M-aer Anzeiger
Zal-s / Stâr
^ j06 Samstag, 7. Mai 1932
Mutterliebe.
Jesus Sirach 7, 29: Vergiß nicht, wie sauer du deiner Mutter geworden bist!
Mutter! Was gibt diesem Wort solche ergreifende Gewalt über unser Herz? Daß sie uns geboren hat? Das Bein nicht. Sie hat uns mit Schmerzen geboren, sie hat ihr Leben eingesetzt, um uns das Leben zu geben. Sie tat uns auf ihren Armen, an ihrem Herzen getragen, so Mich und so warm. Sie hat uns an unsern kleinen Kinderhänden gehalten bei unsern eigenen ersten unsicheren Schritten ins Leben hinein. Sie hat an unserm Bett qcsessen, für uns gewacht, gebangt gebetet wieder und nieder. Sie hat in unser enges Kinderdasein die ersten Keime der geistigen Welt gesät durch Lieder und Märchen, durch die biblischen Geschichten und durch die Gebete, die sic uns lehrte. Alle unsere Freuden und alle unsere Leiden hat sie mit uns geteilt. Immer wieder durften wir unsere Ärmchen um ihren Hals schlingen, und sie war eine Zauberin: unser Leid hat sie gelindert, unsere Freude gemehrt. Immer war es ihre Liebe, die gab, und wir empfingen den Segen aus dieser Liebe. Gewiß, auch sie hatte Fehler. Und manchmal war sie abgehetzt und nervös. Aber durch wen? Nicht auch durch uns? Sollen wir heute nicht ihrer besonders gedenken und ihr danken? Wohl dem, der noch das Glück hat, ihr den Dank sagen, ihn durch ein besonderes Zeichen der Liebe beweisen zu können! Unsere Zeit ist arm an Ehrfurcht, und das ist schlimm. Hier der Mutter gegenüber darf sie nicht fehlen, aus der Ehrfurcht vor ihr soll sie weiter wachsen uns Md unserem Volk zum Segen!
Zwischenspiele.
Scr erste Wahlgang. — Das deutsche Schreckgespenst. Politische Musik von morgen.
Nachdem sich vom französischen Ministerpräsidenten bis zum letzten Kandidaten jeglicher seine Kehlkopfentzündung angeredel hatte, gab es in Frankreich den ersten Wahlgang. Eine klare Entscheidung hat er naturgemäß nicht gebracht —, die kommt vielmehr erst am nächsten Sonntag zustande. Gewiß ist eine le.ichte „Tendenz" nach links zu erkennen, die auch von der Rechten nicht bestritten wird, aber damit ist politisch vorläufig noch gar nichts oder nur sehr wenig gesagt. Das „Persönliche" spielt ja beim französischen Parteileben und -streben eine incit größere Rolle als in Deutschland, wo politische Ge- samlanschauungen die Grundlage der Parteien, ihrer Stellungnahme zu den politischen Tagesproblemen und meist auch ihrer Haltung gegeneinander abgeben. Der Nlchtsranzvse kennt besser die Namen der Parteiführer als die der Parteien, und da programmatische — um das echt tef^ej Wort „prinzipielle" zu vermeiden — Gegensätze M oder kaum.bestehen, bleibt allein eine ganz allgemeine Märsche Haltung für den Kandidaten maßgebend, sich in dki neuen Kammer entsprechend zu placieren. Kompromisse Mischen den Parteien werden dadurch sehr erleichtert, allerdings auch leicht wieder zerstörbar. Bei der Gruppe der Sozialisten um Leon Blum liegen die Dinge zwar etwas anders, aber auch diese Partei trauert heute so manchem früheren Anhänger nach, der sich dann politisch-parlamentarisch nach der Mitte oder gar noch weiter nach rechts hin entwickelte, ohne daß ihm das erheblich verübelt wurde. Seit 1914, also bei den dazwischen erfolgten Wahlen, hat das Schwergewicht in der Kammer sich streng abwechselnd mehr nach rechts oder mehr nach links verschoben, bekam «so immer die Opposition recht —, und da ist heute die -inkc dran. Es muß sich aber erst noch entscheiden, ob die Verschiebung dieses Schwergewichts nach links so groß ist, daß demgemäß auch die Sozialisten mit zu der neuen Regierungsmehrheit gehören, die Parteien der Rechten und der rechten Mitte wie 1924 unter Herriots Ministerpräsi- demschaft ausgeschaltet sein würden. Um dieser Entwick- M noch bis zu den Stichwahlen entgegenzuwirken, Weitet man von Tardieu bis zum letzten Parteiagitator “Ma mit dem „deutschen Schreckgespen st". Wir Neicßnen das als Deutsche, ohne uns darüber in Er- Mnm setzen zu lassen. Wird sich doch erst in der welt- Miftscßen Praxis des Juni zeigen und entscheiden, ob die kahlen in Frankreich ein belangloses Zwischenspiel sind oder ob sie wirklich zu neuen politischen Klängen und -rclodicn überleiten.
