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9lr. 77 — 1932
Fulda, Samstag, 2. April
9. Jahrgang
Aufmarsch zu den Wahlen.
Ire! präsideMaflskandidalen.
Zweiter Wahlgang am 10. April.
Wie der Reichswahlleiter mitteilt, kommen für den zweiten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl am lO.April nur die drei Kandidaturen von Hindenburg , H i t l e r und Thälmann in Frage. Der Versuch, den Bauernführer Heim ebenfalls als Kandidaten für die Präsidentenwahl aufzustellen, ist nicht durchgeführt worden. Zwar soll es seinen Anhängern gelungen sein, 26 000 Unterschriften, also mehr als die notwendige Mindestzahl, für ihn aufzubringen. Ein Antrag auf Zulassung von Heim ist aber beim Reichswahlleiter nicht eingegangen. Dieser Antrag wäre zudem auf jeden Fall abgewiesen worden, da Heim gegenwärtig eine längere Zuchthausstrafe wegen Begehung von Bombenattentaten verbüßt und ein zu Zuchthaus Verurteilter weder wählen bars noch wählbar ist.
Betriebsanwalt Winter, der bekanntlich im ersten Wahlgang kandidierte, hat freiwillig auf die Kandidatur verzichtet. Er hat an den Reichswahlleiter folgendes Schreiben gerichtet:
z. Z. Bautzen, 20. März 1932.
Er wird mir vertraulich mitgeteilt, daß die fanatischsten meiner Anhänger beabsichtigen, unter allen Umständen eine neue Kandidatur meinerseits für den zweiten Wahlgang durchzusetzen. Ich erkläre deshalb generell, daß ich aus staatSpolitischen Gründen nicht wieder kandidiere. Schon die erste Kandidatur war ja, weil an sich unbedeutend und nicht störend, nur als eine Vertrauens- demonstration eines Teiles meiner Anhänger zu betrachten, die die meisten in der politischen Betätigung nicht beeinträchtigt hat. Mit ausgezeichneter Hochachtung 6t$. Beriebsanwali Gustav Winter, Großjena, Sächsische Wngenenanstalt I."
Muh Hindenburg nochmals vereidigt werden?
Im Reichsinnenministerium wird gegenwärtig geprüft, ob Hindenburg, wenn er am 10. April wicder- Hewahlt werden sollte, nochmals vereidigt werden muß. Die Aerfaffungsjuristen sind sich darüber nicht ganz einig: A rinen .sagen, daß der von Hindenburg am 12. Mai 1925 geleistete Eid vollkommen genüge, die anderen ver- 'â" die Auffaffung, daß Hindenburgs Präsidentschaft nach Ablauf der siebenjährigen Frist erloschen und daß ihr eine neue Amtsübernahme vor dem Reichstag auch eine neue, Eidesleistung zu erfolgen habe. Man kann gespannt sein, wie die Herren Juristen diese schwierige «oktorfrage erledigen werden.
Vorzeitige Geemanuswahlen.
Auch die Zeppelinbesatzung wühlt früher.
beim zweiten Wahlgang der Reichspräsidenten- °-?hi können die Seeleute vor und nach dem allgemeinen »ayltag in den größeren deutschen Hafenstädten ihre 9 abgeben. Die Seemannswahlen beginnen am un$ bauern bis 15. April. Die Stimmen werden ^.° ^ bon 10—12 Uhr vormittags von einem Abstim- optoAt °^tan^ entgegengenommen und in die Stimmurne rL Die Stimmurne ist außerhalb der Wahlzeit ver- bou-» Don der Gemeindebehörde unter Verschluß ge- fesMoA »^ erstmals am Wahltag geöffnet. Damit nicht tvecckö»Melden kann, wie die Seeleute gestimmt haben, Unn.% dre Umschläge mit den Stimmzetteln am 10. April ‘ ""et vor Schluß der allgemeinen Abstimmunas.reit
Industrie gegen Autarkie.
Ur eine Änderung
. der Dèvisenwirischaft.
