Zul-aer Anzeiger
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Nr. 188 — 1932 Fulda, Freitag, 12. August 9. Jahrgang
Die geplante Berfassungsreform.
Eine bedeutsame Rede des Reichsinnenministers am Verfassungstage.
Die Berfaffungsfeier in Berlin.
Die Reformpläne der Neichsregierung.
Das Reichstagsgebäude, in dem wie alljährlich die Verfassungsfeier der Reichsregierung im Beisein des Reichspräsidenten von Hindenburg stattfand, war bereits seit den Vormittagsstunden das Ziel Tausender von Schaulustigen. In der großen Wandelhalle des Reichstages sah man neben der Rcichsflagge die Flaggen fümtz- licher deutschen Länder. Im Sitzungssaal war auf den Tischen des Reichspräsidiums ein prächtiger Ausbau von blauen Hortensien errichtet. An der Hintèrwand waren die Wappen der deutschen Länder angebracht, in der Mitte der große Reichsadler. Zu beiden Seiten sah man die Reichsflagge und die deutsche Handelsflagge. Vor dem Platz Hindenburgs hing die Standarte des Reichspräsidenten. Die Präambel der Verfassung, die sonst früher zu beiden Seiten des Reichsadlers angebracht war, fehlten diesmal.
Lange vor Beginn der Feier war der Sitzungssaal des Reichstages bis auf den letzten Platz gefüllt. Aus den Abgeordnetenbänren sah man zahlreiche Mitglieder des bisherigen Reichstages. Auf der Negierungsbank hatten Reichskanzler von Papen und die übrigen Reichsminister Platz genommen. In der Diplomatenloge war das Diplo- mattsche Korps unter Führung des päpstlichen Nuntius Orsenigo erschienen. Auf der Regierungsestrade bemerkte man auch mehrere Minister der kommissarischen Preußischen Regierung.
Pünktlich um 12 Uhr erschien Reichspräsident von Hindenburg in der Reichspräsidentenloge, begleitet von dem Reichstagsvizeprüsidenten von Kardorff, der den beurlaubten Reichstagspräsidenten Löbe vertritt. Nachdem tttXMSttWt dem Neichsiagsvizcpräsidenten von Kardorff Platz. Hieraus begann die Feier mit dem Vortrag der Ouvertüre zu „Egmont", gespielt vom Berliner Philharmonischen Orchester unter Leitung von Professor Prüwer. Darauf nahm 1
Reichsinnenmimster Frhr. von Gayl
das Wort zu seiner Festrede, wobei er u. a. ausführte:
Inmitten einer ihm immer noch feindlichen Welt hat unser Volk die schwersten Bürden äußerer unb innerer Slot zu tragen. Alle Versuche. den Vcriassunastaa zu einem Gemeinsamen
Hindenburg bei der Feier im Reichstag.
Minister Schleicher (links), v. Kardorf (rechts), V Hindenburg.
c^1 'am.’V ^ Feiertag zu gestalten, sind bisher sehlgeschlagen. L’121 Zu.bekennen, daß cs so ist, und daß die bat' bic "^* einigt, sondern trennt. Dennoch amtlich w n^h^ sich entschlossen, den Verfasslingstag bin Neben uns dabei nicht der Hoffnung köuncu Wir Peh™ Z'" "^""ä für unser Volk machen zu ber unter a«e>Ä dem 11. August keinen Feiertag, imiren werden muß. Aber mir Xa Ä "V1" wuncr zur Weimarer Per-
In Hb 5 ^ulunfi bleibt. ES ist nbev nfebt liebt h n !' s;,* mh j rf- fcljaft bab Schicksal der Nation ist. Im Ringen de?Völke? s^r Dasein sind entscheidend die unwägbaren Kräfte eines .Volkes.— Ptzst.ihrem-Durchbruch durch die materiellen, .Sorgen,
zu machtvoller Betätigung hängt die'Zukunft ab. Diese unwägbaren seelischen Kräfte und Werte sind an keine Formen und Verfassungsurkunden gebunden. Sie sind ein Ausfluß böheren, göttlichen Wirkens, das über dem Schicksal der Nation steht, und sie ruhen tief in den Herzen der einzelnen Volksgenossen. Wer unsere Lage richtig deutet, der sieht, daß wir wieder
an der Wende unseres Schicksals stehen.
