jahre der starke Hirsch vom zwölsten, auch vierzehnten Haupte, der Stolz dieser weiten Bergwälder, der Stolz der Forstleute vom Forstgehilfen bis hinauf zum Oberforstmeister. Dem war er schon dreimal zugcdacht als Kapitalbeute. Aber der alte Haupthirsch, der schon vor drei Jahren sein zweites Zwölfergeweih trug und in dessen starke Fährte die rehschlanke Tochter des Reviersörstcrs ihren Fuß setzen konnte, wußte allen Nachstellungen zu entgehen. In der Feistzeit, wo der Hirsch fertig im Geweih und im Saar ist und die Aesung ganz dem Wildbret und dem „Feist"' zu gute kommt, wo er, fett und faul, tagsüber auf freie Flächen auszutreten keine Ver- anlassung hat, war der Haupthirsch in der Eberbachdickung der heimlichste von allen. Selbst der alte gerissene Hegemeister bekam ihn kaum einmal zu sehen. So fiel seine Bejagung durch den Oberforstmeister jeweils immer in die Brunstzeit, wenn auch den älteren Hirsch die Liebe narrt, jene Macht, die sich spielend zur Herrin über das Blut zu erheben weiß. Auch den Alten vom Eberbachtal holte sie jedes Jahr aus der weiten dichten Dickung heraus, die ihm mit ihren kleinen Versteckten Wind- und Schneebruchlichtungen, mit ihren Schneisen und Suhlen zumindest für die Tageszeit außerhalb der Brunft immer genügte.
Um die Zeit, da der Laubwald wie Feuer brennt und >vie Schwefel glüht, da vom Nachthimmel das Locken der Regenpfeifer herabtönt, brennt in des Alten Adern ein Feuer, das keine Ruhe läßt. Dann drängt's ihn zu den Tieren, und alle Alttiere und Schmaltierc, die in der Nähe der Dickung stehen, treibt er zum Rudel zusammen, das er eifersüchtig und argwöhnisch überwacht und herrisch beisammen hält. Er ist der Platzhirsch, der Herr über alles Kahlwild rings umher, allen anderen Hirschen zum Trotz. Tas unruhige, auch tagsüber nach den kräuterreichen Aesungsblößen strebende Wild nimmt auch ihn am hellen Tage mit auf die freien Flächen, chn, den Heimlichen, der die großen Lichtungen und Schläge sonst nur im schützenden Dunkel der Nacht aufsucht. Fünfzehn Stück Wild, vier Alttiere mit Kälbern und sieben Schmaltiere, gehören zu seinem Rudel, das er oft mit rollendem Sprengruf umprescht; wo's not tut, setzt es Hiebe mit dem Vierzehnendengeweih.
Sein fast meterlanges stolzes Gewaff hält auch die Nebenbuhler fern, die gerne das Gebiet des Platzhirsches seines Rudels wegen umlungern. Aber die meisten bringt schon der Schrei des Gebieters zur Vernunft, der dröhnend, grollend aus dampfendem Geäse stößt, die Bergwände entlang rollt und das Gebraus der Wildbäche überbrüllt. Und wenn sie nicht flüchten wollen, stürmt er ihnen mit rauhem zornigen „O — ö — ö — ö" zu Leibe, daß sie doch die Flucht vorziehen, und nun ist es der Siegesschrei des Platzhirsches, der alle anderen Stimmen in weiter Runde überherrscht. Mit dem Sprengruf umtrollt er, umsprengt er dann sein Nudel, das neugierig, auch gleichgiltig auseinander gebummelt war. „O — ö — ö — ö" und darauf „A — u — ah, a — uh, öah": ich bin hier Herr, ich allein, ich, der Platzhirsch. Tas dunkle Geweih mit den vierzehn blitzweißen Enden ist beim Schrei auf den Rücken geneigt. Als die verkörperte Urkraft der Berg- w.ldnis steht der Hirsch auf der Höhe, und die drohende Gewalt seines Röhrens vermag unter allen Naturlauten nur der Donner eines Gewitters zu übertönen. Niemals, solange deutsche Eichen ihr Geäst recken, schrie in deutschen Wäldern eine kraftvollere, in ihrer wildschönen Rauheit erhabenere Stimme als die des roten Edelhirsches. Wer ihr in kalter Mondnacht oder auch am Nebelmorgen lauschte und gar den Anblick eines Haupt- und Platzhirsches in uriger Gebirgslandschaft zwischen Wurfböden und Granitblöcken erlebte, der kann verstehen, daß die Förster, die den Kapitalen herauhegten, nicht unzufrieden sind, wenn der hohe Herr von der Regierung den Edlen wieder einmal vorbei schießt.
