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Nr. 79 — 1932 Fulda, Dienstag, 5. April__________ 9. Jahrgang
Auftakt zur Viermächtekonferenz.
Londoner Gespräche.
Ein englischer Plan zum Wiederaufbau Europas?
Die Zusammenkunft des französischen Ministerpräsidenten Tardieu mit dem englischen Premier M a c- donald nimmt den Verlauf, den man schon von den zahlreichen ähnlichen politischen Ministertreffen her gewohnt ist: Vermutungen, Gerüchte, Dementis, nichtssagende amtliche Erklärungen im bunten Wechsel, aber ob imb was dabei herausgekommen ist, darüber äußert man sich höchstens in Orakelsprüchen. Daraus, daß an der offiziellen englisch-französischen Besprechung ein ganzer Stab englischer und französischer Sachverständiger für alle möglichen wirtschaftlichen und politischen Gebiete teilgenommen hat, hat man mit Recht geschlossen, daß nicht allein die D o n a u f r a g e zur Erörterung stand, sondern die ganze wirtschaftliche Lage in Europa. Frankreich, wahrscheinlich auf den amerikanischen Auftrag pochend, den seinerzeit Laval in Washington erhalten haben will, die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa in Ordnung zu bringen, ehe Amerika an die Reparationsund Schuldenfrage herangehen will, gibt sich den Anschein, als ob der von ihm vorgeschlagene Donaubund den Schlüssel sür die Lösung dieses Preisrätsels wäre. Herr Tardieu wird aber kaum den Lorbeer des wirtschaftlichen Erretters erringen, solange seine Absichten so deutlich den Stempel des französischen Eigennutzes tragen. Ebenso wie sich politisch die Spitze seines Planes gegen Deutschland richtet, so hat er wirtschaftlich nicht das Wohlergehen der Länder des Donaubeckens im Auge, sondern die Sicherung der von Frankreich dort angelegten Gelder, hierbei soll ihm England die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Nach der ersten Fühlungnahme scheint sich aber in unterrichteten Kreisen der Eindruck zu verstärken, daß Müland sich von Frankreich nicht ins Schlepptau nehmen lassen werde, sondern seine volle Handlungsfreiheit bis zur Viererkonferenz bewahren wolle, um eine Lösung zu finden, die auch Deutschland und Italien befriedigen. Man ist in französischen Kreisen daher auch nicht allzu hoffnungsvoll und aus englischen Kreisen verlautet, daß Macdonald einen eigenen Plan habe, der mit Rücksicht auf Amerika angelegt sei, um späterhin mit einem großangelegten Vorschlag an Amerika zum Wiederaufbau Europas herantreten zu können. Das würde bedeuten, daß England Frankreich das Steuer aus der Hand zu nehmen gedenkt, um den amerikanischen Auftrag der Befriedung Europas an Frankreich selbst auszuführen.
Sehr bedauerlich bleibt es auf jeden Fall, daß diese ganze Konferenz jetzt in London ohne Hinzuzie - hungDeutschlands erfolgt. Denn wenn Macdonald leinen neuen Plan mit Tardieu bespricht, so hätte Deutsch- M als der Hauptinteressent im mitteleuropäischen Wirt- « »nOum vor allem den Anspruch darauf gehabt, als erftes Land zu hören und gehört zu werden.
Scharfer Wahlkampf.
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Der Wahlkampf in vollem Gange.
