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Nr. 57 1932

Fulda, Dienstag, 8. März

9. Jahrgang

Briand gestorben.

unermüdlicher Pflichttreue seinem Heimatlands dienend, gleichzeitig ein aufrichtiger und überzeugter Diener der Friedensidee war, dessen ehrliches Streben der Annähe­rung zwischen Deutschland und Frankreich gegolten hat.

plötzlicher Tod Briands.

Der frühere französische Ministerpräsident und Außen­minister Aristide Briand ist in Paris, fast 70jährig, gestorben.

Erst vor ein paar Tagen hatte Briand wieder seine kleine Pariser Wohnung bezogen, um neuen ärztlichen Rat einzuholen. Seine Freunde hofften sogar, daß er von hier aus wieder in die politische Arena steigen würde, aus der er nur ungern verschwunden ist. Man erinnert sich, daß der ehemalige Ministerpräsident Laval etwas unsanft und unhöflich nachhelfen mußte, damit Briand die Führung der französischen Außenpolitik aus seinen Händen gab und die Leitung des Quai d'Orsay ihm, dem jüngeren, gesünderen und nervenstärkeren überließ. Briand war schon seit vielen Jahren krank und diese Krankheit hemmte ihn wohl auch etwas in seiner Arbeils­möglichkeit. Die ihn behandelnden Ärzte hatten ihm eine strenge Diät auferlegt und vor allem betrübte ihn, daß er Abschied nehmen mußte von seiner geliebten Zigarette, ohne die man ihn in früheren gesünderen Jahren kaum zu sehen bekam.

Briands Stellung zu Deutschland zu umreißen, ist nicht ganz einfach. Er galt in Frankreich als einer der Vorkämpfer der Versöhn ungspolitik mit Deutsch­land und wurde von der Rechten deshalb bekämpft und verfolgt. Die Rechte verhinderte es auch, daß Briand in das Elysee als Präsident der Französischen Republik ein­zog, wo er sicher sehr gern residiert hätte, um von hier aus, von höchster Stelle, die Geschicke Frankreichs leiten zu können. Die Niederlage, die Briand bei der Präsi­dentenwahl erlitten hat, hat ihn auch seelisch stark niedergedrückt und sein altes körperliches Leiden weiter verschlimmert.

In weiten politischen Kreisen Deutschlands hat man die Art der Verständigungspolitik, wie sie von Briand getrieben wurde, nur für e.i neu Bluff gehalten. Briand galt hier als der Diplomat, der mit freundlich aussehenden Gesten dasselbe erreichen wollte, wie seine Amtsvorgänger oder seine Amtsnachfolger es mit drasti­scheren Mitteln tun: Deutschland am Boden zu halten und den V e r s a i l l e r Vertrag bis zum letzten Buch­staben erfüllen zu lassen. Aber selbst, wenn Briands Wunsch nach einer Verständigung mit Deutschland ernst gemeint gewesen sein sollte, so muß man doch feststellen, daß diese Politik schweren Schiffbruch erlitten hat. Nie hat er es vermocht, gegen seine Ministerkollegen und gegen die Kammermehrheit seinen etwa wirklich vorhandenen Berständigungswillen durchzusetzen, und so ist festzu- stellen, daß am Ende seines vielbewegten Lebens sich Deutschland und Frankreich feindlicher als je gegenüber» stehen.

*

Aristide Briand wurde am 28. März 1862 in dem breto- nychen Städtchen Saint-Nazaire als Sohn eines kleinen Gast­wirtes geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und wurde chon mit 20 Jahren Advokat. Er wandte sich später der sozia- Wischen Presse zu und wurde bald Generalsekretär der Sozia- Mschen Partei und 1902 Abgeordneter. Im ä r 3 1906 «rief Sarrien B. erstmals an die Spitze eines Ministeriums, ^Unterrichtsministeriums, mit dem die Kultus- angelegenheiten verbunden wurden.

