Zulüaer Anzeiger
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9fr. 93 — 1932 Fulda, Donnerstag, 21. April__________________ 9. Jahrgang
Schwere Angriffswaffen.
Der Einfame.
Die Hoffnungen unentwegter Optimisten, daß der amerikanische Staatssekretär Stimson bei seinem Besuch in Genf das Reparativ ns- und Schulden Problem mit seinen Kollegen, die dorthin aus aller Welt zusammengeströmt sind, besprechen würde, sind, wie es vorauszusehen war, zerplatzt. Amerika hat jetzt gerade genug mit sich selbst und seiner Wirtschaftskrise zu tun, als daß es Europa in der Streichung der Schulden irgendwie entgegenkommen könnte. Bei einer Besprechung des Reichskanzlers mit Stimson ist denn auch offenbar das Schuldenproblem gar nicht berührt worden. In der A b r ü st u n g s f r a g e und in der Forderung auf Gleichberechtigung sott der Amerikaner Brüning gegenüber seine Zustimmung zu dem deutschen Standpunkt ausgesprochen haben. Das ist durchaus möglich und bietet keine Überraschung, denn dieser Standpunkt liegt durchaus in der Linie der europäischen Politik Amerikas. Eine möglichst schnelle und möglichst durchgreifende A b r ü st u n g der europäischen Staaien ist das A und das O aller Forderungen Amerikas, von denen es eine Befassung mit weiteren europäischen Angelegenheiten abhängig macht. Entwaffnung und Beendigung des wirtschaftlichen Krieges durch Lösung der Reparationsfrage sind nach amerikanischer Auffassung rein europäische Angelegenheiten, deren Erledigung nicht in der Macht Amerikas liegt. Daß es aber nicht gewillt ist, bevor diese Bedingungen erfüllt sind, an eine Streichung der internationalen Schulden heranzutreten, das hat mit großer Deutlichkeit in Washington jetzt Senator Borah, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, ausgesprochen. Borah erklärte, daß die bisher schon vorgenommenen Streichungen bei den Kriegsschulden in Höhe von 7 Milliarden Dollar nicht die versprochene wirtschaftliche oder finanzielle Besserung gebracht hätten. Eoenso wenig habe das M o r a t o r i u m tzie Wirtschaftslage Europas gebessert. Alle Zeichen sprachen deswegen dafür, daß eine vollständige Streichung der Kriegsschulden ebenfalls erfolglos bliebe.
Der Schlüssel zur europäischen Lage läge vielmehr in der Reparativ n sfrag e. Solange Europa keine -Naßnahmen ergreife, um dem Kriegszustand auf wirtschaftlichem Gebiet ein Ende zu machen, stelle eine Schuldenstreichung eine zwecklose Vergeudung von Geldern der amerikanischen Steuerzahler dar.
Ohne eine Lösung des Neparationsproblems sei es sinnlos, die amerikanischen Steuerzahler aufzufordern, Europa zu helfen oder die Bankiers zu bewegen, neues ^cld nach Europa auszuleihen.
Diese Ausführungen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und sollten denen, die immer noch nach ârrika als dem Berge, von dem die Hilfe kommen soll, lchielen, endlich die Augen öffnen. Europa ist in der Lösung der Reparationsfrage ganz auf sich gestellt, und umerhalb Europas steht Deutschland auf ein- n in ein Posten trotz aller schönen Reden von „Ver- wndigung". Vereinsamung kann zur Verzweiflung führen,
n âr auch zur Anspannung aller eigenen Kräfte sichren und st o l z machen, so daß dann der Einsame, statt Oberen nachzulaufen, selbst wieder zum begehrten ^mdcsgenossen wird. Einsamkeit ist auch nötig zur Selbstbesinnung. Möge Deutschland sic nutzen!
das Brüning mit Stimson besprach.
Vor einem deutsch - französischen Zusammenstoß?
über die zahlreichen Unterredungen des • cl«)â kallzlcrs in Genf wird von betreffender f vollkommenes Stillschweigen bewahrt. Über keine innm."vierredungen ist bis jetzt weder offiziell noch 'Mell irgendwelche Mitteilung gemacht worden.
