Zulöaer /lnZeiger
Erscheint jeden Werktag. Bezugspreis: monatlich 1.70 RM. Bei Lieferungsbehinderungen durch „Höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Christian Seipel, Fulda. Druck: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach i. H.
Nr. 141 — 1932
Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg Ä3ÄÄ
M-a-un- Haunetal. §ul-aer Kreisbla«
ReSaktion un- Geschäftsstelle: Königstraße 42 ♦ Zernfprech-flnschluß Nr. 2989 Reklamezeile 0.60 Mk. / Bei Rechnungsstellung __Jlc^ru<f6ermit * versehenen flrtikel nur mitchiirllenangabe.ZulöarrFnz-yger'geskattrt. Hat Zahlung^mnerhalb^8^Tagen^zu^erfolgen^
Fulda, Samstag, 18. Juni 9. Jahrgang
Aufmarsch der Tributfronten.
Vorgefechte in Lausanne.
Keine Tributzahlung während der Konferenz.
In einer plötzlich einbcrufcnen öffentlichen Sitzung der Volikoufcrenz in Lausanne teilte Macdonald mit, daß in letzter Stunde eine Einigung zwischen den Mächten über eine vorläufige Regelung der Reparationszahlungen für die Dauer der Lausanner Konferenz zustandrgekommcn sei. Die Erklärung Macdonalds hatte folgenden Wortlaut:
„Tie unterzeichneten Regierungen, lief durchdrungen von dem wachsenden Ernst der wirtschaftlichen und finan- zieAen Gefahren, die die Welt bedrohen, sowie von der Dringlichkeit der Probleme, die ans der Lausanner Konfe- renz zur Verhandlung gelangen, ferner tief überzeugt, daß diese Probleme eine endgültige und präzise Lösung verlangen, die eine Besserung der allgemeinen Bedingungen Europas ermöglichen, eine Lösung, die unverzüglich und ohne Unterbrechung im Rahmen einer allgemeinen Regelung gesucht werden muß, stellen fest, daß gewisse Reparationszahlungen und Kriegsschulden a m 1. I u l i fällig werden.
Diese Regierungen sind der Ansicht, daß — um eine ununterbrochene Wetterführung der Arbeiten der Konferenz zu ermöglichen — die Leistung der Zahlungen, die den an der Konferenz beteiligten Regierungen geschuldet werden, auf dem Rcparationskonto oder als Kriegs- schuldcn, während der Dauer der Konferenz aufgeschoben würden, jedoch unter dem Vorbehalt d c r L ö s u ii g c n , d i e s p ä t e r g c f u u d c n »v e r d e n. Die Regierungen erklären ihren festen Willen, in kürzest möglicher Frist zu einem Ergebnis aus der Konferenz zu gelangen. *
Ta der Zinsendien st für die auf den Kapitalmärkten aufgelegten Anleihen durch diese Entscheidung nicht berührt wird, erklären die unterzeichneten Regierungen, daß sie für ihren Teil bereit sind, entsprechend dieser Regelung zu handeln; sie ersuchen die übrigen Gläubiger- regierungen, die gleiche Haltung eiuzunehmen."
Tie Erklärung ist unterzeichnet von England, Frankreich, I t a l i c n . B e l g i e n und Japan.
MLchskanzler vsn Pspsn
gab darauf, folgende. Erklärung ab: „Ich habe von der Erklärung des englischen Ministerpräsidenten Macdonald mit größtem Interesse Kenntnis genommen und weiß die Absicht, der diese Erklärung entsprungen ist, wohl zu würdigen.
Diese Erklärung ist ein sichtbarer Beweis für den besten Willen der beteiligten Staaten, die Arbeiten der Konferenz zu einer endgültigen Regelung zu führen, die die heutige Lage erfordert. Ich kann nur wünschen, daß die Erklärung von den hier vertretenen Völkern und der Weltöffentlichkeit im gleichen Sinne verstanden wird. Es wäre verhängnisvoll, »venu diese Hoffnungen enttäuscht würde n."
Gestern in einem Teil der Auflage in kurzer Fassung verbreitet!