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Auch in Deutschland gab es einige Tage hindurch im Mushaltsansschuß des Reichstages allerhand Zwischen- Wte, die aber dem Steuerzahler nicht gerade sehr melo- mos in die lauschenden Ohren klangen. Die Ausgaben- virtschaft der Reichsregierung für das Haushaltsjahr - m wurde bis in viele Einzelheiten hinein nachgeprüft, 7" und diese Einzelheiten waren oft von recht uner- l^ulicher Art. Man muß zunächst übrigens daran
daß dieser Haushalt für 1930 nicht durch Vc- MUßsaffung des Reichstages, sondern rechtlich durch Not- m „Ung in Kraft gesetzt wurde. Gerade darum ist nun -Nachprüfung besonders scharf durchgeführt worden c 1 ~ die Vertreter der Reichsregierung hatten gegenüber n ' «Hagen der Abgeordneten aller Richtungen einen f schweren Stand! Denn allzu viele Hände durften in u Motzen Topf hineingreifen, der mit Reichssubventio- ^'wohl und Voll gefüllt ist. Manche Organisation durfte gleich beide Hände hineinstecken, weil das eine § nicht wußte, was das andere Ministerium an „^N'utionierung aller möglicher „zu fördernder" Zwecke ,v.„^?bande tat. Erhebliches und leider Zutreffendes , 1 Regierungsvertretern nicht bloß über die Größe r ventionen Topfes gesagt, sondern noch mehr über . x zweifelhafte Art, wie die Gelder „wirtschaftlich" ShJA . ^ wurden. Immer länger wurde die Reihe der iui' 1 «oiicr lauter die Beschwerden darüber, daß das .„I Md seine beauftragten Beamten sich in Geschäfte Wen ‘1 111 N r t e n" Geschäftsleuten eingelassen M„^ '/nwen sie nicht so ganz gewachsen waren. Mächtig ttoiiru es der Reichstags -Ausschuß mit seinem Kon- 'N'd später wird auch der Rechnungshof noch- ^"nde der Kritik auch au die „wirtschaftlich sind hiâc" Verwendung der Ausgaben legen. Leider U ’e disharmonischen Zwischenspiele dieser Nachprü- M sie häufig, wenn auch festgestellt werden darf, Wichen "och Viel greller klangen. Es wird von n Behörden immer noch zu schnell und zu „aroß«
Krisensteuer aller Erwerbenden ?
Neue Sonderabgabe
durch Notverordnung?
Die Reichsregierung hat ihre Arbeiten wieder ausgenommen, um den Etat innerhalb des Reichskabinetts zur Verabschiedung zu bringen. Die genauen Schlußzahlen, mit denen der Etat ausbalanciert werden soll, stehen noch nicht fest, doch dürsten sie zwischen 8,2 bis 8,5 Milliarden liegen.
Große Sorge bereitet der Reichsregierung die Beschaffung von erheblichen Mitteln, die für die Arb eits- beschaffung, für die Arbeitslosenunterstützung und für die Krisenunter st ützung der Gemeinden bereitgestellt werden müssen. Man weiß, daß viele Kommunen am Ende ihrer finanziellen Kraft sind und daß sie, falls sie nicht so schnell wie möglich von der Reichsregierung finanzielle Hilfe erhalten, zusammenbrechen müssen. In politischen Kreisen spricht man davon, daß diese Mittel zum Teil entweder durch eine Zwangsanleihe oder durch eine Krisen st euer aller Erwerbenden aufgebracht werden sollen, gleich, ob sie in privaten oder amtlichen Betrieben tätig sind. Diese Gerüchte finden ihre Bestätigung in Ausführungen, die Ministerialdirektor von Leyden vom Preußischen Ministerium des Innern auf einer kommunal-politischen Tagung in Dortmund gemacht hat. Ministerialdirektor von Lehden führte u. a. aus:
Deutsches Land.
Memettanddeutsche.
