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M-aer Anzeiger

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Air. 120 1932 Fulda, Mittwoch, 25. Mai 9. Jahrgang

Das neue Preuhenparlament.

Die Eröffnung des 4. Preußischen Landtages.

Ein ruhiger Anfang.

Berlin, 24. Mai.

Für den Preußischen Landtag, der in der Reichshauptstadl für gewöhnlich ein stilles Dasein fristet, zeigte sich beim Zu- sammentritt des neuen Preußenparlamcnts stärkste Anteil- mhme. Die Nachfrage nach Eintrittskarten für die Er- Mungssitzung war gewaltig, nur der kleinste Teil konnte selbstverständlich bei dem vorhandenen Raum berücksichtigt werden. Es mußten sogar zahlreiche Zeitungsvertreter aus England, Amerika, ja selbst vom Balkan, die eigens nach Berlin gekommen waren, um an der Eröffnungssitzung teilzu- nehmen, abgewiesen werden. Das Gebäude war von starken Polizeikräften, die in dem dem Landtag gegenüberliegenden Kunstgewerbemuseum ihr Hauptquartier ausgeschlagen hatten, in weitem Umfang abgejperrt, und man mußte zahlreiche Sperren passieren, bevor man in das Hohe Haus hineinkam.

Kurz vor Beginn der Sitzung setzte ein heftiger Platzregen ein, der die Neugierigen bald verscheuchte, und auch hier be- währte sich wieder die alte politische Weisheit, daß der Regen der beste Helfer der Polizei ist. Nur einige Unentwegte harrten noch aus, um den Anmarsch der Abgeordneten zu sehen.

Drinnen im Sitzungssaal sind die Tribünen voll gespickt und in drangvoll fürchterlicher Enge wartet man der Dinge, die da kommen sollen. Nur allmählich füllt sich der Plenar­saal. Fünfzehn Minuten nach der festgesetzten Zeit ziehen fast lautlos die nationalsozialistischen Abgeordneten geschlossen ein, einige von ihnen in ihrer braunen Partciunisorm. Dort, wo im früheren Landtag die Abgeordneten der Deutschnatio- Alen und der Volkspartei saßen, haben sie jetzt. 162 Mann tat, ihre Arbeitsplätze gefunden. An sie schließen sich 31 Deutschnationale, dann kommen sieben Bolksparteiler und, rein änlich, schon stark nach links gerückt 67 Zentrumsleute, denen sich 94 Sozialdemokraten und 57 Kommunisten anschUetzen.

Als Alterspräsident General L i tz m a n r den Präsidenten- Ugtz betritt, erheben sich die Nationalsozialisten geschlossen und ehren ihn mit dem Hitlergrutz, der von General Lietzmann er- widert wird. Mit lauter Stimme stellt er fest, daß er das älteste Mitglied des Parlaments und als solcher berufen ist, den neuen Landtag zu eröffnen. Von den kommunistischen Bänken kommen wiederholt Zwischenrufe und Pfiffe. Aber auch dieses Zwischenspiel ist bald beendet, und schnell wickelt man die sachliche Arbeit ah, die man sich für den ersten Tag im neuen Preußenparlament gestellt hatte. Es war nicht viel, aber man wußte ja im voraus, daß es nicht viel geben würde, da die Fraktionen ohne vorherige Fühlungnahme zur ersten Sitzung gekommen waren. Schon nach ^ Stunden war diese Sitzung zu Ende und man entschwand wieder in die Fraktiouszimmer. um Beschlüsse zu fassen über die Zusammen­setzung des Ältestenrates, der am Mittwoch gebildet werden soll.

Nachdem Präsident Litzmann die Sitzung geschlossen hatte, leerte sich der Plenarsaal langsam. Die Kommunisten stimmten die Internationale an, gleichsam, als wenn sie dafür sorgen wollten, daß die Eröffnungssitzung nicht ganz sang- und klang- A verlaufen sollte.

Sitzungsbericht.

(1. Sitzung.) tt. Berlin, 24. Mai.

Der neue Preußische Landtag trat zu feinet Eröffnungssitzung zusammen.

Alterspräsident Abg. General Litzmann begab sich auf den Platz des Präsidenten. Er wurde von Parteifreunde» mit Heil rufen, von den Kommunisten mit Stieber- rufen empfangen.

