Iul-aer /lnzeiger
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Nr. 141 — 1932
Fulda, Dienstag, 21. Juni
9. Jahrgang
Was lehren die Hessenwahlen?
Tatsachen und Meinungen.
Hörspiel zu den ReiHsiagswahlen.
Man hat den Wahlen zum HessischenLandtag diesmal auch außerhalb der hessischen Grenzpfähle mit ganz besonderem Interesse entgegengesehen, denn diese Wahl wurde allgemein als eine Art Vorspiel zu den Reichstagswahlen betrachtet. Ohne Zweifel bietet gerade Hessen die Möglichkeit zu Rückschlüssen aus das Reich, weil die hessische Wählerschaft in ihrer Zusammensetzung aus bäuerlichen und städtischen Schichten, in mancher Hinsicht etwa das gleiche Bild zeigt wie die der Wählerschaft im Reich. Für den Beobachter, der sich frei von parteipolitischen Wünschen seine Meinung bildet, haben die Wahlen am letzten Sonntag keine Überraschung gebracht. Wohl aber für die Parteien. Da wird die Enttäuschung größer sein als die Befriedigung. Gewiß haben die Nationalsozialisten seit der letzten Landtagswahl im November ihre Anhängerschaft um über 12 Prozent vermehren können, ihre Hoffnungen sind aber weitergegangen, sicher hat man in ihren Kreisen damit gerechnet, über 50 Prozent aller Wähler hinter sich zu bekommen. Immerhin kann die NSDAP. darauf hinweisen, daß ihre Bewegung, allen Voraussagen der Gegner zum Trotz, immer noch aufsteigend ist. Auf Gewinne kann auch die Deutsch- nationale Vollspartei Hinweisen, es hat sich auch bei den Hessenwahlen wie bei früheren Wahlen gezeigt, daß die DNVP. noch die einzige bürgerliche Partei ist, die sich im allgemeinen Zusammenbruch der übrigen bürgerlichen Parteien behaupten, ja sogar noch verstärken kann. Dem Versuch der bürgerlichen M i t t e l p a r t e i e n in Hessen: Volkspartei, Demokraten, Landvolk, Christlichsoziale und Wirtschaftspartei, durch Zusammenschluß aus einer Einheitsliste ihren Aiederamig auszuhaUen, blieb der Erfolg versagt. Die Wählerschaft wollte von diesem Gebilde nichts wissen, und über fünfzig Prozent der Wählerschaft gingen den bürgerlichen Mittelparteien verloren.
Noch aufschlußreicher als die Ergebnisse für die obengenannten Parteien sind die Ergebnisse, die Zentrum und Sozialdemokratie erzielten. Diese beiden Parteien konnten diesmal ihre Agitation ohne Rücksicht auf irgendwelche Negierungsbindungen voll entfalten; beide haben von dieser Möglichkeit weitgehend Gebrauch gemacht und sich viel versprochen.
Von 112 000 Anhängern ist das Zentrum auf 108 000 zurückgegangen. Die Sozialdemokratie hat allerdings 4000 Leute gewonnen, wohl ein paar Kommunisten und Leute der Sozialistischen Arbeiterpartei. Durch Listenverbindung mit der Staatspartei ist es der SPD. auch gelungen, die Zahl der Sitze von 15 auf 17 zu erhöhen.
Der Streit der süddeutschen Staaten mit Berlin ist auf die hessische Wählerschaft ganz ohne Eindruck geblieben, und selbst die Tatsache, daß die neue Reichsregierung nur wenige Tage vor den Wahlen mit neuen schweren steuerlichen und sozialen Belastungen herausgekommen ist, hat den Oppositionsparteien keinen besonderen Auftrieb gegeben, auch nicht den Kommunisten, die sehr stark verloren haben.
Das hessische Vorspiel zu den Reichstagswahlen zeigt, allgemein gesehen, die Entwicklung, die schon lange erkennbar ist: die Abkehr der Wählerschaft von den Splitterparteien und die Herausbildung einiger weniger großer Parteien. Neue Firmen ziehen auch nicht mehr, davon werden sich heute gerade die Parteien überzeugen müssen, die sich auf der Einheitsliste zusammengesunden staben: bic Volkspartei, die Wirtschaftspartei, die Ctaatsvartei, die Christlichsozialen und das Landvolk.