Mit erfreulicher Schärfe haben die Memelländer bei den Landtagswahlen am 4. Mai die Antwort auf die Versuche der Kownoer Regierung gegeben, das Memelgebiet zu litauisieren. Das Wahlergebnis ist auch die Antwort auf die zahlreichen Rechtsbrüche, die sich die Regierung selbst und ihre Beauftragten im Memelland, der Gouverneur Merkys und das ebenfalls großlitauisch eingestellte Direktorium Simaitis geleistet haben und die bald vor dem Haager Schiedsgericht behandelt werden sollen. Trotz der rechtswidrigen Einbürgerung Tausender von Litauern im Memelgebiet und des amtlichen Terrors gegen die deutsche Wahlpropaganda führte die überraschend starke Wahlbeteiligung zu einem erheblichen Anschwellen der für die beiden großen deutschen Parteien abgegebenen Stimmen und beut» zufolge auch der Mandate. Mit den deutschen Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen verfügen sie fast über vier Fünftel der 29 Abgeordnetensitze im neuen Landtag. Nur 12 000 Stimmen entfielen trotz der Neueinbürgerungen auf die beiden litauischen Parteien, die also einen großen Teil ihrer früheren Anhänger verloren haben müssen.
In Kowno ist man ebenso gewaltig überrascht wie — ratlos. Der Gouverneur des Memelgebietes ist sofort von der litauischen Regierung nach Kowno gerufen worden und die Stellung des bisherigen Direktoriums ist ganz unhaltbar, da nach dem Memelstatut es bei einem Mißtrauensvotum des neuen Landtages zurücktreten muß. eine
Simaitis, der Vorsitzende des jetzigen Landesdirektoriums.
zweite Auflösung des Landtages aber erst recht zwecklos wäre. Selbstverständlich und erfreulich groß ist die Wir- Wirkung der Wahl auch auf die Signatarmächte des Memelstatuts. Denn ganz eindeutig ist diese politische Willenserklärung des Memellandes gegen Litauen und das Verhalten der Kownoer Regierung, die eine schwere persönliche Niederlage erlitten hat. Das kann auch seine Rückwirkung auf die kommenden Haager Verhandlungen nicht verfehlen.
Das M e m c l l a n d war deutsch und will deutsch bleiben.
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Merkys' Rücktrittsgesuch.
Der Gouverneur des Me m e l g c b le t e Z, Merkys, hat sein Rücktrittsgesnch beim Staatspräsidenten in K owno eingereicht.
Das litauische Kabinett hat sich eingehend mit der nach den Wahlen im Memclgcbict geschaffenen Lage beschäftigt.
zügig" Geld angegeben, das ihnen ja — nicht gehört, sondern nur antoertraut ist.
Auch für die deutsche innenpolitische Musik von morgen werden die Instrumente besonders für den Zusammentritt des Reichstages „gestimmt"; aber man wird auch dann und trotzdem kaum die Hoffnung hegen, daß dort nur liebliche Töne produziert werden. Schnell blies die Reichsregierung noch eine Melodie dazwischen, die eine gewisse Beruhigung bezweckt, aber wohl kaum erreicht: den Erlaß der beiden Notverordnungen über die „militärähnlichen Organisationen" und über das Verbot der kommunistischen Gottlosenbewegung. Ob und wem cs die Reichsregierung damit recht gemacht hat, wird sich auch erst in den kommenden Tagen der kurzen Reichs- tagsverhandlungen zeigen, die aber die übliche „große Aussprache" bringen sollen. Und dann wird jede Partei mit der ebenso üblichen Verve in ihre Trompeten stoßen. — doch auch hier nur zu einem Zwischenspiel, das erst nach Pfingsten zum politisch parlamentarischen „Concerto grosse" werden wird. Dr. Pr-
Wir müssen erwarten, daß schon in den nächsten Tagen etwas Durchgreifendes geschieht. Es muß möglich sein, die Unterstützungen von den Etats des Reichs, der Gemeinden und Gemeindeverbände abzuwälzen.
Die Mittel sollen aufgebracht werden durch einen Beitrag der Arbeitnehmer und Arbeitgeber als allgemeine Abgabe.
Dann kann die Krisenlohnsteuer und die zweite Kürzung der Beamtengehälter fallen. Die Reichsregierung wird in den nächsten Tagen die entscheidenden Beschlüsse fassen müssen.
Für den Fall, daß das Reichskabinett tatsächlich eine solche Abgabe beschließen sollte, wird das noch durch eine Notverordnung vor dem Zusammentritt des Reichstages bekanntgegeben werden.
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Mißtrauensanträge gegen das Reichskabinett.
Die kommunistische Reichstagsfraktion hat zur bevorstehenden politischen Aussprache im Reichstag einen Mißtrauensantrag gegen das Kabinett Brüning eingebracht, ferner besondere Mitztrauensanträge gegen die Minister Groener und Stegerwald. Die Rechtsparteien haben bisher eine Entscheidung über die Einbringung von Mißtrauensanträgen nicht getroffen; das wird voraussichtlich erst in den Fraktionssitzungen, die am Montag stattfinben, geschehen.
