M-aer /lnzeiger
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Nr. 184 — 1932 ~___________Fulda, Montag, 8. August________9. Jahrgang
die Matznahmen der Reichzregierung.
Die Sekâmpfung des Terrors.
Schwere Strafen für Sprengstoffattentate
Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler von Papen kehren zu Beginn dieser Woche wieder nach Berlin zurück. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, wenn man damit rechnet, dasi mit dem Eintreffen der Herren von Hindenburg und von Papen in der Reichs- Hauptstadt die politischen Verhandlungen über eine Um- oder Neubildung der Neichsregierung ihren Anfang nehmen werden.
. Zunächst allerdings gilt die Hauptaufmerksamkeil der regierenden Kreise nach wie vor den politischen Terrorakten, zu deren Bekämpfung die Reichsregie- rung die notwendigen Abwehrmaßnahmen fast fertiggestellt hat. Mit der Bekanntgabe der verschärften Straf- beftimmungen wollen die zuständigen Stellen zunächst noch zurückhalten, um abzuwarten, ob sich das politische Leben etwa wieder von selbst beruhigen würde.
Von zuständiger Stelle wird daraus hingewiesen, daß auch die bisherigen Strafbestimmungen es ermöglichten, besonders gegen die zahlreichen Sprengstoffanschläge der letzten Tage scharf vorzugehen. Schon nach dem Sprengstoffgesetz vom Jahre 1884 seien Strafen von fünf bis fünfzehn Jahren Zuchthaus, möglicherweise lebenlängliches Zuchthaus bei Sprengstoffanschlägen vorgesehen, und für Fälle, daß bei einem Sprengstoffanschlag Todesfälle zu beklagen seien, sogar die Todesstrafe.
Jedenfalls sind sich die Reichsregierung und der Bevollmächtigte des Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, vollkommen einig über die Wege zur Abwehr aller Terrorakte. Meldungen, die über Meinungsverschiedenheiten zwischen Dr. Bracht und dem Reichsinnenminister Freiherrn von Gahl zu berichten wußten, werden amtlich in Abrede gestellt. „Durch tägliche persönliche Fühlungnahme", so heißt es in der amtlichen Meldung weiter, „wird lM,Gegenteil völlige Übereinstimmung mit dem federführenden Reichsinnenminister von Gayl gewähr
Immer neue Attentate.
Anschläge in Ostpreußen,
Schlesien und Vraunschweig.
Aber auch anderswo herrscht Unruhe.
Man kann nicht behaupten, daß die ersehnte Bernhi- gung eingetreten sei. Täglich noch werden neue politische Anschläge und Überfälle gemeldet. In Ortelsburg in Ostpreußen wurde iu die Privatwohnung des Gastwirts und Kaufmanns Littwack eine Bombe geworfen, die in einem Zimmer explodierte. Die Fensterscheiben wurden zertrümmert, die Fensterflügel heräusgerissen. Zur gleichen Zeit wurde
vor dem Gebäude des Finanzamtes
eine Bombe geworfen, die jedoch nicht zur Explosion gekommen ist. In beiden Fällen handelt es sich um Sprengkörper, die aus Wagenbuchsen hcrgestellt waren. Die Bombe vor dem Finanzamt war mit einer Zündschnur versehen, die angesteckt, dann aber ausgetreten worden war.
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In Königsberg
wurden zwei Polizeibeamtc von etwa 100 Kommunisten angehalten und belästigt. Es gelang ihnen jedoch, die Menge in Schach zu^alten. Fünfzehn Personen wurden festgenommen. Es wurden bei ihnen Waffen und hundert Schuß Munition beschlagnahmt. Inzwischen ist gegen zwölf Personen, die im Verdacht stehen, an der Tötung des Faktors Reinke (NSDAP.) beteiligt gewesen zu sein, auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Vo runt ersuch ung eröffnet worden. Von den sieben Ratio- u a l s o z i a l i st e n , die im Verdacht standen, bei dem An- wMg gegen den kommunistischen Stadtverordneten Schlitz und den Chefredakteur der Königsberger Volks- zeitung mitgewirkt zu haben, sind auf Antrag der Verteidigung sechs wjeder auf freien Fuß gesetzt worden.
