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Fuldaer Anzeiger

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Nr. 155 1932

Fulda, Dienstag, 5. Juli

9. Jahrgang

Sieben Wochen im australischen Wsch.

I Wie die Flieger Bertram unb ; KlailSMM ausgesukidea wurden.

In einem Eingeborenenlager entdeckt.

Einer in Melbourne eingetroffenen Meldung aus Wynd h a m zufolge sind die beiden seit sieben Wochen vermißten deutschen Flieger Bertram und Klaus- m a n n lebend und wohlauf in einem Eingeborenenlager bei Kap Bernier gefunden worden. Kap Bernier liegt etwa 30 Kilometer westlich von dem Platze, an dem die Flieger seinerzeit notgelandet sind. Eine Polizciabteilung unter Führung des Polizcisergeantcn Marshall, die über Land vvrgcdrungen war, hat das Eingcborcnenlagcr er­reicht. Eine Barkasse aus Wyndham wird die deutschen Flieger abholen. Sic dürftest am Mittwoch in Wyndham i eintreffen. Die Meldung aus Melbourne wird durch ein bei den Junkerswerken in Dessau cingelaufcncs j Telegramm der beiden Flieger bestätigt.

i Nach den bisherigen Meldungen hatten die Flieger auf einem von ihrem Ganzmetallflugzeug abgebauten i Schwi m mer versucht, aus der westaustralischen Wild- nis heraus eine Ansiedlung zu erreichen. Das ist ihnen gelungen. Wie aus ihrem Telegramm weiter hervorgeht, sind beide Seeflicgcr zu ihrer MaschineAtlantis" zurück- gekehrt und haben diese geborgen.

Seit dem 17. Mai verschollen gewesen.

Bertram und sein Bordmonteur Klausmann wurden seit dem 17. Mai vermißt. Sie hatten am 14. Mai mit dem WasserflugzeugAtlantis" B a t a v ia verlassen und woll­ten nach Port Darwin fliegen. Als nach Tagen keine I Nachricht von ihnen eintraf, veranlaßten die australischen

und holländischen Behörden umfangreiche Suchexpedi- tionen, die mit Flugzeugen und schnellen Zerstörern aus­gesandt wurden. Alle Nachforschungen aber waren ver­gebens, und man rechnete schon damit, daß die beiden deutschen Flieger ertrunken oder in dem gefährlichen Küstengebiete Australiens auf irgendeine andere Weise umgefommen waren, zumal man mehrere Gegenstände aus dem Besitz Bertrams und später an einer Flußmündung das von den Fliegern verlassene FlugzeugAtlantis" auf­gefunden hatte.

Die furchtbaren Leiden der Flieger.

Jetzt erführt man, daß die beiden Flieger nach einem stürmischen Nachtflug wegen BenzinmaNgels hatten landen müssen. Sie trieben dann mit ihrem Schwimmer, den sie als Boot verwendeten, zwei Wochen lang o h n e W a s s e r u n d L e b e n s m i t t e l in der Timorsce. In einer stür­mischen Nacht wurden sie an die Küste geworfen, wobei ihr Schwimmer zerschellte.

Nach einem Robinsonleben von mehreren Wochen, bei dem sie sich von M u s ch c l n u n d L a u b nährten, wurden sic vollständig erschöpft

von zivci australischen Buschncgcrn entdeckt. Da die beiden hilflosen Flieger nicht mehr gehen und stehen konnten, alarmierte einer der beiden Eingebore­nen ein von der australischen Regierung ausgesandtes Suchkommando, das aus Wyndham weitere Hilfe hcrbeiricf.

Brot! Brot! Brot!" waren die einzigen Worte, die die Flieger hervorbringen konnten, als sie den Führer des Suchkommandos, Con-

Die Kluft in Lausanne.

Ehre gegen Eitelkeit.