q Erstmals Ministerpräsident wurde Briand am ^ Oktober 1909 nach Clemenceau. Am l7. Januar 1911 unter-

ein irrsinniger ehemaliger Gerichtsschreiber in der Depu- Uertenkammer einen Attentatsversuch auf Briand, der aber un­verletzt blieb. Er war von da ab wiederholt Minister und Che! v Regierung, auch während des Krieges. Er betrieb gegen Meinung Clèmenceaus die Expedition nach Saloniki, deren lchltetzlicher Erfolg natürlich seinem Ansehen sehr zugute kam. T den ersten Jahren nach dein Kriege trat er weniger ""vor, lebte einige Jahre hindurch ziemlich fern von der P^Bcn Sßolitit aus seinem Gut in der Normandie, das er selbst ^vsrtschaftete. Endlich, als auswärtiger Minister im Painlève, vom April 1925, betrat er wieder die poli- W Buhne. Dort gelang es ihm im Oktober 1925, den

stcr und Che!

Vertrag von Locarno mit Deutschland, 11^,.^manntenSicherheitspakt", abzuschließen. Noch vor bei '^nung des Vertrages am 1. Dezember 1925 in London VnMi' de November das kurz vorher umgebildctc Kabinett oehirV . zurückgetreten und ein neues achtes Kabinett Briand i' i,, c! Norden, in dem er daS Auswärtige Amt beibehielt. " t e S Kabinen bildete er am 10. März 1926, als et laftu "or Völkerbundverhandlungen in Genf über die Zn- Deutschlands in einer Finanzfrage von der w' Stich gelassen worden und am 6. März 1926 zurück- war. Als auch der neue Finanzintnister Pèret den abermÂl*^ " ^ aufhalten konnte, trat Briand am 15. Juni 1926 neblig» zurück und bildete, nachdem auch Herriot erfolglos 23. Juni 1926 sein zehntes Kabinett mit fiel re! !,"'-> Finanzminister, das aber schon am 17. Juli 1926 cn r A uunmehr zu dem Konzculrationskabiuelt P 0 i u - 'Wirtin», Briand abermals das Portefeuille des Aus- P 0 l i f i Zaernahm. Hier gelang ihm, seineL 0 c a r n 0 > in den «Um * ? rHzusetze n. Nach dem Eintritt Deutschlands cbund hatte er am 17. September 1926 die bekannte Ä b 0 i r y mit Stresemann. am Jo afMu^i Ritter enttäuschte Briand in seiner Antworl au den 1928 auf der Genfer Völkerbundversammlung Socarnov0? Reichskanzler Müller, als er sagte, daß troh ^ln ^st kürzlich abgeschlossenen Kellaag-Pakt ^»dekonnnèn nJn A brüst 11 n g de nke. 91 n dem Zu- doung-Plans als Ersatz für de» stammens S 011 der Ratisizierung des Mellon Berenger- ÜTeiyort du der Ablehnung Londons als Ron» T ^ Hai Wahl vom Haag als solchen im Sommer Men Einitc,". '"doch nauihasten, wenn auch weniger ertemi- t ; Juli klchabt, jedensallS ivnrde er, als PoincarS am *ot9er, 1 u âuâ Gesundheitsgründen zurücktrat, sein Nach- Vvor |, B ° lsten in al M i n i st e c p r 8 s i d e n t. Kurz ^"" 1929 srifchte Briand keinen alten Plan der

Gründung der Vereinigten e t a a t e n von Europa auf.

Auf der Haager Ko n f e r e n z im August 1929 wurde Briand die Initiative gänzlich von den englischen Ministern Snowden und Henderson aus der Hand genommen. Briands Geschicklichkeit gelang es dann aber doch, den Aoung-Plan Mi seiner neuen Forni als ein für Frankreich günstiges Er­gebnis hinzustellen. Nach seinem Sturz blieb er in drei folgen­den Kabinetten Außenminister.

Aristide Briand

Zum Tode Briands.

Paris, 8. März. Die nationalen Beisetzungsfeierlich­keiten für Briand werden Sonnabend, den 12. März, 14 Uhr stattfinden. Die Leiche wird am 10. März in das Außenministerium übergeführt werden. Am Tage der Bei- seitzung wird man die Leiche im Garten des Außenmini­steriums vor dem Quai d'Orfai aufbahren. Der Minister­präsident wird in Anwesenheit des diplomatischen Korps die Trauerrede halten.