Jan und die Puffotter.
Afrikanische Geschichte von Werner Schmidt- Pretoria.
E^ war eine Unzahl von weglosen, sonnengelben, Kalaharidünen teils zu Fuß teils mit der Zweiradkarre zu überwinden gewesen, bis sich die mächtige Farmerhand Jans wieder einmal um meine klammerte. Auf allen möglichen Längen- und Breitengraden war ich herumgerutscht, und hier ~ hier lag eine angesprungene Bierflasche noch auf demselben Fleck, auf den ich sie, vor zehn Jahren einmal, geworfen hatte. Jan hauste noch in demselben sechs Fuß hohen Wellblech- pontok; die Koffern krochen halbnackt aus ihren Hütten heraus, um mich zu begrüßen. Keine Veränderung...
Doch, eine. Jans Fähigkeit, Luft in volle Whiskyflaschen zu pumpen, hatte noch zugenommen.
Es war kaum glaubhaft, daß er es fertig brachte, seinen ewigen, höllischen Durst noch zu steigern; genüg, die Zahl der ununterbrochenen Staffettenläufe seiner Neger nach dem tageweiten Flaichenverkauf zeigte es.
~ Wir schliefen, wie früher, auf ein paar Bocksfellen im Freien, unter der Schirmakazie. Einige Sekunden nach dem Erwachen nahm Jan seinen „Augenöffner", kurz darauf den „Sonnenaufgangsschluck"; und so ging es — man könnte sagen: einem mit mehr oder weniger formvollen Namen belegten Stundenplan gemäß — bis zum „Sundowner" und zur „Letzten Träne".
Trotzdem wurde Jan niemals unangenehm. Sein Geist blieb wolkenlos und frisch; seine Nerven arbeiteten wie das Signalwerk der Eisenbahn; sein Blut schien das Rauschgift restlos aufzunehmen.
Eines Nachts begann es zu regnen; naturgewaltig und ungebunden. Wie Afrika selbst.
Wir nahmen unsere schäbigen Felle vom Boden auf, und Jan stieß einen kleinen, zuckenden Schrei aus. Ich sah noch, wie sich die Puffotter zwischen seinen Feldschuhen hindurchwand.
Mit dem Taschenmesser schnitt ich ihm den Biß kreuz- förmig auf. Aber die übermangsauren Kaliblättchen, die das Schlangengift gebunden hätten, waren nirgeM.LU fmdèv.
Weil Jan darauf bestand, goß ich ihm eine halbe Flasche Scotch Whisky in die Wunde...
Am nächsten Tage war Jans Arm grau und dick wie ein Elefantenrüssel. Weiß der Himmel, wie er mir leid tat, der alte Kerl.
An diesem Tage trank Jan seinen Stundenplan zweimal durch.
Am Abend hatte der Unterarm die Tönung einer öl- benetzten Regenpfütze. Das Schlangengift schien wieder her- auszutreten, da es der wundervollen Blutmischung Jans anscheinend nichts anhaben konnte.