Was nun aus der hessischen Regier u n g s b i l - d u n g werden wird, weiß heute sicher noch kein Mensch. Die Kräfteverteilung ist ungefähr die gleiche wie im alten ^âudtag. Den Nationalsozialisten reicht es nicht zur Mehrheit, auch bann nicht, wenn Deutschnationale und die beiden Abgeordneten der Einheitsliste zu ihnen stoßen, sie hatten dann erst die Hälfte aller Stimmen, aber das ist eben noch keine tragfähige Mehrheit. Die Verantwortung für dav Zustandekommen einer neuen Regierung liegt nach tote vor beim Zeutrn m. Aber der Wahlkampf hat nicht gerade zn einer Annäherung zwischen Nationalsozialisten und Zentrum beigetragen.
Die neuen hessischen Landtagsabgeordneten.
5m neugewählten Hessischen Landtag werden die folgenden Abgeordneten vertreten sein:
Sozialdemokratische Partei: Staatspräsident Adelung, Innenminister Leuschner, Bürgermeister Lux-Niederflor- stadt, Regierungsrat Zinnkann-Darmstadt, Volkswirt Dr. Gumbel-Gießen, Frau Pringsheim-Darmstadt, Bürger- meifter Delp-Darmstadt. Schlossermeister Wilhelm Anthes 4.-Sprendlingen, Prokurist Jakob Steffan-Oppen- Heim, Bürgermeister August Lorenz-Erzhausen, Parteisekretär Wilhelm Widmann-Offenbach, Studicurat Maurer-Lauterbach, Parteisekretär Jean Harth- Rüsselsheim, Metallschleifer Georg Alois Rink-Urberach, Gewerkschaftsangestellter Wilhelm Thomas-Mainz, Kreis- Mlrat Karl Storck-Darmstadt und Oberjustizsekretär Philipp Elenz-Büdingen.
Zentrum: Ministerialrat Hoffmann-Darmstadt, Landwirt Vlank-Eaulsheim, Amtsgerichtsrat Schül-Offenbach, Gewerkschaftssekretär Wesp-Darmstadt, Rektor Winter- Mainz, Frau Else Hattemer-Darmstadt, Landwirt Heinrich Weckler 3.-Rockenberg, Professor Dr. Stohr-Mainz, Studienrat Heinstadt-Vensheim und Lederarbeiter Karl Noll- Horchheim.
Sozialistische Arbeiterpartei (Kommunistische Partei- Opposition): Eewerkschaftsangestellter Heinrich Ealm- Offenbach.
Kommunistische Partei: Metallarbeiter Ludwig Keil- Offenbach, Angestellter Wilhelm Hammann-Eroß-Gerau, Bauarbeiter Georg Zwilling-Mörfelden, Arbeiterin Cäcilie Schäfer-Bad Nauheim, Bekleidungsarbeiter Wilhelm Beuttel-Friedberg, Landwirt Karl Seuling-Altenbuseck und Metallarbeiter Wilhelm Mauer-Worms.
Deutschnationaler: Ämtsgerichtsrat August Böhm-Bad Nauheim.
Pressestimmen aus
Der „Völkische Beobachter":
In seinem Leitartikel betont der „Völk. Beob." zu dem Erfolg der Nationalsozialisten in Hessen, es sei selbstverständlich, daß die NSDAP, nun erst recht ihre alte Forderung nach einem nationalsozialistischen Staatspräsidenten in Hessen erneuern werde. Sollte das Zentrum sich unbelehrbar zeigen, dann werde, wie das Blatt glaubt, die Einsetzung eines Reichskommissars kaum mehr einen Aufschub vertragen.
NieRail-aWecteilmig im neuenLandlag.
❖•&.W.P. E3-ZENTRUM |*5.P.D.S-K.P.D.0«6.N.VP. D • S.A.P. E «HÂT. EINHEITSFRONT
Die Li st en Verbindungen haben sich nach den bisherigen Feststellungen zugunsten der Sozialdemokraten so ausgewirkt, daß diese durch ihre Verbindung mit den leer ausgegangenen Demokraten ein Mandat gewonnen haben. Dagegen haben die Nationalsozialisten durch ihre Listenverbinduug mit den Deutschnationalen und der Liste Leuchtgens keinen Nutzen gezogen.
Eine klare Regierungsbildung durch die Nationale Opposition ist auch diesmal nicht möglich.
Berliner Vlättcrstimmen.