Jahrzehnte liegen hinter uns, in denen bei uns Deutschen das eigene Ich im Vordergründe des Handelns und Denkens stand. Mit dem Ich des Einzelnen eng verbunden wurden die eigene Gesellschaftsklasse und ihre Herrschaftsbestrebungen stark betont und betätigt. Dieser Abschnitt wurde unterbrochen durch die Fahre des Weltkriegs, in denen für einige Zeit die tiefsten Kräfte des Volkes durch die materialistischen Schlacken durchbrachen. Nach dem Zusammenbruch schienen die seelischen Werte unrettbar dem Schicksal dauernder Verschüttung cwheim- zufallen. Aber lebendig brachen die starken Kräfte, die einst das Erleben des Weltkrieges freigemacht hatte, in den verschiedensten Formen aufs neue hervor. Je stärker diese ethischen Regungen in einem Teil unseres Volkes lebendig wurden, desto heftiger wurde der Widerstand derer, die sich in ihren bisherigen Lebensanschauungen bedroht fühlten. So ist jetzt
unser Volk in zwei Lager zerspalten,
zwischen denen ein erbitterter Kampf nm die Macht tm Staate tobt. Jedes Lager nennt das andere Volksverderber und Staatsfeind; so sollten die Dinge nicht sein. Was in unserem Volk ausgefochtcu wird, das ist ein Kampf der Weltanschauungen, der ein Ringen der Geister und nicht eine handgreifliche Auseinandersetzung sein soll. Wir tun gut, auch den weltanschauliche» und politischen Gegner bis zum Beweise des Gegenteils als einen ehrlichen Volksgenossen zu betrachten, der das Beste unseres Volkes will. Bewußt ausgeschlossen sei dagegen jeder, der einen nationalen deutschen Staat grundsätzlich verleugnet. Man mag zu Einzelheiten der Weimarer Verfassung stehen wie man will. Sie ist heute der einzige Grund, auf dem alle, unbeschadet ihrer weltanschaulichen und politischen Meinung, stehen müssen, die eine,, deutschen Staat überhaupt bejahen. Auf diesem Grund müssen wir uns finden und handeln, denn wir haben keinen anderen, von dem aus wir den Vormarsch zu einem neuen staatlichen Leben überhaupt antreten können.
Damit ist aber nicht gesagt, daß die Weimarer Verfassung etwas Unabänderliches wäre. Rückblickend auf die dreizehn Jahre des Bestehens unserer Verfassung müssen wir bekennen, daß sie abänderungsbedürftig ist. Es war ein Verdienst der Nationalversammlung und aller deutschen Länder, daß 1919 in verhältnismäßig kurzer Zeit nach dem Zusammenbruch überhaupt eine Verfassung zustande kam, die die Reichseinheit gewährleistete und für längere Zeit eine Grundlage staatlichen Lebens schuf, auf der auch tatsächlich sehr schwere Zeiten überwunden werden konnten. Es ist nicht Schuld der Verfassung allein, daß sich in Deutschland
Eine aufsehenerregende Rede Hoovers.
Der amerikanische Präsident rollt die Kriegsschuldenfrage wieder auf. Vorbedingung für ein Entgegenkommen Amerikas: Rüstungs- verminderung der Schuldner, Hebung der amerikanischen Wirtschaft.
Lenkt Hoover ein?
Washington, 11. August. (Funkmeldung.) Präsident
Hoover hat heute in einer Ansprache an die Vertreter der Republikaner Bemerkungen zur Frage der Kriegsschulden gemacht, die, wenn auch in sehr vorsichtiger Form gegeben, ein Verlassen seiner bisherigen intransitiven Haltung vorzubereiten scheinen. Seine Stellungnahme, so erklärte Hoover, gegen die Streichung der Kriegsschulden sei bekannt. Doch hoffe er, daß eine d r a - stische Verminderung der Rüstungcn den Schuldnerstaaten die Abtragung ihrer Verpflichtungen wesentlich erleichtern werde. Darüber hinaus aber könnten die Schuldner vielleicht eine Erleichterung erhalten, wenn eine „greifbare Kompensation" ihrerseits den Vereinigten Staaten ein Entgegenkommen erleichtern würde. Eine solche Kompensation erblicke er, so fuhr Hoover fort, in einer Vergrößerung der Märkte für die amerikanische Landwirtschaft und Industrie. Wenn infolge eines gesteigerten Absatzes der amerikanischen Produktion die Wirtschaft wieder in (bang komme und der Wohlstand wieder geschaffen werde, könne man wohl sicher sein, daß Ainerika Vorschläge der an gedeuteten Art einer ernsthaften Prüfung unterziehen werde. Allerdings könnten die Lasten nicht einfach durch eine Streichung der Schulden auf die amerikanische Bevölkerung übertragen werden.
Hoover hielt diese Ansprache, die beträchtliches Aus- sehen erregte, als er sich zur Annahme der Prüsidentschafts- knudidatur vor den Vertretern der republikanischen Partei bereit erklärte.
Im weiteren Verlauf seiner Rede schlug Hoover zur Regelung der Prohibitions-Frage vor, die Entscheidung den Einzelstaaten zu überlassen; nur müsse eine Wiedereinführung der Kneipen verhindert werden. Zur Außenpolitik bemerkte er, Amerika sei unter angemessenen
eine Herrschaft der politischen Parteien entwickelte, bei der Legislative, Kontrolle und Exekutive immer mehr verschmolzen und die schließlich dazu zwang, sogar Maßnahmen des wirtschaftlichen Lebens und der Finanzgebarung mit der ultima ratio des Artikels 48 zu regeln und damit einen Teil der Verfassung selbst außer Kraft zu setzen.