Als er mir, einige Stunden später, wieder zuprostete mit der eben noch kranken Tatze das Glas umklammernd, dc brachte uns ein Eingeborener die Puffotter, deren Spur er von der Schirmakazie her geschnitten hatte. „Baas", gluckste er, „sie muß gleich nach dem Bisse elendiglich verendet sein. . !“
Wir — Jan und ich — tippten auf Alkoholvergiftung.
Das Ei des Kolumbus.
Humoreske von E. von Adlersfeld-Balle st rem.
Als Gustav von Wildbahn, Gutsherr auf Oberdorf, an einem schönen Sommermorgen beim Frühstück nach Eintreffen der Post seiner jungen Frau und deren auf Besuch anwesenden Schwester ankündigte, daß sein Freund Zeustner, Kammerherr des Herzogs von Hohenfels, mit dem er sich zur Zeit auf einer Reise befand, diesen und sich selbst heut zum Gabelfrühstück ansage, verursachte er damit eine kleine Aufregung, Re sich bei der Hausfrau in dem Ausruf Luft machte: „Und gestern haben wir die Forellen aufgegessen!"
„Na, wenn's weiter nichts ist", meinte Wildbahn pomadig. „Wir haben ja noch massenhaft Zeit bis Mittag, — ich werde mit dem Diener gleich zum Fischer in Dingsda reiten, der die Forellen rechtzeitig bringen wird; ich selbst will dann noch beim Förster vorsprechen für den Fall, daß der Herzog einen Rehbock schießen möchte. Lasse inzwischen also ein nettes Gabelfrühstück richten und rege damit Dich und die Köchin nicht auf. Unser hoher Gast, den ich ja kenne, ist sehr nett und gemütlich; also nur Mut, Liebste, es wird schon schief gehen." —
Frau Ilse regte sich aber doch auf, was bei ihrer noch sehr jungen Hausfrauenwürde ganz begreiflich war. Zunächst die Konferenz mit der trefflichen, aber sehr empfindlichen alten Köchin, die sich nicht gern „etwas sagen ließ". Nachdem diese wichtige Angelegenheit erledigt war, beschloß Frau Ilse in der Angst, der Diener könnte mit den Forellen nicht rechtzeitig zum Decken der Tafel zurückkommen, dieses Geschäft selbst zu besorgen, ließ sich also von ihrer Schwester helfen, das Tischtuch auf den Eßtisch im Speisesaal aufzulegen, und schickte die junge Dame dann fort, Blumen aus dem Garten zu holen. Das übrige wollte sie schon selbst besorgen, denn Porzellan, Gläser und Silberzeug befanden sich leicht erreichbar in den Wandschränken der großen Eingangshalle des schloßartigen Herrenhauses, die dicht neben der Tur des Speisesaales lag. Diese Halle war einer der schönsten Räume; um ihn noch schöner zii gestalten, hatte Frau Ilse den glücklichen Gedanken gehabt, die oberen Stillungen der zahlreich in ihm befindlichen Türen mit den innbildern der Gemächer, Ju denen sic Einlaß gewährten, kunstreich zu bemalen. Eine Reihe dieser Türen gehörte auch zu den obenerwähnten Wandschränken, denen Frau Ilse entnahm, was sie zum Decken der Tafel brauchte, dazu das Speisezimmer offenlassend, wie denn auch die große Haustür bei dem warmen Wetter weit geöffnet war.
Während Frau Ilse gerade die Servietten faltete, hörte sie hinter sich ein Geräusch und sich umwendend, sah sie in der Tür einen Mann, der einen ziemlich schäbigen Reiseanzug trug und einen stark vom Wetter mitgenommenen, grau gewesenen Filzhut grüßend von dem schon gelichteten Kopf zog.