Der Alterspräsident erklärte:

Ich eröffne hiermit die erste Sitzung des vierten

Landtages.

Fch bin am 22. Januar 1850 geboren, stehen also im 83. Lebens- 'uhre. Ich frage, ob in dieser Versammlung jemand ist, bei ein noch höheres Lebensalter ausweist. (Zuruf bei den Soz.: Unmöglich! Lachen.) Das ist nicht der Fall Alse habe ich die Verhandlungen zu leiten, bis der eigentliche Pray- dem gewählt ist. (Erneute Zurufe bei den Komm.)

Nach einer Trauerkundgebung für die aus Zeche Dorst- icid verunglückten Bergleute teilte der Präsident mit, daß außer

der Rücktrittserklärung beS Staatsministeriumö

den Fraktionen bereits sehr zahlreiche Anträge eingebracht /ordeu sind, um dann, unter dem Gelächter der Kommunistco ^orzuhcbcn, daß sich der neue Landtag eint ftsordnung noch nicht gegeben habe, so daß zu- die Bestimmungen der alten Geschäftsordnung Geltung Das bedeutet aber, so betont er, in keiner Weise di« ^oernahme der bisherigen Geschäftsordnung durch den jetzigen .Aus, Vorschlag des Alterspräsidenten beschließt das Haus u» die Einsetzung eines Ältestenrates. (Lebh.

p?" den Komm.: Kein Protest gegen Versailles, Boung- o^Frlbutzahlungen? Kein Wort zur Arbeitslosensragc?!) dg- Pieck (Komm.) erhält dann, während seine Fraktion uir , ei.PoOgcu R o t - F r o n t ° R u f auSbringt, das Wort ivin <wlästsvrdnnng. Die Regierung Braun, so erklärt er, hn U e s ch ä s t s s ü h r e n d e s Kabinett zunächst noch bi bleiben, um ihre arbeiterfeindliche Politik weiter fort- schärn?" können. Der Landtag hält es für notwendig, in M k , Weise gegen diese Politik Stellung zu nehmen und zu tzOUrch die Annahme beS folgenden Antrags zum Ausdruck Sch."^ Landtag spricht dem Gcschäftsministerinm Braun­es fiiVuO. das schärfste Mißtraue n aus." Wir halten Äin» o^g, daß der Landtag bei der ersten Gelegenheit diesen Ä.»um Ausdruck bringt.

^Präsident Litzmann: Sofortige Abstimmung über «Ntrgg ist nach 'Per Geschäft^oronuitü. nicht zuläsiig,

(Großer Lärm bei den Komm.) Ich frage, ob der Antrag des Abg. Pieck sofort behandelt werden soll.

Nur die kommunistische Fraktion erhebt sich. (Lebhaft« Aha!-Rufe und Lärm bei den Komm.)

Alterspräsident Litzmann: Ich schlage vor, die nächste Sitzung abzuhalten am Mittwoch um 13 Uhr mit folgender Tagesordnung: 1. Wahl des Präsidenten; der drei Vizepräsidenten und der fünf Beisitzer; 2. Bestellung des Stän­digen Ausschusses; 3. Feststellung der Zahl der Mitglieder der Ausschüsse; 4. Beratung des Urantrages Kube und Fraktion auf Einstellung von Strafverfahren gegen Abgeordnete. (Zu­rufe bei den Komm.: Ist das alles? Nochmal zurück, Herr General!)

Abg. Dr. von Winterfeld (Dtn.) beantragt, folgenden Ur­antrag aus die nächste Tagesordnung zu setzen:

Der Landtag stellt fest: Die Amtsführung durch den bis­herigen Ministerpräsidenten und durch die bisherigen Minister, gleichgültig, aus welcher formellen Rechtsgrundlage sie erfolgen sollte, entbehrt des Vertrauens des Landtages."

Die Sitzung wird auf Mittwoch vertagt.

; . . Gerrcrat a. D. LiWanu, der den Preußischen Landtag als Alterspräsident eröffnete.