Die heutigen Zustande dürften ein schlagender Beweis sein, daß
die Verfassung abänderungsbedürftig
ist. Unser Volk kann sich auf die Dauer der Notwendigkeit einer Verfassungsreform, ja einer Reichsreform nicht entziehen. Die Reform hat auszugehen von einer Änderung des im Artikel 22 der Verfassung vorgeschriebenen Wahlrechts. In diesem Artikel wurzelt die von weitesten Kreisen schwer empfundene Herrschaft der Parteibürokratie. Das Volk will nicht Nummern, sondern
Persönlichkeiten wâhlem
Es versteht nicht, daß die Stimmen noch nicht mündiger Volksgenossen gleichgewertet werden den Stimmen der Familienernährer und der Mütter. Zur Reform des Wahlrechts gehört auch die Einschränkung der zahlreichen kleinen Splitterlisten, deren Stimmen in der Regel ausfallen. Dem Wahlrecht sollte die Wahlpflicht entsprechen. Regieren heißt nicht nur, die Forderung der Stunde erfüllen, sondern auch ein festes Ziel auf allen Gebieten des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens nachhaltig ansteuern. Jede zielbewußte Regierungspolitik ist auf die Dauer in Deutschland zum Scheitern an zwei Dingen verurteilt, an der Anonymität der Verantwortung und an dem Fehlen einer Instanz, die unabhängig von Parteieinflüssen dem Gesamtwohl schädliche Parlamentsbeschlüsse ohne schwerwiegende verfassungsmäßige Reibungen auszugleichen vermag. Man kann über das Kapitel deutscher Geschichte aus den letzten dreizehn Jahren die Überschrift setzen: „Zeitalter der anonymen Verantwortung." Ein im Umbruch aller Werte befindliches Volk, das unter einer furchtbaren Not leidet, bedarf einer von den Fesseln formaler Verantwortung mehr wie bisher befreiten, aber persönlich um so stärker verantwortlichen Regierung, die in einer
Ersten Kammer
einen Helfer haben muß, der sie vor den Folgen der oft durch Wahlrücksichten und Stimmungen beeinflußten Parlamentsbeschlüsse schützen und die Stabilität der Regierunasvolitik zu gewährleisten vermag.
Schließlich ist noch des
inneren Umbaues des Reiches
zu gedenken. Die Erfahrung feit dem 11. August 1919 hat zur Genüge die Unhaltbarkeit des Zustandes ergeben, daß im Reich und in Preußen von verschiedenartig zusammengesetzten und gerichteten Regierungen eine verschiedene Politik auf allen Gebieten betrieben werden kann.
(Fortsetzung auf Seite 2)
! Vorbehalten dem Weltschiedsgerichtshof beigetreten,' es arbeite führend an der Ausgestaltung des Kelloggpaktes zu einem wirksamen Werkzeug des Friedens mit. Amerika werde alle Vereinbarungen daraufhin prüfen, ob durch einen Beitritt auch nicht die politische Linie Amerikas festgelegt werde. Die Vereinigten Staaten erkennten niemals einen Besitz an, der in Verletzung von Friedens- Pakten erworben wurde. Hoover sprach sich für einen Schutzzoll aus, der die amerikanische Wirtschaft vor der Schleuderkonkurrenz anderer Völker schütze. Amerikas ^militärische Stärke müsse genügend groß sein, um I jedwede feindliche Invasion zu verhindern. Hoover sprach ' sich dann zu wirtschaftspolitischen Fragen aus, befürwortete eine Neugestaltung des Bankwesens in den USA., begründete die Notwendigkeit der Haushaltsausgleichung, die Voraussetzung der Sanierung sei. Die Politik Europas habe die Weltkrise großenteils verschuldet. Dabei sei auf die „vergifteten Quellen der politischen Unstabilität hinzuweisen, die in den Friedensverträgen lägen". Die europäische Finanzkrise vom Herbst 1931 habe eine Konjunkturbelebung in Amerika hintangehalten. Amerika sei mitbe- troffen von der Störung, die eine enternt liegende Wirtschat betroffen habe. Es sei bereit, an der Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gedeihens der Welt mitzuarbeiten, wie es das bewiesen habe, als es den Zusammenbruch Deutschlands verhindert habe. Die Verminderung der W e l t a u s g a b e n für Rüstungen um eine Milliarde Dollar im Jahr sei Voraussetzung einer Wirtschaftsbelebung. Amerika habe sich bereit erklärt, an der Weltwirtschastskonfcrenz teilzunehmen.
Kleine Zeitung für eilige Lesee
' * Sei ber Verfassungsfeier ber Reichsregierung im Plcnm- siimugssnal des Reichstags gab Reichsinncnmimftrr^rciy von Gayl bic Pläne ber RcichSregiening zur Änderung Verfassung bekannt. ,
* Am Montag beginnen neue Verhandlungen i dung einer Preußenregierung.
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