Der deutsche Geschäftsträger, Botschafter Dr. Forster hat dem Generalsekretär des Quai d'Orsai, Berthelot das Beileid der Reichsregierung zum Ableben Briands zum Ausdruck gebracht.

Der Reichskanzler zum Hinscheiden Briands.

Zum Hinscheiden des früheren französischen Minister­präsidenten Briand übermittelte der Reichskanzler vem Berliner Vertreter der amtlichen Havasagentur eine Er­klärung, in der er it. a. sagt:

Mit aufrichtiger Trauer würdigt auch die deutsche Regierung den schweren Verlust, den das französische Volk durch das plötzliche Hinscheiden des großen französischen Staatsmannes Aristide Briand erlitten hat.

Kein ausländischer Staatsmann war wohl auch in Deutschland so bekannt und so vielgenannt wie er. Sein Name ist für das deutsche Volk verbunden mit den deutsch-französischen Annäherungs be­st r e b u n g e n unb wird in diesem Sinne fortleben. Mag die Entwicklung der Dinge Deutschland auch schwere Enttäuschungen gebracht haben, so erkennt das deutsche Volk doch an der Baüre dieses Mannes an. daß er. in

Das große ArbeUsbeschafsungsprogramm

SeWstigullg für 600000 Arbeitslose.

Aber die Finanzierung!

Vor der Reichspräsidentenwahl werden Kabinetts- sitzungen kaum mehr abgebaltcn werden, da der Reichskanzler unb die Reichsminister in den nächsten Tagen häufig von Berlin abwesend sein werden. Die Arbeiten der Rcichsregierun'g sollen aber immmittelbar nach der Präsidentenwahl mit Beschleunigung wieder auf- genommcn werden, und zwar stehen in der Hauptsache die Ä r b e i t s b c s ch a f f u n g S p l ä n e auf dem Programm.

Auf Grund der Ncsiurtvorarbeiteu hat sich ergeben, baR für zusätzliche Arbeitsbeschaffung wirt­schaftlich vertretbare 'Arbictsmöglichkriten in erheblicher Menge vorhanden sind, auch solche, die bei Bereitstellung der erforderlichen Mittel sofort dnrchgcführt werden könne». Wie wir erfahren, handelt cs sich um folgende Objekte: R c i ch s b a h n 300 Millionen, R cichspvst 100 Millionen, Straßenbau 300 bis 400 Millionen Mark, landwirtschaftliche M c l i » r a t i 0 n c h 300 biS 300 Millionen, W asscrb a u t c n 50 Millionen Mark.

Der Reichsarbeitsmiiuster hat eine Verkürzung der Arbeitszeit im Bergbau und eine E r w c i t e r u n g b e s freiwilligen Arbcitsdienstes vorgeschlagen. Er empfiehlt ferner, den Bau von Kleinwohnungen, be­sonders auf dem stachen Lande, mit etwa 200 Millionen Mark zu fördern. Schließlich sollen der Gesellschaft für öffentliche Arbeiten 50 Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden.

An unterrichteter Stelle rechnet man mit einem Pro- groulni an zusätzliche» Arbeiten in einem finanziellen Umfange von etwa 1,2- 1,4 Milliarden Mark.

Nachrufe für Briand.

Die Nachricht vom plötzlichen Tode Briands hat in Paris große Trauer hervorgerufen. Obwohl man wußte, daß der Zustand Briands sich in der letzten Woche so verschlechtert hatte, daß seine Überführung nach Paris notwendig geworden war, kam der Tod Briands doch allen überraschend.

Als die Todesnachricht in der Kammersitzung eintraf, erhob sich Tardieu und führte aus: Das erschüt­ternde Ereignis erregt uns alle aufs höchste. Der Ruhm, mit dem Briand die französische Trikolore bedeckt hat, der Anteil, den er an den schwierigen Bemühungen um die Organisierung der Welt nach den furchtbaren Erschütte­rungen des Krieges genommen hat, müssen allen, selbst seinen Gegnern, höchste Achtung einflößen. Zum Zeichen der Trauer bat sodann der Kammerpräsident die Ab­geordneten, still auseinander zu gehen.