Ein nicht sehr erfreulicher Kampf mit Zahlen hat in Lausanne eingesetzt. Aber es hat den Anschein, daß be- sonders für Herriot nicht so sehr die Höhe der von Deutschland in die Wiederaufbaukasse zu zahlenden Summe im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern daß dahinter die A u f r c ch t c r h a l 1 u n g de sP refft» g e ë" Frankreichs die Hauptrolle spielt. Dreier Prestige", ein französisches Wort, für das cs Vezelch- nenbermeife feine deutsche uber^ning gibt, wen stets in der französischen Geschichte ein ausWaggelnubcs Mo­ment und bedeutet etwa die ünumgangUche Rücksichtnahme auf die französische Nationalelf el feit, tiefer Forderung muß Herriot setzt doppelt nachzukommeu fachen, da ihm in seinem Kabinett ernst Schwierig eite drohen. Zwanzig Abgeordnete der Radlkalsoziallstlschen Partei, also der Partei des Ministerpräsidenten, haben im Finanzausschuß gegen die Finanzvorschlage der R?- gierung gestimmt. Diese Scharte muß Herrlo auszuwetzen suchen und Lausanne soll ihm dazu erwünschte Gelegen­heit geben. Sein Bestreben, von hier einen möglichst g r o ß c n Erfolg mit nach Hause zu bringen, macht ce wahrscheinlich, daß er mit verstärkter Hartnäckigkeit aus seinen Forderungen bestehen wird. Wag die Welt unter» gehen, wenn nur das französische Prestige gerettet wirb. Nach französischen Mitteilungen hat deyn auch Herriot die französische Delegation von Paris aus angewiesen, an den bisherigen Forderungen auf der für Deutschland un­tragbaren Beteiligung an der Wiederaufbaukasse mit v i e r Milliarden Wart f c st z »halten und m den übrigen Punkten von dem ursprünglichen Gläubiger- Vorschlag" nicht avznweichcn.

In Konferenzkreisen besteht aber der Eindruck, daß man sowohl, auf frgnj oft scher tpie_ auf englischer Seite

stablcr Marshall, erblickten. tzNarshall war von dem Anblick der beiden, denen die Kleider in Fetzen vom Leibe hingen, so erschüttert, daß er in Tränen ausbrach. Er stellte fest, daß Bertram und Klausmann nach ihrer Lan­dung die ganze Zeit

in einem Umkreis von 18 Kilometer

um ihr Flugzeug herumgeirrt waren. Einmal erblickten sie in einer Entfernung von kaum zwei Kilometer einen Dampfer, dem sie sich durch Signale und durch Schreien bemerkbar zu machen suchten, aber das Schiff fuhr vorüber, ohne sie bemerkt zu haben. Das war ihre letzte Ent­täuschuna.

Die beiden deutschen Flieger Bertram (links) und Klausmann (rechts).

Dumpf brütend sanken sie hinter einem Steinhausen nieder und erwarteten den Tod. In dieser Lage wurden sic a in 2 6. I u n i von den beiden Eingeborene^gesunden. Die Buschneger gaben ihnen alles, was sie an Nahrung bei sich hatten: getrockneten Fisch und Känguruhfleisch. K l a ü s m a n n, der sich nach den furchtbaren Entbehrun­gen rasches: erholte als Bertram, berichtete: daß sie zuletzt nichts mehr gesehen und gefühlt

hätten. Sogar ihr Geruchssinn habe den Dienst versagt, und ihre Augen hätten ihnen allerlei Trugbilder vor- gegaukelt.

In R e m s ch e i d , der Heimat Bertrams, hat die Nachricht von der kaum noch erhofften Rettung der Flieger großen Jubel hervorgerufen.

Bertram, der kühne Flieger.