In politischen Kreisen' Kownos werden bereits N a äs» folger für Gouverneur Merkys genannt. Als Nachfolger sollen der Oberst Baron Stenzelis, der Generalsekretär des Innenministeriums, und der Militär- attacho in Berlin, Oberst S k i r p a, der zur Zeit im Kowno weilt, in Frage kommen.
polnische Gistpfeile.
Die Hetze gegen Danzig geht weiter.
Die polnische fresse, die Regierungsblätter voran, hören nicht auf, gegen Danzig und den Völkerbundkom- missar zu hetzen. Die giftigsten Pfeile werden jedoch wie gewöhnlich gegen Berlin abgeschossen. Die letzte Alannmeldung über einen beabsichtigten polnischen E i n f a l l in Danzig sei, so wird erklärt, nicht nur eine Verleumdung, sondern eine Vorbereitung zum Alten- tataufPolenundden Frieden. Die Deutschen, die dauernd von Revanche träumten, trügen sich mit der Absicht, Danzig samt dem polnischen Pommerellen mit Gewalt zu rauben. Polen als Säule des Friedens im Osten hat das Recht, zu forbern, so heißt es wörtlich, daß Danzig endgültig aufhört, eine Basis der nationalsozialistischen Kampftrupps zu sein. Von dem unsinnigen Gedanken, daß Hitler in Danzig seine Kampftrupps zum Ausfall gegen das unschuldige und friedliche Polen zusammenziehe, ist die gesamte polnische Preffe fast besessen. So will beispielsweise u. a. der regierungsfreundliche „Kurjer Poranny" mit Bestimmtheit wissen^ daß „nach Danzig immerfort Bomben, Munition und Waffen befördert werden, die in geheimen Arsenalen untergebracht werden. Stacheldraht und spanische Reiter gehören zu den täglichen Erscheinungen in der Umgebung von Danzig".
Die Maiiagung des Völkerbundraies.
Deutschlands Interessen.
Die ordentliche Tagung des Völkerbundrates wird am Montag in Genf beginnen. Der deutsche Botschafter in Madrid, Graf Welczek wird die Vertretung Deutschlands auf dieser Tagung übernehmen. Es gelangt eine Reihe die deutschen Interessen unmittelbar berührende Fragen, vor allen Dingen grundsätzliche Minderheitenfragen, sowie Danziger und oberschlesische Fragen zur Verhandlung. In Rats- krcisen bestand bisher die Absicht, dem Danziger Völker- bundkommifsar Grafen Gravi na das Vertrauen des Völkerbundrates auszusprechen. Ob an dieser Absicht festgehalten wird, steht jedoch nicht fest, da man nach der gesamten Haltung Polens auf Widerstand des polnischen Außenministers rechnet. Jedoch werden in allen Rats- kreisen immer wieder die sachliche und unparteiische Haltung des Grasen Gravina und seine Verdienste in der außerordentlich schwierigen und heiklen Stellung als Danziger Völkerbundkommissar hervorgehoben.
Man nimmt an, daß der englische und der italienische Außenminister an der Ratstagung teilnchmen werden, die dann auch Gelegenheit zu vertraulichen Verhandlungen über die bevorstehende, immer wieder hinausgeschobene Zusammenkunft der fünf Mächte geben wird.
Die Genfer Ratstagung ohne Brüning.
Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt: Der Reichskanzler ist zu seinem Bedauern nicht in der Lage, Deutschland auf der in der nächsten Woche stattfindenden Tagung des V ö l k c r bu n d r a t c s zu vertreten. Die ebenfalls in der nächsten Woche stattfindende Reichstags- sitznng macht dem Kanzler die Teilnahme unmöglich.
Kurze politische Nachrichten.
Anläßlich des 5 0. Geburtstages deS Kronprinzen fand in Schloß Cecilienhof in Potsdam ein offizieller Empfang statt. Abordnungen von vaterländischen Verbänden, Vertreter von Militärvereinen, Abgesandte von ehemaligen preußischen Regimentern usw. brachten dem Kronprinzen ihre Glückwünsche dar. Im Geburtstagshaus f«b zahlreiche Blumen - spenden, Telegramme und Glückivunschschreiben eingegan- gen. Der Vorsitzende der deutschnationalen Fraktion des Preußischen Landtages hat an den Kronprinzen zum 50. Geburtstag ein Glückwunschtelegramm gesandt.
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Macdonald ist nach einer Operation am rechten Auge fest ans Bett geschnallt worden, so daß er weder Hände noch Füße bewegen kann. Macdonald muß sich mindestens 24 Stunden ganz ruhig verhalten. Er ist ein sehr unruhiger Patient, dem die Trennung von den Staatsgcschäftcn außerordentlich schwerfällt.