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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 174 1932

Fulda, Mittwoch, 27. Juli

9. Jahrgang

Schreckliches Schiffsunglück in der Ostsee.

Segel-Schulschiff der deutschen Reichsmarine im Fehmarn-Belt im Sturm gekentert und untergegangen. 69 Seeleute hat dieNiobe" wahrscheinlich mit in die Tiefe gerissen.

Die erste Schreckensnachricht: Gestern nach­mittag 14.30 Uhr ist das S e g e l s ch u l s ch i s fNiobe" der Reichsmarine in einer Gewitterbö bei Fehmarn- Belt-Feuerschiff gekentert. Die Boote des Feuerschiffs haben sich sofort an die Unfallstelle begeben. Auch der DampferTherese Rust" meldet seine Ankunft an der Unfallstelle und ferner, daß er 40 Gerettete an Bord habe. Die Rettungsarbeiten der Reichsmarine sind im Gange.

Amtlich wird mitgeteilt: SegelschulschiffNiobe" der Reichsmarine ist gestern nachmittag östlich Fehmarn- Feuerschiff in Gewitterböen gekentert. An Bord befanden sich etwa 100 Mann, von denen 40 bis jetzt von einem Dampfer gerettet sind. Weitere Rettungsdampfer find an der Arbeit. Eine Anzahl Schnellboote und Kreuzer Köln" sind an die Unglücksstelle beordert.

Der

derAivbe".

KreuzerKöln" am Unfallsort.

. Zur Hilfeleistung für das gekenterte Segelschulschiff Niobe" sind die KreuzerKönigsberg" undKöln" sofort zur Unfallstelle entsandt worden. Auf dem Kreuzer Königsberg" befindet sich der Inspekteur des Bildungs- Wesens, Konteradmiral Kolbe.

Der KreuzerKöln" ist bereits vor derKönigsberg" anr Unfallsort derNiobe" eingetroffen. Der deutsche DampferTherese Ruß" traf mit den 40 Geretteten gegen 22 Uhr in Kiel ein. Die Unfallstelle liegt eine Seemeile östlich vom Fehmarn-Feuerschiff.

Den Hergang des Unglücks kann man sich in Marine­kreisen kaum erklären. Es besteht nur die eine Möglich­keit, daß eine plötzlich vom Lande her anrollende Gewitter­ dieNiobe" erfaßt und niedergedrückt hat, ehe es ge­lungen war, die vollaufgebrachte Leinwand zu bergen. Nur so ist das Unglück des Schulschiffes denkbar.

Das SchulschiffNiobe"

ist eine 650 Tonnen große dreimastige Schonerbarke mit Motor, die 1899 auf der Weserwerft in Bremen gebaut wurde und nach gründlichem Umbau in den Jahren 1922 und 1923 von der Reichsmarine als Schulschiff für See- kadetten und seemännische Unteroffizierschüler in Dienst gestellt wurde. Es ist 46 Meter lang, 9,2 Meter breit und hat 4,8 Meter Tiefgang.

Ueber den Hergang des furchtbaren Unglücks und die Erfolge der Rettungsarbeiten erfahren wir noch folgendes: Der KreuzerKöln" hat jetzt die von dem DampferTherese Rust" geretteten Ueberlebenden der Riobe" an Bord genommen. Außer dem Kommandanten ist ein weiterer Offizier, Oberleutnant zur See Lott, ge- rettet. 6 9 Schiffsangehörige werden ver - m i ß t. iie entsandten Flugzeuge sind nach Kiel zurückge­kehrt, ohne eine Spur der Vermißten zu finden.

Die Ostse estati on Kiel teilt u. a. mit: Die Niobe" passierte gestern um 14 Uhr Fehmarn-Belt-Feuer- schlff mit südöstlichem Kurs in einem Abstand von einer halben Seemeile. Windstärke 23. Da im Süden über Fehmarn Gewitterwolken hochzogen, ließ der Kom­mandant die oberen Segel von einer Wache bergen, wäh­rend die anderen Wachen unter Deck Unterricht hatten. Nach dem Bergen der Segel

setzte plötzlich eine sehr starke ein, in der sich das Schiff in ganz kurzer Zeit auf die Seite legte und innerhalb weniger Minuten sank.