Über die blutigen Ereignisse in Königsberg
gibt ein z u sa m m cnfa ssend cr Bericht des h o l i z c i p r ü s i d i u m s Königsberg in Stichworten Auskunft. Es ergibt sich daraus, daß unmittelbar nach der E r d o l ch u n g" des SA. - M a n N e s Reinke ein Stabsführer der SA. die Polizei darauf aufmerksam gemacht habe, daß seine seit langem von Kommunisten terrorisierten Leute infolge des Mordes nicht in e h r zu batten seien. Darauf seien die bekannten Ereignisse gefolgt. Die Angaben der SA. über Bedrohung ihrer -ente und die dadurch maßlos gesteigerte Erregung werden in dem Bericht als glaubhaft bezeichnet.
Der Königsberger General, st a a t s a n w a l t
hat an die ihm unterstellten Staatsanwaltschaften einen E r l a ß gerichtet, in den, die Staatsanwälte ersucht werden, gegen die radnulustigen Elemente, die das Waffenverbot überträten, bei Gericht je nach Lage des Falles empfindliche Strafen zu beantragen. Gelinde Geldstrafen könnten in der jetzigen Zeit in der Regel als aus- reichende Sühne nicht angesehen werden.
leistet. Auch durch die ständige Zusammenarbeit der Sachberater des kommissarischen preußischen Innenministers mit denen der Reichsregierung wird das ständige Einvernehmen bewirkt und gesichert. Der Zeitpunkt und das Ausmaß für weitere Maßnahmen hängen in der Hauptsache davon ab, ob die jetzt im Lande mehr und mehr ein- getretene Beruhigung von Dauer ist. Aus besondere vorbeugende Vorkehrungen wird jedoch voraussichtlich nicht verzichtet werden können."
SefprechMgen Mett mit SA.-Rhrer».
Nach einer Meldung aus Berlin soll Adolf Hitler Ende der Woche in der Nähe von Schwerin in Mecklen" burg Besprechungen mit maßgebenden SA.-Führern wegen der blutigen Vorfälle gehabt haben. Adolf Hitler habe, so heißt es in der Meldung, zu strengster Disziplin gemahnt. An die Formationen sollen bestimmte Anweisungen ergangen sein.
Um die Frage der Hilfspolizei.
Zu der Besprechung zwischen dem Reichsinnenminister Freiherrn v. Gayl und dem oldenburgischen Ministerpräsidenten Röver, dem mecklenburgisch-schwerinschen Ministerpräsidenten Granzow und dem braunschweigischen Innenminister Klagges über die Frage der Einstellung der H i l f s p o l i z e i wird von zuständiger Seite ergänzend mitgeteilt, daß keinerlei parteipolitische Formationen in den Staatsapparat ausgenommen werden. Das Reichsinnenministerium steht aus dem Standpunkt, daß grundsätzlich gegen die Einstellung von hilfspolizeilichen Kräften nichts eingewendet werden könne, daß aber der Grundsatz der Überparteilichkeit g e w ä h r l e i süe t werden müsse. Die Bildung von Formationen, die irgendwelche polizeilichen Aufgaben übernehmen wollen, werde nicht zugelassen werden. Das gelte auch gegentiber,. den sozialdemokratischen Anküsdi- gungen über die Einrichtung eines Selbstschutzes.
Bemerkenswert ist eine Verfügung des Smndort- kommandos Allenstein.
Sie lautet wörtlich: Um zu verhindern, daß Heeresangehörige in die politischen Streitigkeiten hineingezogen werden, gehen aus Veranlassung des Standortältesten bis auf weiteres militärische Straßen st reifen in den Abendstunden durch die Hauptstraßen der Stadt.
Überfälle anderswo.
Vier Verletzte bei einem Feuerüberfall in Anklam.