Der Angriff meint, daß der Wahlsieg der Nationalsozialisten die letzte Hoffnung für einen schwarz-roten Gegner erschlagen habe, der deutschen Freiheitsbewegung im Reich den Weg zur Macht zu verlegen. Das Wahlergebnis zeige klar die Richtung an, die die politische Entwicklung in Deutschland in den nächsten Wochen nehmen werde. — Nach Ansicht des Lokalanzeigers scheine der Wahlausfall in Hessen dafür zu bürgen, daß bei entsprechender Anstrengung der nationalen Opposition im kommenden Reichstag die Mehrheit zufallen könne. — Der Tag betont, daß neben dem wachsenden Heerhaufen der NSDAP, auch die Deutschnationalen in festgeschlossenen, sich verstärkenden Gliederungen marschieren. In Hessen habe jetzt das Zentrum Gelegenheit, zu zeigen, ob es der nationalen Bewegung schon jetzt die Führung überlasten oder ob es auch weiterhin zusammen mit atheistischen Marxisten aller Schattierungen einer Lawine Trotz bieten wolle. — Der Abend faßt das Wahlergebnis in die Feststellung zusammen, „Sozialdemokratischer Vormarsch, keine Nazi- Mehrheit keine Papenmehrheit". Das sei ein günstiger Ausblick âuf die kommende Reichstagswahl. — Das Berlin e r Tageblatt hält es für zweifelhaft, ob die Hessenwahlen Rückblicke auf die Reichstagswahlen zuließen. Wiederum habe sich gezeigt, daß das Zufammenlennen der in 5h et* inen 9Kittclcti‘uppcit ßu eiltet bütßetlid)cn dnptife»- liste d n^ der Mitte nicht aufhalten könne.
— Die G e r m a n i a meint, die „Zwischenprobe" habe eindeutig bewiesen, daß das hessische Volk von der national- sozialistischen Parteiherrschaft nichts misten mollo Sw habe gezeigt, daß der Nationalsozialismus auch nicht die Kraft habe, sie zu erzwingen, „— • ^s
Nationalsozialisten: Gauleiter Karl Lenz-Darmstadt, Studienrat Professor Dr. Werner-Butzbach, Fabrikarbeiter Fritz Kern-Eberstadt, Bürgermeister Heinrich Ritter-Eau- Odernheim, prakt. Arzt Dr. Daum-Oppenheim, East- und Landwirt Wilhelm Schwinn-Oberkainsbach, Landwirt Diehl-Eau-Odernheim, Landwirt Seipel 2.-Fauerbach, Ee- richtsassessor Dr. Best-Eonfenheim, Lehrer Klostermann- Vockenrod, Landwirt Heinrich Göckel-Langen, Friseur Franz Renz-Alzey, Bürohilfsarbeiter Hauer-Buchschlag, Regierungsrat Dr. Müller-Alsfeld, Buchdruckereibesitzer D'Angelo-Osthofen, Hauptmann a. D. Wassung-Darmstadt, Obersteuerinspektor Friedrich Claß-Tarmstadt, Rechtsanwalt Jung-Worms, Landwirt Otto Geiß-Vadenrod, Chemiker Dr. Ivers-Eberstadt, Landwirt Dr. Wagner-Mittelgründau, Schriftsteller Graf zu Solms-Laubach in Laubach, Angestellter Georg Brückmann-Auerbach, Handelsvertreter Alfred Zürtz-Ta'rmstadt, Landwirtschaftlicher Arbeiter Beyer 2.-Framersheim, Kaufmann Adolf Ziegler-Michelstadt, Amtsgerichtsrat Dr. Barth-Offenbach, Dekorateur Ferdinand Abt-Darmstadt, Verwaltungspraktikant Wilhelm Haug-Darmstadt, Tierarzt Dr. Lang-Ereben- Hain, Schreinermeister Schott-Beerfelden und Tierarzt Dr. Harth-Allendorf a. d. Lumda.
Nationale Einheitsliste: Bürgermeister Dr. Niepoth- Schlitz, Landwirt Glaser-Nordheim.
Reich und Hessen.
Zeitungs-Stimmen aus dem Rhein-Main-Gebiet.
