Iulöaer Anzeiger
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Nr. 178 — 1932 Fulda, Montag, 1. August 9. Jahrgang
Das Ergebnis der Reichstags wähl: Nationalsozialisten erringen 230 Mandate
und sind somit die weitaus stärkste Partei des Reichstages. — Auch die Kommunisten erhalten erheblichen Zuwachs. — Zentrum u. Bayerische Volkspartei verstärkt, die bürgerlichen Parteien fast aufgerieben; Sozial»
( demokraten u. Deutschnationale verloren gleichfalls. —607 Abgeordnete!
j â Reichstagswahlen -19S2.
' Der Wahlsonntag in der Ncichshauplstadt.
Die Neichshauptstadt zeigte am Morgen des Wahltages ein recht belebtes Aussehen. Der Flaggenwald ist noch dichter geworden. In der inneren Geschäftsstadt herrscht zwar jedoch die gewohnte Sonntagsstille, in den dichtbewohnten Stadtvierteln war jedoch ein großer Teil der Bevölkerung bereits früh auf der Straße. Eine verhaltene Spannung und Erwartung liegt über den Menschen. Von dem Alarmzustand der Polizei bemerkt man sehr wenig. Nur die üblichen Posten und Streifen sind auf der Straße; tn der Nähe eines jeden Wahllokals steht ein Doppelposten. Hin und wieder fährt eine Autostreife durch die Straßen. Alle übrigen Polizeikräste befinden sich in den Bereitschaftsunterkunften. Jede Menschenansammlung wird sofort aufgelöst. Die Flug- Slattverteilung ist bereits eingestellt.
Der Zustrom zu den Wahllokalen setzte bei dem schönen hochsommerlichen Wetter bereits in den ersten Vormittagsstunden ein und erreichte seinen Höhepunkt in der elften und zwölften Stunde. Bis zur Mittagszeit r^M« hatten tu einzelnen Wahllokalen bereits etwa 55 Prozent her Wähler ihre Stimme abgegeben. Wesentliche Zwischen- sälle haben sich am Sonntag vormittag nicht ereignet.
Der Wahlsonntag ist in Berlin bis 17 Uhr ruhig verlaufen. Es wurden lediglich kleinere Zusammenstöße politischer Gegner gemeldet, die ohne ernsthafte Folgen blieben. In einzelnen Fällen mutzten auch wieder Demon- strationsversuche sowohl solche der Kommunisten wie der Nationalsozialisten unterbunden werden. Irgendwelche Störungen der Wahlhandlung sind bisher nicht bekanntgeworden. Die Wahlbeteiligung war sehr stark. In vielen Wahllokalen haben über 85 Prozent der Wähler ihren Stimmzettel abgegeben.
In der Nacht in Berlin kam es zu zahlreichen politischen Zusammenstötzen. Die Polizei meldete 34 politische Schlägereien, darunter auch einige Schietzereien. Fünf Demonstrationsversuche wurden von der Polizei aufgelöst und 29 Schmierkolonnen festgenommen. Die Zusammenstötze forderten einen Toten, 6 Schwer- und 18 Leichtverletzte. 287 Personen wurden zwangsgestellt; elf Pistolen, acht Hieb- und Stichwaffen beschlagnahmt. 13 Anschlagsäulen sind in der vergangenen Nacht in Brand gesteckt und 300 Wahlplakate abgerissen worden.
Ecke Anklamer- und Zionkirchstraße wollte nachts gegen drei Uhr ein Polizeiwachtmeister einen Kommunisten auf Waffen durchsuchen. Der Kommunist zog einen geladenen Trommelrevolver und drückte zweimal auf den Beamten ab. Die Waffe versagte jedoch. In der Notwehr gab der Polizeibeamte drei Schüsse ab, wovon einer den kommunistischen Angreifer, der später als ein 17- jähriger Arthur Ziegalski festgestellt wurde, tötete.
- Der Reichspräsident an der Wahlurne.
Reichspräsident von Hindenburg begab sich am Sonntag um 9 Uhr im Kraftwagen aus Neudeck nach Heinrich an, um dort zu wählen. In seiner Begleitung befanden sich sein Sohn, Oberst von Hindenburg, und Oberregierungsrat von Riedel. Von der Bevölkerung bejubelt, erschien er in der Schule, in der sich das Wahllokal befand. Er kehrte dann sofort nach Neudeck zurück.
Der Verlauf des Wahlsonntags im Reich.