In A n k l a m wurden auf das Haus eines führenden Nationalsozialisten fünf bis sechs Karabiner- und Revolverschüsse abgegeben. Der elfjährige Sohn eines in demselben Hause wohnenden SPD.-Mannes wurde durch einen O b c r s ch c n k c l s ch u ß , die elf Jahre alte Tochter durch Glassplitter verletzt. Die im gleichen Zimmer schlafende Großmutter'der Kinder erhielt einen Armgelenkdurchschuß, der Großvater einen leichten Streifschuß am Kaps. Die auf dem Grundstück der Nationalsozialisten ausgestellte SS.-Wachc war auf die Schüsse sofort herbeigceilt, konnte aber niemand mehr fcftftcllcn.
Rcvvlvcranschlägc in Stolp.
In Stolp wurden Revolverauschläge auf- die Wohnungen linksgerichteter Personen verübt, u. a. auf die Wohnung des Reichsbanners ührcrs B o n n k e. Verletzt wurde niemand.
Handgranatenanschlag auf den Breslauer Führer der SAP.
Auf den Führer der Breslauer SAP., Recyts - a n w a l t Eckstein, wurde in der Nacht ein Handgranatenanschlag verübt. Bisher noch unbekannte Täter warfen von einem Auto aus eine Handgranate in das Schlafzimmer Ecksteins. Die Handgranate explodierte nicht weit von dem Bette, Eckstein blieb aber unverletzt. Der angerichtete Sachschaden ist erheblich.
Schüsse auf das „Braune Haus" in Liegnitz.
In L i e g n i tz wurden in der Nacht auf ein erleuch- teres Fenster der Rückseite des Braunen Hauses von unbekannten Tätern mehrere Pistolenschüsse abgegeben. Jedoch wurden Personen nicht verletzt. Kurz darauf fielen auch gegen die Rückseite eines anderen Hanfes, in dem stch die Unterkunft der Untergruppe Nicdcrschlesien der NSDAP, befindet, mehrere Pistolenschüsse. Auch hierher wurde niemand verletzt.
In H i n d c n b u r g - Z a b o r z e warfen etwa zwanzig Kommunisten Steine gegen das SA. - H e i m und zertrümmerten die Fensterscheiben. Es fielen auch Schüsse. Ein Kommunist wurde festgenommen.
Anschlag auf ein Arbeitsamt.
Auf die Nebenstelle des Arbeitsamtes Offenbach in Mühlheim a m M a i n wurde ein Bombenanschlag verübt. Die Streuung der Bombe, die auf das Fensterbrett gelegt worden war, erfolgte in der Hauptsache nach der Straßenseite hin; daher ist der Materialschaden nicht groß. An Häusern, die auf der anderen Straßenseite liegen, wurden die Fensterscheiben zertrümmert.
Vier Festnahmen in Schleswig-Holstein.
Aus Kiel wird amtlich mitgeteilt: „In der Untersuchung der Sprengstoffanschläge in Schleswig- Holstein sind vier Personen unter dem dringenden Verdacht des Verbrechens wider das Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen in Untersuchungshaft genommen worden. Weitere Verhaftungen stehen bevor." über die Persönlichkeit der Festgenommenen und ihre Parteizugehörigkeit konnte man noch nichts in Erfahrung bringen.
Sprengkörper beim Altonaer Volkspark zur Explosion gebracht.
Altona. Wie die Polizetpreffestelle mitteilt, wurde in einem dem ^auptbahnho» gegenüb-rliro ns-n - pes Altonaer Volksparks ein Sprengkörper zur Explosion gebracht. Personen sind nicht zu Schaden gekommen, auch wurde kein eingeleiiei worden. ' ‘ .....
Neichsbannerführer in Lötzen erschossen.
Reichsbannerführer Kurt Kotzan aus Lötzen wurde vor dem Büro des Landarbeiterverbandes erschossen. Kotzan war mit mehreren anderen Reichsbannermitgliedern aus dem Büro gekommen und durch die Straßen gegangen. Hierbei traf er auf SA.-Leute, mit denen die Reichsbannerleute in Auseinandersetzungen kamen. Während der Reichsbannermann Piontek zum Büro zurücklief, um Polizei herbeizurufen, krachte ein Schutz hinter ihm her. Piontek konnte jedoch das Büro erreichen und die Tür hinter sich verschließen. Kotzan. der ihm gefolgt war, wurde von einem zweiten Schuß zu Boden gestreckt und war auf der Stelle tot
Französischer Abschied aus Warschau.