„Frankfurter Volksblatt" (NSDAP.): Unsere Mahnung, daß jede Stimme wiegt, daß es auf jede Stimme ankommt, ist diesmal schlagender belegt worden als je. Nur ein Mann mehr hätte uns zumindest die Möglichkeit gegeben, parlamentarisch etwas gegen die schwarzrote Front auszurichten, da dann die 3 Mann der „rechten Mitte" (Deutschnationale und Einheitsliste) mit unseren Männern zusammen eine Mehrheit hätten bilden können. Es mag aber in diesem Fall gut ein, daß wir jene zweifelhafte Hilfe nicht in Anspruch zu nehmen brauchen: Zumindest die beiden Einheitler sind nach ihren eigenen Eingeständnissen nicht gewillt, noch in der Lage, mit uns zu gehen. Sie werden nichts als ein Schattendasein im neuen Landtag führen, dazu verurteilt, die versunkene alte Welt des Spießertums und vertrockneten Parteikrams zu demonstrieren. Nein, wir können und wollen sie nicht brauchen, wenn ihre Addition zu den unseren auch gerade 3a gibt, denen die schwarzrote Front mit ebensoviel gegcn- übersteht. Wir dürfen nicht vergessen, daß für uns die Zeit arbeitet, daß wir etwas ganz anderes sind, daß wir etwas ganz anderes wollen als die anderen. Man mag parlamentarische Hilfsstellungen nutzen und man wird sie nutzen müssen, aber helfen müssen wir uns selber. wie wir allein dem deutschen Volke helfen können. Das Wort des Führers muß uns geleiten: Die Zukunft gehört uns, und sie ist uns schon heute, wenn wir es nur ernstlich wollen. Darum: Der Kampf geht weiter!
Die „Frankfurter Nachrichten" schreiben: Das Ergebnis der Wahlen hat ebensowenig die von der Nationalen Opposition angestrebte Entscheidung gebracht wie der 15. November. Das Zentrum entscheidet wie bisher, und es ist im Interesse der notwendigen Beruhigung der innerpolitischen Atmosphäre in Hessen wie in Preußen zu wünschen, daß nach diesem Kampfe auf beiden Seiten mehr Geneigtheit zum Ausgleich der Gegensätze und zur Zusammenarbeit besteht als bisher. Das Blatt stellt für die Reichstagswahlen die Forderung auf, daß diejenigen endlich zur Besinnung kämen, deretwegen die Wahlmüden daheimbleiben und derwegen immer weitere Kreise der Mitte in das Lager des Radikalismus abwandern. Es gebe noch immer Möglichkeiten der Zusammenfassung dieser Kräfte, aber Persönlichkeiten, die das Vertrauen aller Beteiligten haben und die nicht Geschobene von Cliquen sind, müssen an der Spitze der Bewegung stehen.
„Rhein-Mainische Volkszeitung" (Zentr.): Das Ziel der nationalsozialistischen Propaganda, die absolute Rechtsmehrheit, ist nicht erreicht. Obgleich die Zerschlagung der bürgerlichen Parteien fast bis zu Ende gediehen ist — die katastrophale Niederlage der „nationalen Einheitsliste" belegt diesen Vorgang — hat sich wieder eine, freilich geringe, Mehrheit des Hessenvolkes gegen das faschistisch Diktaturexperiment entschieden .... Das fachliche Ergebnis der Hessenwahlen also ist: die Schlüsselstellung des Zentrums ist erhalten geblieben. So lange die Nationalsozialisten auf den unerfüllbaren Forderungen bestellen bleiben, die sie in früheren Koalitionsverhandlungen gestellt haben, ist deshalb mit einer Regierungsbildung âuf neuer Grundlage nicht zu rechnen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Durch Schikanen der polnischen Regierung wirb versucht, den Besuch deutscher Kriegsschiffe im Hafen von Danzig ßu verhindern.
* Auf der Lausanner Konferenz in Genf scheinen ernste Schwierigkeiten cingetrcten zu sein. Das kommt darin zum Ausdruck, daß ursprünglich auf den heutigen Dienstag cinberu- fene Bollkonferenz auf unbestimmte Zeit verschoben worden ist.
* Bei einem Zusammenstoß zwischen einem D-Zug und einem Postautobus auf der Strecke Husum Rendburg gab es vier Schwer- und 17 Leichtverletzte.
* Das Ergebnis des auf dem Brocken von zwei Engländern ausgeführten nächtlichen Zaubers war, daß der Ziegenbock, aus dem ein schöner Jüngling werden sollte, Ziegenbock blieb.