Nach den aus dem Reich vorliegenden Meldungen ist die Wahlbeteiligung überall sehr rege. Während Die Wahlhandlung bisher durch irgendwelche ernsteren Zwischenfälle nicht gestört worden ist, kam es in der Nacht in verschiedenen Städten des Reiches zu schweren Zusammenstößen, die mehrere Todesopser forderten.
Im einzelnen liegen aus dem Reich solgeitde Meldungen vor:
In den Städten des Nuhrgcbicles ist der Wahlsonn- tag bis zum Mittag ohne besondere Zwischensülle verlausen. Dagegen kam es in der vergangenen Nacht in Esse n verschiedentlich zu Zusammenstößen. Im Stadtteil Essen-West entwickelte sich aus unbekannter Ursache eine Schießerei, bei der der 31jährige Kommunist Karl Dau in durch einen Bauchschuß und der 20jährige Nationalsozialist Willi Menler durch Armstcckschuß schwer verletzt wurden. Zwei in der Nähe wohnende Schupo- beamte, die sich infolge des Lärms auf die Straße begaben, wurden gleichfalls beschossen, wobei einer der Beamten durch einen Streifschuß am Kopf verletzt wurde. Er erwiderte das Feuer. Dabei wurde der 18jährige Nationalsozialist Fritz Schrön durch einen Kopfschuß töd - l i cki v e r l e tz t.
' In Hasselfelde kam es zwischen Teilnehmern einer SPD.-Versammlung und Nationalsozialisten zu einer schweren Schlägerei, wobei auch mehrere Schüsse fielen. Der Kommunist Fritz Müller wurde durch einen Schuß getötet.
In Itzehoe versuchten in der Nacht Kommunisten eine Hakenkreuzfahne herunterzuholen. Sie wurden Hakenkreuzfahne herunterzuholen. Sie wurden jedoch durch SA.-Leuie daran gehindert. Im ganzen wurden acht Schüsse abgefeuert. Der SA.-Mann Peter Kölln wurde durch drei Schüsse getötet.
In Magdeburg zeigte der Wahltag das gewohnte sonntägliche Bild. In der Nacht ereignete sich in der Neustadt ein Zusammenstoß zwischen Nationalsozialisten und Reichsbannerangehörigen. Ein Reichsbannermann wurde durch Messerstiche in den Rücken schwer verletzt.
Das vorläufige amtliche Wahlergebnis
Die StwiMn:
Berlin, 1. August. (Eigene Funkmeldung.) Bei der Reichstagswahl am 31. Juli sind 36 845 279 gültige Etim-
men abgegeben worden. Es entfallen auf
Sozialdemokraten
Nationalsozialisten
Kommunisten
Zentrum
Deutschnationale
Radikaler Mittelstand
Deutsche Volkspartei
Wirtschaftspartei
Staatspartei
Bayerische Volkspartei
Landvolk v
Christl.-Soz.
Volksrechtpartei
Deutsche Bauernpartei
Landvolk
Deutsch-Hannoveraner
Sozialistische Arbeiterpartei
7 951 245
13 732 779
5 278 094
4 586 501
2 172 941
8 733
434 548
146 061
371 378
1 190 453
91 284
364 749
40 887
137 081
96 859
46 872
72 569
Die NSDAP, nach der Wahl.
Ein Aufruf Adolf Hitlers.
München, 1. August. Adolf Hitler hat folgenden Aufruf erlassen:
Nationalsozialisten! Nationalsozialistinnen! Ein großer Sieg ist errungen! Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ist nunmehr zur weitaus stärksten Partei des deutschen Reichstages emporgestiegen. Diese in der Geschichte einzig dastehend Entwicklung ist das Ergebnis einer ungeheuren Arbeit, einer immer gleichbleibenden Beharrlichkeit. Es kann angesichts dieses großen Erfolges unserer Bewegung für uns alle nur die Pflicht geben, den Kampf nun mit einmütiger Kraft aufzunehmen und fort- zuführen.
Ferner hat Hitler nachstehenden Aufruf an die SA. und SS. herausgegeben:
SA.- und CS.-Männcr! Ein ungeheurer Sieg ist erkämpft worden. Viele Kameraden haben ihn durch schwerste Opfer ermöglicht. Die Toten sind für uns alle heilige Verpflichtung, nunmehr erst recht den Kampf um Deutschlands Freiheit weiterzuführen.
Die Stellungnah,ne der NSDAP, zum Wahlergebnis.