1 ctUiißcn des NcichsvcrbandcS der Deutschen Industrie, b aHandelspolitische Kommission des R c i ch s v c r - dem m e r Deutschen I n d u st r i e tagte unter die ^Ütz von Staatssekretär Dr. von Simson, der über igeineine handelspolitische Lage berichtete.
lick Eingehende Aussprache über die Probleme, die band„,^r Rückwirkung der deutschen Devisenlage auf die ergeben, wurde durch ein Referat von Ge- bür ,“* Mstl cingcleitct. Es bestand Übereinstimmung Daß die
buM. Abnahme des deutschen Ausfuhrüberschusses
läufin M âsperrmaßnahmen des Auslandes zwangS- sühren ^ - r s ch ä r f u n g d c r D e v i s c n läge unsere ™i » ,tucnn "nf der einen Seite der Dienst für und bi,,'!?1 s >." >' d s v e r s ch u l d u n g aufrechterhalten kiefern»«^* "^ >) rung der Bevölkerung sowie die Be- ^i feben w >)"dustrie »lit den notwendigen auslän- ^tn'fi^ sicher-gestellt werden soll.
Galten l.^ 8 Dieser Lage wird es für unerläßlich ge- öccianct ist" nilr "'"glichen Versuch zu unternehmen, der ohne dabei w Devisenersparnissen zu gelangen, stier on.,, » rasche Ausfuhr, deren weitere Förderung ^^Nträchtiaci' für notwendig gehalten wird, zu
in die Stimmurne eines allgemeinen Rachbarstimmbezirks gelegt und am Abend des allgemeinen Wahltags mit dem Gesamtinhalt dieser Urne ausgezählt. In ähnlicher Weise vollzieht sich die Wahl nach dem 10. April; doch wird das Wahlergebnis am letzten Tage, am 15. April, von dem besonderen Abstimmungsvorstand festgestellt und den Kreiswahlleitern mitgeteilt.
Das Seemannswahlversahren wird jetzt erstmals auch in der Luftschiffahrt angewendet. Der Besatzung des „Graf Zeppelin" wird am 3. April, vor dem Start zur zweiten Südamerikafahrt, Gelegenheit gegeben, im Luftschiffhafen Friedrichshafen abzustimmen. Die Stimmen werden am 10. April mit den Stimmen eines allgemeinen Stimmbezirks in Friedrichshafen ausgezählt.
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Ausnahmen von dem SersammlüngS- Verbot in Preußen.
Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt folgende Anordnung des preußischen Innenministers mit, die mit dem 1. April in Kraft getreten ist:
„In Abweichung von der Bestimmung des Abs. 4 der Anordnung betreffend das Verbot von Versammlungen und Umzügen unter freiem Himmel ermächtige ich die Regierungspräsidenten, in der Zeit vom 3. April 1932, 12 Uhr mittags, bis zum 9. April 1932 auch für politische Versammlungen und Umzüge unter freiem Himmel auf spätestens 24 Stunden vorher gestellte schriftliche Anträge Ausnahmen zuzulassen, sofern der friedliche und ungefährliche Ablauf der Versammlung gewährleistet erscheint und sonstige Bedenken gegen die Abhaltung der Versammlung nicht bestehen. Mehrere gleichzeitige Versammlungen verschiedener Organisationen am gleichen Ort sind nur zu gestalten, wenn die Sicherheit gegeben ist, daß die Versammlungen sich räumlich in keiner Weise berühren."
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Liftenverbèndung Wirtschaftspakte?, Landvolk und Bolkskonservative.
Verhandlungen auch mit der Deutschen Volkspartei.
Die Wirtschaftspartei, Deutsches Landvolk und Volkskonservative werden für die Preußenwahlen eine Listenverbindung eingehen. Die in Berlin stattgefundenen Verhandlungen sind nur deshalb noch nicht endgültig abgeschlossen worden, weil am Sonntag und am Montag noch mit der Deutschen Volkspartei Fühlung genommen werden soll. Selbstverständlich, so wird erklärt, habe das gemeinsame Vorgehen der zwischen den Deutschnationalen und dem Zentrum stehenden Preußenparteien den Kampf gegen die gegenwärtige Preußenkoalition zum Ziele. Der Zweck sei, wie dies in dem Vorschlag des deutschnationalen Parteiführers Dr. Hugenberg richtig zum Ausdruck gekommen sei, keine Stimme verloren gehen zu lassen, da höchstwahrscheinlich im neuen Preußischen Landtag diese Gruppen der Rechten eine wichtige, wenn nicht ausschlaggebende Rolle zu spielen hätten.
