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^â'°«"^°?°°^ Tageblatt für RhÄn und vaaolnbor» «»HUe»»«'»»: z« s«^ $,,*>.
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Nr. 193 — 1932
Fulda, Donnerstag, 18. August
9. Jahrgang
Piccard in -er Stratosphäre !
Start heute früh vor 40000 Menschen auf dem Züricher Flugplatz. — Die letzten Vorbereitungen des Forschers.—Der Ballon vier Stunden nach dem Aufstieg 14—15 000 Meter hoch.
Der Start.
Dübendorf,, 18. Aug. Professor Piccard ist unter ungeheurem Zubel einer riesigen Menschenmenge bei fast völliger Windstille um 5.05 Uhr früh zu seinem Stratosphäre nflug gest artet.
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Ueber dio letzten Startvorbereitungen wird gemeldet: Um 3 Uhr früh wurde die Gondel unter den Ballon geschoben. Die Befestigung des Ventils an der Gondel nahm Professor Piccard selbst vor, der sich seit 2.30 Uhr wieder auf dem Flugplatz befand, nachdem er vier Stunden in einem Schuppen der Suisse Aero geschlafen hatte. Kurz nach 3 Uhr erschien Frau Piccard mit ihren vier Kindern. Mittlerweile wurde bekannt, daß auch Dr. Eckener aus Friedrichshafen auf dem Flugplatz eingetroffen ist. Kurz von 4.30 Uhr hielt Professor Piccard eine kurze Ansprache an die Pressevertreter. Er teilte mit, daß 650 Kilogramm Ballast in der Gondel seien und daß der Ballon einen Auftrieb von 85 Kilogramm habe, was gerade recht sei. Professor Piccard betonte, daß lediglich technische und meteorologische Gründe ihn bewogen hätten, diesmal in Zürich zu starten. Auf die Frage, welche Richtung der Ballon einschlagen werde, erklärte Piccard, daß er das unmöglich wissen könne; vielleicht treibe der Ballon nach Norden, vielleicht nach Süden. Darauf wurden die Ballon-Pioniere versammelt, denen Piccard Dank aussprach. Sodann verabschiedete er sich von seinen Mitarbeitern und von seiner Familie, worauf er in die Gondel stieg. Wenige Minuten nach 5 Uhr winkte
Behauptung gegen Behauptung.
Was hatSitlerversprochen undgefordert?
Die Nationalsozialisten haben der amtlichen Darstellung über die Haltung Hitlers bei den Regierungs- Verhandlungen widersprochen. Die Pressestelle derReichs- , leitung der "NSMlK. teilt mit:
l „Die Behauptung, Adolf Hitler habe ein 35er» sprechen abgegeben, die Regierung von Papcu nach den Wahlen zu tolerieren, und nun dieses Versprechen nicht j gehalten, ist unwahr. Ebenso n n w a h r ist die bereits tvicderholt zurückgewiesene Behauptung, der Führer der ' NSDAP, habe bei den Regierungsverhandlungen in j Berlin nicht nur die Führung der Reichsregierung, sondern die Übergabe der gesamten Negierungsgewalt in vollem Umfange gefordert."
Auf diese Erklärung der Nationalsozialisten läßt die Reichsregierung erwidern:
sie bleibe bei ihrer Darstellung in vollem Umfang.
Hitler habe die volle Macht ähnlich wie Mussolini in Italien beansprucht, und Hitler und seine Unterführer hätten tatsächlich vor Zeugen versprochen, der Regierung von Papen nach der Wahl keine Schwierigkeiten zu bereiten. Daß Hitler die volle Macht beansprucht habe, sei ja auch aus den Äußerungen der nationalsozialistischen Presse zu erkennen, wo immer wieder von der vollen Macht für Hitler gesprochen werde. Falsch sei cs auch, wenn Hitler in einer Unterredung mit einem Zeitungs- Vertreter erkläre, Hindenburgs Beschluß, Hitlers Forderungen abznlehnen, habe schon Vorgelegen, bevor er, Hitler, empfangen worden sei.