Gleichzeitig mit dem in Frankreich nicht mit übermäßiger Begeisterung begrüßten Abschluß des polnisch- russischen Nichtangrifsspaktes haben die letzten Mitglieder der französischen Militärmisston in Polen ihre Koffer packen müssen. Jawohl — packen müssen: denn der Vertrag zwischen Polen und Frankreich über die französische Militärmission ist bereits am 1. Mai dieses Jahres vom polnischen Stabschef Pilsudski zum 1. August gekündigt worden — und demgemäß haben die letzten Offiziere und Mannschaften der Mission Warschau verlassen. Es waren nur noch sehr wenige.
Mehr als 13 Jahre hat diese Militärmission in Polen gesessen und gearbeitet. Vom deutschen Standpunkt aus gesehen wäre es ganz falsch, den Erfolg dieser Arbeit zu unterschätzen. Polen hat sich — auch mit finanzieller Hilfe Frankreichs — ein Heer geschaffen, das durchaus modern und selbstverständlich an Zahl und Kriegsmaterial unserer Reichswehr weit überlegen ist. Als die französische Militärmission im Frühjahr 1919 nach Polen kam, befanden sich unter den 328 Offizieren allein 5 Generale, 14 Obersten, 20 Oberstleutnants und 62 Majore, also allein schon über100Stabsoffiziere. Dann kamen mit der Haller-Armee auch noch rund 400 französische Offiziere nach Polen, und der Einfluß dieser französischen Mission ging herunter bis in die unteren Truppeneinheiten des neuen polnischen Heeres. Dem hat sich aber schon damals der polnische Stabschef Pilsudski als Kriegsminister entgegengestellt, aber der russische Einfall nach Polen und die seltneren Niederlagen der Polen führten zum Hilferuf an Frankreich, das den bekannten General Wehgand — jetzt Chef der französischen „Nationalverteidigung" — mit 300 Offizieren nach Warschau schickte. Die Erfolge Weygands gegen die Russen — alL „Berater" neben dem Oberkommandierenden Pilsudski — konsolidierten zwar den französischen Einfluß im polnischen Heer von neuem, aber sie ließen auch den heimlichen Kampf Pilsudskis gegen die Mission wieder beginnen, da offenbar auch die Franzosen den eigenen Anteil am Erfolg gegen die Russen etwas allzu weit in den Vordergrund stellten. Auch sonst scheint man nicht allzuviel Rücksicht auf die militärischen Gefühle und Eitelkeiten der polnischen Offiziere genommen zu haben. Weygand ging nach Frankreich zurück und mit ihm der erste Führer der französischen Militärmission in Polen, General Henrns.
Mehr und mehr beschränkte sich der Einfluß der Mission auf die Kriegsschul- und Generalstabsausbildung, sowie auf Mitarbeit bei den höheren Stäben. In die oberschlcsischen Kämpfe mit Deutschland ließ man sie nicht hinein; dort sorgte ja auch die französische Besatzungstruppe mehr als genug für die polnischen Insurgenten. Immer mehr wurde auch die Verwendung sranzösischer Offiziere als Truppenkommandeure verhindert, besonders als nun die innenpolitischen Streitigkeiten und Kämpfe auch die Armee e^or'sken - " 1926 ist dann Pilsndil " . ■ / und nun begann er e e . M stwn selbst zu kritisieren, die die Ansandung bot pomistben Armee vor allem auf den Stellungskrieg konzentrierte, während Pilsudski sic auf einen Bewegungskrieg vorbereiten lassen wollte. Im Hintergrund stand natürlich das polnische Bestreben. als souveräner Staat sich die
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die für den 16. und 17. August angeseb-c Sitzung deS Preußischen Landtages ist vom Präsidenten Kerri wieder abgesagt worden.
* Der schwedische Ministerpräsident Ekman ist plötzlich zurückgetreten.
* Neue Sprcngstoffmtemalc und Feucrüberfâlle sind in verschiedenen Teilen Deutschlands verübt worden.