Niederdorfelden von einem Fernfchncllzug überfahren. Der Besitzer und das Pferd wurden getötet. An der Ungliicks- ftelle befindet sich kein Ucbergang. Es liegt die Permutung mühe, daß der Fuhrmann mit feinem Magen den Ort Bischofsheim umfahren wollte und in der Dunkelheit einen Weg fuhr, der neben dem Bahnkörper herläuft und stumpf endet, au dieser Stelle scheint der Fuhrmann gewendet und dabei auf den Bahnkörper geraten zu sein, aus dem ein Fernschnellzug aus Richtung Hanau herankam, der den Wagen erfaßt und zur Seite geschleudert hat. Der Fuhrmann, ein Herr Wiegand aus Niederdorfelden, und das Pferd wurden sofort getötet.
Darmstadt, 28. Juli. (Strafantrag gegen D r. Best und Genossen.) Amtlich wird mitgeteilt: Bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts der Provinz Starkenburg hat das hessische Gesamtmimsterium Strafanzeige gestellt gegen die nationalsozialistischen Landtagsabgeord- neten Dr. Best, Wassung, Kern und den Gauleiter Lenz, sowie gegen ihre Parteigenossen von Davidson und Stawi- noka. Die Anzeige erfolgte wegen wissentlich falscher Anschuldigung und fußt auf der durch die Genannten beim Oberrèichsanwalt gegen Minister Leuschner erhobenen Anzeige wegen angeblicher Begünstigung kommunistischer Hoch- und Landesverratspläne, die dem Gesamtministerium bekannt gewesen seien. Weiter wird Bezug genommen auf die Wiedergabe eines Telegramms des Abgeordneten Lenz an den Oberreichsanwalt, das unter der Beschuldigung gegen den Innenminister, er habe die Angelegenheit kommunistischer Dokumente verschleiert, seine Verhaftung fordert. Die schweren Anschuldigungen seien wider besseres Wissen aufgestellt. Das ergebe sich sowohl aus der Veröffentlichung der Nationalsozialisten wie auch aus der von dem Innenminister veranlaßten Auflageveröffentlichung in ihren Parteiorganen. Es sei den Beschuldigten bei der Erhebung der Anzeige bekannt gewesen, daß die Vorgänge in der kommunistischen Partei, wegen deren die Vorwürfe gegen Minister Leuschner und die Eesamtregierung erhoben wurden, sich außerhalb Hessens zugetragen haben, und daß deshalb der Innenminister keinerlei Verantwortung für sie trage. Die Beschuldigten hätten deswegen ihre auch der Presse übergebene Anschuldigung wider besseres Wissen erhoben.
Bad Ems, 29. Juli. (89 Arbeitsfreiwillige in einer klein en G e m einte.) In einer kleinen Nach- bargemcinde soll ein Weg durch ein Bachtal verbessert und dabei die Arbeiten im freiwilligen Arbeitsdienst geleistet werden. Bei sieben Stunden täglich werden die Woche 12 Mark bezahlt. Es meldeten sich sogleich 89 ortsansässige Arbeitslose^ die gern für das Geld, das sie in etwa gleicher Höhe als Unterstützung erhalten, Arbeit leisten wollen. Mit der Aufnahme der Arbeit ist in Kürze zu rechnen, nachdem die Vermessungen bereits erfolgt sind.
Letzte Nachrichten.
F u n k m e l d u n g e n d e s „A n z e i g e r s".
Ein Kraftwagenführer in Berlin ermordet und beraubt.
Berlin, 30. Juli. Der Kraftwagenführer Kurt Stadie, der seit einigen Tagen vermißt wurde, ist gestern abend an einer Chaussee-Kreuzung in der Nähe des Vorortes Lichtenrade im Chausseegraben ermordet aufgefunden worden. Es liegt Raubmord vor. Stadie ist von hinten durch einen Rücken- und einen Kopfschuß getötet worden.
Salaban verurteilt.
Berlin. Der Münzfälscher Salaban ist zu fünf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt worden, seine Frau zu einem Jahr Gefängnis.
Blutiger Zusammenstoß.
Hindenburg. Bei einem Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Polizei wurden drei Beamte durch Schüsse verletzt und ein Kommunistenführer getötet.
Zwei Linksradikale von Polizeibeamten erschossen.
