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K Untechaltungsblattt
Der Schwarze Gustav.
Skizze von Richard E n r i n g e r.
Im Zusammenbruch der Heere stahl ein Händler sich den Hengst, den er Schwarzer Gustav taufte. Mit einer Rübe leche er ihn um den Brunnen. Die flutenden Truppen merkten nichts, den rastenden war so trostlos zumut, daß sie dem Manne gewähren ließen.
Als hoffe er seinen Herrn zu finden, folgte der Gaul mit schlagendem Schweif.
Ein Filou von Belgier gab auf Vereinbarung den Stall her. Dort scharrte das Tier einen bangen Tag. In der Nacht drang Unschlittlicht durch die Tür. Ein Klatsch auf die Backe schob den äugenden Hengst zur Seite, sie feilten ihn mit Hanf und Stroh fest, dann begann die Prozedur. Mit Schere und Striegel kartätschten sic ihm das Fell zurecht, schoren ihm die Mähne um. Dann brannten sie ihm die Krone aus, samt der Nummer des Regiments, daß nichts blieb als eine Wunde. Die teerten sie zu.
Die folgenden Tage fraß der Hengst nicht. Trotzdem zog ihm eine Faust die Trense durchs Maul und bugsierte ihn ins Freie. Es war Nacht. Schatten sprenkelten Ge- mäuer, der Hus schlug Pflaster.
Dann qualmten Biwakfeuer auf. Brandig roch es nach feuchtem Stroh. Es war fast wie einst, nur das Trabbeln der Hufe fehlte, das Getrappel der Schwadronen, das Aechzeu der Gurte, das Klingeln der Zäume, das leise Läuten der Steigbügel, das Scheppern der Säbel, die warme Nachbarschaft atmender Leiber und die weiche lebende Last im melodisch knarzenden Sattel. Traurigkeit überfiel die Kreatur.
„Er hat die Melancholie", sagten die Leute, nicht ohne Spott, denen der neue Eigentümer seinen Schwarzen Gustav lobte. Sie stießen sich an und zwinkerten. Tie Wunde au der Hinterhand schwärte unter Mückenstichen. Schamhaft deckte sie ein Latz. Dann waren Häuser um den Gaul her, funkelnde Fenster, hämmernde Uhren, Glockenschwall und Mehlgeruch. Karren klapperten vorüber, Hunde schnüffelten im Rinnstein, aber wie er die Ohren spitzte: Sie waren nicht da, die schwanken Kolonnen im Acchzen der Achsen, im Schnauben der Nüstern, im Trangefunzel der Laterne, im Rasseln der Ketten, im Gepolter der Lafetten, im Geholper der Brückenwagen. Es standen im Nebel der Niederungen nicht die schlafgebannten Stuten mit hangender Stirn und glasigen Augen. Es flatterten goldene Mähnen nicht von Hürde zu Hürde in wiehernder Lust. Es brachen Sterne nicht vom Himmel, rauschend in prasselndem Niederprall.
Leblos trottete der Hengst. Es griff keine Hand in die Satteltaschen, es spielte kein Sporn an der zarten Weiche, es füllte nicht die geliebte Last die Mühsal des Tagwerks mit ihrem Sinn. Der Stockschlag war hart und unverständlich, der Ruck ins Maul gab keinen Klang. Stränge scheuerten die Glieder, der Stall roch fremd, der Hafer grau.
„Man soll nicht glauben, daß dies ein Hengst ist", sagten die Leute auf dem Markt, wenn der Rappe den langen Hals sehnsüchtig nach Kindern renkte, als suche er den verlorenen Herrn. Stundenlang trat er im Kohl herum, in Butter- oapier und Zeitungsfetzen, vor den Gemüsekarren gespannt, an Gekreisch der Straßenbahn, im Gefeilsche der Verkäufer, im Gewirr des Stadtgetriebes.