-jedoch werden von amerikanischer Seite Einzelheiten r d.e Unterredung zwischen dem Reichskanzler amerikanischen S t a a t s s c k r e 1 ä r S t i m s o n iiiif«^' die jedoch mangels amtlicher Bestätigung mit Vorbehalt wiedcrgcgeben werden können. Nach Lr ... Wütteilungen soll der Reichskanzler dem Staals - ijh„ eingehend den bekannten deutschen Standpunkt [ Q., ?nage der G l c i ch b c r c ch t i g u n g D c u 1 s ch - vargelegt und insbesondere unterstrichen haben, Abrim ^"üsche Forderung auf Gleichberechtigung in der lrn „ '^Üsfrage auf den internationalen V c r - """bc und dem Grundsatz der Gerechtigkeit Stimson soll in der Unterredung volles ° ni s und S y m p a t h i c für den deutschen schnitt haben.
an ^. ^?nzlcr Brüning beabsichtigt, am Donnerstag toitfp ”, des Hauptausschusses der Abrüstnngs- i» di» ^"-»nehmen, wird jedoch vorläufig persönlich wägiils,^^vandlungcn nicht eingreifen. Jedoch scheint es " vei der Behandlung der für Deutschland als enden Frage der G l e i ch b c r e ch 1 i g u n g , die Mi 5 aus der Tagesordnung des Hauptausschusses %O(L wahrscheinlich Anfang oder Mitte der nächsten ^undlbmi^^^udlung kommen soll, eine Darlegung des fta^ nchpi lcu- Deutschen Standpunktes in dieser Kern- bei Än Genfer Kreisen wird angenommen, wnd fr Punkt 5 der Tagesordnung der deutsche '" o s i p ^i'sche Standpunkt zum ersten Male 7 4 9 r f e Q y f p , n yuderstvße n werden. "vcheabstlhttgt vorläufig entgegen^den ursprüng
lichen Dispositionen am Sonnabend nach Sigmaringen zur Abstimmung zu den P r e u tz e n w a h l e n zu fahren und wird Sonntagabend in Genf zurückerwartet.
*
Oie Methoden der Abrüstung.
Kompromißentschlietzung des Genfer RedaktionsausschuflcL
Der vom Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz eingesetzte Redaktionsausschuß, in dem zwölf Mächte, darunter sämtliche Großmächte, vertreten waren, hat über die Methoden und die Bedingungen der Begrenzung und Herabsetzung der Rüstungen e i n st i m m i g eine Entschließung angenommen, die einen Mittelweg zwischen dem italienischen und dem tschechoslowakischen Vorschlag darstellt. Nach der Entschließung müssen entsprechend den Bestimmungen des Artikels 8 des Völkerbundpaktes die Rüstungen auf das mit der nationalen Sicherheit und der Durchführung der internationalen Verpflichtungen zu vereinbarende Minde st maß herabgesetzt werden. Ferner muß der geographischen Lage und den besonderen Bedingungen jedes einzelnen Staates Rechnung getragen werden.
Der sowjetrussische Außenkommissar Litwinow meldete einen grundsätzlichen Vorbehalt gegen die Anwendung des Artikels 8 des Völkerbundpaktes an und erklärte, daß Nichtmitgliedstaaten des Völkerbundes nicht in der Lage seien, die Bestimmungen dieses Artikels für sich als bindend anzusehen.
Der Hauptausschuß wird nunmehr über diese Methoden abstimmen und sodann die gleichzeitige Anwendung der wertmäßigen und mengenmäßigen Begrenzung durch völliges Verbot gewisser Materialien und Rüstungsarten sowie die politische und juristische Voraussetzung für eine Organisation des Friedens behandeln. Bei dieser Gelegenheit werden die letzten amerikanischen und italienischen Vorschläge auf vollständige Abschaffung sämtlicher entscheidenden Angriffswaffen sowie, die französischen Abrüstungsvorschläge zur Verhandlung gelangen.
*
Die Vernichtung der GrvßangriffèVaffen
/ Die Frontbildung gegen Frankreich.
Der Hauptansschuß der Abrüstungskonferenz verhandelte den dritten Punkt der Tagesordnung: Gleichzeitige Anwendung derquantitativenundquali- tativen Begrenzung durch absolutes Verbot gewisser Materialien, ausgenommen bestimmter Bedingungen für deren Beibehaltung.