Bei dem plötzlich so stark iiberliegenden Schiff war es dem unter Deck befindlichen Teil der Besatzung nicht mehr mög­lich. an Deck zu kommen. Sie müssen mit dem Schiff in bie Tiefe gegangen sein. Kapitän Müller von dem Hamburger DampferTherese Rust" teilte dem Ver­treter eines Nachrichtenbüros über den Untergang des Schulschiffes u. a. mit:Die Stärke der schätze ich auf 9 Sekundenmeter. Die Sicht war getrübt. Mit Hilfe eines Motorbootes gelang es uns, 40 im Wasser Treibende, darunter den Kommandanten, zu retten. Wir haben dann mehrere Stunden an der klnfallstelle gekreuzt, ohne daß es uns gelungen wäre, weitere Schiffbrüchige zu retten." Jin Augenblick der Katastrophe mußten nad) Ansicht des Kapi­täns auf derNiobe" sämtliche Luken geöffnet gewesen sein, so daß das Schiff j m Augenblick voll 7 < * U * , ' ""d den zum großen Teil unter Deck befind­lichen Befatzungsmltgliedern der W eg i n bi e Freiheit abgeschnitten wurde.

DieNiobe" befand sich auf einer Ausbildungsreise und war gestern in See gegangen mit dem Ziel Warnemünde. Sie sollte Mitte September in ihren Heimathafen Kiel zuruckkehren. Kommandant war Kapitänleutnant Ruh- fuß. DieNiobe", die erst nach dem Kriege in Dienst ge­stellt worden war, hatte als ersten Kommandanten den be­kannten Grafen Luckner. DieNiobe" kreuzte gewöhnlich

in den Gewässern der Ostsee; sie hat wiederholt skandi­navische Häfen, einmal auch den spanischen Hafen Santan­der besucht.

Der C h e f d e r M a r i n e l e i t u n g, Dr. h. c. Rae­der , hat sich von seinem Urlaubsaufenthalt aus nach Kiel begeben.

Die Untersuchung

über den Untergang derNiobe". Kein Verschulden des Kommandanten oder der Besatzung.

Kiel, 27. Juli. (Eigene Funkmeldung.) Die Admirale Albrecht und Kolbe haben gestern am Ort des Untergangs derNiobe" im Fehmarn-Belt die Untersuchung über die Katastrophe geleitet und dabei festgestellt, daß nie­manden, weder den Kommandanten noch irgend ein Be- satzungsmitglied eine Schuld an dem Untergang derNiobe" trifft. Die Gewitterbö, die dem Schiff zum Verhängnis wurde, traf mit so plötzlicher Stärke ein, daß das auf der Seite liegende Schiff durch kein Manöver wieder aufgerichtet oder an den Wind gebracht werden konnte. Die Ereignisse haben sich in Bruchteilenvon Sekunden abgespielt, wofür auch zeugt, daß der Befehl des Kommandanten, Schwimmwesten anzulegen und die Boote klar zu machen, nicht mehr befolgt werden konnte. Die Darstellung einer Kieler Zeitung, daß dieNiobe" zu viel Segel gesetzt habe, wodurch der Unfall hervorgerufen wor­den sei, trifft nach den Ermittlungen der Reichsmarine nicht zu.

Eine bedeutsame Rede des Wehrministers

Von Schleicher über die Reichswehr.