Propagandakampf für den zweiten Wahlgang der Echsprästdentenwahl hat mit dem Glockenschlag der Be- â,3ung des Osterfriedens in voller Kraft eing' E "Ee nur möglichen Hilfsmittel werden in diese., ^agcn von den kämpfenden Parteien eingesetzt wer- Ganze Motorrad- und Autokolonnen unterwegs, um das flache Land zu bearbeiten. In h>. o ^èen der Großstädte, besonders in Berlin, fahren uutsptecherautos und werben für Hindenburg. Wenn , ” ersten Berichte über den Wahlkampf liest, gewinnt mit Eindruck, daß diesmal die Hindenburg-Ausschüsse ganz gewaltigen Aufwand arbeiten. Nn„",oers scheint sich diesmal die sozialdemokratische §"nt für Hindenburg anznstrengen. Die Hinden- M-. Schüsse verkünden, daß sie das Ergebnis vom verbessern werden. Der Rundfunk wird aellpm ipieder in den Dienst der Hindenburg Agitation , £ Kanzlerrede soll aus das ganze Reich übcr- jbriL1 werden. Ob der Reichspräsident noch einmal Die sVJj ^ ?wH nicht fest, gilt aber als wahrscheinlich. gehen ebenfalls mit einem großen ■ vor. Voran ihr Führer und Kandidat Adolf sich zur Aufgabe gesetzt hat, in dieser reuae ii»?. «teden Tag in vier Städten zu sprechen. Flug- M Ort "omobile sollen ihn möglichst schnell von Ort mit m "gen. In seinen Reden setzt sich Hitler besonders vor Gegner auf das nationalsozialistische er tu» S auseinander, und legt noch einmal dar, was feine vn!^^? or zur Macht kommt. Bemerkenswert ist nach bon. in Erklärung, er werde den Kampf auch lange m? ppil und nach bem 24. April fortsetzcn, so bauere nt?? E'u Ziel erreicht habe. Ob dies ein Jahr ilifetje Polâ-iâ' Jahre, sei ihm gleichgültig. Die preu- beffen weit^Ewn gegen die Rationalsozalisten geht in- 111 Berlin n k e ^arteibureaus in der Hcdemaimstraße fRund brr ^vn neuem durchsucht worden und auf die ^iiume^ hat der Berliner Polizeipräsident Wien. oct SA.- und SS. Mannschaften schließen
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Viermächtelonserenz nicht auf Sonausragen beschränkt.
Sowohl Tardieu als auch Macdonald empfingen nach ihrer ersten Aussprache die Presse und äußerten sich ausführlich über die französisch-englische Zusammenarbeit. Macdonald erklärte u. a., daß etn Land allein die Lösung der europäischen Probleme nicht schaffen könne, und zwei Länder könnten es auch nicht. England erstrebe Zusammenarbeit mit jeder Ration, die den Frieden erstrebe. Das Ziel sei, Europa zu helfen.
Die Viermâchtekonfercnz werde nicht auf die Donaufrage beschränkt werden, und die britische Regierung werde zu dieser Konferenz mit freien Händen gehen ebenso wie jeder andere Konferenzteilnehmer.
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Großer Sachverflandigenaufmarsch in London.
Die offiziellen englisch-französischen Besprechungen.
In London fanden in der Amtswohnung des englischen Ministerpräsidenten dieofsiziellenenglisch- französischen Besprechungen statt. An ihnen nahmen französischerseits Ministerpräsident 'Tardieu und Finanzminister F l a n d i n sowie die Sachverständigen der französischen Abordnung teil. Von der englischen Seite waren erschienen Macdonald, ferner Außenminister Sir John Simon, Schatzkanzler Neville Chamberlain, Handelsministcr Runciman, der Unterstaatssekretär im Foreign Office, der Wirtschaftsberater der englischen Regierung, Sir Frederic Leith-Roß sowie mehrere Sachverständige des Schatzamtes. Die Besprechungen begannen mit der Erörterung der Donau- frage. Sie dauerten den ganzen Tag über an.
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Tardieus Londoner Verhandlungen beendet.
Die englisch-französischen Verhandlungen in London sind beendet. Sie wurden als.„objektiv" und „freundlich" bezeichnet. Tardieu und Flandin fuhren gemeinsam nach Paris zurück.
Einem Vertreter der amtlichen französischen Argentur H a v a s gewährte Tardieu eine kurze Unterredung, in der er die „vollkommene Übereinstimmung der englischen und französischen Auffassung über die Schwere der europäischen Krise und die Notwendigkeit ihrer Behebung unterstrich. Bei der heutigen Besprechung zwischen Tardieu und Macdonald wurde die Donausrage, die Reparationsfrage und andere Fragen allgemeiner Natur erörtert, ohne daß auf Einzelheiten cingegangen worden ist. Es handelt sich dabei um ein Programm, dem sich alle Völker ohne besondere Schwierigkeiten anschließen könnten.
Beamtenverbände für Hindenburg.
