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Nr. 196 1932 Fulda, Montag, 22. August 9. Jahrgang

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Grohe Politik im Sommer.

: Der Parlamentskampf setzt ein.

Mit der neuen Woche treten wir in einen Zeitabschnitt ein, der wohl wieder recht lebhafte politische Auseinander­setzungen bringen wird. Am 30. August wird der neue Reichstag eröffnet und am 1. September will der Preu­ßische Landtag zusammentreten, um wieder Versuche zu einer Regierungsbildung zu unternehmen. Die Vorbe­reitungen für diese wichtigen Parlamentstage werden im wesentlichen in dieser Woche durchgeführt. Reichstag und Preußischer Landtag stehen heute im Mittelpunkt des poli­tischen Kampfes und des politischen Rätselratens. Wie die Dinge im Reichstag und im Landtag sich entwickeln werden, kann heute noch niemand sagen. Von Preußen ist so viel bekannt, daß

Verhandlungen zwischen Nationalsozialisten und Zentrum

über die Wahl eines Ministerpräsidenten bevorstehen. Zentrum und Nationalsozialisten scheinen sich heute einig zu sein in dem Wunsch, daß der von der Reichsregierung in Preußen eingesetzte Reichskommissar verschwin­den soll. Die beiden Parteien haben sich schon gegenseitig ihre Wünsche und Bedingungen für ein Zusammengehen mitgeteilt. Worin diese bestehen, wird von den Beteiligten natürlich nicht gesagt.

i Stärkerem Interesse begegnet natürlich

die Eröffnung des neuen Reichstags.

Denn dort wird der Kampf zwischen der Reichsregierung und dem Reichsparlament ausgefochten werden, ein Kampf, dessen Ausgang von sehr weittragenden Folgen für unser ganzes politisches Leben sein kann. Herr v. Papen wird mit seinem Aufbauprogramm vor den Reichstag treten und die Parteien vor die Entscheidung stellen. Was Herr v. Papen tun wird, wenn der Reichstag sein Pro­gramm ablehnt, oder wenn er einen Mißtrauensantrag gegen den Kanzler annimmt, weiß außer den Regierungs­mitgliedern wohl niemand. Wenige Tage vor dem Reichs- JjÄummcUt^ rogramm

in großen Zügen der Lffentlichkeit bekanntgeben.

Er wird dies auf einer Versammlung der westfälischen Bauernvereine am 28. August in Münster i. W. tun. Vorher sollen keine Einzelheiten dieses Programmes an die Öffentlichkeit gegeben werden. Die Besprechungen der Reichsregierung mit dem Reichsbankpräsidenten über die Beschaffung der Geldmittel für das Arbeits­beschaffungsprogramm haben, wie von zu­ständiger Stelle mitgeteilt wird, zu einer Ei n i g u n g ge- sührt. Bekanntlich waren anfänglich einige Schwierig­keiten wegen der Mittelbeschaffung entstanden, da der Reichsbankpräsident zunächst gewisse Bedenken hatte. Diese Bedenken sind nun beseitigt, so daß die Beschaffung des Geldes aeüârt ist.

; Die Bergung derNiobe"- Toten.

Letzter Akt derAtobe^-Tragödie.

Die Bergungsarbeiten sind nun von Erfolg gekrönt worden. Als erstes Opfer derNiobe"-Katastrophe fand man im Achterwohnraum der Steuerbordscite den See- osfizlcranwärter Gruner, und es gelang, die Leiche des IMen Seekadetten durch das Oberlicht hinauszuschaffen.

cr Kriegsflaggc bedeckt ist er an Bord des Hebe- lchlffes vorläufig anfgcbahrt worden. Werner Gruner stammt aus Orlamünde in Thüringen, wo sein vcrstor- vencr Vater Apotheker war. Bald folgten die anderen . anderen toten Kameraden nadi . . .