„Er hat die Melancholie", sagte der Händler, der ihn gestohlen, und war froh, ihn loszuschlagen. Ein Fiaker nahm sich des Tieres an.
Er schirrte es vor seine Troschke. Tann kutschierten sie herum, unter Turchlaßbogen durch, an Baugerüsten und Kaufhausfenstern, an Autos und Fußgängern vorbei. Oder sie standen im klatschenden Regen in Wind und Wetter auf bent Asphalt trübselig im Laternenschein. Manchmal roch es wie Blumenwiesen, aber es waren nur dustende Damen in Schminke und Pelz. Ein Lichterschimmer am laufenden Band toste über den Eisenbahndamm, aber es war nur die sausende Stadtbahn. Dann kamen die Droschkenkutscher zusammen, gähnend, in ihren Postenmänteln, deren Pelz sie um- gesârbt, stellten sich um den Schwarzen Gustav, rissen Witze und lachten ihn aus: „Man sollte nicht glauben, daß dies ein Hengst war! Aber er hat die Melancholie." Und sie schauten 'hm ins Maul, ob die Mahlzähne noch taugten, und fanden iqn noch gar nicht alt, nur vertrauert und verlauert. Und sie klatschten ihm auf die Backen: „Hü! Schwarzer Gustav! Hott! Wach aus!" Aber er ließ die Stirne sinken oder renkte den langen Hals sehnsüchtig nach Gaffenkindern.
So ging Gustav von Hand zu Hand. Als er pflastermüde wurde, nahm die Schlackenstadt ihn an. Müll und Kehricht stieß ein Fuhrknecht aus eisernen Tonnen auf den Wagen, Den er zog. Staub umwölkte ihm die Nüstern. Die Fabriksirenen heulten. Kinder trieben ihren Kreisel. Schottersteine :rat der Huf sich in den Fuß. Spatzen zankten um den Roßkot. An der Halde barst die Fracht in jähem Rutsch. Mit D.:n Peitschenstiel der Geißel stieß ein Mensch sein Zugvieh an. Gustav machte seinen Dist.
Als er nicht mehr richtig sraß, gab ihn der Müllmann 'N den Melkmann; Gustav wanderte aufs Land als Arbeits- : :;3 der Molkerei. Durch die Sandpfade der Bauerschaften me er die Räder seines Fuhrwerks im Blechgeschepper der eren Kannen. Vor schwätzenden Elstern stutzte er scheuend, eine Oase hoppelte über den Weg. Tie Kannen klapperten.
Ta geschah es eines Tages, während an der Bahnstation Frachten:? die Kannen tauschten, daß der Gaul die Ohren stellte. Jedesmal wenn eine leere Kanne blechern aus die Karre flog, ließ er sie sinken; jedesmal, wenn eine volle Kanne in den Güterwagen plumste, stellte er sie wieder. Flügelschwirrend irgendwo stieg eine Lerche in den Himmel. Durch die knospenden Fliederbüsche blies der Wind. Irgendwo hinter den Dächern des Städtchens zog ein pflügendes Gespann. Unruhe war in der Luft, ein Sirren von Drähten, ein Zwitschern und Flitzen, ein Glitzern und Flirren. Die Leute achteten es nicht, daß der Gaul die Ohren spitzte. Er hob den Huf und ließ ihn sinken. Eine Sehne straffte sich. Ein Schauer juckte übers Fell. Irgendwo hinter den sonnigen Dächern, wo die lung begrünte Flur über Ackerraine ründet, zog im Wander- schritt Gesang.
„Hüh! Schwarzer Gustav!" ries bér Mclkmann.
Gestrammt in Gurt und Sielen warf der Gaul die Mähne auf. Die Nüster blarrte, es knirschte im Maul, ein Zittern überrann den Leib.
Irgendwo aus den Eichenwäldern hinter harten Bauernhöfen quoll der Marschtritt junger Scharen wimpelflatternd im Sonnenschein.
„Hott! Schwarzer Gustav!" rief der Knecht.