Eßlingen, 30. Juli. Nach einer Mitteilung der Polizei- direktion wurde heute nacht eine Polizeipatrouille in Zivil von mehreren Personen belästigt, die die Beamten offenbar für Nationalsozialisten hielten. Zwei Beamte wurden durch Sticke mit einem Schlächtermesser schwer verletzt. Die Beamten machten in der Notwehr von der Schußwaffe Gebrauch. Zwei der Angreifer wurden erschossen.
50 Verletzte beim Dirschauer Eisenbahnunglück.
Danzig. Bei dem Dirschauer Eisenbahnunglück sind insgesamt 50 Personen verletzt worden, darunter fünf schwer. Tote sind nicht zu beklagen.
Gronau beabsichtigt den Pazifik zu überfliegen.
Ottawa, 30. Juli. Der deutsche Atlantikflieger Wolfgang von Gronau plant, mit seinem Dornierwal-Flugboot, mit dem er schon drei mal den Atlantik überflogen hat, auch den Stillen Ozean zu überqueren.
Das Testament auf Seite 617.
„ Der kürzlich verstorbene Arzt Dr. I. H. Salter auS Lolleshunt vermachte einem armen Schriftsteller einen beträchtlichen Teil seines Vermögens, mit der Auflage, daß der Bedachte das 80 Bände starke Tagebuch des Verstorbenen durchlese und zur Veröffentlichung bearbeite. Ein ähnlich fleißiger Tagebuchschreiber war der vor einiger Zeit gestor- bene Jean Laurent, der die unbedeutendsten Vorgänge seines täglichen Lebens getreulich niederschrieb. Diese Aufzeichnungen wurden jährlich als „Geschichte meines Lebens" gebündelt und dann mit der Bitte um ein Urteil an vier Freunde verliehen. Nach einiger Zeit kamen sie stets mit schmeichelhaften Rotten zurück. Schließlich wurde der gute Laurent aber miß- ^^stchlindem er einige Seiten zusammenklebte, konnte er fest- R , b keiner der Vier die Bände durchstudiert hatte. Nun t)rieb ^aurent auf Seite 047 des neuesten Bandes sein Testa- ?r die vier Freunde zu Erben seines ganzen mögens emsetzte. Dann sandte er ihnen den Band wie J’ "in wie immer nach einiger Zeit zurückkam. Lau- ii starb, und da sich kein Testament vorfano, fiel der Nach- an entfernte Verwandte. Erst nach Jahren schlug einer Zr?««»*■« durch Zufall Seite 047 des bedeutungsvollen kvs das Testament. Ein kostspieligcrRcchts- preit war die ^olgc, die den nachlässigen Tagebuchlesern indessen nur einen Bruchteil ihrer Erbschaft einbrachte.
Welt und Wissen
W. Fritz Skowronneks goldenes Doktorjubiläum. Der Schrist- sleller Dr. Fritz Skowrouuek feiert am August sein goldenes Doktorjubiläum. Er bat 1882 in Königsberg i. Pr. 'mit der Dissertation „Ouellenkritischc Beiträge zur Wallcustcinsragc" cum laude promoviert, . ,
Unser Rhein.
Von .Rudolf Herzog.
An den Rhein, an den Rhein! lautet immer wieder die Losung, zu grüßen die Dome zukunftheischender Städte und die Burgen traumverlorener Romantik, die Arbeitsfahnen der Schlote und Maschinen und die goldgrünen Bänder der Rebenhügel. Natürlich zu Schiff! Im Hafen von Wesel liegt der weiße Dampfer. Wo an Hollands Grenze die Lippe sich in den Rhein ergießt. Wo die germanische Seherin Veleda hauste und die Uferstämme aufrief gegen römische Tyrannei. Saftige Niederungen umschmiegen die einstige Feste, und das altgotische Rathaus sah Holländer und Spanier, Franzosen und frideri- zianische Preußen als Herren. Vom alten Exerzierplatz geistert ein Denkstein. Elf Schillsche Offiziere erlagen hier einer napoleonischen Mordsalve. Doch unser Schiff, es fährt! Das Kleinod am Niederrhein, der Sankt-Viktors-Dom, winkt mit seinen Meister-Türmen den Gruß deutscher Wundcrkuitur in die rheinische Tiefebene, und wie eine Erleuchtung kommt es über uns: Xanten! Hier war's, wo dem König Siegmund und der Königin Siegelnde ein Sohn geboren wurde, Siegfried geheißen, Siegfried der Drachentöter! Und dort, wo landeinwärts ein Hügel sich hebt und auf dem Hügel ein Turm, schmiegt sich das sagenumwobene Kleve an, und der Turm, von Iulius Cäsar für das Lager seiner Legionen gegen Bataver erbaut, wurde zur Schwanenburg, in der der Parsifal- sohn Lohen,grin seine Brautnacht hielt mit Elsa von Brabant.