1 Nachdem sich dasN i o b e". W r a ck vollkommen mifgcrichtct hat, wurde mit der Bergung der Toten begonnen. Von dem ArsenaldampferHunte" und dem SchlepperSimson" sind Zinksärge hcrangcschafsi worden, die auf dem LeichterWille" ausgestellt wurden. Die Kröne der Leichter arbeiteten unausgesetzt und för< berten einen Toten nach dem anderen aus dem Innern Niobe" heraus. Die Toten wurden sofort an Ort und Stelle rekognosziert und dann in die bcrcitstchcndcn ÄMlsärgc gelegt.

d» ^ö Kiel steht im Zeichen der Bergungsarbeiten an ..D^wbe". Richt nur die behördlichen Gebäude, sondern ^le Privathäuser haben halbmast geflaggt oder Md^'"^en gesetzt. Zahlreiche Angehörige der Toten bemiin '" Stiel eingetroffen. Die Marincbchördcn leni^ S ^ um sie in diesen schweren Stunden, bis der vNiobc"-Tragödie verklungen ist.

Marinem^ bcr Bergungsdampfer, wo sich zahlreiche aebreil^ >Kerc eingefunden haben, sind Segcltüchcr aus- nöiu welche die Toten nach Seemannsart cinge- vor ; Rrzte und Sanitäter nehmen die Arbeit gunaskck. sk-» Dampfer bringen die Särge zu den Ber- wn T , uud führen dann wieder die Last nach Kiel, mit schwarzen w ^ Ruhe finden werden. Flugzeuge Bergungswerk ver'stch g'ht " Stelle, an der das

.....Die Ruhestätte derNiobes-Opfer.

Ruhestätte der Toten derNiobe" ist der Kieler Ehrenfriedhoss be- Stelle, an der sich das Ehrenmal für die âsatzungsa.lgehörigen des am 15. März 1918 unterfangenen BootesU. 106" befindet. Das Viereck, dem dieNiobe"-Ovier zur letzten Ruhe gebettet

Im Reichstag fand unter dem Vorsitz des Präsidenten Löbe eine Sitzung der Fraktionsführer statt, in der

die Plätzeverteilung vorgenommen und die Vorbereitungen für die erste Sitzung getroffen wurden. Wer beim Zusammentritt des Reichs­tages die Verhandlungen leiten wird, steht noch nicht fest. Über die Erkrankung von Frau Zetkin liegen direkte Mel­dungen aus Moska« nicht vor. Man glaubt, Mitte der nächsten Woche Genaueres darüber erfahren zu können. Präsident Löbe hat die Fraktionen gebeten, ihm die Mit­glieder für den nächsten Ä l t e st e n r a t zu benennen, ebenso hat er gebeten, recht bald die Mitglieder der Fraktionen für den c r st e n A u s s ch u ß des Reichstages, nämlich den Ausschuß zur Wahrung der Rechte der Volks­vertretung, und für den A u s w ä r t i g e n Ausschuß de^s Reichstages auszuwählen, damit diese beiden Aus­schüsse, die als Organe des Reichstags auch in Zeiten in Frage kommen, in denen das Parlament selbst nicht ver­sammelt ist, für den Notfall möglichst bald zur Verfügung stehen.