In einer ersten Meldung aus Lausanne war eine Fassung der Erklärung des Ministerpräsidenten Macdonald berichtet worben, die von einer „unbefristeten Verlängerung des Hoover-Moratoriums" sprach. Diese sehr weitgehende Mitteilung wurde dann durch das Bekanntwerden des Wortlauts der Erklärung Macdonalds bedeutend zurückgebremst auf ihre tatsächlich c i n g e s ch r ä n k i c r e Bedeutung, die auch durch die Erklärung des Reichskanzlers unterstrichen wird. Der Aufschub der deutschen Reparationszahlungen für vie Dauer der Lausanner Konferenz bedeutet eigentlich eine gewisse Selbstverständlichkeit, denn für die Verhandlungen mußte als Basis ein gewisser s e st - N ehender Zustand angenommen werden. Die Ver- baudlungsgrundlage mußte sich aber ständig verschieben durch während der Dauer der Lausanner Konferenz er- folgenbe Zahlung oder wahrscheinlich Richt Zahlung fälli- per Schuldenraten. Der Aufschub soll, wie von unterrichteter Seite erklärt wird, nicht nur für die Dauer der Lausanner Voll konferenz gelten, sondern auch für die Zeit, in ->er eventuell eingesetzte A u s s ch ü s s c weilerarbeiten, um gegebenenfalls vorbereitendes Material zu beschaffen für die dann in Aussicht genommene große Weltkrisenlon f e r e n z, die unter Beitritt von A m e r i k a in London ftattfiubeu soll.
Die Bedeutung der Erklärung Macdonalds liegt vor allem, wie cs auch der Reichskanzler betont, in der Kundgebung der Gläubigermüchic, daß sie den besten Witten haben, die Arbeiten der Konferenz zu einer endgültigen Regeln n g zu führen. Dieser Wille, wenn " wirklich aus allen Seiten aufrichtig ist, deckt sich mit den von der ReichSregierung für ihre Bestrebungen aufgcstcll- üm Grundsätzen.
*
Der Reichskanzler spricht.
Reichskanzler von Papen legte in der gc- *) einten Vollsitzung der Tributlonferenz in einer großen, allgemein mit Spannung erwarteten Rede den Standpunkt der deutschen Regierung zur Tributsrage dar Der Reichs wnzler ging zunächst kurz auf die Bemerkungen ein, hie d« englische Ministerpräsident Mnedoyald in seiner
Eröffnungsrede hinsichtlich der bestehenden Ab- m a ch u n g e n gemacht hatte. Er erklärte, daß es sich aus dieser Konferenz nicht darum handele, die Reparationsfrage unter j u r i st è s ch c n Gesichtspunkten zu erörtern. Es bedürfe daher nicht der Feststellung und werde auch von niemandem geleugnet, daß die Haager Abkommen r c ch t s- gültig unterzeichnet worden seien. Es komme jetzt allein darauf an, die heute gegebenen Tatsachen ins Auge zu fassen und die unabweisbaren Folgerungen daraus zu ziehen.
Ter Reichskanzler behandelte sodann die Ent wickln ngderWeltwirt schaft seit dem Jahre 1929, der Zeit der Aufstellung des Aouna-Vlanes. Er schilderte den
Die Eröffnung der Lausanner Konferenz.
Sturz aus dem blühenden Optimismus von damals in den
Pessimismus und die Verzweiflung von heute.
RiAtS von den damaligen VerheißtlNLW. hab? sich erfüllt. Durch die Arbeitslosigkeit seien gerade in den stärker industrialisierten Ländern soziale Spannungen erzeugt worden, die zu einer immer größeren Gefahr für die Weltordnnng und die kulturellen Errungenschaften eines Jahrtausends geworden seien.
Eine Anzahl von Staaten habe sich schon gezwungen gesehen, die Zahlungen nach dem Auslande c i n z u st c l l c n. Das sei eine ernste Mahnung, rechtzeitig Vorsorge zu treffen, daß nicht große Länder in die gleiche Lage kämen, wodurch die Weltkrise eine unübersichtliche Erschwerung erfahren würde.