Dunkel wird der Himmel vom Rauch der Schlote, und die Luft erdröhnt vom Widerhall der Hämmer, vom Kreischen der Krane, vom Sirenengeheul der unübersehbaren Reihen der Schleppdampfer und Kohlenkähne. Aber schon ivird das Dunkel bis zur Blendung erleuchtet von den glutenden Türmen der Hochöfen, von den Lichtgirlanden der Hafenbecken und Wasserstraßen im Mündungsgebiet der Ruhr in den Rhein. „Das schwarze Venedig" taufte ich das Stadtbild Duisburg-Ruhrort, und wer es nicht weiß, der erfahre es staunend, daß er sich im größten Binnenhafen der Welt befindet. Reg' dich, deutscher Stolz, und hol' dir die Straft vom Rhein! Auch Krefeld, die nahe Seidenstadt, zog sich durch ihren neuen Hafen an den Rheinstrom heran, dessen auf- TÜttclnbftcm Lied „Es braust ein Ruf wie Donnerhall" Krefelds Musikleiter Karl Wilhelm die hinreißende Weise gab.
Vorüber an der Pfalz Pippins, an Kaiserswerth, zieht unser Schiff gen Düsseldorf. Wohl ragen noch als altes Wahrzeichen der Turm, der zum Residenzschloß der Landesherzöge gehörte und die Erdrosselung der leidenschaftlichen Jülicher Herzogin, der Jakobe von Baden, sah, und der schiefe Kirchturm von Sankt Lambertus, aber die Neuzeit hat das Stadtbild angepackt und in Granitmauern eine Kaianlage geschaffen, wie keine andere Stadt sich ihrer rühmen kann. Gewaltig schallt das Lied der Schwerindustrie durch die Halb- millionenstadt, die dennoch das Wunder wirkte, im Rauschen des meilenweiten Hofgartens, in der Künstlcrungebundenheit des „Malkastens", in der Frohheit der Altstadt die Wirkungsstätte Jmmermanns, Schadows, Cornelius', Robert Schumanns, ein Märchen zu Reiben.
Wir drängen nach vorn! Seit einer Stunde und mehr spähen toir aus, ob sich die Schwurfinger nicht zeigen, die Schwurfinger des Kölner Doms. Und nun spiegelt es sich in den Wellen, das große Heilige Köln... Der gewaltige Turm von Sankt Martin wuchtet empor, eher einer Trutzburg denn einer Kirche ähnlich. Wie ein Wächter trutzt Sankt Martin, als bewache er das Weltwunder des sternenhohen Domes, der unsere Herzen an sich reißt, wie er die Herzen unserer Väter, unserer Ahnen an sich riß. „Deutsch allewege!" Kuppeln, Türme und Dachreiter ungezählter Kirchen und Kapellen glitzern auf, der Rathausturin predigt auf eigene Art vom nie gebeugten Kölner Bürgerstolz, die Sagen raunen von Agrippina, des großen Gcrmanikus Tochter, die der Stadt den Namen schenkte: „Colonia Agrippina", die Legenden erzählen von den hingcmordcten Bekennerinnen, den „Zehntausend Jungfrauen", und die Märchen zwitschern von den Kölner Heinzelmännchen und köstlichem Schabernack bis aus den heutigen Tag. Der heutige Tag aber schuf aus dem alten das neue Köln, die rheinische Weltstadt in Handel, Schiffahrt und hohen Schulen.
Eine Biegung des Stromes, und wir sehen sie nicht mehr. Nur noch den Kölner Dom. Nein, Deutschlands Dom. Meilen um Meilen bleibt er ant Himmelsrand sichtbar, mahnend, beschwörend. Bis eine Bastei sich aufreckt in grünen Garten- anlagen, bis aus Blumenschmuck ein Denkmal sich erhebt, das Standbild Ernst Moritz Arndts, des mannhaftesten aller Vaterlandssänger,und sein ehernes Wort über alle Ufer ertönt: „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!" Bonn, die Musenstadt, ist es, die so starken Gruß entbietet, und in einem verwitterten Hause träumt eine schräge Dachkammer einen Unsierblichkeitstraum: Ludwig van Beethovens Geburt.
