Zul-aer Anzeiger
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Nr. 195 — 1932
Fulda, Samstag, 20. August
9. Jahrgang
Das Meer gibt die Toten zurück.
Ar WW der HedWMdeiten M der „Niobe". — heute ArgW der Opfer wahrscheinlich.
Die Marinestation der Ostsee teilt mit: Nachdem das Wrack der „Niobe" etwas weiter unter Land geschleppt werden konnte, wurde fester Meeresboden vorgefunden. Falls die Bergung des Schiffes ohne weitere Unfälle von- statten geht, wird voraussichtlich am 22. August eine gemeinsame Trauerfeier für alle Toten der „Niobe" aus dem Garnisonfriedhof in Kiel stattfinden. Der Garnisonfriedhof ist an diesem Tage für den allgemeinen Besucherverkchr gesperrt. Wegen des beschränkten Platzes werden außer den Behörden, den Abordnungen der Marincabteilungen und den Fahnenabordnungen der Marinevereine nur Angehörige der auf der „Niobe" Gebliebenen und die Angehörigen der Soldaten der Reichsmarine zugelassen. Ein Trauerzug durch die Stadt findet nicht statt.
Einen traurigen Anblick bietet das einst fo stolze Schiff „Niob e" dar, das jetzt bereits teilweise aus den Fluten emporgetaucht ist, die cs mörderisch verschlangen. An der Vorderseite des Schiffes sieht man drei Bullaugen, von denen die beiden vorderen vernagelt sind. Aus dem zweiten Bullauge ragt noch der Schlauch heraus, mit dem das Vorschiff leergepumpt worden ist. An der Steuerbordseite hängt der Anker an der Klüse, der Backbordanker hängt an der Reling. Aus Deck herrscht stärkste Unordnung. Das Vorschiff liegt bis hinter die Ankerwinde frei. Das Hinterschiff liegt noch immer unter Wasser. Die Niedergänge sind dicht gemacht. Man sieht die Spuren der an Deck zur Beseitigung der Hindernisse und Takellage erfolgten Sprengungen.
Die Marinestation der Ostsee teilt mit: Im weiteren Verlauf der Bergungsarbeiten ist es gelungen, die „Niobe" wieder aus dem Wasser herauszuheben und den Schiffsrumpf so zu drehen, daß er mit seiner Backbordseite an dem ansteigenden Rücken des Ufers angelegt werden konnte. Vor'der Bergung des„Schisfes werden allerdings noch einige Hübe notwendig. Es ist nicht anzunehmen, daß vor Sonnabend mittag mit der Bergung derToten angefangen werden kann. Durch Taucher wurde festgestellt, daß — abgesehen von einigen Seitenfenstern in der Back des Schiffes, die nur bei schwerem Wetter und überkommenden Böen geschlossen werden — alle Seite Ilsen st er geschlossen sind.
Schau der Funkwunder.
Eröffnung der Deutschen
! Funkausfiellung.
i Die nationale Bedeutung des Rundfunks.
( 3 Bei der feierlichen Eröffnung der 9. Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin wies Staatssekretär Feyerabend vom Reichspostministerium darauf hin, daß die drahtlose Nachrichtentechnik heute aus dem öffentlichen Leben, aus Verkehr und Wirtschaft nicht mehr hln- wegzudenken sei. Wohl noch zu keiner Zeit habe der Rundfunk so im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestanden wie im letzten Jahre, und seine Bedeutung auch für die Bedürfnisse des Staates so deutlich erkennen lassen wie in den letzten Wochen und Tagen.
Die Ausstellung lege Zeugnis ab von den Fortschritten aus den Nachbargebicten des Rundfunks. Dank und Anerkennung gebührten dem gesamten deutschen Funk- gewerbe für das zähe Festhalten am Vorwärtsstreben und für den unerschütterlichen Glauben an den Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Funktechnik.
Sodann würdigte namens der Stadt Berlin Bürgermeister Dr. E l s a ß in seiner Ansprache die Entwicklungsgeschichte der deutschen Funkausstellung. Die Entwicklung der Funkindustrie und des Funkwesens sei noch nicht zu Ende. Schon heute stehe das Funkwesen unter den Kräften des künstlerischen, wissenschaftlichen, geselligen, sozialen und nationalen Lebens der Gegenwart mit an vorderster Stelle. Der Rundfunk habe für die
geistige und soziale Wicdergesuudung und Erneuerung der Nation
Entscheidendes zu leisten. Er könne diese Leistungen voll- dnngen, wenn er sich seiner inneren Verbundenheit mit dem Leben des eigenen Volkes und seiner sittlichen Vcr- Mchtung bewußt bliebe, scnsatiousfrci dem Wahren, Schönen zu dienen. „ , „
~ letzter Redner sprach das geschäftssührende Vor- ^Mitglied des Verbandes der Funkindustrie, Dr. âkchel. Erst jetzt habe der Rundfunk begonnen, die ihm innewohnenden
starken Bccinflussungömvglichleiten des Menschen auszuschöpsen: Wie noch nie zuvor könne jetzt eine leben- , Ziehung zwischen den Menschen und dem Zeit- geschehen herbeigeführt werden. Dieser öffentliche schonungslose Wettbewerb stelle ohne Zweifel eine Verkörpe- rung des Verantwortlichkeitsgedaukens bei der Produktion dar. Die Absatzmöglichkeiten seien im Inland wie im Aus- land noch lange nicht erschöpft. Die zum Schutze der Hei- mischeu Industrie von einigen Ländern angewandten Zoll-, Kontingentierungs- und Devisenvorschriften hätten die deutsche Ausfuhr in diesem Jahre wert- und mengen- mäßia stark vermindert. Dielen internationalen Wettbe
Der Stand der Bergungsarbeiten heute früh.
