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Nr. 187 — 1932 Fulda, Donnerstag, 11. August 9. Jahrgang
Wer wird Reichskanzler?
Die Beratungen bei Hindenburg.
Mit der Ankunft des Reichspräsidenten in der Reichshauptstadt richtet sich die ganze Aufmerksamkeit der politischen Welt auf die Verhandlungen über die Umbildung der Reichsregierung. Wenige Stunden nach seiner Ankunft in Berlin am Mittwoch in der Frühe hat Hinden- bilrg den Reichskanzler zum Vortrag empfangen. Herr von Papen erstattete den Bericht über die gesamte politische Lage, vor allem aber über die bisherigen Verhandlungen wegen der Regierungsumbildung. Dabei standen natürlich die Forderungen der N a t i o n also z i a l i st e n im Vordergrund. Herr von Papen war tags zuvor durch Reichswehrminister von Schleicher, der in den letzten Tagen mit Hitler verhandelt hatte, über die Wünsche und Forderungen der NSDAP, unterrichtet worden. Der Reichspräsident hat in der einstündigen Unterhaltung mit dem Kanzler seine Entschließung zur Regierungsumbildung dargelegt.
Mit dieser Besprechung des Kanzlers bei Hindenburg beschäftigte sich dann am Nachmittag das Reichs- kabinett in einer Sitzung, an der sämtliche Mitglieder der Regierung teilnahmen. Nach dieser Sitzung fanden neue Besprechungen beim Reichspräsidenten statt. Zu den Besprechungen des Kanzlers wurden auch Vertreter des Zentrums und der Deutschnationalen zugezogen. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß, entgegen der ursprünglichen Absicht, auch der Reichspräsident Vertreter von Parteien empfängt. Allgemein nimmt man an, daß sich die Verhandlungen einige Tage hinziehen, und daß vor Ende derWoche keine Entscheidung fällt. Der Reichspräsident, der ursprünglich gleich nach der Verfassungsfeier wieder abreisen wollte, hat sich entschlossen, noch einige Tage in Berlin zu bleiben.
über die augenblicklichen
Aussichten der Verhandlungen
gehen die Meinungen noch sehr auseinander. Immerhin kann man seststellcn, daß die Meinung, Hitler werde schließlich doch als Kanzler kommen, an Boden gewonnen hat. Man stellt sich die Entwicklung der Dinge so vor, daß Hitler vom Reichspräsidenten den Auftrag bekommt, ein von den Parteien unabhängiges Kabinett zu bilden. Man nimmt weiter an, daß Hitler zwei Vertrauensleute aus seiner Partei in die Regierung hereinnimmt — es werden die Namen Gregor Strasser und Hauptmann Göring genannt —, und daß im übrigen die bisherigen Persönlichkeiten der Regierung bleiben, nur bei anderer Verteilung der Ämter.
Das alles sind, wie gesagt, Meinungen politischer Kreise. Aber ein klares Bild der weiteren Entwicklung läßt sich noch nicht gewinnen, denn das l e tz t e W o r t hat der R e i ch s p r ä s i d e n t, bei ihm liegt die Entscheidung.
Die Militärrevolte in Spanien.
Ein mißlungener Putschversuch.
Ueber den gestern gemeldeten Aufstand gegen die spanische Linksregierung werden noch folgende Einzelheiten bekannt.
In den frühen Morgenstunden versuchten gleichzemg etwa 50 bis 60 Leute, darunter einige Militärs, ins Hauptpostgebäude, weitere 100 Leute in das K r i e g s m i n i st e r i u m und eine dritte Gruppe in die Polizeidirektion einzudringen. Die im Post- gebäude liegende Gendarmerie konnte die Anstürmenden bis zum Eintreffen von Verstärkungen zurückschlagen. Später wurden 40 Mann festgenommen. Hinter dem Kriegsministeriuttl kam cs zu einer heftigen Schießerei, bei der 300 Schüsse gewechselt wurden. Der Ansturm auf die Polizei wurde mit Maschinengewehren zurückgeschlagen. Kleine Tanks fuhren später vor den genannten Gebäuden aus.