Fernab vom Strom, Lingewinkelt in die holländische und belgische Grenze, träumt eine ganze Stadt den Unstcrblichkeits- traum: Aachen, Karls des Großen Kaiserpfalz. Zweiund- drcißig Krönungsseiern sah die unsterbliche Stadt in ihrem Kaiserdom, und als die Kronen sanken, wob sie sich neuen Ruhm durch die Aachener Tuche auf allen Märkten der Welt.
Durch die „Porta Rhenania" dampft das Schiff. Mitten ins Herz der Schönheit. Schämt cuck rückt eurer Erarinen- heit! Hier liegt, nach Alexander von Humboldts Zeugnis, eins der sieben Weltwunder gebettet, eine der allerschönstcr Stätten der Erde. Am rechten Rheinufer die sagendurcst rauschten Waldberge des Siebengebirges, der D r a ch e n ■ fels Jung-Siegfrieds als steilthroncnde Schutzwehr, air linken Rheinuser die waldigen Ausläufer der Eifel, die Trümmer der Rolandsburg, der R o l a n d s b o g e u, als Ein= gangstor, und tief drunten im sonncngoldcnen Strom btt Inseln Grafe n w erth und N o n n e n w e r t h , schwimmende Eilande, vom Zauber der Zeiten eingesponnen. Im Städtlein Unkel jubilierte der freiheitstrunkene Dichter Ferdinand Freiligrath beim Wein, und schräg gegenüber, bei der alten Römergründung Remagen, streckt die Apollinariskirche ihre zierlichen gotischen Spitzen in den Himmel und winkt zu den Heilquellen N e u e n a h r s einen besonderen SegenLgrnß und tief hinein in die vulkanischen Eifclbcrge zum Kloster des hl. Benedikt am Laacher See.
Vulkane schufen das Rheinbeckcn weithin, Vulkane schufen die springenden Brunnen der Heilsprudel ringsum, und in das vulkanische Land zog die stille, arbeitsame Brüdergemeinde der Herrnhuter und schuf der Stadt Neuwied ihr geruhiges, arbeitsfrohes Ansehen.
Wieder haltet eure Herzen fest! Wohin zuerst mit dem Blick, der in Herrlichkeiten ertrinkt? Ja, K o b l e n z ist es, an Rhein und Mosel gelegen und noch gegenüber die Mündung der Lahn! Koblenz mit dem Deutschen Eck zwischen Moselmündung und Rhein, dem still dahinreitenden greisen Gründer des neuen Deutschen Reiches, Wilhelm I. Und hart gegenüber der mächtige Bergkegel mit der Feste Ehrenbreit- stein, ein Rufer zur deutschen Sammlung. Blutjung verstarb zit Koblenz im Jahre 1817 der Regierungsrat Max von Schenkendorf, der Frühlmgèsänger deutscher Freiheit.
Und cs öffnet sich das Tal' der Mosel, Weinland, wohin der Blick dich führt, und du spürst Trier., die römische Kaiserstadt, die zur deutschen Greuzwacht wurde gegen den westlichen Nachbarn und ins unerlöste deutsche Saarland schaut.
Hub es öffnet sich das Tal der Lahn, einen Sprung nur, und du hast E m s erreicht, die ruhmreiche Bäderstadt, einen
Sprung nur, und du stehst in Bqd Nassau, stehst vor dem Geburts- und Wohnhaus des Freiherrn von und zum Stein, des größten deutschen Staatsmannes und Wiederherstellers des preußischen Staates in napoleonischer Zeit, kein Mensch auf Erden glühender vom Korsen gehaßt und verfolgt beim er. Ach, es lohnt sich, in unseren Tagen den Rhein zu befahren.
Und wir fahren, wir fahren! Jeder Ort, jeder Berg, jede Burg ein Name, jeder Name eip^Gedicht. Ueber Braubach stößt die M a r k s b u r g ihren Turm wie einen Speer- schaft in den Himmel, über dem Wallfahrtskloster streiten sich oie Burgen der „Feindlichen Brüder", das weiße Boppard ruht im Früchtesegen, in Sankt Goar duften die Gassen nach Wein wie zu Geibels Zeiten, als er sein erinnerungsschweres Lied sang „Ich fuhr von Sankt Goar..." Und nun die Lorelei; die Wasser des Rheins springen empor, und von den vorübergleitenden Schiffen tönt Mcnschensang: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin...?"