„Ich wollte mir erlauben —", begann der Fremde, aber Frau Ilse, die in ihrer Lebhaftigkeit selten jemand ausreden ließ, zudem auch über die unerwartete Erscheinung erschrocken war, die ihr eben jetzt noch sehr ungelegen kam, fiel ihm sofort ins Wort: „O, Sie wollen gewiß meinen Mann sprechen? Er ist nicht zu Haus und kommt auch so bald nicht zurück!" — Damit schlua sie dem Fremdling die Tür vor der Nase zu, be-
Wenn die Nase warnt.
Wie die Gerüche auf den Menschen einwirken. — Steigende Bedrohung aller Lebewesen durch mannigfache Abgase.
Auch der Hausstaub bringt Gefahren.
Von Dr. L. H. Krame r.
Seit den Unglücksfällen, die im Maastal und durch das Hamburger Phosgenwerk angerichtet wurden, hat sich das Interesse der Allgemeinheit in zunehmendem Maße den Wirkungen der schädlichen, meist auf chemischem Wege hergestellten Gase zugewendet. Die Wissenschaft ist denn auch mit Nachdruck an die Untersuchung der tn den verschiedenen Industriezweigen und an anderen Orten entstehenden Schadenstifter gegangen, einmal um deren Natur sowie die Art ihrer Einflußnahme auf den Organismus zu ermitteln, andererseits um geeignete Gegenmaßregeln ausfindig zu machen.
Die wirksamste Waffe des Menschen gegen die ihn bedrohenden Gase ist immer noch sein Riechorgan. Damit kann er beispielsweise noch anderthalb bis zwei Teile Schwefelwasserstoff in zehn Millionen Teilen Luft deutlich erkennen. Da das Riechvermögen jedoch bei den verschiedenen Menschen recht verschieden entwickelt ist, so eignet sich der so außerordentlich empfindliche Körperteil leider sehr wenig zur mengenmäßigen Messung der wahrgenommenen Gerüche. An künstlichen Apparaten, die sich zur Ausfüllung dieser Lücke eignen, hat sich bislang allein der von Zwardemaker 1895 gebaute, seither verfeinerte Riechstärkemesser als zweckmäßig erwiesen. Auch die Einteilung der Gerüche in neue Gruppen geht auf jenen verdienstvollen Gelehrten zurück.
Wie Stoklasa 1926 in einem Festvortrag auf dem Internationalen forstlichen Kongreß zu Rom ausführte, „steigt der Gehalt von schädlichen Gasen in der Luft von Industrien, Bergwerken und Großstädten von Jahr zu Jahr, und wenn die einzelnen Staaten nicht eingreifen,,so ist die Gefahr vorhanden, daß die Entwicklung der gesamten Pflanzen- und Tierwelt sowie auch der Bevölkerung in solchen Gebieten vollkommen zurückgeht". Und für Wernicke „besteht gar kein Zweifel, daß gerade die Mischung der verschiedenen schädlichen Gase, von denen jedes für sich allein in bar Verdünnung, wie es sich in der Luft im Freien vorfindet, weniger aggressiv ist, in ihrer Gesamtheit nachteilig wirkt".
Interessant ist in dieser Hinsicht die Uebersicht, die vr.-Jng. Ernst Schlenker in der „Angewandten Chemie" über die verschiedenen Arten der Gesundheitsstörungen durch Gase im einzelnen gibt. Danach werden durch Kalt, Hüttenstaub und Rauch vor allem Augenschäden hervorgerufen, akute Schwellungen der Augen und Atmunasoraane, .mittelbar auch
kam aber dabei wieder einen Schrecken bei dem Gedanken: „Herrje! Draußen steht ja die Tür des Silberspindes offen! Der Kerl wird doch nicht gar ... und nun weiß er auch noch, daß Gustav nicht daheim ist."
