Liska.
Kurzgeschichte von Christiane Mai.
Wie Perlmutter schimmerte das Licht über der Bucht. Frühling atmete leise durch die Luft. Große Flächen des Wassers lagen eisfrei und glatt wie ein Spiegel. Nur zuweilen schoben sich weiße Eisberge durcheinander und tauchten wie fremde Polartiere aus dcu Fluten auf.
Am Ufer wurde das größte und stärkste der Boote zum Aalfang flott gemacht. Mit eintönigen Rufen schoben cs sechs Männer hinaus. Sie standen mit ihren hohen Stulpen im -Wasser.
Dem siebenten, einem Alten mit verkrümmtem Rücken, reichte ein großes braunes Mädchen die letzten Angeln ins Boot. „Gute Heimkehr, Vater!" Ihre Stimme klang wie 'eine dunkle Glocke. Ihre Augen aber sahen brennend nach dem starken blonden Manne, der sich als letzter ins Boot schwang.
„Komm heil wieder, Gerrit!" ricf's von oben, vom Dorf- steig her, der in vielen Windungen die steile Küste herabführte. Ein hellockiges Mädchen lief rasch bis zum Wasser und sandte ein fröhliches Lachen dem Boote nach. Gerrit, der Blonde, winkte, und ein „Horihoi!" wehte zum Strande.
Die Helle Tore und die braune Liska setzten sich eng nebeneinander auf den Kiel eines umgestürzten Bootes. Der Gesang der Männer trieb zu ihnen, lange, lange, denn das Wasser lag ganz still, und die Luft stand nach dem Lande zu.
„Am Sonntag also hochzeitet Ihr?" fragte Liska mit zusammengezogenen Brauen.
„Ja, Liska. Glaubst Du, daß ich vor Freude schon jetzt keine Nacht mehr schlafe?" Und nun begann Tore zu erzählen: vom neuen Hausrat, vom Hofe, den ihnen der Vater gekauft und der hart am Rande der steilen Küste lag, vom Gärtchen mit allem Gesträuch und Geblüh, von dem Hochzeits- staate, vom fröhlichen Schmause mit Vettern und Basen und von all ihrem kindlichen Hoffen und Wünschen.
Liska hielt die Fäuste unter der Schürze geballt. Ihr« Lippen waren schmal wie ein Strich. „Sodann hat er j« olles, der Gerrit", sagte sie hart. „Erzähle mehr!"
„Komm, gehen wir eine Weile auf und ab!" bat Torp „es friert mich." Eine große Unruhe griff unvermittelt nach ihr.
Von draußen tönte noch immer, obwohl sie die Bucht fast verlassen, der Gesang der Männer. Auch war die Sicht ft klar, daß man das Boot genau beobachten konnte.
„Bleib!" befahl Liska, und gehorsam setzte sich Tore wieder zu ihr. „Erzähle mir, ob Du ihn sehr lieben wirst!"
„Aber Liska, wie könnte ich anders!"
„Wir Dunkeln können besser lieben als Ihr Weizenhaarigen. Ihr lacht zuviel."
„Wir lachen zuviel, Liska? Gerrit will, daß ich lache Er lacht ja auch."
„Er lacht anders als Du. Es klingt wie das Rollen der Wellen. Tief und voll und aus dem Innern heraus."
Tore verstand nicht. Sie wollte fort. Es gefiel ihr nicht bei Liska. .
Der Gesang der Männer draußen war mit einem Mals verstummt. Eine unheimliche Stille lag über bent Meere. Das Boot rückte nicht mehr weiter. Schreie klangen übers Wasser. Schreie aus sieben Männerkehlen zerrissen die lastende Ruhe.
„Gerrit!" eine helle Stimme gellte. Tore lief den Strand entlang zur Wache. Man mußte den Leuchtturmwärter an- rusen, das Rettungsboot flott machen.
Liska stand wie aus Stein. Nur ihre Blicke lohten. Auf eine Eisscholle waren sie gefahren. Sie wußte es. Ihr Vater war dabei. Dann noch fünf, die Weib und Kinder daheiw hatten. Und dann der Blonde, Gerrit! Den sie gewollt. Der statt ihrer diese kleine lasche Tore genommen, die nichts konnte als lachen. Jetzt ging es draußen um sein Leben. Liska kannte die Gefahr. Wenn nicht bald Hilfe kam, war das Boot verloren. Ihre Fäuste ballten sich. Mit dem Tode sollte er Hochzeit machen! Sie wollte es. Ja, sie wollte es so.
Die Hilferufe schallten über's Wasser.
Tore sollte ihn nicht haben, nein, das würde Liska nicht ertragen können. Sterben sollte er — sterben!