Reichswehrminister General von Schleicher sprach zum erstenmal im Rundfunk. Es war zugleich die erste Rede, die der General seit der Übernahme des Rcichs- wehrministeriums an die Ls.entlichkcit richtete. Er begann seine Ausführungen mit folgenden Bemerkungen, die, wie er sagte,einem Teil der Hörer eine gewisse Enttäuschung bereiten": Ich bin

kein Freund des militärischen Aus­nahmezustandes

und ich bin erst recht kein Freund von Militärdiktatur, und das nicht etwa obwohl, sondern weil ich Minister für die Wehrmacht bin. Zwei Tinge sind dem Soldaten besonders unsympathisch: als Polizist verwendet und in die Politik hineingezogen zu werden. Beides aber läßt sich beim militärischen Ausnahmezustand nicht vermeiden. Deshalb habe ich mich auch dafür eingesetzt, daß der zu einem be­stimmten Zweck über Berlin und Brandenburg verhängte Ausnahmezustand so bald als möglich wieder aufgehoben wurde.

Der Minister zitierte dann seine kurze Erklärung an die Armee anläßlich seines Amtsantritts, deren Hinweis auf die Zukunft ihn von einem Teil der Linken übel­genommen worden sei, da doch in den vergangenen Jahren alles geschehen sei, um das Ziel

Deutschlands Grenzen zu schützen und die nationale Sicherheit zu gewährleisten

zu erreichen. Das hat mich ehrlich erstaunt. Es hat mir wieder gezeigt, wie gern und leicht der Deutsche sich Illu­sionen hingibt, zumal wenn cs ihm in seine Parteirich- tung paßt. Die nackte Tatsache ist doch die, daß kein anderes europäisches Land in so geringem Maße die Sicherheit besitzt, nach der, so paradox es klingt, gerade die stärkste Militärmacht der Welt unaufhörlich ruft. Diese

Haltung unseres westlichen Nachbarn

hat der Minister Stresemann, dem man doch wirklich keine Voreingenommenheit gegen das Land seines Verhand­lungspartners Briand nachsagen kann, seinerzeit mit Heuchelei" bezeichnet, und ich glaube, daß es in Deutschland nur wenig Menschen geben wird, die dem nicht zustimmeu.

Nur manchmal läßt man auch in Frankreich die Katze aus dem Sack.

Zum Beweis dessen zitierte der Minister die jüngsten Äußerungen des Generalberichterstatters des französischen Staatshaushalts über eine Besichtigung der neuen fran­zösischen Befestigungen, die, wie der Berichterstatter sagte, völlige Sicherheit gäben und denen kein Gegner wider­stehen könne. Man vergleiche diesen Bericht mit dem Ver­halten und den Anträgen der französischen Abordnung in Genf. Eine treffende Kennzeichnung dieses Verhaltens verbietet mir meine internationale Höflichkeit. Wohl aber fordern derartige Tatsachen immer aufs neue den Ver­gleich mit der völligen Unsicherheit Deutschlands heraus. Wie könnte Deutschland Sicherheit bekommen? Theoretisch auf zwei Wegen: 1. Indem die Mächte bis auf unseren Rüstungsstand abrüsten, wozu sie rechtlich und moralisch verpflichtet sind.Wann ist ein Schlachtschiff eine Verteidigungswaffe?" wurde einmal gefragt.Wenn cs die britische oder amerikanische Magge führt", lautete

Wie bekannt wird, sind bereits Verhandlungen wegen einer Hebung derNiobe", die in etwa 20" Meter Tiefe liegt, im Gange.

Die Eeretten derNiobe". Reichsmarine flaggt Halbmast.

Kiel, 27. Juli. (Eigene Funkmeldung.) Die 40 Ueber- lebenden derNiobe" sind heute in den frühen Morgen­stunden an Bord des KreuzersKönigsberg" nach Kiel ge­bracht worden und befinden sich jetzt in der Wiker Kaserne. Ihr Befinden ist zufriedenstellend. Die Suche nach den Vermißten wird an der Unfallstelle durch den Kreuzer Köln" fortgesetzt. Wie eine Nachfrage bei dem Hafen­meister von Rudby (Dänemark) ergab, muß jetzt auch die Hoffnung, daß noch einige der Vermißten durch dänische Fischerboote gerettet wurden, bzw. das Land, das dort nicht allzuweit von der Unfallstelle entfernt ist, schwimmend er­reichen konnten, aufgegeben werden.