Die jetzige Krise des Güteraustausches sei überdeckt von einer zweiten Krise, nämlich von einer
Kreditkrisc von nie gekannter Ausdehnung.
Ihre wichtigste Ursache liege in der internationalen, öffentlichen Verschuldung und in den Wirtschafts- widrigen, politischen Zahlungen. Die Krise des Güteraustausches könne nicht überwunden werden, wenn nicht die Krise des Kredits überwunden werde, und diese könne wiederum nicht überwunden werden, wenn nicht ihre besonderen Ursachen radikal beseitigt würden. Im Anschluß an diese Darlegungen über die allgemeine Weltkrise ging der Reichskanzler ausniürlicb auf
Sturm im Bayerischen Landtag.
Ausschluß der gesamten national- _ sozialistischen Fraktion. ~
Im Bayerischen Landtag ist es zu stürmischen Auftritten gekommen. Da die nationalsozialistischen Abgeordneten im braunen Hemd mit Parteibinde erschienen waren, gab Präsident Stang eine Erklärung ab, wonach am 6. Juni 1930 Landtagsmitglieder ebenfalls den Saal in Parteinnisorm betreten hätten. Das Haus habe damals seinen Standpunkt gebilligt, daß das Auftreten in der Uniform einer Partei oder eines politischen Verbände^ einen demonstrativen und provokatorischen Charakter habe. Er habe damals unter Billigung des Hauses gefordert, daß in Zukunft das Auftreten in Uniform zu unterbleiben habe. Die Erklärung würbe immer wieder
durch stürmische Zurufe der Nationalsozialisten unterbrochen.
Der Präsident erklärte weiter, Demonstrationen und Provokationen seien heute genau so wenig wie damals am Platze und bildeten eine schwere Störung des Hauses. Er schließe deshalb auf Grund der Geschäftsordnung folgende Mitglieder von der Sitzung aus. Als der Präsident hier« auf die Namen sämtlicher Mitglieder der nationalsozialistischen Fraktion verlesen wollte, trat der nationalsozialistische Abgeordnete Esser auf das Rednerpodium und rief in den Saal:
„Unserem Führer Adolf Hitler ein dreifaches Heil!"
Die Nationalsozialisten stimmten in den Ruf ein. Hierauf rief Esser: „Der Regierung Held ein dreifaches Nieder!" Auch in Diesen Ruf stimmten die Nationalsozialisten dreimal ein, Per Präsident unterbrach hierauf die Sitzung. Die Nationalsozialisten stimmten das Horst Wessel Lied an während die Abgeordneten der übrigen Fraktionen den Saal verließen. Da sich auch ein Teil der Tribüucn- bssücher an -»cn Heil- und NWed-Rufey und an dem Absingen des Horj^Wessel-Liedes beteiligte, ließ , der Mäst».
die Lage in Deutschland
ein. Die Arbeitslosigkeit sei in Deutschland größer als in irgendeinem anderen Lande, und besonders verhängnisvoll sei dabei, daß ein immer größerer Teil der Heranivachsenden Jugend keine Hoffnung habe, zu Arbeit und Verdienst zu kommen. Verzweiflung und politische Radikalisierung seien die Folge. Ter Reichskanzler wandte sich dann den Einzelheiten des Reparationsproblems zu. Er kritisierte, daß
die Atempause, die Präsident Hoover
seinerzeit mit seiner Aktion beabsichtigt habe, ungenützt verstrichen sei, und daß man die dringenden Empfehlungen der Sachverständigtznausschüsse bis jetzt unbeachtet gelassen habe. Die Auslandsverschuldung Deutschlands mit ihren hohen Zinsen sei zum weitaus größten Teil aus die Substanzübertragung und Kapitalentzichung zurückzuführen, die sich aus den bisherigen Reparationsleistungen ergaben. So habe der beratende Sonderausschuß feftgefteBt, daß von den 1 8 Milliarden Mark, die Deutschland nach der Stabilisierung der Mark vom Auslande entliehen habe, mehr als 1 Ö Milliarden allein
durch die baren Reparationszahlungen »nieder ins Ausland zurückgefloffcu
seien. Die Höhe der bisherigen deutschen Leistungen müsse nach ihrem w i r k l i ch cn Wert veranschlagt werden, nicht nach dem E m p f a n g s w e r t, den sie für die empfangenden Länder gehabt haben.