H a n s B c r t r a in , der 27 Jahre alt ist, will, sobald er und sein Flugzeug wiederhergestellt sein werden, den Expeditionsflug fortsetzen. Der Zweck des Fluges ist, deutsche Jndustrieproduktc im Auslande zu zeigen und neue Absatzquellen zu suchen. Der Flug begann a m 2 7. Februar in Köln und führte über Friedrichs­hafen, Alpen, Lugano, Venedig, Athen, Alcxandrettc, Syrische Küste, Buschir, Bombay, Ceylon, Kalkutta, Ran­gun, Bangkok und Batavia. Hier blieben zwei Flug­teilnehmer, der Filmoperateur Lagorio und der zweite Flugzeugführer Thom, zurück. Es sei noch bemerkt, daß Bertram im Herbst des vergangenen Jahres auf einem Fluge nach Ch ina an der Ostküste Indiens im Monsunsturme alles bis auf das nackte Leben verloren hatte.

einen erfolglosen Abbruch der. Konferenz vermeiden will. Aus finanz- und handelspolitischen Gründen halt man eine Vertagung der Konferenz für völlig untragbar. Die gesamte internationale Lage wirkt sich zweifellos günstig für den deutschen Standpunkt aus, da die Gläubigermächte unter dem außerordentlich starken Dr uck ' der gesamten Wirtschaftskrise stehen und in den maßgebenden finanziellen Kreisen der Gläubigermächtc dringend eine endgültige Regelung der Tributfrage gefordert luirb. Ein Abbruch der K onferenz, der bereits mehrfach im Laufe der letzten vierzehn Tage unmittelbar bevorstand, ist nur aus diese» Gründen vermieden worden.

Deutschland muss fest bleiben, dann wird sich auch der Kampf zwischen Ehre und L c b c n auf deutscher Seite und W a d) t b u n g c r unb Eitelkeit auf franzö­sischer Seite zu Deutschlands Gunsten entscheiden; aber s ch w c r c P r ü fungen der beut s ch c n S t a n b» Hastigkeit stehen noch bevor. Eine wirkliche Grund­lage für eine Verständigung ist noch nicht gefunden und sie kann nur dadurch gefunden werden, daß unsere Gegner Weitere Z n g e st ä n d n i s s c machen.

*

Der Endkamps.

Der deutsche Standpunkt in Lausanne schriftlich b a r g e l c.g t.

Reichskanzler von Papen hat in Lausanne dem Präsidenten der Konferenz, Macdonald, ein Schreiben überreichen lassen, in dem der Stand­punkt der deutschen Abordnung zu dem Gläubigervorschlag schriftlich dargelegt wird. Das Schreiben enthält eine zusammenfassende Darlegung der

Auffassung, die die deutschen Vertreter in den gesamten Verhandlungen der letzten Tage dem Gläubigervorschlag gegenüber dargelegt hatten, und umschreibt noch einmal den grundsätzlichen deutschen Standpunkt in den zur Verhandlung stehenden Hauptfragen.

Die vertraulichen Verhandlungen zwischen den Gläu­bigermächten über die deutschen Gegenäußerungen zu dem Gläubigervorschlag begannen sofort. Es fand zunächst eine Unterredung zwischen Macdonald und Germain Martin statt, an die sich eine geheime Sitzung der fünf Gläubigermächte anschloß.

Man vertritt in maßgebenden englischen Kreisen die Auffassung, daß die von Deutschland ver­langte völlige Streichung des Teiles VIII des Versailler Vertrages (der Tribute und Kriegsschuldlüge, zu erreichen sei, weiter, daß in der Frage des Zusammen­hanges zwischen den interalliierten Schulden und der Tributfrage der deutsche Standpunkt Berücksichti­gung finden könnte ja, daß auch ein Entgegenkommen in der Frage der endgültigen Bedingungen für die Ausgabe der Bonds und der finanziellen Beteiligung Deutschlands an der W i e d e r a u f b a u k a s s e möglich sei je­doch stößt die endgültige Festsetzung der Höhe dieser finanziellen Beteiligung Deutschlands auf große Schwie­rigkeiten, da die französische Regierung an der bisherige» Höchstgrenze von 4 Milliarden festhält und es nach eng­lischer Auffassung außerordentlich schwierig ist, die fran­zösische Regierung von dieser Höchstsumme abzubringeu.