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„Ritterlich?"
j Eine Erklärung der DNVP.
’ Unter der Überschrift „Ritterlich?" veröffentlicht die Deutsch nationale Polkspartei eine Erklärung auf einen Artikel, den die Berliner nationalsozialistische Zeitung Der Angriff gebracht hat.
Der Artikel des Angriffs erklärte, für den Ausgang der Verhandlungen mit Hitler „nicht den alten Reichspräsidenten" verantwortlich machen zu wollen, „von dem man nicht verlangen kann, daß er die Dinge noch wirklich zu übersehen vermag"; die Schuld trügen vielmehr „jene gewissenlosen Intriganten, die insbesondere aus dem H u g c u b c r g -L a g c r stammen", und die die Machtergreifung Hitlers „und damit die nationale Wiedergeburt Deutschlands" vorläufig sabotiert hätten. Ihnen wäre cs leider gelungen, das Ohr des Reichspräsidenten zu gewinnen. In ähnlicher Weise geht cs weiter, um sich dann dahin zu steigern: „Ein Kampf innerhalb des nationalen Deutschlands wird nicht beginnen, denn dieses nationale Deutschland ist in der NSDAP. geeint" — außerhalb der NSDAJ). wird also nichts Nationales
Professor Piccard seiner Frau und seinen Kindern zum letzten Male zu, worauf die letzten Haltetaue durchschnitten wurden und der Ballon langsam empor stieg. Anfangs flog er in nördlicher Richtung davon; in einer ^"^ von 1000 bis 1500 Metern jedoch änderte er die Richtung und wandte sich langsam nachSüden. — Die ganze Nacht hindurch hatte eine wahre Völkerwanderung nach Dübendorf stattgefunden. Man zählte allein 2000 Automobile. Die Spannung unter den Zu- schauern, die auf 30 — 40000 geschätzt wurden, stieg von Minute zu Minute. Ueber dem Flugplatz lag im Augenblick des Aufstiegs ziemlich dichter Nebel.
Piccards Ballon über Graubünden.
Zürich, 18. Aug. Nach einer Meldung eines der den Ballon verfolgenden Kraftfahrer befand sich Piccards Ballon um 8.30 Uhr über Sargans (Kanton Graubünden) in einer Höhe von etwa 14—16 000 Meter. Er bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 km in südlicher Richtung.
Funksprüche vom Ballon Piccards.
Bern, 18. Aug. Aus der Gondel Piccards wurde um 9.40 Uhr folgende Funkmeldung abgesandt: „Fliegen gegen Meran, sind auf halber Distanz".
Ein weiterer Funkspruch aus der Gondel lautet: „Hier alles gut. Messungen gut. Höhe 14—15 000 Meter."
Um 9.08 Uhr wurde der Ballon von St. Anton am Arlberg aus über dem Hohen Riffler gesichtet.
anerkannt. Und dann wird ein „um so rücksichtsloserer „Kampf" angekündigt „gegen die Clique von größenwahnsinnigen Reaktionären und egoistischen Saboteuren des nationalen Freiheitswillens, die sich im Hugenberg-Lager zusammengesunden und aus engstirniger Partcivervoyrt- heit noch einmal die Machtergreifung Adolf Hitlers und damit die deutsche Freiheitserhebung durch übelste Intrigen hinausgeschoben hat". Die Wiedergeburt Deutschlands wäre nur möglich, wenn mit den „reaktionären Dolchstößlern" restlos aufgeräumt werde. „Sic sind im Augenblick gefährlicher als selbst der Marxismus, und müssen ebenso wie dieser in die Knie gezwungen werden."
