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Klaus Martens zweite Jugend.

Skizze von Frank Stoldt -Berlin.

Am Kai lag eine Reihe Schiffe verlassen und angerostet. Nur auf der „Altenfelde" rasselten und klirrten die Dampf- winden, die letzten Schwergutkisten für Mexiko versanken in den Laderäumen. Kapitän Lohmann führte selbst die Aufsicht.

„Melde mich als Erster Offizier an Bord, Herr Kapitän!" Der „Alte" überflog prüfend die Gestalt des Sprechers. Die beiden Seeleute waren große Gegensätze, Lohmann stäm- mig und untersetzt, mit weißer Mähne über dem runden Ge­sicht, der neue Erste Offizier hager und sehnig. Ein keckes, schwarzes Bärtchen sproßte ihm auf der Oberlippe, dunkles, volles Haar umrahmte den eckigen Schädel. Der Kapitän streckte dem andern die Hand hin:

„Na, endlich! Wenigstens ein junger Kerl! Ich hatte schon Angtt, Inspektor Möller würde mir einen alten, ab­gebauten Knasterbart an Bord schicken. Junge Leute muß ich haben, die man ohne falsche Scham anranzen kann. Wie heißen Sie? Martens?" Kapitän Lohmanns Gesicht hellte sich auf. „Martens! So, so! Sie sehen Ihrem Vater sehr ähnlich, mit dem ich vor dreißig Jahren um Kap Horn ge­segelt bin. Ein toller Kerl! Haben Sie Ihre Sachen schon an Bord? Hatten sie gleich mitbringen sollen. Angemustert? Schön! Dann bekümmern Sie sich mal um die Schwergul­kisten in Luke eins für Vera Cruz!"

„Das fängt gut an", dachte Klaus, laut antwortete er jedock) „Jawohl, Herr Kapitän!" und ging an die Arbeit.

Abends warf das Schiff die Trossen los und dampfte see­wärts. Klaus Martens, vorn auf der Back beim Ankerspill, wunderte sich, wie hoch und beherrschend die Kommando­brücke über das Vordeck ragte. Bis zum Abbau, vor zwei Jahren, solange er selbst ein Schiff geführt hatte, war ihm das nie aufgefallen. Auch dort oben werde ich einmal wieder stehen, dachte er mit verbissenem Trotz. Wenn Du wüßtest, Peter Lohmann, daß wir zusammen aus der „Elmshorn" als Logiskameraden vor dreißig Jahren ums Kap gesegelt sind! Als Martens um Mitternacht von der Wache kam, betrachtete er in, seiner Kammer mit liebevollem Blick die Kiste, in der eine stattliche Anzahl kleiner Flaschen verstaut war.

Die Fahrt über den Ozean verlief günstig und heiter. An einem schönen Morgen traf man in Vera Cruz ein. Der Erste. Offizier wurde am Fallreep vom Vertreter der Linie mit kräftigem Handschlag begrüßt:

„Halloh, ein neues Gesicht! Markwart ist mein Name, ^yreut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Martens! Ihr Ge- zicht kommt mir bekannt vor. Fuhr Ihr Vater nicht vor zwanzig Jahren mal bei Kosmos? Na, also! Bitte grüßen Sie ihn von mir. Vergangene schöne Zeiten! Bis nachher, ich will eben zum Kapitän."

Der Agent stieg die Treppen hinauf, um die Frachtgeschäfte mit der Schiffsleitung zu ordnen. Klaus Martens hatte ein ungemütliches Gefühl, als er das Löschen der Ladung beauf- sichtigte. Hatte der Agent beim Vonbordgehen nicht gelächelt?

Doch auch die Liegezeit im Hafen ging vorüber, und noch immer erfreute sich der behende Erste Offizier des Wohlwollens seines Kapitäns. Lohmann war zufrieden, was man aller­dings nur daran merkte, daß er herzlich grob war.