*

Vor einer Einigung über das preußische Landiagsprasidium

Es hat den Anschein, als ob sich die Lage im Preu­ßischen Landtag, wo bisher über die Frage der Prä­sidiumsbildung völlige Unklarheit herrschte, zu klären beginnt. Von nationalsozialistischer Seite verlautet, daß die nationalsozialistische Fraktion, wenn die Sozaldemo- kraten für den nationalsozialistischen Kandidaten Kerrl als Landtagspräsidenten stimmen, aus parlamentarischem Anstand heraus auch für den sozialdemokratischen Vize­präsidenten stimmen würden. Sie würden sich der Stimme enthalten, falls die Sozialdemokraten gleichfalls Ent­

Do X" kehrt heim.

Besuch in Berlin.

An Bord des FlugschiffesDo. X" befanden sich auf dem Fluge von Calshot bei Southampton nach Berlin 17 Personen. Außer der 13 Mann starken Besatzung und der deutschen Fliegerin Antonic Straßmann, die schon in Amerika an Bord gegangen war, flogen mit Dr. Dornier und seine Gattin sowie Direktor Dr. Rühl- Ham­burg, der die Vrcnnstofsvcrsorgung für den Flug organi­siert hat.

Beim Abflug von Calshot hatte sich nur eine klein, Anzahl von Personen eingefunden.

Um 10,10 Uhr

brauste das Flugboot mit voller Kraft davon, um sich nach kurzer Zeit in die Lüfte zu erheben. Wegen des diesigen Wetters entschwandDo. X" bald den Blicken der wenigen Zuschauer.

Flugkapitän F. Christiansen.

, Der Kommandant dcSDo. X".

Der Führer des FlugschiffesDo. X" ist der in Wyl auf Föhr geborene Flugkapitän Friedrich Chri­st i a n s e n, der von alten Fliegern und Luftschiffern nurunser Krischan" genannt wird. Christiansen wai ehemals Schiffskapitän und wurde als Oberleutnant zur See Führer einer Staffel der Seeflieger. Auf diesem Posten erwarb er sich

den Orden Pour le mérite.

Pon seiner Staffel und unter seiner Führung wurden während deS Weltkrieges mehrere Großtaten vollbracht Christiansen wurde bald darauf Kapitänleutnant d. R Die Doruierwerle übertrugen ihm dann das

Kommando über das erste deutsche Flugschiff.

Christiansen hat sich durch die Schwierigkeiten, die den Flua deS ^o. X n a ch Amerika immer wieder ver­zögerten, nicht entmutigen lassen, und das Vertrauen, da, er in das Flugschiff setzte, ist, wie d e r R u ck f l u g a u, A mcrika beweist, nicht getauscht worden.Do X hm die riesige Strecke Newyork-NeufundlandAzorcn- Vigo-Southampton-Berlin planmäßig bewältigt.

Die gewaltige Leistung des Klugschiffes.

Es handelt sich um eine Strecke von 8500 Kilometer. Ins« gesamt hat das Flugschiff

haltung übten. Beim Zentrum liegen die Dinge so, daß man möglichst nach dem parlamentarischen Brauch stimmen will, d. h. in diesem Falle also für den Kandidaten der Nationalsozialisten als der stärksten Fraktion für den Posten des Landtagspräsidenten. Vermutlich wird sich also das Landtagspräsidium zusammensetzen aus dem Abgeord­neten Kerrl (Nationalsozialist) als Präsidenten, dem Abge­ordneten Wittmaack (Soz.), der bisher den Präsidenten­posten bekleidete, als ersten Vizepräsidenten, dem Abge­ordneten Baumhoff (Ztr.) als zweiten Vizepräsidenten, und da die Kommunisten am Präsidium auch im alten Landtag nicht beteiligt waren, dem Abgeordneten Dr. von Kries (Dtn.) als dritten Vizepräsidenten.

*

Oer Ältestenrat des preußischen Landtages.

Der Ältestenrat des Preußischen Landtages setzte sich aus 21 stimmberechtigten Mitgliedern und aus den vier Präsidenten zusammen, die aber lediglich Mitglieder mit beratender Stimme sind. Von den 21 stimmberechtigten Mitgliedern entfallen acht auf die Narionalfozia- listen, nämlich die Abgeordneten Kube, Hinkler, Lohse, Haake, Dr. Muhs, Prinz August Wilhelm, Weinrich-Kassel, Schulz-Wilmersdorf; fünf auf die Sozialdemo­kraten, nämlich die Abgeordneten Heilmann, Leinert, Winzer, Jürgensen und Frau Kähler; drei auf das Zentrum, und zwar die Abgeordneten Steger, Dr. Graß und Altegoer; drei auf die Kommunisten, nämlich die Abgeordneten Pieck, Koenen und Kasper und zwei auf die Deutschnationalen, und zwar die Abgeordneten Dr. von Winterfeld und Borck.