Oben am Kap Brüster Ort wurde das Rettungsboot sichtbar. Es würde sich schwer durchs Eis kämpfen müssen. Vom Dorf herab kamen Männer und Frauen. Rufen und Schreie klangen durcheinander. Ein neuer Hilferuf tönte herüber. Das Boot draußen begann zu sinken.
Liska stand wie aus Stein. Neben ihr kniete Tore und betete. Ihre Lippen stammelten kindliches Flehen. Sie weinte. Liska stand ungerührt. Fort aus der Welt, weggewischt sollte er sein — Gerrit!
Draußen versuchte der kleine Dampfer vergebens, an die Schiffbrüchigen heran zu kommen.
Die Männer am Strande machten ein Boot klar. Sie mußten zu Hilfe kommen. Eine neuer Schrei von draußen. Ein Wehklagen am Strande. Das Schiff war von den Wellen verschlungen. Kieloben kam cs ein Stück weiter landwärts zum Vorschein. Ein Mann hing am Ruder!
Liska wankte. Sollte er sterben? Gerrit!--Gerrit!
Ihre Hände faßten unters Herz. Christus Jesus hilf, daß dieser da draußen am Ruder — Gerrit ist!
Als letzte sprang sie ins Boot, das soeben absticß. Nach einer halben Stunde harter Arbeit war es draußen und rettete den einzigen der Sieben: Gerrit.
Liska kniete neben ihm im Boot, rieb und knetete den erstarrten Körper, trocknete und wärmte ihn, bis das Leben wieder kam. Dann stand sie auf, setzte sich ans Heck und überließ ihn den Männern., Als sie landeten, sprang Liska auf den Sand und lief, ohne einen Menschen anzusehen, hinaus in ihr vaterlojcs Haus.
Wespe wehrte sich und stach!
Humoreske von R. Hirschberg-Iura.
„Wie dumm solch Biest ist!" sagte Herta, und im sonnen- gebräunteu, blondumflatterten Gesicht lachten zwischen iiatnr- roten Lippen lustig viele Zähne. „Ta stehen auf dem Teller offen drei dicke große Tropfen Honig. Aber die werden verschmäht. Es muß durchaus mühsam durch das enge Deckelloch in die Büchse gekrochen werden! Als ob da drinnen der Honig besser wäre. Nun wird natürlich kein Rückweg gesunden, und es wird schwere Folgen haben."
Ach, es hat noch viel schwerere Folgen gehabt, als Herta damals bei. ihren Worten hat denken können, aber es hat sich erst in den Weihnachtswochen so richtig auszuwirken begonnen, und als Herta fand, daß die Wespe, wie cs jetzt heißt, „sich nicht richtig verhielt", das war im Herbst. Es ist historisch verbürgt, daß am 4. Oktober 1931 auf der See-Terrasse des „Bayrischen Hofes" in Lindau gegen 8 Uhr morgens drei junge Leute saßen, in fröhlicher Reisekameradschaft dem Genuß dieser wonnigen Herbsttage hingegeben.
Mit ruhigem Atem saugte draußen der See den Weiten Himmelsglanz auf sich herab unb ließ ihn über seinen glatten Spiegel still tu den Hafen hcreingleitcn. An beffen Einfahrt war rechts der lange Leuchtturm mit erloschenem Nachlwächtcr- auge eingeschlafen, unb links der Löwe auf dem dicken, schweren Sockel ließ sich den steinernen Rücken von den Bregenzer Sonnenstrahlen wärmen uub blinzelte stumm nach den Schweizer Sergen hinüber.
Die drei frühstückenden Menschen aber waren zu munter, um zu schlafen ober zu schweigen, zu modern, um „Sie" zueinander zu sagen, zu jung und gesund, um nicht einigermaßen rechthaberisch zu sein, und zu wohlerzogen, um sich das gegenseitig übelzunehmen. Der Schwarzaescheitclte rechts neben Herta legte Wert darauf, immer ein bei weitem älteres Wesen zur Schau zu tragen, als seine Jahre ihn berechtigten, und er schüttelte milde den Kopf, als Herta mit fröhlicher Schulmeisterei fortfuhr, das Betragen der Wespe zu mißbilligen.
„Das blöde Vieh ist sehenden Auges in seinen klebrigen Untergang gekrabbelt. Wie verständig sättigt sich die neue da! Die paar freien Tropfen hier draußen bereiten denselben Genuß und bringen keine Gefahr, sich die Flügel zu verschmieren. Die Dummheit stirbt, und die Schlauheit bleibt am Leben."