. Dann kamen die bösen Tage im Golf. Die „Altenfelde" geriet in einen Ausläufer des Zyklons, der ein paar hundert Meilen weiter nördlich die Gittermasten der Radiostation in Havanna wie Streichhölzer knickte, Dächer abdeckte und Häuser umriß, und die halbe Zucker- und Tabakernte Cubas vernichtete. Haushohe Wogen brachen von allen Seiten schaumgekrönt über die Decks. Die brave „Altenselde" kämpfte sich durch Sturm und Brecher. Aber nach zwei Tagen hatte der Zyklon sie überholt.

geriet in einen

Der Kapitän und der Erste Offizier waren zwei Tage und zwei Nächte nicht aus den durchnäßten Kleidern ge­kommen. Mit übernächtigen Gesichtern und vom Salzgischt entzündeten Augenliedern standen sie nebeneinander aus der Brücke. ^Jch werde mich , bis mittags hinlegen, Martens! Steuern Lie Kurs wie angegeben und Wecken Sie mich dann!" — „Jawohl, Herr Kapitän! Gute Ruhe!"

Drei Stunden später übergab der Erste Offizier die Wache an den Zweiten und warf einen Blick in seine Kammer. Alles drunter und drüber, es sah wüst aus! Am Boden schwamm eine bräunliche Lache. Martens wurde blau. Das Laariärbe-

Wann nehmen die Zugvögel Abschied?

Von Wilhelm Hochgreve.

^Mangel an Wärme und Nahrung treibt die Zugvögel im Spätsommer und Herbst in mildere Breiten. Einem Teil genügt schon das südliche Deutschland, anderen das Donau- gebiet; die meisten aber wandern über die Alpen, um in Ita­lien zu überwintern oder Afrika, den wärmsten allex Erdteile, aufzusuchen. Die Hauptzugzeit fällt in die Monate August bis Oktober. Einige unserer Zugvögel verlassen uns schon recht früh, andere oft erst, wenn der Vorwinter schon seinen Einzug gehalten hat. Schon Ende Juli bis spätestens Mitte August gehen die Turmschwalben, die Gelbspötter und die Pirole auf die Wanderung. Die Turmschwaloen oder Mauer­segler erscheinen bei uns Ende April und verschwinden bereits ' wieder, wenn noch der Weizen auf dem Halm steht. Sie wandern nachts, nur ausnahmsweise am Tage, dann aber in einer Höhe, daß unser unbewaffnetes Auge sie nicht zu er­kennen vermag. Nicht viel länger als sie verweilen die gelben. Grasmücken bei uns, die etwa Anfang August sich familienweise fortstehlen. Auch sie reisen wie fast alle In­sektenfresser nachts. Knapp drei Monate hält sich der Pirol m unsern Wäldern auf; denn er kam erst, als der Laubwald schon grünte, und er zieht davon, wenn die Süßkirschenernte beendet ist. Während er einzeln oder paarweise erscheint, tritt er den Rückweg ins innere Afrika familienweise an. Sieht man bei uns noch im September, was aber selten ist, einige Pirole, dann handelt es sich um solche, die nördlichere Gegenden bewohnten und aus dem Durchzuge sind.

In der zweiten Augusthalste, spätestens im ersten Drittel des September verlassen uns die Nachtigall, der Sprosser die Sperbergrasmücke, die Rohrsänger, die Nachtschwalbe. 'Die Nachtigall, die einzeln in der zweiten Aprilhälfte bei uns ein­traf, scheidet von uns familienweise, wenn der Sommer sich neigt. Von einem Walde oder einem Gebüsch zum andern streichen sie südwärts. Syrien und die Niluser sind ihre Hauptwinterquartiere.

Aegypten beherbergt in unseren kälteren Monaten auch den Sprosser, die sogenannte „östliche" Nachtigall, die unserer Philomele stimmlich nicht viel nachsteht. Er kommt erst Mitte Mai zu uns zurück.

Von dem lustigen Völkchen der Rohrsänger scheidet bet größte und lauteste, der nach seiner Stimme auch „Karrekiet" genannte Drosselrohrsänger, am frühesten von uns, danach der Flußrohrsänger, darauf der Sumpfrohrsänger und der Teichrohrsänger, während der Schilfrohrfänger sich bis in den Oktober hinein bei uns wohl fümt.

mtttel! Er riß mit zitternden Händen die Kiste auf. Keine Flasche heil, und noch drei Wochen bis Antwerpen!