Nach Mitteilung der Hauptgeschäftsstelle der Hinden- burg-Ausschüsse tritt eine größere Anzahl von Fachverbänden des Deutschen Beamtenbundes mit einem Aufruf zur Wahl Hindenburgs vor die Öffentlichkeit. Dieser Aufruf ist unterzeichnet vom Reichsverband der Post- und Telegraphenbeamten, vom Verband preußischer Polizeibeamten, vom Beamlen-Zentralverband, von der Gewerkschaft der Eisenbahnfahrbeamten, den Organisationen der Gcndarmeriebcamten, den Landjägerbeamten, der Weichensteller, außerdem vom Katholischen Lehrervcrband, den Arbeitsgemeinschaften der norddeutschen, der süddeutschen und der mitteldeutschen Polizei- bcamtcnvcrbände und anderer Organisationen.
Ein Vorschlag der Volkspartei.
Nachdem die Volkspartci zunächst den Vorschlag Hugenbergs zu einer Listenverbindung der Deutschnationalen mit den Mittelparteien abgclehnt hatte, macht nun der Führer der Volkspartei, Dr. Dingel- d e y, in einem Brief an Hugenberg folgenden Vorschlag: Die Deutschnationale Volkspartei und die Deutsche Volks- Partei erklären sich bereit, an folgender Abmachung tcil- zunehmen: Die in Betracht kommenden Parteien stellen in den Wahlkreisen eigene Listen auf. Die Wahlkreislisten werden in den Wahlkreisen untereinander verbunden, die Neststimmen gehen auf eine gemeinschaftliche p r e u ß i s ch e L a n d e s l i st c. Für die Aufstellung der gemeinschaftlichen Landepiste soll das Stärkeverhältnis, wie cs sich nach dem Ergebnis der Reichstagswahlen vom September 1930 darstellt, gelten. Meine Freunde, schreibt Dr.-Dingeldev, würden sich für ein solches Zusammenwirken auf breiter Front unter Verzicht auf parteipolitische Geltungsbedürfnisse gern bcreitstellen. Dagegen sind wir der Meinung, daß Wahlabmachungen auf engerer Grundlage, die nur einen Teil des nationalen BüraertumS erlassen, einen Erfolg nicht verbürgen können.
Hitler spricht in Berlin.
Nachdem Adolf Hitler am Sonntag in vier Städten in Sachsen gesprochen hat, sprach er am Montag in Berlin gleichfalls in vier Vcrsamrnlunacn. Km Lustgarten sprach
einleitend der Berliner Gausüffrer, Dr. Goebbels. Hitler erklärte u. a., die Linksparteien hätten 14 Jahre lang Bewährungsfrist gehabt, sie könnten aber nichts aufweisen, was für sie spreche. Solange es ein Deutschland gebe, habe es noch nie eine solche Massenbewegung wie die nationalsozialistische gegeben. Die Gegner behaupten, daß die Nationalsozialisten die deutsche Frau entrechten wollten. Die Nationalsozialisten dächten nicht daran, die Frau aus der gemeinsamen Arbeit herauszuheben, aber darüber hinaus sei es ihr Ziel, dafür zu sorgen, daß das deutsche Mädchen in Zukunft leichter und eher'den Mann finde, dem sie sich anvertrauen könne, der für beide arbeite, lebe und eine gute Zukunft schaffe. Männer und Frauen sollten hin- eingeführt werden in ein neues Reich, in dem das tägliche Brot gesichert sei. Die nationalsozialistische Bewegung werde, wenn nötig, zehn Jahre weiterkämpfen, bis die Gegner endgültig am Boden lägen.
* Siegerwald für Hindenburg.