München, 1. August. Die Pressestelle der NSDAP, teilt mit: Das Ergebnis der Reichstagswahl wird von der NSDAP, mit großer Befriedigung ausgenommen. Der unaufhaltsame Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung findet seinen Ausdruck in der gewaltigen Stimmenzahl von fast 14 Millionen, die wiederum den bei der letzten Reichspräsidentenwahl und den letzten Landtagswahlen erreichten Erfolg überschritten haben. Damit ist die Stellung der NSDAP, gegenüber den übrigen Par-
In Halle kam es am Vorabend der Wahl verschiedentlich zu Zusammenstößen. Mehrfach wurden National- sozialisten von Kommunisten angegriffen und mit Steinen beworfen. Auch einschreitende Polizeibeamte wurden von Kommunisten angegriffen, wobei mehrere Beamte Verletzungen davontrugen. Ein unbeteiligter Mann erhielt einen Schultersteckschuß. In der Vorstadt Glaucha mußte die Polizei, als sie aus Fenstern mit Steinen beworfen wurde, Schreckschüsse abgeben.
In Chemnitz kam es in der Nacht zu einem blutigen Zwischenfall. Zwei Polizeibeamte wurden von einer größeren Zahl von Unbekannten überfallen. In der Notwehr gab einer der Polizisten drei Schüsse ab, durch die ein Angreifer schwer verletzt wurde. Er ist inzwischen im Krankenhaus g e st o r b e n. Auch die beiden Polizeibeamten sind verletzt worden.
Die Mandate:
Der Reichswahlleiter teilt mit: Infolge nachträglicher Meldung einiger Kreiswahlleiter (insbesondere durch Eingang der Ergebnisse aus den Bahnhofwahlloka- len) hat sich die S t i m m e n z a h l vermehrt. Dies drückt sich auch in den Mandatszahlen aus. Die Gesamtzahl der Mandate beträgt nach dem jetzigen Stand 607. Davon entfallen auf
Sozialdemokraten
Nationalsozialisten
Kommunisten u. Soz. Arb.-Partei Zentrum
D. V. P., Deutschnat. V. P., Landvolk, n.
Rad. Mittelstand zusammen
Deutsche Staatspartei Bayer. V. P. u. Wirtsch.-P.
Christl.-Soz. Volksd.
Deutsche Bauern-Partei
Landbund
133
230
89
76
45
4
22
4
2
2
zusammen 607
In der Zahl der 76 Zentrumssitze sind mit enthalten 2 Sitze, die auf den Kreiswahlvorschlag des Wahlkreises 27 (Pfalz): Zentrum und Bayerische Volkspartei entfallen sind.
teien so überragend und im Willen des deutschen Volkes so tief verwurzelt, daß ihr das RechtaufdieStaats- führung im Reich nicht mehr streitig gemacht werden kann. Die NSDAP, ist umso mehr entschlossen, dieses Recht für sich in Anspruch zu nehmen, als dies außer nüchternsten außen- und innenpolitischen Erwägungen insbesondere auch die bei dieser Wahl wieder deutlich gewordene bolschewistische Gefahr eine starke, im Volk verankerte Reichsregierung gebieterisch erfordert.
Wahlergebnisse aus Städieu und Landkreisen.
Bei größeren Städten finden sich im zweiten Absatz Vergleichszahlen, die erste Ziffer gibt den Vergleich mit den letzten Reichstagswahlen 1930, die Ziffer in Klammern den Vergleich mit den letzten Landtags- Wahlen. Bei Heranziehung der Vergleiche ist zu berücksichtigen, daß in manchen Städten diesmal viele Wähler außerhalb mit Stimmscheinen gewählt haben.
" Bautzen: SPD. 5602; Nat.-Soz. 9650; KPD. 2627; Zentrum 1239; Deutschnat. 1842; DVP. 809; Wirstch.-P- 133; Staatspartei 432; Christl.-Soz. 443.
Beuthen: SPD. 5412; Nat.-So; 15 308; KP^ Zentr. 15 290; Deutschnat. 32169; DVP. 18a, Wirtsy. + 271; Staatspartei 166; Polen 820. $$ S4g5 SPD. 5081 (4083); Nal.-Soz. 6^ (2375); DVP. (6437); Sentr. 15 337 (15 321); Deutsckn. ^ 6382 » 1638; Wirtsch.-P. 1202: Staatsparir- U^ Darmstadt: SPD. 16 05^ -6 234, KPD.
3899; Zentr. 4523; '
Wirtsch.-P. 97; Staatspartei 40t, Cynstl-Svz. jjö.