Nach einem Befehl der Marineleitung wird heute die gesamte Reichsmarine zur Trauer Halb- m a st flaggen.

Braunschweig flaggt Halbmast.

Das Braunschweiger Staatsministerium hat angeordnet, daß am heutigen Tage aus Anlaß des Untergangs der Niobe" die Staats- und Dienstgebäude im Lande Braun­schweig Halbmast flaggen.

die Antwort eines anderen Sachverständigen. Ich glaube, diese spöttischen Worte sagen mehr als die schönsten diplo­matischen Formen, die den katastrophalen Mißerfolg der Abrüstungskonferenz verdecken wollen. Wir können 2. die Sicherheit erreichen, indem wir unsere Wehrmacht so um­bauen nicht ausbauen, daß sie uns wenigstens ein gewisses Maß von Sicherheit gibt.

Neichswehrministcr von Schleicher kam in seiner Rede sodann auf die Stellung der Reichswehr zur Politik zu sprechen. Er habe sich seit Bestehen der Reichswehr stets für die Entpolitisierung der Wehrmacht eingesetzt.

Der Minister betonte, daß, solange er an seiner Stelle stehen werde, er cs nicht zulasten werde, daß die Wehrmacht ihre übcrpartcilichkeit aufgebc. Er werde cs auch nicht dulden, daß die Wehrmacht ihre Stellung im Staate mit irgend jemand teilt und daß sich private Organisationen gesetzliche Funktionen der Wehrmacht an maßen würden.

Der Minister begrüßte in diesem Zusammenhang die Ausführungen des Führers der Nationalsozialisten in Berchtesgaden vor seinen SA.-Führern, die sich mit seinen Ausführungen über die Stellung der Wehrmacht im Staate deckten.

Minister von Schleicher kam sodann auf

die verschiedenen politischen Verbände

zu sprechen. Er führte u. a. aus: .Ich müßte ein schlechter Wehrminister sein, wen nid) mich nicht über jeden jungen Deutschen, der durch körperliche Übungen, durch Ertragen von Strapazen und vor allem auch durch freiwillige Disziplin seinen Charakter stählt Menschen, die dafür kein Verständnis haben, können nicht das Hochgefühl von jungen Burschen, die ihrem Körper etwas Außerordent­liches abgewonncn und das erstemal ihren inneren Schweinehund ganz besiegt haben.

Ich weiß natürlich ganz genau, daß in den Verbänden auch mancherlei Dummheiten und Übertreibungen vor- gekommcn sind und noch vorkommen. Tas zu tadeln und Anstoß daran zu nehmen, haben aber diejenigen am wenigsten Berechtigung, die mit dem Vertrag von Ver­sailles uns die allgemeine Wehrpflicht genommen haben und uns durch Reparationen und andere wirtschaftliche Diktate die ungeheure Arbeitslosigkeit verschafft haben. Diese hohe Arbeitslosigkeit und das Aufhören der all­gemeinen Wehrpflicht hätten wir nicht, wenn wir nicht die Inflation der Verbände mit deren völliger Unbrauchbar­keit bei kriegerischen Verwicklungen hätten. Das wird jetzt sogar außer in Frankreich von führenden Persönlichkeiten der ehemaligen Feinbundmächte anerkannt.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Für die Instandsetzung von Altwohnungen sind als Zins» Zuschuß des Reiches fünf Millionen bereitgestellt worden.

* Der dculsche Flieger v. Gronau ist auf seinem Amerckafiuge in Labrador gelandet. Der Weiterflug fuhrt über Kanada nach

* Das Schulschiff der deutschen ReichsmarincNiobc" iit gestern in der Ostsee mit 69 Personen °" ?^ unterfangen. Die Bergungsarbeit zur Bergung derNrobe hat begonnen

* Rcichsw-Hrminister Schleicher sprach gestern abend im Rundfunk über die Aufgaben der Reichswehr.