Dann wurde die vom Büro des Reichstages vor­geschlagene P l a tz v e r t e i l u n g genehmigt. Im Plenar­saal sind die bisher noch bestehenden Pulte der Abgeordnete» beseitigt worden; nur die in der ersten Reihe sitzenden Fraktionsführer behalten noch Pultkästen. Dadurch sind 28 Plätze gewonnen worden; die außerdem noch fehlenden drei Plätze wurden an den Wän­den des Saales neugeschaffen. Die ganze rechte Seite bis in den dritten Sektor hinein nehmen künftig die National­sozialisten ein. Sie haben fünf Plätze in der vordersten Reihe. Schmale Sektoren haben daneben dann die Deutsch­nationalen und die Bayerische Volkspartei, die je einen Vorderplatz bekommen. Ziemlich weit nach links rückt das Zentrum mit zwei Vorderplätzen, dann folgen die Sozialdemokraten mit drei und auf der linken Seite die Kommunisten mit zwei Sitzen in der vordersten Reihe. Splitterparteien sind diesmal in den mittelsten Sektor zwischen Bayerische Volkspartei und Deutschnationale ge­rückt. Die Teulschnackonalen haben auch noch Plätze im mittelsten Sektor bekommen. Die Staatspartei hat ihre vier Plätze hinter den Sozialdemokraten. Der Saal ist nunmehr voll ausgenutzt. Die Schaffung weiterer Plätze für eine noch stärkere Abgeordnetenzahl erscheint so gut wie unmöglich. Der Saal war ursprünglich für 397 Ab­geordnete gebaut. Er umfaßt jetzt 608 Plätze.

Reichskanzler von Papen hat, wie wir hören, den Wunsch, unmittelbar nach der Wahl des Präsidiums des Reichstages mit dem neuen Ältestenrat über die weitere parlamentarische Arbeit zu beraten. Man nimmt deshalb in parlamentarischen Kreisen an, daß nach den beiden ersten mehr formellen Sitzungen des Reichstages eine min­destens mehr t ä gi ge Pause eintritt, während der cher Reichskanzler mit den Parteien die weitere Arbeit vor­bereiten kann. _ I

werden, wird von einer Ligusteryecke umrahmt. In der Mitte des Platzes ragt eine Trauercsche empor. Auf beiden Seiten des Platzes wird je eine 2,30 Meter breite und über 10 Meter lange Gruft ausgehoben, die je 20 Särge aufnehmen kann. Die beiden Grüfte werden mit Tannengrün ausgeschlagen. Inmitten des Platzes wird eine Kanzel errichtet, von der aus die Gedächtnis- und Trauerreden gehalten werden. Die Trauerfeier wird von vier Lautsprechern übertragen.

Das Wrack derNiobe" über Master.

Die Gedenkfeier.

Die Gedenkfeier für alle Toten derNiobe" findet am Dienstag, dem 23. August, nachmittags 16 Uhr aus dem Garnisonsriedhof in Kiel statt. Die Musi^ und die Tranerparade wird von der 1. Marineariillcrieabtet- lung gestellt. Eine Abordnung in Stärke von einem Offi­zier und 60 Mann von der Marineschule Wik bildet Spa­lier zwischen der Friedhofskapelle und der Beisetzungs- stätte. Die Geretteten derNiobe"°Besatzung neh- men unter dem Altar Aufstellung und stellen ztvei Ehren­posten am Eingang der Grabstätte. Die Marine- und Kriegervereine entsenden Fahnenabordnungen. Die Schiffe und Dienstgebäudc der Reichsmarine flaggen am Tage der Beisetzung halbstocks^

34 Tote aus derNiobe" geborgen.

Noch 35 vermißt.

DieNiobe" ist jetzt vollkommen ausgetaucht. Fast alle Räume sind jetzt lee: gepumpt, um zu den Toten zu gelangen, die sich zumeist im achteren Wachraum befanden. Alle Räume derNiobe" sind genau nach Toten durch­sucht worden. Es ist nicht anzunehmen, daß in den bisher noch nicht leer gepumpten Hellegats sich noch weitere Tote befinden.

Es sind aus dem Schiff 31 Tote geborgen, mit den schon früher geborgenen drei Toten zusammen 34. 35 Tote werden weiter vermißt. Auffallend ist es, daß sich unter den genannten Toten einige befinden, von denen die Geretteten behaupteten, sie hätten sie schwimmen sehen, während andererseits Vermißte, von denen man bestimmt annahm, daß sie im Schiffe seien, nicht gefunden worden sind.

Aufruf für die Sindenburgspende.