Man befürchtet in englischen Kreisen, daß eine weitere Verminderung dieser Summe neue außerordentlich ernste

Schwierigkeiten für das Kabinett Herriot schaffen könnte. Die weitere Vermittlertätigkeit Macdonalds in dieser Frage stoße auf große Schwierigkeiten, da alle bisherigen Vermittlungsvorschläge deutscherseits mit un­gewöhnlicher Schärfe und Hartnäckigkeit abgelehnt worden seien und daher die Vermittlungstätigkeit Macdonalds jetzt nahezu erschöpft sei.

Jedoch ist diese englische Darstellung der Lage zweifel­los rein taktisch zu bewerten. Die Engländer haben offen­bar die Absicht, einen

Druck auf die dcutscheRegierung aus­zu ü b e n.

Der E n d k a m p f um die vollständige Regelung der Tributfrage hat damit in voller Schärfe eingesetzt. Herriot, der ursprünglich erst am Mittwoch zurückkehren wollte, wird im Hinblick auf den Stand der Besprechungen bereits Dienstag wieder in Lausanne cintreffen.

Oie Betreuung der Gchulenilassenen.

Bei Minister H i r t s i e f e r in seiner Eigenschaft als stellvertretender Ministerpräsident sprachen die Ver­treter der drei S P i tz e n g e w e r k s ch a f 1 e n , des All­gemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Gesamtver- bandes der Christlichen Gewerkschaften und des Verbandes der Deutschen Gewerkvereine vor, um ihre Wünsche für eine schulische Betreuung 'der Schulent­las s e n e n , die keine Arbeitsstelle finden können, und der beschäftigungslosen Lehrlinge wie der arbeitslosen an» und ungelernten Jugendlichen vorzutragen. Diese Wünsche gingen dahin, für die Schulentlassenen an den Volks- und Berufsschulen besondere Klassen oderKurse derart einzurichten, daß den verschiedenen Interessen und Veranlagungen der Jugendlichen entsprochen werden kann.

Der'Minister erwiderte daraus, daß in den preußischen Ressorts bereits zu gleicher Zeit Erwägungen nach dieser Richtung hin angestellt seien, und daß er die Wünsche der Gewerkschaften mit Nachdruck fördern wolle. Die Not­lage der Jugendlichen, die bei den heutigen Ver­hältnissen nach der Entlassung aus der Schule kein Unter­kommen finden oder in einer Lehrstelle nicht mehr weiter beschäftigt werden können, erfordere gebieterisch schulische Maßnahmen, denen sich das Staatsministcrium im Rah­men der gegebenen finanziellen Möglichkeiten nicht ver­schließen werde.

Moskau sieht Kriegsgeiahf.

Kalinin über die Aufgabe der russischen Jugend.

Der Vorsitzende des Vollzugsausschusses der Sowjet­union, Kalinin, erklärte in einer Ansprache aus einer Konferenz der kommunistischen Jugend, Rußland brauche den Frieden. Es wolle keinen Krieg führen, sondern alle Kräfte für die Erfüllung des zweiten zünfjahresplancs cinsetzen. , .

Leider aber, so erstatte Kalinin weiter, fet die Kriegsgefahr gegenwärtig sehr bcdroh- 1 i ch. Höchste Aufgabe der russischen Jugend müsse es sein, die Regierung in ihrer wirtschaftlichen und politischen Arbeit zu unterstützen.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die beiden seit sieben Wochen vermißten deutschen %<'<« Bertram und Klausmann sind im australischen Busch lebend aufgejunden worden.

* Bei kommunistischen Untuben in Essen wurden drei Per­sonen getötet.

* Der deutsche Standpunkt zu dem Gläubigervorschlag ist in Lausanne schriftlich nicdergclcgt worden.

Der Wahlkampf zu een Reichstag-mahlen hat allenthal­ben begonnen.