Das Angebot von Gütern im Werte von Milliarden habe natürlich zu einer unwirtschaftlichen Verwendung im Empfaugslandc geführt, so daß der Nutzen des Empfanges viel kleiner gewesen sei als die Höhe des Verlustes für Deutschland. Hier liege überhaupt die Problematik des ganzen Reparativnssyst cms. Wenn man den Wert der deutschen Reparationsleistungen nach ihrem wirklichen Wert veranschlage, so kormne mau zu unvorstellbar großen Zahlen.
Es sei eine völlig irrige Auffassung, daß Ten^schsond zu einem übermächtigen Konkurrenten für andere Länder werden würde, wenn es von seinen Pvliti- schen Schulden befreit würde.
Der Reichskanzler schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Die Erfahrungen der letzten Jahre können nur dahin zusammengcfaßt werden: Die Reparationsleistungen haben sich als unmöglich und schädlich erwiesen. Diese Erfahrungen schließen die Möglichkeit aus, in der Hoss nung auf die künftige Entwicklung ein neues Experiment mit den Reparationen" zu machen, das doch wieder zu dem gleichen Mißerfolg wie die bisherigen Versuche führen müsste. Die Reparationen waren "ursprünglich für den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Gebiete bestimmt. Inzwischen hat ihre Wirkung sich in das Gegenteil verkehrt.
Sie bauen nicht auf, sondern sie zerstören.
Das zwingendste Gebot der Stunde ist, den Blick von der Vergangenheit auf die Zukunft zu richten. Die Stunde des Handelns ist gekommen. Deshalb haben »vir in Deutschland noch einmal den Versuch gemacht, die lebendigen aufbauwilligcn Kräfte der Nation zusammcn-
Fortsetzung auf Seite 2
bent die Landtagstridünen räumen. Der Präsident berief sofort den Ältestenrat zusammen.
Nach Wiederaufnahme der Sitzung waren die Nationalsozialisten größtenteils in Zivilkleidung erschienen. Präsident Stang erklärte, er habe sämtliche Mitglieder der nationalsozialistischen Fraktion, die in Uniform erschienen waren, von der Sitzung ausgcschlosicn. Dieser Aufforderung sei keine Folge geleistet worden. Er schließe deshalb sämtliche Mitglieder der nationalsozialistischen Fraktion auf acht Tage von den Sitzungen aus. Diese Erklärung des Präsidenten rief neuerdings großen Lärm und stürmische Pfuirufe bei den Nationalsozialisten hervor. Die Sitzung mußte erneut unterbrochen werden. Da bic Nationalsozialisten sich weigerten, den Landtagssaal zu verlassen, erschienen
Kriminalbeamte und grüne Polizei im Saal.
Die sämtlichen nationalsozialistischen Abgeordneten wurden von den Kriminalbeamten einzeln aus dem Saal geführt, wobei es wieder zu stürmischen Zwischenrufen kam. Der Abgeordnete Schwede setzte seiner Wegfübrung Widerstand entgegen, er Würbe schließlich von einigen Kriminalbeamten aus dem Saal geschoben.
Nach Wiederaufnahme der Verhandlungen teilte der Präsident mit, daß nach den Bestimmungen der Geschäftsordnung bic nationalsozialistischen LandtagSmitglicdcr nunmehr auf zwanzig Sitzungstage ausgeschlossen seien. Die Tribünen blieben bei den Verhandlungen geräumt.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die Reparationszahlungen Deutschlands werden während der Dauer der Lausanner Konferenz gestundet.
* Der Reichskanzler entwickelte in Lausanne in einer großen Rede den Standpiinki Deutschlands in der Tributfragc.
* Fm Bayerischen Landtag ist eS zu stürmischen Szenen ge- kommen, alS der der Bayerischen BolkSpartci angehörendo. LanStagsprLfident bis in SSL-Uniform erschienenen nationalsozialistischen Abgeordneten aus dem Saals weisen wollte. __