Dazu sagt die Erklärung der Deutschnationalen Volkspartei:
„Politischer Anstand und politisches Rcinlichketts- gefühl sollten eine Kampfeswcise, wie sie dem glorreichen System von 1918 eigen ist, auch dann unmöglich machen, wenn die Wut über eine politische Schlappe die Feder führt. Ein natürliches Gefühl der Selbstachtung verhindert uns, auf diese Explosion parteipolitischen Hasses, der eine nationale Schande ist, cinzugehen. Die Mahnung des Reichspräsidenten an Hitler, die von ihm an- gekündigtc Opposition der NSDAP, ritterlich zu führen und seiner Verantwortung vor dem Vaterlande und vor dem deutschen Volke bewußt zu bleiben, scheint für Teile der NSDAP, nur zu berechtigt zu sein."
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Oie Regierungskoalition in Strelitz.
Zu den Differenzen zwischen den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten, den beiden Reglerungs« Parteien in M e ck l c n b u r g - S t r c i i tz, nimmt der dentschnattonale Staatsministcr Dr. von M t ch a c l Stellung in einem Aufruf:
„Der über die Wahlen hinaus in der Öffentlichkeit fortgesetzte Wahlkamps zwischen den Koalitlonsparte,en in Mecklenburg-Strelitz muß ein Ende nehmen. Es geht hier nicht um Personen, cs geht um die nationale Sache, und ich fürchte, cs ist schon viel zuviel Porzellan zerschlagen worden. Ich bedauere es besonders, daß die Namen bewährter Beamter in den politischen Kampf hin- cingczogtn werden. Wir haben die-Pflicht, die Be- a ntteilschaf 1 intakt und ans der polrti > chcn Linie heraus zu halten. Differenzen hätten durch Aussprachen, nicht durch Zeitungskrieg ans der Welt geschaffen werden müssen. Die Zeiten sind zu ernst für kleinliche Zänkereien. Im Vordergrund hat vor allem das Land zu stehen, dem wir zu dienen haben."
Das Ergebnis von Ottawa.
Worte allein helfen in der heutigen Wirtschaftskrise ebensowenig wie vielköpfige „Konferenzen", wo sich ein jeder dieser „Köpfe" nur vom Egoismus beherrschen läßt. Auch trefflich stilisierte Entschließungen solcher Konferenzen vermögen nicht mehr die Dürftigkeit des Ergebnisses zu verhüllen, wenn dieses nicht in einem tatsächlichen Handeln besteht. Auch auf der jetzt beendeten „E m p i r e" - K o n f e- ren z in O t t a w a, wo sich um die Vertreter des britischen Mutterlandes die der Dominien und der Kolonien zusammenfanden, sind treffliche Reden gehalten, ausgezeichnete Entschließungen gefaßt worden, aber das praktische Ergebnis steht dazu in einem für England selbst recht unangenehmen Gegensatz. Noch größer wird dieser Gegensatz, wenn man an die offenen oder versteckten Absichten denkt, die bestimmte und sehr einflußreiche Kreise in England durch die Konferenz in Ottawa verwirklicht zu sehen hofften. Uns Deutsche interessiert ja in der Hauptsache auch nur dieser welthandelspolitischeHinter- gründ und nicht die verhältnismäßig geringe Ausbeute, die der konservative Führer Baldwin aus Ottawa nach England mitbringt.
„Nichts vor der Konferenz von Ottawa!" war ja immer die Antwort gewesen, die auch Deutschland zu hören bekam, wenn unsererseits Vorschläge gemacht wurden, um das fast völlig zerrissene Gewand zu flicken, das — kaum mit Recht — die Bezeichnung „Deutsch- englischer Handelsvertrag" führt. Durch die scharfe, unerhört drastische Schwenkung der englischen Zoll- und Handelspolitik ins Lager des Hochschutzzoll-, Kontingentierungs- und Einfuhrsperrsystems hinein war der Vertrag seinem Wesen nach erst auf den Kopf gestellt und dann zerfleischt worden. Daß man sich in aller Welt damit nur gegenseitig hochpeitschte, hat einerseits dazu geführt, daß überall die Einfuhr zurückging, die Ausfuhr aber das gleiche tat oder noch stärker sank. Und nebenbei verschob es im besonderen die deutsch-englischen Handelsbeziehungen derart, daß aus unserem Ausfuhrüberschuß gegenüber England ein deutscher Einfuhrüberschuß wurde, wir also nach England weniger an Waren verkauften, als wir von dorther bezogen haben. Früher, in ach! so schönen Zeiten war England unser zweitbester Kunde. „Alles nach der Konferenz von Ottawa!" — so wurden auch die deutschen Vertreter für die Revision der Handelsverträge vertröstet, und hoffentlich tritt der damit angedeutete Zeitpunkt bald ein.