Sie machte die Türe rasch wieder auf. Da stand der Mensch noch und klemmte sich sein Einglas in den Augenwinkel, das ihm von dem freundlichen Empfang hcrabgcfallcn war. Stand dazu noch dicht neben dem offenen Silberspind! Was tun? Eine männliche Hilfskraft war zur Zeit nicht erreichbar, die Hausmädchen herbei zu klingeln, hätte auch weiter nichts genützt. Aber Ilse, wendig und rasch von Entschluß, ; = wußte sich zu helfen. „Wenn Sie Zeit und Lust haben, aus meinen Mann zu warten, dann gehen Sie nur dort in sein Arbeitszimmer und setzen Sie sich, bis er zurückkommt", sagte sie, nach den Türen rechts des Einganges weisend.
„Mit Ihrer gütigen Erlaubnis mache ich gern babon^s Gebrauch", erwiderte der Fremde. „Ich bin nämlich..."
„Ja, ja, das können Sie meinem Mann selbst erzählen", fiel sie ein. „Ich bin jetzt beschäftigt, da wir Besuch erwarten. Dort die Tür, über der das Ei gemalt ist, treten Sie dort ohne weiteres ein!"
„Das Ei?" wiederholte der Fremde so verblüfft, daß ihm das Einglas wieder herabfiel. „Ganz recht — ich sehe es. Wenn Sie also gestatten ..."
Ilse hielt nicht für nötig, ihn darüber aufzuklären, daß sie als Symbol für das Amtszimmer ihres Gatten das Ei des Kolumbus gewählt hatte, welches er dort legen — Verzeihung, das ihm zur Erledigung seiner gutsherrlichen Geschäfte als Beispiel voranleuchten sollte. Neben dieser Tür aber befand sich noch eine andere, über der, gleichfalls von ihrer Hand gemalt, von einem rosa Band getragen, ein goldener Stab als Träger einer weißleuchtenden, riesigen Null schaukelte; und diese ihrer Form wegen wohl für das bewußte Ei anschend, klinkte der Fremde diese Tür auf, danach eine zweite, dahinterliegende und verschwand in dem Raum, den sie abschloß.
Ilse öffnete schon das rosige Mündchen in der Absicht, dem Fremden zuzurufen, daß dies nicht die richtige Tür sei, besann sich rasch eines andern, und wie der Wind durch die Halle ; laufend, drehte sie kurz entschlossen den außen steckenden . Schlüssel der äußeren Tür leise um.
„So, der ist besorgt und aufgehoben", lachte sie vor sich hin. Als sie in den Speisesaal zurückgekehrt war, hatte sie über ihren Haussrauensorgen ihren Gefangenen glatt vergessen.
Alles klappte denn ausgezeichnet. Die Schwester kam mit den Blumen, der Diener mit den Forellen, der Hausherr vom Förster, und als Gustav Wildbahn eben den Anzug gewechselt, fuhr auch schon ein Wagen vor, dem der Kammerherr des Herzogs allein entstieg, höchst erstaunt, seinen hohen Herrn noch nicht vorzufinden, der sich vor etwa zwei Stunden vor ihm getrennt hatte, um allein noch einen Bekannten zu be. suchen, von dessen Landsitz aus er den Weg nach dem nahen Oberdorf zu Fuß zurückzulegen gedachte. Diese Erklärung in der Halle wurde durch ein donnerndes Klopfen an einer der rechts vom Eingang liegenden Türen unterbrochen, was Frau Ilse chh ihren Gefangenen ins Gedächtnis zurückrief. Unter heftigem Erröten sprudelte sie den Bericht dieser Episode hervor.' Der Kammerherr Verbiß ein Lächeln, Wildbahn grinste - offenkundig, während er zur Tür mit der Null lief? hoch als 4 er sie aufgeschlossenem!) 'der 'EmgespcrrleHt "funkelndem Mo-" nokel hinaus trat, schrie der Hausherr entgeistert auf: „Alle Wetter — Seine Hoheit der Herzog!"
Tableau!