Schwer stand die gedrungene Brust wider das Geschirr gerammt, aber Gustav zog nicht an. In roten Striemen gor das Blut bläulich aus der alten Narbe.
„Hott!" und „Hist!" rief der Knecht, schlug die Zügel aus die Kruppe. Aber Gustav scharrte nur.
Irgendwo im Frühlingswind geisterte ein Hörnerklang, ein schleuder Schall und Hall von Hörnern, metallisch ein Singen klingenden Spiels. Da brach ihm das Wiebern aus
der Brust. Da krachte der Wagen in allen Fugen, so trat er an, der schwarze Hengst.
„Höh!" schrie der Knecht; was hat der Gaul!
Ta kullerten schon die ersten Kannen. Blechern plärrten sie aufs Pflaster. Es gab kein Halten, es galt kein Zetern, der Peitschenhieb schnitt nicht ins Mark. Blut pulste Sprühkraft in die Lichter. Purpurn färbte sich das Maul. Schäumend bäumte sich der Rappe, rückte aus, ri^ das Fuhrwerk um die Ecken, zickzack, rasend, ungebändigt, mitten in die Händlerstände bunter Plätze, enger Gassen, um den Brunnen, durch den Markt, daß die Töpferwaren klirrten, daß die Blumen- töpfe scherbten, wo das schleudernde Gefährt seine Blechrollen verstreute. Menschenknäuel kreischten auf. Polizisten fuchtelten. Bürger flüchteten mit Geschrei in die Keller. Da knickte ein Rad. Die Deichsel barst, die Stränge platzten, in das Kaufhausfenster knallte der zerschellte Wagen.
Wie geflügelt stieg der Hengst aus der Kandare. Im Trompetenstoß der Nüster schliß er sich die Gasse auf mitten durch die Gaffermenge, stampfte über freies Feld, unter Sonncusturz und Schmettern, dampfend über Ackerschollen, sichtbarlich emporgetragen in den Jubel der Fanfaren.
Mittagstisch.
Humoreske von Hans A u e r - Wien.
In dem kleinen Gasthause herrschte Mittagsbetrieb. Es war nicht eine jener Stätten, wo geschulte Kellner katzenhaft leise auf Teppichen zu den Gästen wedeln, die dann lange in die Speisekarte starren. Hier verlangte man meist das fertige Mittagessen zu Einszwanzig und schob es achtlos in sich hinein.
In dem kleinen Gastzimmer sitzen lauter Männer. Ein Reisender, der hastig während der Suppe kleine Zahlen in ein verschmiertes Buch kritzelt, ein alter Direktor, der stets andere Zwicker zum Lesen und zum Essen aufsetzt, ein mürrischer Postbeamter, der seine Zigarre mindestens fünfmal während des Essens ausgehen lässt und wieder anzündet, kleine Angestellte der umliegenden Geschäftshäuser. Gesprochen wird nicht, gegessen rasch. Man kennt sich in dem kleinen Gasihause, doch man grüßt sich nur verdrossen. Jeder sitzt nach Möglichkeit allein am Tisch. Bedient wird diese tägliche Mittagsgenossenschaft in dem Gasthaus, das keinen Aufschwung nehmen will, von einem blassen, ewig unrasierten Kellner. Wenn es heiß ist, geschieht es oft, daß eine Fliege in der Suppe schwimmt. Man entfernt sie ohne Murren, nur der alte Direktor hat unlängst eine mitgegcsseu, weil er seinen zweiten Zwicker vergessen hatte.
Man wartete heute gerade auf den Fleischgang, da öffnete sich die Tür, und eine reizende junge Dame betrat den Raum, sie sah sich mit großen Hellen Augen um und setzte sich zu einem Herrn, der sonst nicht hier speiste. Dieser sah kaum auf und brummte etwas.
Der Raum, dessen Wände von dem Dampf unzähliger Suppen feuchtfettig glänzten, begann sachte nach Flieder zu riechen. Die Stimme der Frau zwitscherte. Zuerst wurde der
Das Wunder des Spinnennetzes.