In Genf wurde die Nachricht vom Tode Briands während einer Sitzung der Vollversammlung bekannt und unverzüglich dem Präsidenten Hymans und Paul- Boncour mitgeteilt. Die Vollsitzung des Völkerbundes, in der die Hauptaussprache über den japanisch-chinesischen Konflikt bereits in vollem Gange war, wurde von Hymans sofort unterbrochen. Es fand eine kurze, eindrucksvolle Trauerkundgebung für Briand statt. Nach den Abschiedsworten Hymans und Paul- Boncours wurde zum Zeichen der Trauer die Sitzung auf % Stunde unterbrochen.

Ter englische Außenminister Simon erklärte, in diesem schwierigen Augenblick der Geschichte des Völker­bundes könne man das Andenken Briands nicht besser ehren, als daß man alles daransetze, um diese große Ein­richtung aufrechtzuerhalten und zu stärken.

In Washington wird darauf hingewiesen, daß der Friedensapostel Briand mehr Weitblick und Ver­ständnis besessen habe als die meisten übrigen fran- zösischeit Politiker.

S

Die Berliner Morgenblätter zum Tode Briands.

Berlin, 8. März. Die Morgenblätter widmen Briand eingehende Nachrufe. DieVosfische Zeitung" schreibt, es sei Briand nicht vergönnt gewesen, wie Strese­mann in den Sielen zu sterben. DieGermania" be­tont, daß auch Briand sich niemals ganz von den Grund- irrtümern seiner Nation ganz freimachen konnte. Er habe es nicht verstehen wollen, daß das Friedenswerk nur auf der Basis der Gleichberechtigung unter den Nationen sich auswirken könne. DasBerliner T a g b l a t t" be- zeichnet als die einzige Ehrung, die Briands würdig sei, die Fortsetzung seines Friedenswerkes. DerVor­wärts" nennt ihn einen Sozialisten, der er im Grund seines Herzens immer geblieben sei. DieDeutscheAll- g e m e i n e Z e i t u n g" schreibt:Dieser Mann kannte das Leben sehr genau. Er war Franzose und formte es als Franzose; aber ihm war nichts Menschliches fremd". Die B ö r s e n z e i t u n g" spricht von der Tragödie des Schauspielers und ihren Lehren für Deutschland". Sein höherer Zweck sei die Macht Frankreichs gewesen. Der L 0 k a l a n z e i g e r" sagt, für Deutschland werde das Ausscheiden Briands aus Leben und politischer Wirksam­keit den Weg zur Klarheit freigeben. Ein großer Franzose sei gestorben, kein großer Europäer. Aehnlich äußert sich derT a g".

Gelingt es, d i e M i t t e l für ein Programm von etwa 1,2 Milliarden bereitzustellen, so können etwa 200 000 Arbeitslose für die Dauer eines Jahres direkt und noch etwa 400 000 weitere Arbeitslose mittelbar be­schäftigt werden.

Die Schwierigkeiten liegen hauptsächlich noch in der Frage der Finanzierung dieser Arbeiten. Es gilt bei der hierzu nötigen Krcditauswcitung die Gefahren" zu vermeiden, die derartige kreditpolitische Maßnahmen im Gefolge haben können.

Das Befinden von Twardowskis. Die Motive zu dem Anschlag.

Moskau, 8. März. Botschaftsrat von Twardowski hat die Nacht zum Montag befriedigend verbracht. Das sub­jektive Befinden ist gut. Laut Mitteilung der Unter» suchungsbehörden gehört Stern, der den Revolveranschlag auf von Twardowski verübte, einer Terroristengruppe an. Nach dem Geständnis hatte das Attentat den Zweck, eine Spannung zwischen Sorvjctrußland und Deurschland^der- vorzurufeir und dadurch die internationale Lage der Sow­jetunion zu verschlechtern.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Der KonsularauSschuß des Bülkerbund^ tzat ^m Bundc seinen ersten Bericht über die Borganac m Schanghai erstattet.

werden.

* Der frühere französische Außcnministcr Briand ist ge­storben.

* Ein Sievolverattentat wurde auf den Präsidenten von Peru verübt, bei dein dieser vcrwmldct wurde.