Kiel, 20. Aug. Gestern abend sind die Hebeleichter „Kraft" und „Wille" noch einmal gesenkt und ausgepumpt worden, wodurch es gelang, das Wrack der „Niobe" weitere 3 0 Meter an den Strand der Heikendorfer Bucht heranzubringen. Man ist zu der Ansicht gekommen, daß der Strand vor der Heikendorfer Bucht am besten geeignet sein dürfte, das Wrack aufzunehmen, da dort im Gegensatz zu den tieferen Lagen der Bucht der Boden schon schlickfrei ist. Der Bug des Wracks ist um einige weitere Meter aus dem Wasser herausgekommen, so daß man jetzt das ganze Vordeck übersehen kann, jedoch sind die Decksluken und die Niedergänge zu den Logis noch immer nicht frei. Man konnte daher im Laufe der Nacht noch nicht andie Le ich engelangen. Uebrigens will man auch, solange sich das Schiff noch im tiefen Wasser befindet, davon Abstand nehmen, es leer zu pumpen, da man befürchtet, die Leichen durch den starken Sog zu zerstören. Gegen 22 Uhr wurden die Arbeiten für die Nacht eingestellt. Man hofft,die Leichenim Verlaufedesheutigen Tages bergen zu können.
Heute früh strömten bereits wieder hunderte von Zuschauern an die Kieler Landungsbrücke, um sich nach Heikendorf übersetzen zu lassen, von wo aus man den besten Ueberblick über den Stand der Bergungsarbeiten hat. In Heikendorf werden auch heute wieder die Landungsbrücken von Gendarmerie und Schutzpolizei abgesperrt, hiß nur Inhaber von Dampferkarten passieren lassen.
Gestern abend fand in einer hiesigen Oberrealschule eine würdige Totenfeier für die Gebliebenen der „Niobe" statt, die insbesondere dem ehemaligen Schüler Helmut Pfeffer galt, der bei dem Untergang der „Niobe" sein junges Leben lassen mußte.
werb mit ungleichen Waffen werde aber die deutsche Funkindustrie trotz allem aufnehmen.
Es folgte dann ein
Rundgang durch die Ausstellung.
In drei Hallen stellen die Firmen der Branche ihre neuesten Erzeugnisse aus. Eine Halle ist der Rcichsrund- funkgesellschaft und Reichspost gewidmet. Einleitend zeigt die Reichspost in einem großen Vorführungsraum eine
Darstellung des Rundfunkstörcmpfanges.
Hier ist alles zu sehen, was gegenwärtig auf dem Gebiet des Störschutzes geleistet wird. Um die Wirkung der Störschutzmittel zu zeigen, werden eine Reihe Geräte entstört und nichtentstört im Betriebe vorgeführt. Für diese Vorführungen wurde ein besonderer elektrisch abgeschirmter Raum geschaffen, um zu verhüten, daß die anderen Abteilungen der Ausstellung unter Störung leiden. Wenige Schritte weiter hat die Reichsrundsunkgesellschaft ein modernes Tonfikmtheater errichtet, in dem abwechselnd drei verschiedene Filme zur Vorführung gelangen. Damit ist jedoch das Programm der R. R. G. noch keineswegs erschöpft. An anderer Stelle werden hier aus dem reichhaltigen Schallplattenarchiv besonders ausgewählte Platten, welche die Stimmen bekannter Persönlichkeiten wiedergeben, vorgeführt. Auch das Rundfunkschrifttum sowie die Beziehungen des Rundfunks zur bildenden Kunst kommen zur Geltung. In dem anderen Hallenteil hat die hochinteressante Sonderausstellung der Rcichspoft Aufnahme gefunden. Auf der einen Seite sind die
Fernsch-Abtastgcräte
aufgebaut, während auf der gegenüberliegenden Seite die Fcrnsehempfangseinrichtungcu untergebracht wurden. Erstmalig in diesem Jahre wird das Fernsehen wirklich drahtlos vorgeführt. Man benutzt hierfür einen besonderen Ultra-Kurzwcllcn-Sender, der ein Musterwerk deutscher Hochfrequenztcchuik darstellt. Sehr interessante Aufbauten sind allch bei den Fernsehempfängern zu ver- zeichnen. Die verschiedensten Modelle werden hier int Betriebe vorgeführt.