Der Polizeidirektor erklärt, daß cs sich um eine Se« wegung gegen d ie Republik gehandelt habe. .Der Aufruhr sei jedoch gänzlich mißglückt.
über den'Putschversuch werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Der Kommandant der Remonteabteilung in Tetuan bei Madrid, der jetzt schwerverwundete Rittmeister Silvestre, weckte um 3.30 Uhr seine etwa hundert Soldaten und forderte sie auf,
gegen Republik und Regierung zu marschieren.
Andere Offiziere der Remonteabteilung waren ebenfalls
Bunde. Die übrigen Offiziere, die sich den Auf- fEdtzchen anschlossen, waren zumeist solche, die ihren Abschied bekommen hatten und jetzt ihre Uniform unter oer Zwilkleidung trugen. In Madrid angekommen, requirierten die Aufrührer auf den Straßen einige 50 Kraftwagen, die dann von Soldaten und mit Karabinern bewaffneten Zivilisten besetzt wurden. Die Wagen fuhren oem Zug der Aufrührer voraus. Im Postgebäude versuchten inzwischen ein Oberstleutnant, ein Major, ein Hauptmann und ein Marinekadett, den dortigen Doppelposten der Gendarmerie zu überreden, sich der Aufstands- bewegung anzuschließen. Die zwei Gendarmen widersetzten sich aber und hielten die Offiziere mit dem Gewehr in Schach, bis^Verstärkungen eintrafen und die Offiziere verhaftet wurden.
I Die Verhandlungen des Reichskanzlers
1 von Papen.
Das Reichskabinett trat am Mittwoch um 17 Uhr zu einer ausgedehnten Sitzung zusammen, die bis 19.30 Uhr dauerte. Eine amtliche Mitteilung über die Sitzung bzw. über die in der Sitzung gefaßten Beschlüsse ist nicht erfolgt.
In gutunterrichteten Kreisen unterstreicht man immerhin die Tatsache, daß die Entscheidung stärker denn je in der Hand des Reichspräsidenten liege, der seinerseits angesichts der gespannten Lage im Innern wie auch im Hinblick auf die Unmöglichkeit einer parlamentarischen Mehrheitsbildung nach wie vor auf eine überparteiliche Präsidialregierung Wert legt. Die nachfolgenden Ver» Handlungen des Reichskanzlers mit den Parteien werden daher auch in dieser Richtung liegen.
Noch für Mittwoch abend hat Reichskanzler v. Papen den deutschnationalen Parteiführer Dr. Hugenberg zu einer Besprechung gebeten. Donnerstag nachmittag empfängt der Reichskanzler den Zentrumsabgeordneten Dr. Joos und den Staatspräsidenten Dr. B o l z. Adolf Hitler weilte am Mittwoch noch nicht in Berlin. Die Verhandlungen des Reichskanzlers mit dem Führer der NSDAP, erwartet man für Freitag vormittag.
*
„Noch immer nicht begriffen".
So überschreibt der „Völkische Beobachter" einen Leitartikel, der sich mit der Regierungsbildung befaßt und mit einem Artikel der D.A.Z. âuseinandersetzt. Die NSDAP, hat — so schreibt Alfred Rosenberg — ihrer Forderung nach Führung so unzweideutig Ausdruck gegeben, daß man meinen sollte, alle in Betracht Kommenden hätten das begriffen. „Charakteristisch für das Denken überlebter Strategen der Pseudo-Politik ist", — fährt das Blatt fort — „daß man einige Nationalsozialisten gerne „hereinnehmen" möchte, ganz nach dem frommen Wunsch des Zentrums, um uns mit schwersten Maßnahmen ohne politische Eigenführung zu belasten, im übrigen aber „parteilose" Schwarze und Vorgestrige auf die bisher von Rot besetzten Posten zu setzen.
Wir haben nicht 13 Jahre gekämpft, um uns mit einem Linsengericht abspeisen zu lassen. Wir haben in diesen Jahren nicht nur den Marxismus und das Zentrum genau kennengelernt, sondern auch jene überlebten Kreise, die Geschäft mit Ration verwechseln und ebenso wenig Skrupel besitzen wie das Zentrum, an das sie uns auch jetzt gerne verkuppeln möchten.