Tut es die Fülle der Schönheit, bereit reichstes Maß du hier findest? An O b e r w e s e l hängt sich dein Herz und an die uralte Wernerkirche. An die stromumrauschte Pfalz bei C a u b, und du siehst in der Silvesternacht 1813/14 Blücher über die hastig geschlagene Schiffbrücke reiten, den Erbfeind Napoleon zu erlegen. An Bacharach, dem zauberschönen, vorbei. Ach, und an Aßmannshausen, dem fröhlichen Zechernest aller Dichter und Künstler, und an R ü d e s h e i m zu Füßen des Niederwaldes, von dem die „Germania" Ausschau hält über das Kleinod des Rheins, den Rheingau.
Rheingau! Die edelste aller Weinkarten glaubst du zu lesen, wenn in rascher Folge die Ortsnamen über den Landungsstegen aufblitzen: Geisenheim und Winkel, Hattersheim und Eltville und hunderte dazu. Die Weinschlösser Johannisberg, Vollrads, Rheinhartshausen. Und tief in den Rebenhügeln Kiedrich und Kloster Eberbach, der preußischen Domäne vornehmste Kellerei der Steinberger, Rauentaler, Markobrunner Edelweine.
Bingen lagert sich die Höhe hinan, die Burg Klopp trägt, dem vierten Kaiser Heinrich von seinem ungeratenen Söhne zum Gefängnis erkoren. Darunter schäumt der Rhein- strom wild durch das Binger Loch. Hier, so fingt das Nibelungenlied, versenkte Hagen von Tronje den Schatz der Nibelungen und verfluchte ihn. Sanft ergießt sich die Nahe in den Rhein und plaudert von den Gesundbrunnen zu Kreuznach und Münster am Stein. Und von schmaler Jnselzunge grüßt des Bischofs Hatto Mäuseturm und versucht, dich das Gruseln zu lehren. Vergeblich. Der goldene Wciu nimmt alle Hemmungen wie ein Rassepferd die Hindernisse.
Vom Schloß der letzten Nassauer Herzöge zu Biebrich führt schnurgerade die Straße zum deutschen Weltbad W i^e s- baden. Wenn du im Kurhaus niedersitzcst ober im Park, von blendenden Feuerwerkskünsten umwogt, glaubst du zu Babel zu sitzen gu Zeiten des Turmbaus, denn alle Sprachen der Erde fingen und klingen in deinem Ohr. ~
Die Wellen des Rheins rauschen auf unter unserem Schiff. Mainz! Das goldene Mainz war am Rhein, bevor die Römer an den Rhein kamen. Und Jahrtausende hindurch ließ sich der Mainzer Bürgerstolz das Erstgeburtsrecht nicht schmälern. Ueber Drusus hat Mainz das Grab gewölbt, und Gutenhcrgs Wiege hat cs geschaukelt. Sein Schönstes, sagt man, sei sein Dom. Mich aber will dünken, als sei cs ein Grab im Dom, als sei es die Gruft Heinrich Frauenlobs, des geliebten Dichtermannes, den die Frauen von Mainz auf ihren Händen zu Grabe trugen. Kein seliger Schicksal als seins.
Wir fahren, wir fahren! 21(5 könne die Schönheit bcr Natur und der Jahrtausende kein Ende nehmen. Feierlich läuteten die Glocken von Worm s. Durch preußische und hessische Hoheitsgebiete fuhr unser Schiff. Nun grüßen wir badisches Uferland. Vor uns M a n n h e i m , der große Um- j2,taghafen an Rhein und Neckar; hier brachte Schiller „Die Räuber" zur Aufführung und setzte Tausende von Herzen in Brand. Eine Brücke schwingt zum andern Ufer. Bayerisch das Land. Ludwigshafen, die Stadt. Gemeinsame- Wollen, gemeinsames Schaffen vcrivischt die Gretizen. Nur ein paar Wegmeilen sind es nach Alt-Heidelberg, der feinen, darin die Becher läuten, nur ein paar Wegmeilen nach Speyer, der stillen Hauptstadt der bayerischen Rheinpfalz. darin die Glocken läuten, und wenn ihr Hinhorcht, läuten sie köstliche Pfalzweinnamen. Aus dem Badener Land kommt der Rhein geströmt, hindurch zwischen dem badischen Städtlein Kehl und der alten Stadt Straßburg, die sie heute „Strasbourg" bencuucn. Ein Alphorn hör' ich klagen... Und an der Südecke des Badener Landes, am Knick bei Basel, heißt er der junge Rhein und stürmt dahin über Stock und Stein in unbändiger Jugcudkraft, vorüber an den vier Wald- städten Badens: Rheinfelden, Säckingcn, bcr Trompeterstadt, Laufenberg und W a l d s h u t, die sich seine Jngcndkraft zunutze machen zum Heil ihrer Menschen.