Den Abschluß des Rundgangs bildet die sich anschließende Halle V, in deren Mittelpunkt das Heinrich Hertz- Jnstitut für Schwingnugsforschungen eine ungemein interessante Sonderausstellung zeigt. Man sieht hier u. o,
elektrische Musikinstrumente, i
wie eine Orgel, einen Flügel, ein Klavier, eine Geige und tiu Cello. Bei diesen Instrumenten wird die schwingende Seite mit Hilfe magnetischer Abnahme zur Erzeugung von elektrischen Strömungen herangezogen. Von anderen elektrischen Instrumenten, die rein elektrische Anregung benutzen, sieht man neuartige Apparate für die Theremin- musik. Besonders interessant ist ein von dem Heinrich- Hertz-Jnstitut entwickeltes ZufaMerätz das an sieden Runds
sunkempsänger angeschlossen werden kann. Neben einem ^rautonium und Hellertion sind hier ferner noch Versuchs- Instrumente der verschiedensten Art zu sehen. Außer diesen die Phantasie in hohem Maße beflügelnden Darstellungen des Heinrich-Herz-Jnstituts befinden sich in der Halle V noch die repräsentativen Stände der deutschen Phonomdustrie. Auch hier sind, wie die Ausstellung beweist, eine ganze Reihe fortschrittlicher Neuerungen und Verbesserungen zu verzeichnen.
Diese in ihrer Gesamtheit und allen ihren Teilen imposante Schau der neuesten Funkwunder berechtigt zu der Hoffnung, daß es der hochentwickelten deutschen Industrie gelingen wird, sich trotz der Ungunst der Zeit dank bis zum äußersten gesteigerter Qualität bei aufs schärfste kalkulierten Preisen auf dem Weltmarkt durchzusetzen.
Politische Zwischenrufe.
Die Eröffnungsfeier zur „Großen Deutschen Funkausstellung 1932" wurde durch zwei politische Zwischenfälle gestört. Am Anfang der Rede des Staatssekretärs Feyerabend, die er in Vertretung des Reichspostministers hielt, erfolgte von einem Kommunisten ein politischer Zwischenruf. Der Ruser konnte sofort von der Polizei festgenommen und abgeführt werden. — Als dann am Schluß der Feier das Deutschlandlied verklungen war, wurden von der Dachterrasse des Restaurants Hochrufe auf Hitler laut. Einige uniformierte SA.-Leute riefen: „Deutschlands Führer Adolf Hitler siegt!" Während aus der Menge der Zuschauer ebenfalls Heilrufe laut wurden, konnte ein Zivilist von der Polizei festgenommen werden. Ebenfalls schritt die Polizei gegen die uniformierten Zurufer ein und nahm auch von ihnen drei SA.-Leute fest.
Viniderkmzler d I. Ir. Schober f.
Wien, 20. Aug. Der ehemalige Bundeskanzler und Polizeipräsident Dr. Schober ist gestern um 22 Uhr im Sanatorium Eutenbrunn einem Herzschlag erlegen.
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Schobers Lebenslauf.
Iohannes Schober wurde 1874 in Perg geboren. Im Juni 1918 wurde er Polizeipräsident von Wien. Er hat die Wiener Polizei in der Nachkriegszeit vollkommen reorganisiert. Seine erste Kanzlerschaft dauerte von Juni 1921 bis Mai 1922, die zweite von September 1929 bis September 1930. Unter der Kanzlerschaft Schobers wurden die Verfassungsreform und das Haager Abkommen angenommen. Unter Schobers Kanzlerschaft wurde Oesterreich von den Reparationen befreit und die Auflegung der internationalen Bundesanleihe 1930 durchgeführt. Vom Dezember 1930 bis Januar 1932 war Schober Außenminister. Er war Ehrendoktor der Universitäten Graz und Wien. Schober trat 1913 als Mitglied in die Großdeutsche Partei und als Abgeordneter des Nationalrates ins politische Leben ein.
Oesterreichs Trauer um Dr. Schober.
Wien, 20. Aug. Sämtliche Blätter geben der tiefempfundenen Trauer um den verstorbenen Altbundeskanzler und Polizeipräsidenten Dr. Schober Ausdruck und würdigen seine Verdienste um Oesterreich als Beamter, besonders in der Zeit des Umsturzes, sowie seine politische Tätigkeit.
Die „Wiener Neuesten Nachrichten" schreiben, ein großer Deutscher ist mit Schober gestorben. Lausanne hat Schober das Herz gebrochen. Als Außenpolitiker ist er der Vertreter eines aktiven deutschen Kurses gewesen. Oesterreich hat den von Schober ein geschlagenen deutschen Kurs in der
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die neunte Deutsche Rundfunkansstrllung ist feierlich eröffnet worden. :
* Der ehemalige Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, ist an den Folgen einer schweren Operation gestorben.
* Piccard will von Kanada aus einen dritten Flug in die Stratosphäre unternehmen.
• Der irsthere österreichische Bundeskanzler und Polizeipräsident Dr. Schober ist gestorben.