Zu dem Vorschlag H u g e n b e r g s, die bürget« lichnationale Rechte auf der Landliste der Deutschnationalen zu vereinigen, wird in Landvolkkreisen erklärt, daß ein solches an sich wünschcnswetres Zusammengehen für die Preußenwahlen voraussichtlich nicht mehr zustandekommen werde; jedoch sei man keineswegs gewillt, die Brücken für später abzubrechen.
Die weitaus überwiegende Mehrheit der Handelspolitischen Kommission vertrat den Standpunkt, daß das gegenwärtige System der Devisenbewirtschaftung diesen Bedürfnissen nicht gerecht wird. Es wurde eine Vcrbcsse- rung der Devisenbewirtschaftung im Sinne einer erweiterten Berücksichtigung volkswirtschaftlicher Gesichtspunkte verlangt mit dem Ziel einer
bevorzugten Zuteilung von Devisen
für die Einfuhr notwendiger Le b e n s m i t t c l, Roh- st o f f c und gewisser unentbehrlicher Halbfabrikate. Die Handelspolitische Kommission steht auf dem Standpunkt' daß sobald als möglich eine Änderung der bis- hörigen Devisenbewirtschaftung durchgeführt werden muß, um rechtzeitig den oben erwähnten Erfordernissen gerecht werden zu können.
Sie vertrat im übrigen die Auffaffung, daß alle Pläne in der Richtung einer Autarkie ebenso scharf wie etwa da- mit verbundene WährungSexperimentc abzulehnen sind.
Völlerbun-rat zum 12. April einberufen.
Dic ernste Fittanzlage der Donau st aalen.
Der Generalsekretär deS Völkerbundes hat nach Rücksprache mit dem Präsidenten deS Völlcrbundrates den 9?at zum 1 2. April einberufen. Der Beschluß geht auf den Bericht deS Finanzausschusses deS Völkerbundes zurück, in dem aus die außerordentlich ernste Finanzlage der Donauftaatcn hingcwicsen wird.
Der Hexenkessel.
Bitte zahlen! -— Gefährlicher Klatsch — Erinnerung und Mahnung.
Heutzutage wird derart viel geredet, daß eigentlich nicht ein einziges markantes Wort länger als nur ein paar Tage im Ohr des Hörers, im Gedächtnis des Lesers haften bleibt. Um ein aus diese Tatsache passendes, aber aus früherer Zeit stammendes Wort anzuführen, sei an das bekannte: „Das läßt tief blicken, sagt Satz o r" erinnert. Von diesem ehemaligen Reichstagsabgeordneten Sabor stammt übrigens noch ein anderes Wort, das es gleichfalls zum Range eines „geflügelten" gebracht hat: „Es geht etwas vor, man weiß aber nicht, was."