Es war ein Erster Offizier, der seine Jahre fühlte, der zehn Minuten später an der Kapitänskabine klopfte. „Herein!" Lohmann lag auf dem Sofa. „Kommen Sie herein, Martens, und trinken Sie einen Kognak! Das hätten wir hinter uns. Schlimmer als Kap Horn! Wenn man in die Jahre kommt, geht einem so eine Ecke Wirbelsturm doch auf die Nerven. Setzen Sie sich!"

Er sah sein Gegenüber plötzlich scharf an. „Martens! Sie haben ja graues Haar auf dem ganzen Kopf, wie Pfeffer und Salz! Wie alt sind Sie. eigentlich?"

Klaus Martens richtete sich steif auf, schaute dem andern fest in die Augen und sagte entschlösse^:

„Nicht ganz 53, Peter Lohmann."

Der Kapitän drehte sich zur Wand. Seine Schultern zuckten krampfhaft. Dann fuhr er mit einem Ruck hoch und schrie: „Na, also, alter Fahrensmann! Dann können wir auch wieder Du zueinander sagen wie vor dreißig Jahren auf der .Elmshorn'. Geahnt babe ich es schon auf der Äus- reise. Dann erkannte Dich Markwart in Vera Cruz. Die Flaschen mit der Haarfarbe habe ich übrigens selbst heute mor­gen in Deiner Kammer entzwei geworfen. Etwas Strafe mußte sein."

Der Erste Offizier saß kleinlaut im Stuhl. Die letzten zwei Tage hatten ihn mürbe gemacht. Aber der Kapitän schlug ihn lachend mit der Hand auf die Schulter.

"Nun sei nicht so verstört, Klaus! Ich wollte ohnehin nächste Repe ausscheiden. Ich habe eine Kleinigkeit geerbt und letze mich zur Ruhe. Mtt meiner Fürsprache und Deiner Erfahrung kannst Du die Altenfelde' als Kapitän fahren."

Klaus Martens horchte auf. Er hatte einen salzigen Ge­schmack tm Mund. Sonderbar, dachte er, wie von Tränen Er wäre Peter Lohmann am liebsten um den Hals gefallen' aber der war ernsthaft damit beschäftigt festzustellen, wie weit man bei einem rollenden und stampfenden Schiff zwei Koqnak- glafer füllen konnte.

Im Polareis.

Skizze von E. Seeger - Kiel.

„Wohin?" — gereizt, ja feindlich schob sich das Wort ourch die verkniffenen Lippen Dr. Wellers hin zu Dr. Halm, dem anderen Teilnehmer an der Forschungsexpedition, als dieser Taschenlampe und Flinte vom Nagel nahm. — „Geist­reiche Frage! Etwa auf einen Boulevard, schönen Frauen nachsteigen?" klang es höhnisch zurück. Peng! knallte hinter chm die Tür der Hütte ins Schloß.

Weller, verwahrlost an Haar und Bart, sah in tiefen Gedanken vor sich hin. So ging das nun schon das ganze letzte Viertel des gemeinsam verbrachten Jahres in der Polar­wüste. Tag um Tag. Freunde waren sie gewesen, dachte er bitter, Feinde geworden, grundlos; einfach, weil einer den anderen satt hatte, ihn so in- und auswendig kannte, daß er ihm nichts mehr zu sagen, zu geben vermochte. Wie aus-

tur verdeckten

gslos freigelegt. Einer haßte des Angewohnheiten, ja, der langsam

er ihm nichts mehr zu sagen, zu geben vermocht gepumpt ihre Gehirnè,' die sonst durch Kult kleinen Schwächen schonungO " " ’ " ' anderen tägliche kleine Än„ ______, ,., ...

steigende. Haß warf sich sogar auf das Atmen des Schlafenden m demselben Raum. Die Kraft, noch vorhandene letzte Re­serven an Lebensbejahung aus dem anderen hervorzulocken, versagte auf die Dauer.