Der englische Außenminister Simon trat in einer großen Rede mit außerordentlichem Nachdruck und großer Überzeugungskraft für den Vorschlag J)cr englischen Abordnung ein, nach dem sich die Abrüstungskonferenz endgültig für den Grundsatz der qualitativen Abrüstung aussprechen soll. Nach dem englischen Vorschlag erklärt die Abrüstungskonferenz, daß sie den Grundsatz der qualitativen Abrüstung, d. h. die Abschaffung, Vernichtung und das
Verbot der Verwendung bestimmter Hauptwaffen- katègorien aunimmt. Der englische Vorschlag stellt sich damit vollständig auf den Boden der italienischen und amerikanischen Abrüstungsvorschlägc und in schroffen Gegensatz zu den französischen Anträgen, nach denen die großen Angriffswaffen dem Völker- b n n d zur Verfügung gestellt werden sollen. Simon betonte, er fei fest davon überzeugt. daß die cndaültiae
Oer englische Haushali.
Chamberlain stellt keine Schuldenzahlungen in das Budget ein.
Chamberlain hielt im Englischen U n t e r - h a u s c seine große Büdgetrede, die etwa anderhalb Stunden dauerte und wiederholt mit allgemeinem Beifall ausgenommen wurde. Er kündigte u. a. ein neues Verfahren zur Eintreibung der Einkommensteuer in der Werse an, daß die Arbeitgeber die fälligen Steuern ihrer Arbeitnehmer unmittelbar an den schatzkanzler abführen. Bisher seien etwa 100 derartige Abmachungen getroffen worden. Es liege im öffentlichen Interesse, wenn dieses System in Zukunft ein fester Bestandteil der englischen Steuergesetzgebung wird.
Durch die neuen Maßnahmen habe sich der Fehlbetrag, der an sich zu erwarten gewesen wäre, in einen Überschuß von 760 000 Pfund verwandeln lassen.
Schatzkanzler Chamberlain befaßte sich auch mit den Reparativ ns» u n d Schuldenzahlungen. Er habe in seinen Haushalt nichts für einkommende Reparationen und Schuldenzahlungen und auch nichts für die von England an Amerika zu leistenden Zahlungen ein- gesetzt. ‘Gr habe es für angebracht gehalten, diese beiden Seiten des Schuldenkontos, die sich selbst ausgleichen sollen, bis auf weiteres auszusetzen. Die künftige Lage werde von den Ergebnissen dcrLausanner Konferenz abhängen. .
Gleichzeitig habe er aus dem Haushalt auch die Gin« nahmen aus dem S ch u l d c n d i c n st der Dominions herausgelassen. Obwohl deren Schülden auf einer jnbemi Grundlage als. die interalliierten Schulden
Abschaffung und Vernichtung der Großangrissswassen den ersten entscheidenden Schritt für die allgemeine Abrüstung darstellt. Die Ausführungen des englischen Außenministers wurden mit stürmischem Beifall ausgenommen.
Botschafter Nadolny
nahm erneut in einer grundsätzlich gehaltenen Erklärung zu dem neuen Vorschlag der englischen Regierung auf Verbot und Abschaffung sämtlicher schweren Angriffswaffen Stellung und führte folgendes aus: Der englische Vorschlag liegt in der gleichen Richtung wie die Abrüstungsvorschläge der deutschen Regièrung. Tie deutsche Abordnung hält ihre Vorschläge uneingeschränkt aufrecht, Sie begrüßt daher die englischen Vorschläge aufs wärmste, die einen Teil der deutschen Vorschläge in sich schließen. Namens der deutschen Regierung erklärte Nadolny sodann, es sei jetzt unerläßlich, daß die Abrüstungskonferenz zunächst zur
Abschaffung aller schweren Angriffswaffen als einen Teil der Lösung des Gesamtproblems der ganzen Welt schreite. Der Artikel 8 des Völkerbundpaktes und die öffentliche Meinung der ganzen Welt verlangen, daß diese erste Lösung -es Abrüstungsproblems jetzt in Anqrisf genommen wird.