Mit Behagen gab der Schwarzgescheitelte im dunkelgrauen Sakko Tadel und Belehrung von sich: „Das hat doch gar nichts mit Torheit und Klugheit zu tun! Diese unangenehmen Insekten sind eins so bitmm wie das andere, und von Gefahr ober Sicherheit ahnen und wissen sie beide nichts. Aber die eine ist bescheiden und läßt sich begnügen an dem, was das das Schicksal ihr bietet. Die andere jedoch, die das Maul nicht voll genug kriegen kaun, wird das Opfer ihrer hemmungslosen Gier. Es handelt sich eben um Tugend und Laster und die strafende Hand der allwaltenden Gerechtigkeit."
Lebhaft aber widersprach ihm der andere, links von Herta, im weißen Sporthemd, und gab sich nur ein wenig reifer, als
er wirklich war: „Hör bloß auf mit Deiner allwaltenden Gerechtigkeit, Sebastian! Die ist ja eine sehr hübsche Erfindung der Menschen, aber noch unvollkommen entwickelt. Nach ein Paar tausend Jahren vielleicht ist sie soweit fertig, daß sie patentfähig und allgemeingültig wird. Und nun gac bei Tieren! Für die gibt es doch erst recht kein Gut unb Böse, nicht Lohn und nicht Strafe. Ta haben wir cs eben nur mit angenehmen und unangenehmen Zufällen zu tun."
„Schäme Dich, Bruno! Dir fehlt jede Ehrfurcht vor Höherem. Und die sichtbare Verkettung von Ursache und Folge müßte doch den ödesten Zweifler bekehren. Aus keinem anderen Grunde, als weil sie mit dem Honig der Freiheit nicht zufrieden war, ist ja die Wespe vor unseren Augen in das unentrinnbare Schicksal des Todes gefallen. Alles ist Lohn, und alles ist Strafe. Jedwedes Tun gebiert sich selbst seine Folgen!"
Da zielte Herta einen kurzen blau-spöttischen Blick nach rechts und einen genau so gefärbten nach links, sagte: „Quatsch!", zog die Honigdose heran, hob den Deckel, griff mit spitzen Fingern hinein und brachte die arg verkleisterte Wespe wirklich ans Licht. Sogleich aber kam cs ihr Vor, als würde ein Tropfen siedendes Wasser auf ihren Finger gespritzt, und sie tat einen kleinen Schrei. Doch siebte das Tierchen zu fest, um sich einfach abschütteln zu lasten. Bruno mußte die arme Wespe mit dem Kaffeelöffel wegschaben, worauf sie befriedigt davonhinkte. Ob es ihr dann gelang, all ihre Glieder von dem Strafhonig hinreichend zu säubern, um mit den Flugzeugen drüben über dem See wieder in freien Wettbewerb treten zu können, darum kümmerte sich keiner.
Sondern Bruno faßte den gestochenen Finger, nahm von Kertas anderer Hand den Daumen, drückte mit dessen glänzend scharfem Nagel kreuzweise zwei Schnitte in die kleine Stich- wunde und schalt: „Also die dümmste von sämtlichen anwesenden Menschen und Wespen warst Du, Herta! Wer^faßt denn solch kleines Ungeheuer mit bloßen Fingern an!" Tann zog er aus dem Uhrtäschchen seines Gürtels ein Fläschchen, träufelte Salmiakgeist auf das Gestochene und rieb cs sorgfältig hinein.
Herta ließ sich's gefallen und neckte übermütig nach rechts: „Nun, siehst Du, Sebastian, daß man einen seiner Strafe entreißen kann?"
„Einen anderen? Ja! Das kannst Tu. Aber Dach selber? Nie!"
„Für mich etwa soll das doch keine Strafe gewesen sein? Für meine Gutheit?"
„Doch! Weil Du der Gerechtigkeit in den rächenden Arm gefallen bist. Alles ist Lohn, und alles ist Strafe."
„Ich jedenfalls fühle mich belohnt, wenngleich es mir nur ein angenehmer Zufall ist", scherzte der salmiakreibende Bruno. „Es tut mir bloß leid, daß cs keine Kreuzotter war."
„Na erlaube mal!" zürnte Herta und funkelte ihn an „Warum denn?"
„Weil ich dann verpflichtet gewesen wäre, die Wund« mit meinen Lippen auszusaugen!" Wein brauner Blick be^ geguete und verfing sich in ihrem blauen.
„Dummer Junge!" klang es leise. Sie errötete ganz unmodern, ärgerte sich dessen, fuhr ihm mit dem Salmiakfinge« spaßhaft über die Lippen und sagte: „Ta."