Weller, der älter und schwerblütiger war als Halm, litt am meisten unter diesen Verhältnissen.

Zuerst, als sie im frühen Sommer auf Station Eishöhe eintrafen — eine Flut von Licht, Mitternachtsonnenschein, bunte Blumenpolster dicht am Eise, in der Ferne Moschus­ochsen auf spärlicher Weide. Sie beide noch elastisch, mit unverbrauchten Nerven, starken Arbeitsinteressen. In der Zeit der plötzlichen, vorübergehenden Schneeblindheit vr. Halms war Weller seine hilfreiche Stütze, ohne die der Kranke ver­loren gewesen wäre. Alles ging gut bis zur Ueberwinterung. Kälte, Dunkelheit, die Enge der mit Schneequadern geschützten, im Eis verankerten Hütte, die grenzenlose- Einförmigkeit der Tagesfolgen zermürbten beide. Mit dem Nörgeln am Essen begann es. Selten, daß sie noch aus demselben Topfe aßen. Zuerst boten die Grammovbonvlatten Zerstreuuna. Zur

Die Nachtschwalbe oder b'er' Nachtschatten — der aber­gläubische Volksmund nennt den in seiner nächtlichen Lebens­weise gespenstisch wirkenden Vogel auch Ziegenmelker — er­schien bei uns Mitte April und empfiehlt sich ebenso heim­lich, wie er kam und hauste, sobald die Insekten, deren er Unmengen vertilgt, weniger werden.

Dem Storch dichtet der Volksglaube eine besondere Pünktlichkeit an, indem er ihn genau am 21. August abreisen läßt. Das ist eine der vielen Fabeln, die diesen Vogel um­spinnen. Hängt doch auch seine Abreise von der Laune der Witterung ab. Aber im Laufe des August tritt er die Wan­derung an, die ihn allmählich bis an den Nil und dann in noch längeren Abschnitten bis nach Südasrika führt. Die Zugvogelforschung hat mit Hilfe der Beringung von Jung­vögeln festgestellt, daß die Störche für ihre Reise von Nord­deutschland und auch aus dem ehemaligen Baltikum bis nach Südafrika drei Monate brauchen. Sie könnten freilich weit eher dort eintreffen aber sie haben ja keinen Grund, sich nicht Zeit zu nehmen. Die Abreise geschieht ziemlich auffällig, indem sie sich schon Ende Juli eine Zeitlang um ihre Nist­stätten herumtreiben, dann nach und nach truppweise aus der Umgegend aus Wiesen und Weiden versammeln, um sich schließlich in Flügen zu Hunderten plötzlich in wundervollen Spiralen bis in Wolkennähe zu erheben um ihre deutsche Heimat mit dem Süden und Südosten zu vertauschen. Die Störche wandern nur am Tage. Sie fliegen ohne einheit­liche Marschordnung in langen, schmalen Reihen und erheben sich zeitweilig in solche Höhe, daß sie unsern Blicken ent­schwinden.

Im August verabschieden sich auch der Kuckuck, der manche Gegenden, wenn ihm das Wetter nicht mehr zusagt, schon Ende Juli verläßt, ferner die Blaurake oder Mandel- krähe^ die selten bis Mitte September "in unsern Wäldern aushält. Der Kuckuck reist einzeln oder paarweise; er ver­schwindet so unauffällig, wie er im Avril zu uns kommt, wo ja ganz plötzlich sein erster den Wald belebender Ruf erschallt. Er bummelt noch eine Weile im Herbst in den Wäldern Süddeutschlands umher, um dann über die Inseln des Mittel­meeres nach Afrika und Kleinasien weiter zu reisen.