Es ist nach allem selbstverständlich, daß die NSDAP, entsprechend dem unzweideutig wie noch nie geäußerten Volkswillen, aber auch entsprechend ihrer Leistung, die Führung erhält. Sonst müssen eben die für eine andere Entwicklung Verantwortlichen auch wirklich die Verantwortung übernehmen."
Der Anschlag auf das Kriegsministerium
galt zweifellos dem dort wohnenden Ministerpräsidenten Manuel A z a n a, der Mitte Dezember v. I. vom Staatspräsidenten Zamora mit der Kabinettsbildung beauft tragt worden ist. über 200 Verhaftungen sind vorgenommen worden. In Madrid wickelt sich Verkehr und "Geschästsleben wieder ungestört ab, doch bilden sich Gruppen von Republikanern, die erregt die Vorkommnisse besprechen und Veraeltunasmabreaeln fordern. Die
General Sanjurjo (links), Kommandant der Büraergardc in Sevilla, der Führer des Aufstandes gegen das Kabinett Azana (rechts).
sozialistischen Gewerkschaften wollen unter Umständen mit dem Generalstreik drohen. Die Regierung plant scharfe Gegenmaßnahmen sowie Beschränkungen der Pressefreiheit, Versammlungsverbote für Monarchisten usw.
In Barcelona wurde in der Nacht ein Putsch erwartet, weshalb die Wachen verstärkt worden waren. Eine Abteilung des Kavallerieregiments, das in Alcala, 30 Kilometer von Madrid entfernt, in Garnison liegt, rebellierte ebenfalls und machte sich auf den Weg nach cher Hauptstadt, kehrte aber bald wieder um.
Enttäuschte Hoffnungen.
Starke Einschränkungen der Einkommensteuererstattungen.
Der geplagte Steuerzahler hat in diesem Jahre seiner Einkommensteuerveranlagung vielfach mit etwas Hoffnung entgegengesehen insofern, als in zahlreichen Fällen wegen starker Einkommensrückgänge gegenüber dem Vorjahre auf die Einkommensteuer des Jahres 1931 Überzahlungen erfolgt sind, die nach den bisherigen Bestimmungen des Einkommensteuergesetzes nach der Veranlagung zu erstatten waren. Das Fortschreiten der Wirtschaftskrise und die katastrophale Entwicklung der öffentlichen Finanzen haben jetzt auch diese Erstattungshoffnungen größtenteils zuschanden gemacht. Derartige Erstattungen werden nämlich zum größten Teil jetzt wieder weggesteuert, und zwar auf Grund sowohl der neuesten Notverordnung vom 14. Juni 1932, wie auch auf Grund besonderer Anweisungen des Neichsfinanzministers in einem Erlaß vom 27. Juni 1932.
Die genannte Notverordnung verlängert bekanntlich die Krisensteuer der Veranlagten über den 31. Dezember 1932 hinaus und schreibt die Erhebung einer weiteren Halbjahresrate auf den 10. Januar 1933 vor. Diese neue Krisenftenexrate wird auf der Grundlage des jetzt zur Veranlagung kommenden Einkommens des Jahres 1931 berechnet, so daß für 1931 zusammen mit der bereits als Vorauszahlung entrichteten ersten Rate von 50 Prozent insgesamt 100 Prozent Jahressteuer erhoben werden. Der Fälligkeitstermin des 10. Januar 1933 der neuen Krisensteuerrate wird nun aber in den wenigsten Fällen praktisch, denn die Notverordnung legt den Fälligkeitstermin gerade in den sehr wichtigen und häufigen Fällen, in denen jemand bei der Einkommen- und Krisensteuerveranlagung 1931 Herauszahlungen zu erwarten hat, vor. Die neue Rate wird in diesen Fällen schon an dem Tage fällig, an dem die Finanzämter ihrerseits eigentlich erstatten müßten. Dadurch ergibt sichfürdieSteuer- behörde eine Aufrechnungsmöglichkeit, durch die die Einkommensteuererstattungen in diesem Jahre praktisch fast stets hinfällig werden.