Die Abrüstungskonferenz steht jetzt mitten in der ent- icheidenden Aussprache über die Abschaffung der schweren Angriffswaffen, in der sich eine scharfe Trennung zwischen der englischen, italienischen, amerikanischen und deutschen Auffaffung auf der einen »eite und den Forderungen der französischen Staatengruppe aus der anderen Seite abzeichnet.
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Macdonald fährt mit Tardieu nach Genf.
Der englische Ministerpräsident Macdonald, der auf der Durchreise nach Genf in Paris Aufenthalt genommen hat, um mit dem Ministerpräsidenten Tardieu zu beraten, ist nach Genf nicht allein, sondern in Gesellschaft Tardieus gereist.
Im Anschluß an die Besprechungen gab Tardieu die Erklärung ab, daß er mit dem englischen Ministerpräsidenten eine sehr interessante Besprechung gehabt hat, die sich besonders auf die in Genf auf der Tagesordnung stehenden Fragen erstreckte. Er habe den Wunsch, die Unterredung mit Macdonald fortzu setzen und sei aus diesem Grunde zu dem Entschluß gelangt, gemeinsam mit dem englischen Ministerpräsidenten nach Genf abzureisen.
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Die Gründe für die plötzliche Reise Tardieus nach Genf.
Paris, 21. April. Ueber die Gründe des plötzlichen Entschlusses des französischen Ministerpräsidenten Tardieu, nach seiner Unterredung mit dem englischen Pemier- minister Macdonald gleichzeitig mit diesem die Reise nach Genf anzutreten, berichtet das „Z o u r n a I“, der Beschluß Tardieus habe diejenigen nicht überrascht, die die Vorgänge der letzten drei Tage in Genf verfolgt und verstanden hätten. Man stehe vor einer Entschließung, die der englische Vertreter im Einvernehmen mit dem amerikanischen Vertreter in Genf verteidige und die, wie das Blatt schiebt, der internationalen Organisation der Sicherheit zuwiderlaufe. Es sei klar, daß dieser Vorschlag Gegenstand der gestrigen Besprechung zwischen Macdonald und Tardieu gewesen sei, und weil diese Aussprache dem französischen Ministerpräsidenten nicht die Beruhigung gebracht habe, die er davon erwarten zu können geglaubt habe, habe sich Tardieu entschlossen, selbst nach Genf zu reisen. — Auch andere französische Blätter bemerken zu Tardieus Entschluß, daß wichtige Fragen für Frankreich auf dem Spiel stünden ünd daß deshalb die persönliche Anwesen^ heit des Regierungschefs notwendig sei.
und Reparationen ständen, so seien sic doch in gewißer Hinsicht mit ihnen verbunden. Deshalb habe er cs auch in diesem Fall für angebracht gehalten, von ihrer Einsetzung in den Haushalt Abstand zu nehmen. Die Art, wie die Regierungsschuld int Staatshaushalt behandelt wird, bedeute einen Verlust von 10 Millionen Pfund.
Aufsehen in Washington.
Die Nachricht über die N i ch t e i n s c H u n g der Schulden an Amerika in den englischen Staatshaushalt hat bei der Washingtoner Regierung großes Aufsehen erregt. Der republikanische Senator Reed, der als der Sprecher des Schatzamtes gilt, erklärte im Senat, daß weder die amerikanische Regierung noch maßgebliche Beamte England zu der Annahme Veranlassung gegeben hätten, daß das S ch u l d c n in or a t o - r i u m verlängert werde. Reed ist überzeugt, den England die Schuldenzahlungen im gegebenen Augenblick leisten wird.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Noch Feststellungen der Polizei in Preußen lebt der im Jahre 1929 verbotene Rote Frontlâmpfcrbund in verschiedenen anderen Organisationen illegal fort.
* Auf der Abrüstungskonferenz setzte sich der englische Außenminister Simon sehr nachdrüSlich für die Abschaffung der HauptangriffSwaffen ein. .
• Der österreichische Kardinal Fürsterzbtschos P.ffl ,;t heute nackt einem Schlaganfall erlegen.
* An den chinesischen Fronten droheu UML schrpsre Z», sawtpcnstöße.