Auf einer Hindenburg-Kundgebung der Zentrumspartei sprach Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald über die bevorstehende Reichspräsidentenwahl. Er führte u. a. aus: Kein Mensch hat etwas dagegen, daß die Nationalsozialisten auf legalem Wege die Verfassung zu ändern suchen. Der Streit geht aber um etwas anderes. Die Nationalsozialisten sagen, sie wollen auf legalem Wege zur Macht kommen, wobei ihre Reden häufig in schroffstem Gegensatz zu ihren Taten stehen. Man will die Diktatur, man will wie in Italien neben der Staats- armee eine Parteiarmee schaffen und mit dieser dem übrigen deutschen Volk den nationalsozialistischen Willen aufzwingen. Glaubt man, daß der Westen und der Süden eine nationalsozialistische Diktatur ruhig hinnehmen würde? Glaubt man, daß die Gewerkschaften und die Arbeiter in den Werkstätten sich mit einem solchen Regime abfinden würden? All das, was wir im letzten Jahrzehnt erlebt haben — und das war allerlei — würde eine Kleinigkeit sein im Vergleich zu dem, was uns bei einem Hitler-Regime noch bevorstehen würde.
Kundgebungen der Eisernen Front
Die Eiserne Front hat ebenfalls eine Reihe von Kundgebungen veranstaltet. Es sprachen u. a. in Breslau Otto Wels, in Dortmund Dr. Breitscheid, in Frankfurt a. M. Landtagsabgeordneter Röhle, in Dresden Abg. Crispien, in Limburg der preußische Innenminister Severing.
Innenminister Severing bekannte sich einleitend als Todfeind der Nationalsozialisten. Bezüglich der Polizeiaktion gegen die nationalsozialistische Geschäftsstelle erklärte Severing, es müsse der Welt gezeigt werden, daß die Macht der NSDAP. nur vorgetäuscht sei. Nirgends habe die SA. den Versuch unternommen, sich den polizeilichen Maßnahmen zu widersetzen.
Für den Wiederaufbau der Selbstverwaltung.
In einer Kundgebung zu den Preußenwahlen bezeichnet die Deutschnationale Volkspartei als Ziel der bevorstehenden Neuwahlen zu den Länderparlamenten, das Lebensrecht der deutschen Länder gegen Sozialismus und Zentralismus zu verteidigen. Zugleich gilt es, so heißt es weiter, für die Wiedererweckung der von dem herrschenden System erstickten Selbstverwaltung zu kämpfen. Die Verordnungs- praris habe einen großen Teil der letzten Rechte, die noch von der im monarchischen Staat so hoch entwickelten deutschen Selbstverwaltung übriggeblieben waren, vernichtet. Ter Kampf am 24. April soll zum Befreiungskampf der Selbstverwaltung gestaltet werden. Die Erneuerung einer aus dem Verantwortungsgefühl bodenständiger deutscher Menschen aufgebautcn Selbstverwaltung im Geiste des Freiherrn vom Stein ist eine unerläßliche Voraussetzung für jeden Neuaufbau des Reiches.
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Di'eSallSsuchungb-id-iiNationalsozialiffen
Material an den Lbcrreichsanwalt wcitcrgclciict.
Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt, cs hätten sich aus dem bei der Nationalsozialistischen Partei in B e r l i n beschlagnahmten Material Anhaltspunkte dafür ergeben, daß h o ch - und l a n d e s v e r r ä t e r i s ch e Handlungen (Verrat militärischer Geheimnisse durch Führer der Nationalsozialistischen Partei) vorgenommen worden seien. Der Polizeipräsident in Berlin hat das entsprechende Material dem Oberreichsanwalt übermittelt. Einzelheiten könnten wegen der gesetzlichen Bestimmungen über die Strafverfahren in Landesverratssachen nicht mitgeteilt werden. . . .
Wie von zuständiger Stelle weiter nutgeteUt wird, werden die Räume der SA. und SS. im Parteihaus des Gaus Berlin der NSDAP. bis auf w c i t c r c s g e - schlossen. Die Gauburcauräume bleiben von dieser Maßnahme unberührt.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Fu London fanden die offiziellen Besprechungen ztvischcn den französischen und englischen Ministerpräsidenten statt.
* Die Büroräume der LA.- und SD.-Berüânde im national- sozialistischen ParteihauS in Berlin wurden geschloffen.
* Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist heute früh zu seiner zweiten diesjährigen Südamerilafahrt ausgestiegen.
* Bei einem BrandungliiÜ bei Reichenbach in Schlesien kam eine Person ums Leben, drei wurden verletzt.
• In Moskau hat der Prozeß gegen die beiden Attentäter des deutschen Botschaftsrates v. Twardowski begonnen.