Längst stiegen wir vom Schifflcin ab. Fern über dem Bodensee leuchtet in ewigen Alpen die Heimat des Rheins. Unsere Wallfahrt ist zu Ende. Kehrt heim und predigt von dem deutschen Heiligtum, woher ihr auch gekommen seid!
Vermischtes
Ziffer und Zahl. Seit einiger Zeit scheint vielen das gute alte Wort „Zahl" nicht mehr zu gefallen, sie ersetzen es durch das Wort „Ziffer". So kann man fast täglich lesen von Arbeitslosenziffern, von Anmeldungs-, Uebernachtungs-, Außeichandels-, Verbrauchs-, Produktions-, Auflage- und anderen Ziffern. Sogar die Bildungen: Ric- senziffern, ungeheuerliche Ziffer, Millionen-, Akilliardenziffern, Schluß-, Gesamt-, Höchstziffer findet man nicht selten. Zucht nur die Tagespreise schreibt so; der Mißbrauch dringt auch in die wissenschaftlichen Zeitschriften und in Bücher ein. Da steht in den „VDI-Nachrichten" vom 30. 4. 1930: Die Ende März d. I erreichte Ziffer von 3.27 Mill. Br.-R.-T. bedeutet an sich eine Höchstziffer. Oder die „Umschau" 1928, S. 172, schreibt von „Mitteln in der Höhe von mindestens einer sechsstelligen Ziffer". In der „Deutschen Wirtschaftskunde", S. 330. ist von Vorkriegsziffern, in dem Buche „Das Ende des Kapitalismus" von Fried von Bevölkerungsziffern und von einer Ziffer von 7.5 Millionen die Rede. Die besonders schöne „sechsstellige Ziffer" kehrt in den Bedingungen für den allgemeinen Jdeenwcttbcwerb zur Ausgestaltung des Reichsehrenmales bei Berka wieder: Arbeit und Umschlag sind durch eine übereinstimmende sechsstellige Ziffer zu bezeichnen („BDZ Zkachr." 2b. 8. 1931). Ziffern sind die Zeichen für die ersten neun Zahlen 1 bis 9, zu denen noch die 0 als Zeichen sür das Fehlen einer Einheit tritt. Aus diesen zehn Ziffern setzen wir in unserer Zahlenordnng alle anderen Zahlen, beliebig große und, mit Hilfe des Beistrichs, auch beliebig kleine auf die bekannte Art zusammen. Richtig ist also z. B. folgende Verwendung des Wortes Ziffer: Im Eisenbahnkursbuch stehen auf jeder Seite ungefähr 2000 Ziffern. Richtig ist auch der Satz aus der Rechenlehre: Die Quersumme einer Zahl ur tue Summe ihrer Ziffern. Dagegen sollte man überall, wo es HÄ um cr= gebnissr von Zahlungen handelt, nicht von Ziffern reden, janvernn- Zahlen. Riesenziffern, Gesamt-, Höchstziffer, mehruellige -hher i o die Lachmuskeln. Auch bei Erwerbsloscnziffern und ■ “ji’1?™ ^ kann man sich trotz dem zugrundeliegenden Sachverhalt "^ ?slf)icit nicht erwehren, wenn man an die lieben - um ^Ä-l •„ y öjc denkt, die dabei gemeint sind. Man bat -^e ö Gesamtheit der alliierten Ansprüche m den.» tniditiqe „Index- Ziffer zusammenzupresse-,"! Die Ziffer" könnte richtiger, kurzer und deutsch, ,„ ■ ^^ Günther.
Deutsch" Sprachverri»,