Instinkt und Erfahrung beim Netzbau. — Die überwiegende Bedeutung der vibratorischen Reize.
Von Theodor Linden städt.
Die kalte Witterung der letzten Wochen ist wohl schuld daran, daß man die kunstvollen Gespinste der jungen Kreuzspinnen, die sonst schon ab Mitte April überall in Feld und Wald zu beobachten sind, in diesem Jahre bislang nur selten antrisst. Die Netze dieser und anderer Spinnenarten gehören zu den größten Wundern der Natur, ihre Baumeisterinnen zu deren interessantesten Geschöpfen, weshalb gerade die neuere Tierkunde sich ihrer Erforschung mit besonderem Eiser gewidmet hat. Diese Forschungen erstreckten sich in neuester Zeit vornehmlich auf die Ermittlung, inwieweit Instinkt oder Erfahrung beim Bau der Spinnennetze in Betracht kommen, ferner, die Sinneseindrücke klar zu stellen, durch welche die instinktmäßigen Handlungen der Tiere ausgelöst werden.
Recht wenig weiß man auch heute noch über die mit dem Netzbau verbundenen Vorgänge, wenigstens, soweit diese über die rein äußerliche Tätigkeit der kleinen Baumeisterinnen hinausgehen. Zum Teil erklärt sich dies vielleicht daraus, daß die nötigen Beobachtungen durchweg in der freien Natur vor- genommen werden müssen. Denn die Erfahrung hat gelehrt, daß in der Gefangenschaft oder auch nur außerhalb der gewohnten Umgebung die Spinnen nur ein mangelhaftes Netz zustande bringen. Eine Ausnahme macht allein die Haus- oder Trichterspinne.
Die meisten Spinnen, so auch die Kreuzspinnen, fertigen als Grundlage ihres Netzes zunächst eine Anzahl speichenartiger Fäden an, zwischen denen dann später die spiralförmig verlaufenden Fäden angebracht werden. Die Wichtigkeit der Speichen für den ganzen Bau zeigt ein Versuch von Wiehle, der kurz vor der Vollendung dieses ersten Teils des Netzbaues eine oder mehrere der Speichen mit einer eingefetteten Schere vorsichtig durchschnitt. Die Spinne bemerkte sofort die veränderte Spannung, tastete nach kurzer Pause die einzelnen Speichen sorgfältig ab und stellte die durchschnittenen Fäden wieder her. Eine derartige Ausbesserungsarbeit wird auch vorgenommen, falls ein größeres Insekt ins Netz geraten ist und hierbei einige Speichenfäden zerrissen hat.
Die eigenartige Haltung der mitten in ihrem Netz sitzenden Kreuzspinne, nämlich mit dem Kopf nach unten, wird schon jedem Beobachter dieser Tierart ausgefallen sein. Wie der unlängst verstorbene ausgezeichnete Spinnenforscher Grünbaum ermittelt hat, befähigt diese absonderliche Stellung die Spinne in ausgezeichneter Weise, auch die leichtesten im Netz auftretenden Schwingungen wahrzunehmen.
Diese an einer bestimmten Stelle des Netzes ausgelösten Schwingungen veranlassen die Spinne stets, sofort an den betreffenden Punkt zu eilen, um sich der Beute, die in der Regel die Verursacherin der Reize war, zu bemächtigen. Dies läßt sich bequem aus experimentellem Wege seststellen, indem man cim fach mit einem an einer schwingenden Stimmgabel befestigten Borstenhaar einen Punkt des Netzes leicht berührt. Wie Grünbaum fand, nimmt die Spinne derartige Schwingungen nicht nur mit den Spitzen ihrer Pfoten wahr, sondern vor allem mit dem gegen den Mittelpunkt des Netzes gedrückten Hinterleib.