Zwischen Mitte und Ende September verlassen uns die Gartengrasmücke, die Müllerchen, die Schwarzplättchen oder Mönche, die Wiedehopfe, gelben Bachstelzen, die Nyhr- dommeln, Wiesenschmätzer, Blaukehlchen und Turteltauben und von den Raubvögeln vornehmlich die Gabelweihen und Turmfalken. Der Wiedehopf war im April einige Tage vor dem Kuckuck eingetroffen, weshalb ihn der Volksmund auch als „Kuckuckslakai" bezeichnet. Er zieht aleichzeitia mit den

und von den

Abwechslung spielten sie im Galopp, im Zeitlupentempo, endlich rückwärts! Bald konnte keiner sie mehr anhören Die wenigen Bücher, die sie besaßen, kannten sie längst auswendig Unglücklicherweise versagte der Apparat, der sie noch mit der Außenwelt verbunden hatte. Tagebuch schreiben widerte sie an, da nichts zu berichten war und sie sich über ihre steigende innere Zerrissenheit selbst nicht im klaren Waren — Dr. Weller seufzte auf, als er an den Besuch des Eskimo Jonathan dachte, der ihnen Ereignis bedeutete, Gesprächsstoff siir Wochen, ihnen, den Akademikern — — dër primitive Mensch! Aber es war Abwechslung in dem stagnierenden Jdeenkreis mit seinen hundertmal wiedergekäuten Gedanken. Hätte man nur wenigstens ein Tier um sich gehabt. Weller gedachte mit Wehmut seines treuen Hundes, den er daheim hatte zurücklassen müssen. Nur auf eines bezogen sich ihre Zerwürfnisse nicht. Das waren ihre wissenschaftlichen "Ma getrennten Arbeitsgebiete. Es war, als ob sie sich an wissenschaftlichen Plattform wie in größerer Kuli, fühlten. Keiner von ihnen besaß das kleine Körnchens Las ein Segen hätte sein können.

Weller klopfte nachdenklich seine erloschene Pfeife aus und 'tand auf, um sich Tee zu kochen. Einen düsteren Blick warf er zur Tür, gleich würde Halm zurückkehren, und dann begann die gegenseitige Quälerei von neuem. Er setzte den Topf -auf den Primuskocher — da fiel ein Schuß! Er stutzte: Jagd? Gefahr? Er löschte die Flamme, riß das Gewehr vom Haken, stürzte hinaus! Und sah bei dem dämmernden Licht, wie ein mächtiger Eisbär, den Halm offenbar gefehlt hatte, auf diesen zukam, sah, wie der Gefährte das Tier mit dem Flintenkolben erwartete. — Ein Blitz zuckte durch Wellers Hirn: „Wenn Du jetzt nicht schießt — bist du — die — Qual los!" Ein zweiter: „. . . und bist ein Lump, ein Verbrecher!" Schicksalsaugenblicke im Blitzlicht. Er riß die Flinte an die Backe, der Bär stürzte, verendete, schlug Halm im Todeskampfe eine tiefe Schenkelwunde.

Plötzlich war Halm für Weller wieder der kleine Schul­kamerad, den er einmal nach Hause gebracht, als der Jüngere sich beim Turnen den Fuß gebrochen. In scheuer Sorgfalt führte und trug er ihn zur Hütte, verband und bettete ihn. Bald fiel Halm in festen Schlummer. In der bakterien­freien Polarluft heilte die Wunde schnell. Was jedoch nicht heilen wollte, war die Wunde in Wellers Gewissen, die er selbst sich schlug, als ihn eines Herzschlags Länge der fürchter­liche Gedanke gepackt hatte, nicht zu schießen. Vielleicht ver­gab ihm der Genesende. Doch was änderte es daran, daß sich, ein Kulturmensch durch äußere Einflüsse fast in eine Bestie ver­wandeln konnte, schlimmer als das Raubtier. Weller schau­derte — um Haaresbreite wäre er einen Weg getaumelt, der ihn fernerhin von jedem anständigen Menschen geschieden hätte. Seit dem Unglücksfall waren beide milder, nachsichtiger gestimmt. Ein weicher Unterton schwang in ihren Worten. Und endlich wieder Sonne, Sonne, und mit ihr das Schiff, das sie holte. Als Freunde waren sie ausgezogen, als treuere Freunde kehrten sie heim. Was dazwischen lag, hatte Dr. Halms fester Händedruck für immer gebannt — als Spukkraum der "düsteren Polarnacht.

Der Nutzen künstlicher Beregnung der Weinreben.