An alle Deutschen in der Welt.

Die Deutschtumverbände erlassen einen Auf­ruf, in dem es u. a. heißt:

Am 2. Oktober begeht Reichspräsident von Hin­denburg seinen 85. Geburtstag. Dem Wunsche vieler Auslands- und Kolonialdeuischer folgend, wenden sich die Verbände, die vom Reiche her die Verbindung mit den außerhalb der Reichsgrenzen lebenden Volksgenossen halten, mit der Bitte an alle Deutschen in der Welt, auch diesesmal dieHindenburg-Spendezu einem Werk der deutschen Gesamtheit zu machen. Hat doch gerade Hindenburg immer wieder mit Wort und Tat den deut­schen Gemeinschaftsgedanken betont."

llniformverbot für Stande bei politischen Veranstaltungen.

Ein Erlaß Brachts.

über die Teilnahme von Beamten an politischen Veranstaltungen in Uniform hat der mit der Wahr­nehmung der Geschäfte des preußischen Innenministers beauftragte Bevollmächtigte des Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, an alle Polizeibehörden (einschließ­lich Landjägerei) folgenden Erlaß gerichtet:

In Verfolg der Richtlinien des Runderlasses vom 5. August 1932 verbiete ich den Beamten der Polizei und Landjägerei, in Dienstkleidung an politi­schen Veranstaltungen teilzunehmen, sofern es sich nicht um einen dienstlichen Auftrag handelt. In Zwei- felsfällen ist der Vorgesetzte zu befragen."

Arbeitsgemeinschaft für bargeldlosen Zahlungsverlehr.

Eine Gründung in Mecklenburg.

Nach Vorbesprechungen mit den Behörden sowie Führern der Handwerkerorganisationen ist jetzt von den Vertretern für Handel und Gewerbe in Rostock die Arbeitsgemeinschaft Mecklenbrrrg für bar­geldlosen Zahlungsverkehr gegründet wor­den. Der Organisation können Personen, Verbraucher wie auch Produzenten angehören. Desgleichen Behörden und Korporationen. Gegen Einzahlung des für den Lebensunterhalt einer Woche berechneten Betrages erhält jedes Mitglied einen Vcrrechnungsschein zu ent­sprechenden Einkäufen. Zwei Prozent der Einzahlungen fließen in einen besonderen Darlehnsfonds, aus dem Mit­gliedern Kredite zinslos gewährt werden können. Ähnlich wird gegenüber Behörden verfahren, die bei Bauten usw. ihren Baumeistern und diese wieder ihren Arbeitern gleichfalls Verrechnungsscheine übergeben.

Verschiedene Behörden haben bereits jetzt ihr Inter­esse an der Gründung und dem neuen Verfahren be­kundet, das sich in Oberschlesien schon sehr gut bewährt haben soll. Eine Abordnung aus Mecklenburg wird sich in Kürze nach Schlesien zum Studium dieser Einrichtung begeben.

Kurze politische Nachrichten.

Der frühere Landtagsabgeordnete der Deutschen Volkspartei für Niederschlcsien, Generaldirektor Dr. Schmidt, Hirschberg, hat in einem Schreiben an den Parteivorstand mitgeteilt, daß er aus dem Zentralvorstand der Deutschen P o l k s p a r t e i und auch aus der Partei selbst ausscheide. Er begründet seinen Schritt da­mit, daß er in seinem Eintreten für den deutschen Osten nicht die genügende Unterstützung bei der Parteileitung ge­funden habe.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* In einer Fraktionsführerbcsprcchung sind im Reichstag die Vorbereitungen für die ersten Sitzungen getroffen worden.

* Zwischen der Reichsrcgierung und der.Reichsbank ist eine Einigung über die Finanzierung des Arbcitsbefchaffuugs Programms zustande gekommen.

* Die Toten der ^Riohe" konnten Ml gehoraen,werden.