Der Fälligkeitstermin der Krisensteuerrate vom 10. Januar 1933 bedeutet demnach bei Licht besehen nur eine schöne Geste, die nur schlecht verschleiert, daß das Reich zur Erstattung von Einkommen- und Krisensteuern in größerem Umfange einfach nicht mehr in der Lage ist. Dieses „Am-letzten-Ende-angekommen-sein" hat den Reichsfinanzminister auch noch veranlaßt, Anweisungen an die Finanzämter herauszugeben, nach denen die Erstattung überzahlter Einkommen-, Krisen- und Körperschaftssteuern auch sonst, soweit irgend möglich, eingeschränkt oder vermieden werden soll. Nach dem oben erwähnten Erlaß vom 27. Juni 1932 sollen die Finanzämter weitgehend anderweitige Forderungen des Reiches aus gestundeten oder nicht gestundeten Rückständen bei anderen Reichssteuern zur Aufrechnung stellen. Dabei sollen etwaige bisher ausgesprochene Stundungsversügungen erforderlichenfalls zum Zwecke der Anrechnung widerrufen werden. Ähnlich sollen alle Zahlungen eines Steuerpflichtigen, die innerhalb von einem Monat nach dem Zeitpunkt der voraussichtlichen Bekanntgabe des Einkommen- oder Körperschaftssteuerbescheides fällig werden, gleichfalls gegen den Erstattungsanspruch aufgerechnet werden. Diese Aufrechnungsmöglichkeiten waren nach den steuerrechtlichen Vorschriften bereits immer gegeben, werden jetzt aber be- fonders betont.
Auch wo die Finanzämter an sich gesetzlich keine Möglichkeit haben, Aufrechnungen vorzunehmen, sollen sie vor der Vornahme der Erstattungen „in geeigneter Weise" auf die Zahlung rückständiger Steuern hinwirken, beispielsweise soll in Fällen, in denen einem steuerpflichtigen Offenen Handelsgesellschafter oderKommanditgesellschaftcr Erstattungsansprüche zustehen, während seine Gesellschaft mit Steuerzahlungen, wie z. B. der Umsatzsteuer, im Rückstände ist, darauf hingewirkt werden, daß vor Vornahme von Erstattungen an den Gesellschafter erst die Steuerzahlungen der Gesellschaft entrichtet werden. Ähnlich soll gegebenenfalls auch bei Kapitalgesellschaften, wie insbesondere G. m. b. H.s versucht werden, Steuerrückstände der Gesellschaft hereinzubekommen, wenn der Gesellschafter einer solchen Gesellschaft seinerseits Erstattungen zu beanspruchen hat und es sich um Einmanngesellschaften oder um eine Beteiligung des Gesellschafters an der Gesellschaft zu mehr als 50 Prozent handelt.
Ähnlich wie bei Reichsstcucrforderungen soll auch hinsichtlich von Landes- und Kirchensteuerforderungcn verfahren werden, soweit diese Steuern durch die Finanzämter verwaltet und eingezogen werden. Auch bei ihnen wird also „in geeigneter Weise" die Erstattung von Ein- kommen-usw.-Steuern zum Anlaß genommen werden, auf die Begleichung von Steuerrückstünden hinzuwirken. Es sei für alle Fälle dieser letzteren Art aber darauf hingewiesen, daß die Finanzämter keinen Rechtsanspruch haben, die Erstattungen etwa mit den: Hinweise zu ver- weigern, daß Steuern eines anderen Steuerpflichtigen, 3. B. der Gesellschaft, deren Gesellschafter der Erttattunas-
Kleine Zeitung für eilige Lesee
* Der Reichspräsident hat den Reichskanzler zum Vortrag über die Rrgicrungsvcrhandlungcn cinpfangerr.
* Die Hamburger Polizei hat den illegalen Fortbestand deS verbotenen RotfroMkämpferbundeS festgestellt.
* In Lichtcrfclde-Ost bei Berlin wurde ein Gedenkstätte zu Ehren Otto Lilienthals, des Altmeisters der Fliegcrkunst, ein- geweiht.