In Bozen wurden im Vorjahre Beregnungsanlagen an­gelegt, die im letzten regenlosen August die Probe auf ihre Zweckmäßigkeit bestanden haben. Während in vielen Gegenden Südtirols die Weinbeeren in der Entwicklung kaum mehr vorwärts kommen und bte Trauben mehrfach Brandflecken auf» weisen, ist dies im Gebiet der künstlichen Beregnung ganz anders. Hier besteht keine Trockenheit, und die Wärme wirkte sich daher in erhöhtem Wachstum und ungestörter Reife sehr günstig aus. Die Besitzer hoffen, bereits in diesem Jahre ein Drittel der Anlagekosten durch reicheren Ertrag an Wein und Most hereinzubringen, ganz abgesehen davon, daß die Trauben in dem künstlich beregneten Gelände besser sind als in anderen Gebieten. Man hat errechnet, daß dort, wo die Beregnung sich nicht auswirken kann, ein Ausfall von 20 v. H. gegenüber dem Ertrage der beregenbaren Weinberge festzustellen sein wird.

Turteltauben und wählt dasselbe Winterquartier: Aegypten. Der rote Milan oder die Gabelweihe kommt und geht un- Sahr zusammen mit seinem nächsten Verwandten, dem Warzen Milan der aber bei uns nur östlich der Elbe brütet.

In Südeuropa sind beide Standvögel.

Im Oktober verlassen uns die Heide- und die Feldlerche. Letztere ist uns von allen Zugvögeln am treuesten, indem sie schon im Februar eintrifft und manchmal bis in den No­vember hinein verweilt. In milden Wintern bleibt sie man­chen Gegenden sogar als Standvogel treu, was man gelegent­lich auch an der Heidelerche beobachtet. Der Oktober ist ferner die Hauptzugzeit der Rauch- und Hausschwalben, falls kaltes Regenwetter sie nicht früher zum Abschied veranlaßt. Heerschncpfen, Stare und Gartenrotschwänze ziehen ebenfalls im blätterbunten Weinmond, wo man auch noch Brannellen, Baumpieper und von den Laubsängern als letzten den Weiden- laubvogel, der noch spät sein „Zilp — zalp" erklingen läßt, beobachten kann. Ebenso streben die Kraniche um diese Zeit südwärts. Sie, die Schwalben und die Stare verabschieden sich im Gegensatz zu den Kleineren auffallend und geräusch­voll, indem sie sich tagelang zu Wanderzügen vereinen und lebhaft das große Ereignis beschwatzen. Aus den Keilen der Kraniche klingt dann vom Herbsthimmel tags und nachts das melodisch-wehmütige „Kruhkruh" herab, in das sich das bei­nahe klagende Locken der Regenpfeifer (die aber nur nachts ziehen) mischt. Zu mächtigen Wolken geballt sind die schnellen Schwalben vald verschwunden. Brausend rauschen die Staren­schwärme, bis zu Tausenden zählend,, von Wiese zu Wiese, von Röhricht zu Röhricht, wo sie übernachten, um so all­mählich die langsam ungastlich werdene Heimat zu verlassen.

Wenn bereits die bunten Blätter von den Bäumen rieseln, also gegen Ende Oktober, ziehen auch die Hausrot­schwänze, die weißen Bachstelzen und die Rotkehlchen. Von letzteren bleiben manche im Winter bei uns, die Bachstelzen seltener, Rotkehlchen häufiger, um sich schlecht und recht durchs zuschlagen und an der Vogelfütterung, wenn auch meist be­scheiden nach den dreisteren Vögeln, die Gaben des Spenders anzunehmen.

Damit es bei uns im Wittler nicht zu vogelarm aussieht, bekommen wir Gäste aus dem Norden. Im Oktober besuchen uns als Durchgangs- und Dauerwintergäste Nebelkrähen, ver­schiedene Drosseln und Bergfinken. Später kommen je nach der Strenge des Winters viele Wasservögel dazu, Wildgänse, Seidenschwänze und auch Schneeeulen. Wir heißen sie herz­lich willkommen, wie auch am Nil der Fellah, dem alle Himmelsbewohner heilig sind, ihre Ankunft begrüßt.