Befürchtungen, die sich jetzt als übertrieben herausstellen, hatten glauben gemacht, England werde sich dem von Zollmauern umftarrten und zerklüfteten Europa handelspolitisch ab- und dem großen englischen Weltreich zuwenden, um eine Art „geschlossenen allbritischen Handelsstaates" in Ottawa vorzubereiten. Es ist heute nicht mehr nötig, darauf hinzuweisen, daß die so ganz anders gewordene wirtschaftliche Struktur besonders der großen, stark industrialisierten Dominien so etwas nicht mehr zuläßt. Gerade sie aber verlangten, daß England sein Schutzzollsystem auch gegenüber der Lebensmittclcinfuhr ausbaue, um dann seinen Kolonien hier Vorzugszölle zu gewähren, also seinen Lebensmittelbedarf praktisch allein bei seinen Kolonien zu decken. Als wesentliches Ergebnis der Konferenz von Ottawa läßt sich nun feststellen, daß es Herrn Baldwin gelang, durch geschickte Politik und vorsichtiges Nusspielen der wirtschaftlichen Gegensätze zwischen den Dominien selbst einen andern Weg zu öffnen. Nicht erhöht werden die englischen Lebcnsmittelzölle, sondern auf die bestehenden erhalten die Dominien Bevorzugungen. Aber das interessiert uns Deutsche nicht unmittelbar, da unsere Lebensmittel- und Rohstoff- Ausfuhr nach England ganz gering war und ist. Andererseits haben aber auch die Dominien der englischen Einfuhr von Fertigwaren einiges Entgegenkommen bewiesen, und diese erhalten damit eine zollpolitische Vorzugsbehandlung, die für die nichtbritischen Waren fehlt. Aber gerade diese Vereinbarungen sind nicht sehr umfangreich, bestanden zum Teil auch schon bisher.
Der Handel mit den Dominien macht nur 30 Prozent des gesamten britischen Außenhandels aus, und Baldwin hat es in Ottawa denn doch nicht, riskiert, allzuviel von den andern 70 Prozent aufs Spiel zu setzen, zumal er darüber klagen mußte, daß die Dominien für 100 Mill. Pfund Sterling mehr an England verkaufen als England an diese großgewordenen Töchter. Und man kann nun nicht diesen Dominien zuliebe die englischen Lcbcnsmittcl- zöllc erhöhen, und damit den Lebensstandard in einem Lande herunterdrücken, dessen Arbeitslosenziffer sich langsam, aber stetig den vier Millionen nähert.
Ganz vorsichtig gesagt: England ist in seinen zoll- politischen Hochprotektionismus durchaus nicht verliebt, hat ihn in Ottawa nicht gesteigert, und scheint durchaus bereit zu sein, auf der W e l 1 w i r t s ch a f t s k o n f e - r e n z Wege der Verständigung auf dem Gebiet des internationalen Zoll- und Handelswesens zu gehen, wenn nur die anderen Völker mitmachen würden!
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Reichspräsident hat Major Marcks zum . ei
japanische Minister aufgeberft
• Professor Piccard ist bei fast vW-gcr Madstrlle L« 2.vo llhr früh zu seinem StratosphäreasluF gestartet,