Das schmeckte nun allerdings durchaus nicht gut. Aber «s tat ihm wohl.
„Alles ist Lohn, und alles ist Strafe", wiederholte Sebastian mit jener Würde, die sich überall einftellt, wo eine Weisheit wackelig wird.
Auf der Dampferfahrt dann redete keiner mehr von Wespe, Lohn und Strafe; aber jeder dachte daran, und in sc manchen Briefen der nächsten Wochen wurde immer von ganz anderen Sachen geschrieben als von jenen, die eigentlich gesagt werden wollten. — Aber jetzt, als sie nach zwei schönen Skitagen nach München heruntergekommen sind, noch brauner gebrannt von der Sonne der Schneebcrge als vom Oktober des Bodensees, da hatten sie cs sich gesagt und haben es auch dem Kameraden Sebastian verkündet. An seine pflichtgemäß: Gratulation hängte der den frommen Wunsch: „Mög' Euer Lohn nicht Eure Strafe werden! Warum wollt Ihr denn durchaus in bett gefährlichen Honigtovf steigen?"
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Das Problem
‘ der langfristigen Witterungsvorhersagc.
Voit Dr. Karl von Tyszka, Professor an der Universität Hamburg.
Für die richtige Auswahl der Feldfrüchte, für die Bodenbearbeitung und den Zeitpunkt der Feldbestellung ist «s ungemein wichtig, den Witterungscharakter schon ein halbes oder viertel Jahr im voraus zu wissen. Für unsere gesamte Wirtschaft wären derartige langfristige Wittcruugsprognosen von maßgeblichster Bedeutung. Semi gerade gegenwärtig kommt der Landwirtschaft erhöhte Bedeutung zu. Die durch die starke Schmälerung unseres Handelsvolumens zwangsläufig herbeigeführte Drosselung unserer Einfuhr wie Ausfuhr rückt den Binnenmarkt an die erste Stelle. Wir sind mehr denn je auf unsere eigene Landwirtschaft, die einen großen Teil des Binnenmarftes aus- Utacht, angewiesen. Nicht nur im Hinblick auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln, sondern auch Hiujichtlich der Kaufkraft der landwirtschaftlichen Bevölkerung für gewerb- jliche und industrielle Erzeugnisse. Das Wohlergehen der Landwirtschaft, hohe Ernteerträge und damit guter Verdienst der Landbevölkerung sichern auch Gewerbe und dem Handel erhöhten Absatz und damit Beschäftigungsmöglichkeit. Ganz abgesehen davon, daß gute Ernten mäßige Preise für die hauptsächlichsten Nahrungsmittel, schlechte Ernten hohe Preise bedingen, tvodurch der Städter unmittelbar in seiner Kaufkraft betroffen wird.
Bis vor kurzem verfügte der amtliche Wetterdienst noch nicht über die Möglichkeit langfristiger Witterungsvorhersagen. In allen Ländern der Welt geben die amtlichen Wetter- dienststellc» nur Wettervorhersagen für ein bis zwei Tage, höchstens ausnahmsweise für drei Tage. Alle sogenannten „langfristigen Wetterprophezeihungen" stammten von Laien- Wetterpropheten und waren mehr als unsicher, sie stimmten nänlljch in der Regel nicht. Waren sie doch meist gefühls- mäßig aufgebeud, wenn sie nicht gar Spekulationen auf den Geldbeutel leichtgläubiger Leute bedeuteten, jedenfalls ermangelte ihnen stets die tvisseuschaftliche Grundlage. Dieses Fehlen jeder zuverlässigen langfristigen Witterungsvorhersage hat die „Staatliche Forschungsstella für langfristige Wettervorhersage" in Framfurt a. M. veranlaßt, wissenschaftliche MLndlagLH, herauszuarbeiten, die es ermöglichen, das
Witierungsgepräge und den Witterungsverlauf in großen Zügen für eine längere Zeit, für ein Vierteljahr bis zu einem halben Jahr, vorauszubcstimmen.
Auf vier verschiedenen Wegen — über die natürlich hier nur ganz kurz berichtet werden kann — ist versucht worden, dieses Problem zu lösen. Einmal ging man von der durch langfristige Erfahrungen festgestcll'tcu „Periodizität" der Witterungserscheinungeu aus, d. h. von der Tatsache, daß sich das Wetter nach Ablauf eines bestimmten Zeitraumes in gleicher oder ähnlicher Weise wiederhole. Im Zusammenhang damit steht ein zweiter Weg: das Studium der „W i t t c r u n g s v o r g c s ch i ch t c". Tenn ebenso wie das Wetter des morgigen Tages durch den atmosphärischen Zustand des heutigen Tages bestimmt wird, so besteht auch im großen ein Zusammenhang zwischen der kommenden und der vorangehenden Witterung. Durch meteorologische Kvrre- lationsberechnungen unterstützt durch umfangreiche statistische Untersuchungen ist cs unter Zuhilfenahme der erwähnten „Periodizität" der Witterungserscheinungeu möglich, ein ungefähres Bild von der kommenden Witterungsperiode zu entwerfen.