Der hohe Gast des Hauses Oberdorf entsprach vollkommen ; seinem Ruf als liebenswürdiger und gemütlicher Herr —, denn ' nicht nur, daß er so tat, als ob er eben erst angekommen sei, er bewies auch, daß er Humor hatte, denn als er Abschied nahm, versicherte er seinem immer noch etwas verlegenen ■ Wirt, daß er die Einrichtung des „Amtszimmers", darin er eine gute Stunde warten gedurft, vorbildlich gefunden habe. Dann schickte er Frau Ilse auch noch zum Dank für „die reizende Aufnahme" ein kostbares Armband, an dem eine große, fette Null in Brillanten hing. Aber nur wenige von der Empfängerin Eingeweihte kennen die Bedeutung dieses eigenartigen Schmuckes.
Ohrenerkrankungen. Ganz allgemein hat sich feststellcn lassen, daß der über den Industriegebieten lagernde Nebel einen ungünstigen Einfluß auf die Stimmung der Bevölkerung auszuüben pflegt. Neben seinen ätzenden Eigenschaften hat der Staub der Fabriken die Wirkung, daß er mit den Zellen und Säften des Körpers Verbindungen eingeht. Der unlösliche Staub lagert sich in Lymphdrüsen und Bindegeweben ab; den löslichen nimmt das Blut unmittelbar auf. Auch durch den Magen gelangt er in den Organismus. Sogar dèr Haus- - staub ist gefährlich; er kann als Erreger von Asthma auftreten.
Als häufigste und lästigste Geruchsquelle darf man nach Dr. Schlenker wahrscheinlich' den Schwefelwasserstoff bezeichnen, von dem bereits anderthalb Raumteile je tausend Lebensgefahr bedeuten. Das beim Ausweichen von Häuten in Gerbereien entweichende Gas hat schon Todesfälle zur Folge gehabt. Wenig bekannt ist die schädliche Wirkung des Akroleins, das bei bem starken Erhitzen von Fetten — also recht häufig — entsteht. Es reizt die Schleimhaut und ruft . Rauschzustände hervor. Man weiß sogar von einem Todesfall, der auf dieses Gas zurückzuführen ist.
Das zu immer steigender Bedeutung gelangende Alu- minium bildet die Ursache zur Entstehung von Fluorabgasen, die von den in der Nähe dieser Werke wachsenden Pflanzen ausgenommen werden und dadurch chronische Erkrankungen ober gar den Tod der bamit gefütterten Tiere mittelbar verursachen. Die anderwärts beobachtete Tatsache, daß Schädigungen des pflanzlichen und des menschlichen Organismus miteinander gleichlaufcn, besteht höchstwahrscheinlich auch hier.
Die Giftigkeit des Kohlenstoffmonoxyds ist bekannt. Vom Schwefeldioxyd weiß auch der Laie, daß es stechend riecht, er« . stickend wirkt und zur Desinfektion benutzt ivirb. Weniger bekannt ist, daß es schon in ganz geringen Mengen die Fähigkeit der Lunge, Bakterien zu töten, ungünstig beeinflußt. Die giftigen Verbindungen des Schwefels treten in großer Mannigfaltigkeit auf und bedeuten eine starke Gefahr nicht nur für die in jenen Industriezweigen beschäftigten Menschen. .
Der gesetzliche Schutz, der dem durch Luftveruureini- gungen bedrohten Staatsbürger zur Seite steht, wird vielfach als unzureichend bezeichnet. Immerhin bereitet es oftmals Schwierigkeiten, die Interessengebiete der dabei in Frage kommenden Parteien, der Industrie und der Privaten, in zufriedenstellender Weise gegeneinander abzugrenzen. DaS Beste bleibt immer eine ausreichende Abhilfe auf technischem Wege, durch Unschädlichmachung der schädlichen Ease, durch geeignete Borbeugungsmittel und in anderen Formen, deren Entwicklung im einzelnen noch ein dankbares Feld für die chemische Wissenschaft bildet, •