*

12 Hausfrauen im preußenhaus.

Die Berufe der neuen preußischen Landtagsabgeordneten.

Die Zusammensetzung des neuen Preußischen Land­tages unterscheidet sich auch in beruflicher Hinsicht nicht wesentlich von der seines Vorgängers. Insbesondere ist es die Landwirtschaft, die mit 62 Vertretern ein weit größeres Abgeordnetenkontingent stellt, als es im letzten Landtag der Fall war. Sie steht damit nur un­wesentlich hinter der Vertretung der Beamtenschaft zurück, die 70 Vertreter in den neuen Landtag entsandt hat. Das Handwerk ist mit 58 Abgeordneten ver­treten, dem Kaufmannsstande (Arbeitgeber und Arbeitnehmer) gehören 43 Abgeordnete an. Ferner sind im Landtag vertreten die Parteibeamten mit 31, die Arbeiter mit 26, die Lehrer mit 21, die Redakteure mit 17. die Gewerkschaftsangestellten mit 18, die Schriftsteller mit 10 Abgeordneten. Weiter sind in den Landtag gewählt 12 Hausfrauen, 8 ehemalige Offiziere, 6 Richter, 6 Pfarrer, 6 Rechtsanwälte, 6 Ärzte, 3 Volkswirte, 2 Förster. Bis auf Finanzminister Klepper gehören alle preußischen Staatsminister dem Landtag als Abgeordnete an. Die übrigen Abgeordneten sind 3 Ingenieure, ein Industrieller, ein Architekt, ein Kleingewerbler und ein Gastwirt. 11 Abgeordnete haben keinen Beruf angegeben.

45 300 Kilometer

innerhalb von 29 Fluglagen zurückgelegt. Vom Bodensee über Südamerika nach Newyork betrug die Flugleistung allein 24 800 Kilometer, an Vorführungsflügen wurden 12 000 Kilometer zurückgelegt, und dazu kommen jetzt di« 8500 Kilometer von Newyork zum Müggelsee. Di« Maschine, die mit 12 amerikanischen Curtismotoren aus. gerüstet ist, hat sich glänzend bewährt, und auf der letzten Etappe erreichte sie einen Stundendurchschnitt von 176 Kilometer.

Oo. X* über der Reichshaupistadt.

Um 18,15 Uhr erschienDo. X" über Berlin. Er flog einige Schleife» über der inneren Stadt, ehe er sich seinem Landungsplatz auf dem Müggelsee zuwandte. Auf den Dächern und in den Straßen hatten sich große Menschen- mengen angesammelt, die den erfolgreichen Ozcanflieger stürmisch begrüßten.

Um 18.25 Uhr ist das GroßluftschiffDo. X" aus dem Müggelsee glatt gewassert.

,,©o. X am Müggelsee.

Am Müggelsee herrschte schon in. den frühen Nach- nrittagsstllnden ein Leben und Treiben, wie man es sonst nur an besonders schönen Sommersonntagen gewohnt ist. Die Kunde von der bevorstehenden Wasserung des deut­schen FlugschiffesDo. X" auf dem Müggelsee nach seinem erfolgreich verlaufenen Ozeanflug hatte eine wahre Völker­wanderung nach den Ufern des größten Sees in der näheren Umgebung der Neichshauptstadt ausgelöst.

Auf dem See selbst sieht man hinter der Absperrung, die durch Boote beS ReichswafferswubeS itrena durLacführt wird.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Der Reichspräsident ließ sich durch Staatssekretär Meißner in Neudeck Vortrag über die politische Lage halten.

* Die Aufhebung der Notverordnungen Imtrbc vom HauS« haltSauSschutz deS Reichstags abgelehnt.

* Der neue Preußische Landtag trat zu seiner Ervsfnungö. sitzung zusammen.

'* Das GrotzflugbootDo. X" kehrte von seinem Ozeauflug in die Heimat zurück.