. Ausfallend ist der große Unterschied tm Verhalten der Tiere, je nachdem man irgend einen Körperteil mit einem dünnen Haar kurz berührt oder diese Berührung mit dem an einer schwingenden Stimmgabel befestigten Haar vornimmt. Die einfache Berührung einer Hinterpfote führte stets zur beschleunigten Flucht der Spinne,' die einer Vorderpfote zum Zurückziehen des Gliedes oder zum Betasten des Haares; eine Berührung des Unterleibes löste ebenfalls sofortige Flucht aus. Die vibratorischen Reize (also wenn das Haar an der Stimm- gabel befestigt war) wirkten ganz anders. Bei einer Berührung
Reisende anfgescheucht, der rasch sein Notizbuch verschwinden ließ und nach seinen Nägeln sah. Auch der Direktor sah etwas Blondes, das durch das trübe Lokal leuchtete. Er verstaute Zwicker eins in dem abgegriffenen Futteral, rückte Zwicker zwei auf die gewohnte Einkerbung seiner Nase und legte die Zeitung weg. Die Erscheinung der Dame wandelte das gan-e Lokal. Man nahm Haltung an. Der Buchhalter Böhmig huschte hinaus und kam mit tadellos gebundener Kravatte zurück, der Herr links, in der Ecke rief: „Josef, die Speisekarte!", und der Postbeamte warf seine Zigarre auf den Boden, zertrat sie schnell und bemühte sich, den Rest der Suppe geschickt vom Löffel zu nehmen.
Weil der Herr Direktor seinen Zwicker aufbehielt, widerfuhr ihm das Mißgeschick, daß er sich etwas mit Spinat bekleckerte. Der alte Herr war rührend erregt und säuberte, nach einem scheuen Seitenblick auf das reizende Wesen, mit einem Mundtnche das Unheil. Dabei stieß er das Bier um, das sich mit indiskretem Geplätscher auf den Boden ergoß. Da wurde sie aufmerksam und lächelte ganz fein. Ihr Lächeln war ein Blühen in diesem traurigen Gasthauszimmer und verlockte den dürren Stammgast rechts, ebenfalls ein Lächeln zu versuchen, vas er aber sofort wieder zurückzog, weil ihm seine schlechten Zähne einfielen. Dafür strich er hastig vom Tischtuch die Brotkrumen weg, die er seiner Gewohnheit gemäß verbröselt hatte. Der Mittagstrott der Stammgäste war unterbrochen. Plötzlich hatten sie alle ihre Ungezogenheiten abgelegt. Obwohl sich die Frau gar nicht umsah, sondern anmutig ihre Suppe löffelte, suhlte sich jeder dieser Männer beobachtet. Einer, der sonst stets den Teller mit Semmelstücken blitzblank polierte, unterließ dies heute.
Und Josef, der träge, mißmutige Kellner, ging mit einer freundlichen Miene umher und hatte sich ein frisches Tuch unter den Arm gesteckt. Heller schien der Raum, sonntäglicher wurde das Essen. Man ärgerte sich, daß man nicht rasiert war, eine noch vom gestrigen Regen zerknitterte Hose trug und den Kragen den vierten Tag umgebunden hatte.
„Das kommt von dem ekligen Junggesellenleben", dachte Herr Hasewendt, der plötzlich Flecken in seinem Anzug bemerkte und nun einsah, daß er mindestens schon vor einer Woche zum Haarschneiden hätte Zeit finden müssen. „Wenn ich mit einem solch reizenden, netten, adretten Wesen verheiratet wäre, ja dann...", dachte er weiter und ärgerte sich zugleich über den Herrn an ihrem Tisch.