Es geht etwas vor mit und in der Frage des Do ung-Planes zwischen Frankreich und England, — man weiß aber nicht, was. Viel zu groß, um mit Macdonald eine Aussprache über die Wirtschafts- und Finanzpläne an der Donau zu veranstalten, ist der Kreis jener Personen, die Tardieu auf seine Londoner Reise mitnimmt, die andererseits Macdonald zu dieser Unterredung heranzieht. Ter französische Ministerpräsident rührt die politische Trommel, will seine erste Begegnung mit dem englischen Premierminister ostentativ bedeutsam erscheinen lassen, — und vielleicht ist sie auch sehr bedeutsam, aber mehr für die deutsche Tribut- als für die D o n a u f r a g e! Daß Tardieu dabei auch stark auf die baldigen Neuwahlen in Frankreich hinschielt, kann man ihm nicht verdenken; es geht bei ihnen nicht bloß um seine eigene Stellung als Staatslenker, sondern auch um die Form und Farbe der künftigen Politik Frankreichs. Versucht er etwa mit dem Erfolg aus London heimzukommen, daß er dort jetzt endlich ein englisches Nachgeben in der Tributfrage erreicht habe in dem Sinne, daß England in eine Verlängerung des Hoover-Feierjahres vielleicht um sechs Monate einwilligt, daß also damit für die kommende Junikonferenz eine gemeinsame englisch-französische Marschroute geschaffen wird? Stimmen, die von einer Art Ein- willigungsbereitschafl Macdonalds nach dieser Richtung bin sprechen, sind in England selbst laut geworden. Italien kann Tardieu bei solchen Verhandlungen und Absichten allerdings nicht brauchen. Aber in dem feinen Kalkül ist ein Loch: Amerika. Vom Hoover-Feierjahr profitieren auch die Franzosen und Engländer als Schuldner Amerikas. Und vorläufig erklärt Washington immer wieder, am 1. Juli die Aufforderung an a l l e seine Schuldner richten zu wollen: Bitte, zahlen! Frankreich zieht neuerdings seine dortigen Guthaben weg, aber nicht, um sie nach Paris heranzuholen, sondern um sie nach — England zu legen. Auch „das läßt tief blicken, sagt Sabor".
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Die Geheimdiplomatie ist eben bekanntlich schon vor vierzehn Jahren auf den Befehl des „Punktkommandanten" Wilson derart gründlich abgeschafft worden, daß man heute nur allzu häufig seufzen mutz: „Es geht etwas vor, man weiß aber nicht, was!" Daß darum auch die — Geheimnistuerei blüht, ist menschlich zwar zu verstehen, vermag man auch zu belächeln, — aber nur, solange dieses Wispern und Flüstern „unter dem Siegel der Verschwiegenheit" nicht über den Umfang des Klatsches und „Unterrichtet"-sein-Wollens hinausgebt. Anders ist's, wenn sie gefährlich wird, Lebensintereffen berührt. Um den Redereien „dunkler Ehrenmänner" zu begegnen, sah sich die Reichsregierung zu der scharfen Erklärung genötigt, an ein „Moratorium" für die Zins- und Amortisationszahlungen unserer Anleihen im Ausland werde nicht gedacht. Gewiß liegen infolge des ständig noch wachsenden Kampfes, den das Ausland gegen die deutsche Ware mit allen nur möglichen Mitteln führt, Gefahren für unsere zukünftige Zahlungsfähigkeit in der Luft. Aber sofort schritt man über Worte und Dementis hinaus zu der Maßnahme, aus unseren vorhandenen und aufkommenden Devisen noch weniger, viel weniger für die Zwecke der Einfuhr herauszugeben. Und nun schlägt auch der Reichsverband der Deutschen Industrie selbst vor, mit noch viel weiter- gehenden Maßnahmen gegen die nicht unbedingt notwendige Einfuhr dafür zu sorgen, daß uns der Rest unseres Goldschatzes nicht wegfließt. In England und Amerika — hier wie dort mit Erfolg — wird gegen die bestehende Erschütterung des „Kredits", des Vertrauens, augearbeitet; auch Deutschland tat schon unendlich viel, muß gerade jetzt alles tun, mit seinen schwachen Kräften sich den mühsam wieder errungenen Kredit zu erhalter und ihn zu stärken. Wenn also vom Ausland her ge» heimnistuerisch in Deutschland kreditgefährdende Gerüchte verbreitet werden, dann — „läßt das tief blicken, sagt Sabor". $
Und im übrigen geht heute — anders als in jenen geruhigen Bismarck-Zeiten, als Sabor seiner enttäuscd- ten Neugierde Ausdruck gab — leider nicht bloß „etwas vor, sondern wir wissen von vielem sehr, nur allzu ge-
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Rcichövcrband der Deutschen Industrie sprach sich in einer Entlagießung gegen Antarkiebestlcöungcn und Wah» rungsexperiiiient- aus.
* Ausnahmen von dem Verbot politischer öffentlicher Vrr sammlungen läßt ein Erlaß des preußischen Innenministers zu.
* Der 10. Evangelische ReichSelterntag, der sich mit Er- zichungSfrage» der Jugend beschäftigt, wird in Potsdam abgehackten.