Neben diesen beiden Forschungsmethoden, die die tellurischen (irdischen) Ursachen der Witterungsvcränderungen feststellen, treten zwei andere, tvelche die kos in i s ch c n Einflüsse auf das Wetter untersuchen. Schon lange sind die Zusammenhänge zwischen den Veränderungen der Von der Sonne ausgehenden Strahlungen und den darauffolgenden Witterungsänderungen bekannt. Als Maß für diese außerirdische Sonnenstrahlung dient die sogenannte „S o l a r - k o u st a n t c", d. h. die Wärmemenge, die einem Quadrat- zentimeter an der Grenze der Atmosphäre in einer Minute von der Sonne zugestrahlt wird. Indem nun das Forschungsinstitut die Schwankungen der Solarkonstante mit der Periodizität der Souneufleckeu in Verbindung brachte, konnte es neue Aufschlüsse über die mutmaßliche Gestaltung der kommenden Witterungsperiode bringen. Als vierte Möglichkeit, Anhaltspunkte für die Voraussage der Witterung zu gewinnen, benutzte das Institut die bekannten Ver s ch i'e b u n g e n der R o t a t i o n s a ch s c innerhalb des Erdkörpers, die entsprechende Luftmassenverlagerungen nach sich ziehen.
Auf Grund dieser vier Methoden bat das Forschungsinstitut, bereits, nn Sommer 1931 ein „Z e tuLgg e ^S p r -
her sagen des Wit terungsgcprägcs" bringen können und dieses — wenn auch nur in einem beschränkten Kreise (da man des Erfolges noch nicht sicher war! — veröffentlicht. Diese Vorhersage ist aber tatsächlich ciw getroffen. Das Institut sagte nämlich der südwestdeutschen Landwirtschaft eine Regenzeit vom 6. bis 21. Juli, dagegen eine niederschlagsfreie Periode vom 22. Juli bis 2. August, daraufhin wieder Regen voraus. Die Landwirte, die sich nach dieser Voraussage gerichtet und in den zehn niederschlagsfreien Tagen ihr Getreide cingcholt haben, sind auch tatsächlich vor großem Schaden betvahrt worden. Um Weld* Beträge cs sich hier handelt, ist daraus zu ersehen, daß der durch nicht rechtzeitige Einbringung der Ernte im Regierungs bezirk Wiesbaden entstandene Verlust amtlich auf 16 Millionen veranschlagt ist. Hätten schon damals der Forschungs- stelle die Mittel zur Verfügung gestanden, um auf breiter Grundlage ihre Voraussagen zu veröffentlichen, so wäre ein wesentlicher Teil dieses Schadens vermieden worden.
Für den Hochsommer 1932 ist nach dem Institut mit einer im allgemeinen warmen und trockenen Witterung zu rechnen. Dieser Voraussage liegt einmal die Regel über „Periodizität" zugrunde, die auf einer 230 jährigen Beobachtung aufgebaut ist, andererseits wird sie auch durch das Ansteigen der Solarkonstante und ihr Verhältnis zu der Sonnenfleckeurelativitüt bestätigt. Träfe diese Prognose zu — woran wohl kaum ju zweifeln ist —, würde sich weiterhin unsere Landwirtschaft nach den Berichten des Institutes richten, so wäre damit ein wesentlicher Faktor, der auf die Besserung unserer gesamten wirtschafllick-en Lage hinzielt, gegeben. Denn wir könnten in diesem Falle mit guten Erträgen in der Landwirtschaft rechnen. Dadurch würbe nicht nur unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessert, da dann bei mäßigen Preisen der Anteil, den die beitnische Laitdwirtsckwft an unserer Versorgung hat, sich erhöht und wir in dieser Hinsicht unabhängiger vom Ausland werden, auch die Kaufkraft der landtvirischaftliäven Bevölkerung würde gesteigert, waS Anlaß zu einem Aufs chwung d es g c s a m len d e u t s ch e n W i r t s ch a s t s i e b e n s geben könnte. Wir Teutschen aber können stolz darauf fein' daß es einer deutschen ForschungssteUe nach langwieriger Arbeit geglückt ist, das Problem der langfristigen Wettervorhersage zu lösen. ~ ■