Der Herr nämlich, der das Glück hatte, daß sie sich zu ihm setzte — was doch jedem von ihnen hätte passieren können und mit mehr Recht, da sie hier Stammgäste waren — nahm gar feine Notiz von ihr. Er schmatzte laut, las in der Zeitung, hatte ungeputzte Schuhe und einen großen Fleck am Anzug, strich sich bei ihrem Erscheinen nicht die Haare zurecht, ordnete auch seine Krawatte nicht, hantierte hart mit Messer und Gabel, spritzte Saft auf das Tischtuch, nieste dröhnend, gab Asche in die Kompottschale und blies dieser reizenden, entzückenden Frau achtlos den Rauch mitten in das Gesicht. Es war nämlich ihr Mann.
einer Hinterpfote trat überhaupt keine Reaktion ein; bei'fmt einer Vorderpfote oder des Rückens wurde das schwingende Haar alsbald gepackt und umsponnen.
Nach den Untersuchungen Grünbaums darf heute als erwiesen gelten, daß unter allen von den Spinnen wahrgenommenen Komplexen der vibratorische Reiz den beherrschenden Faktor darstcllt. Dies geht zweifellos aus der Tatsache hervor, daß eine Spinne, die mit dem Aussaugen oder Ein- wickeln einer Beute beschäftigt ist, diese sofort verlaßt, um einem vibratorischen Reiz zu folgen. Ein solcher läßt alle anderen Reize wie Geruch, Geschmack und Tastreize in den Hintergrund treten, wie nachstehender Versuch überzeugend dartut.
Auf einen der Speichendrähte eines Kreuzspinnennetzes wurde ein Lockmittel, das Innere einer Fliege, gebracht und dann durch eine schwingende Stimmgabel die mitten in 'hrcni Nest sitzende Spinne längs dieser Speiche an den Rand des Metzes gelockt. Sie mußte also an der Lockspeise vorbei. Die Spinne hielt sich in keinem Falle, obgleich sie den Köder geradezu berühren mußte, auch nur einen Augenblick dabei ans sondern eilte weiter auf den Punkt zu, von dem die Schviu- gungen ausgingen. Nahm man nun die Stimmgabel W hörten die von ihr ausgehenden Reize mithin auf, so kehrte die Spinne auf dem gleichen Wege zur Mitte zurück, unterbrach aber diesmal ihren Weg und führte sich die vorhin verschmähte Lockspeise zu Gemüte.
Das Ueberwiegen der vibratorischen Reize steht demnach außer Frage. Ob dieses Ueberwiegen nun die Folge einer biologischen Anpassung an die natürliche, in der Regel Schwingungen auslösende Nahrung ist oder ob umgekehrt das Gefühl für die Schwingungsreize die eigenartige Ernährungsweise der Spinnen bewirkt hat, muß erst noch eine weitere Untersuchung, bei der man vergleichende Beobachtungen zahlreicher Arten vornimmt, dartun. T
Uebrigens reagieren Spinnen auch auf unbewegliche Beutestücke, vorausgesetzt, daß diese auf eine mit einer schütterung des Netzes verbundenen Weise in dieses geraten. Dann stellt dessen Bewohnerin durch Nucke an den einzelnci Drähten nicht allein fest, wo sich ein Fremdkörper befinde, sondern zugleich auch sein annäherndes Gewicht. Nach bteiei richtet sie ihr weiteres Verhalten ein. Während leichtere, dam kleinere Tiere ohne Umstände erledigt werden, nähert jie größeren nur mit einer gewissen Vorsicht, macht auch z»wei in sicherem Abstand halt und holt die Beute langsam und bi sichtig zu sich heran.
Noch weher tut der Hölle Glut . . •
Aus hartem Kieselsteine ist
Zu locken ird'schen Feuers Glut;
O Mensch! wenn noch so hart du bist,
In dir ein Funke Gottes ruht.
Doch wie aus hartem Steine nur Durch harten Schlag der Funke bricht,
Erfordert's Kampf mit der Natur, Bis aus ihr bricht das Gotteslicht.
Schlag' an, schlag' an! wenn's weh auch ‘"i
Dem Fleische, drin der Funke ist: Noch weher tut der Hölle Glut, Mensch, wenn du nicht zu wecken bist.
K e r n c r,