Zul-aer Anzeiger
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Nr. 56 — 1932 Fulda, Montag, 7. März 9. Jahrgang
Schüsse auf öen deutschen «Botschaftsrat in Moskau.
zu haben, um die Aufmerksamkeit der Japaner zu verstreuen und eine Rückkehr der 19. kantonischen Armee nach Schanghai zu ermöglichen. Auch in Hongkong, Nanking, Peking und anderen Städten fanden ähnliche Kundgebungen statt.
Mfhanschtag aus den BoLschastsrai von Twardowski.
Auf den Botschaftsrat bei der deutschen Botschaft in Moskau, von Twardowski, wurde auf der Straße ein Nevolveranschlag verübt. Twardowski wurde durch einen Streifschuß am Halse und durch einen Steckschuß in die Hand verletzt. Im ganzen wurden auf den Botschaftsrat vier Schüsse abgegeben. Der Täter, ein sowjetrussischer Staatsangehöriger, wurde verhaftet. Die Beweggründe für die Tat konnten noch nicht fcstgcstcllt werden.
Der Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Litwinow, sprach im Namen seiner Regierung dem deutschen Botschafter von Dircksen sein Bedauern aus und sicherte strengste und schnellste Untersuchung zu. Der russische Botschafter in Berlin, Chinchuk, hat dem Staatssekretär von Bülow gleichfalls das Bedauern seiner Regierung zum Ausdruck gebracht.
v. Twardowski.
Botschaftsrat von Twardowski verließ um 13.45 Uhr sMoskauer Zeit) das deutsche Botschaftsgebäude in der ^oiujewskigasse, um nach Hâse zu fahren. An der Ecke -utilskaiaaasse kvrana ein iunaer unansehnlicher Mann
Schanghai—Genf.
Feindseligkeiten emsteilen!
Schlüsse Der Völkerbundversammlung im Fernostkonflikt.
Die außerordentliche Vollversammlung des Völker-- Mes für die Behandlung des japanisch-chinesischen Kon- Mfteä trat wieder zusammen. Der Vorsitzende, der belgische ^èenminister Hymans, teilte mit, daß die widcrsprechcn-
Nachrichten über die Einstellung der Feindseligkeiten ,. Gebiet von Schanghai einen außerordentlich p e i n - uchen Eindruck hervorgerufen hätten.
Die Vertreter Englands, Frankreichs und Italiens erlangten dringendste Klärung der Lage. Der chinesische ^sandte Yen warnte davor, sich durch die Erklärungen "$ japanischen Vertreters täuschen zu lassen.
„...Nach soeben erhaltenen Telegrammen sei die japa- «Uche Armee weiter im Vormarsch begriffen. Acht japa-
Transportschiffe hätten 35 000 Mann mit Tanks und ^OHeric in der Nähe von Schanghai gelandet. Ein ernster Kn,W sei im Gange.
Der japanische Botschafter Sato verlangte sodann, 7 °'s Ronnd-Table-Konferenz in Schanghai unvcrzüg- Manuncntrcten solle.
inh Vollversammlung des Völkerbundes für den von «-^chinesischen Konflikt, Vic nach einer Unterbrechung ?!l>kt। cn Minuten zusammcntrat, nahm in namentlicher d r ? "^"""ll cinstmmig eine erwähnte Entschließ u n g diinof£.r â s i d i u in 8 an, in der von der japanischen und ft „Ischen Regierung sofortige Einstellung der 'dseligkcttcu gefordert werden.
China will die Mandschurei befreien.
Ëdin^ chinesische amtliche Agentur Gomyn teilt aus von Asi?! mit, daß die chinesische Regierung jetzt ein Heer stelln, „ Mann zur Befreiung der Mandschurei ans. befinben'0 0' ""^ Hauptquartier wird sich in Peking
*.
Noch immer keine Klärung über Schanghai. terian »,^^ der als Ausschuß tagenden Voll- llnjU).,., Uu0 des Völkerbundes stoßen infolge der völligen feiten ^1 ^" Lage in Schanghai aus große Schwierig- ^ricin ^Meuministcr Simon gab einen vorläufigen neue scheu Marineattnchas besannt, wonach seit M>M Truppen gelandet, die Feindselig- Eè sän> protzen jedoch e i n g e st e l l 1 worden seien, ^wchrk/" 'cdtglich einzelne Artillerie- und Maschmcn- «rmpfe statt. Präsident Hymans erklärte, daß in
hinzu und feuerte von hinten vier Schüsse auf den Wagen ab. Der erste Schutz ging durch das Verdeck hindurch und streifte Twardowski einen halben Zentimeter von der Halsschlagader entfernt. Der Botschaftsrat fuhr mit der linken Hand an die Wunde und erhielt einen zweiten Schuß, der ihn in die Hand traf und drei Knochen zerschmetterte. Der dritte Schutz ging durch die Scheiben des Autos dicht am Chauffeur vorbei. Als Twardowski von seiner Hand Blut fließen sah, warf er sich sofort auf die Knie. Eine vierte Kugel blieb im Verdeck stecken. Ter Täter erhob nochmals den Revolver, der nunmehr jedoch versagte. Hierauf warf er die Waffe fort.
Ein Passant nahm den Attentäter fest.
Der Russe, der den Attentäter verhaftet hatte, sprang in das Auto des Botschaftsrates und verband ihm die Hand. Er fuhr mit ihm zur nächstliegenden Apotheke und daraus zum Kremlkrankenhaus. Der russische Chirurg Professor O t s ch k i n erteilte die erste ärztliche Hilse. Nachdem es sich herausgestellt hatte, daß eine schwere Handoperation notwendig ist, wurde der berühmteste russische Chirurg Rosanow benachrichtigt, der in wenigen Minuten im Krankenhaus eintraf. Die Untersuchung ergab komplizierte Brüche der drei mittleren Handknochen mit starken Splitterungen. Bedenklich ist, daß in den Wunden Reste von Anzugstoff und vom Automobilpolster vorhanden sind.
Der verhaftete Attentäter ist ein 28jährrger Student der Moskauer Universität namens Juda Mironowitsch Stern. Über die Gründe feiner Tat verweigert er jegliche Aussage.
Besserung im Befinden von Twardowskis.
Das Außenkommissariat der Sowjetunion hat der Reichsregicrung mitgeteilt, daß der Attentäter Stern streng bestraft werden solle. Die Sowjrtregierung hoffe, datz der Zwischenfall feine Rückwirkungen auf die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern haben werde. Die Aburteilung Sterns werde in kürzester Zeit durch einen besonderen Beschluß des Obersten Gerichts erfolgen.
Wir die Verwaltung des Krcmlkrankcnhauses mitteilt, hat sich das Befinden des Botschaftsrats von Twardowski gebessert. Die Ärzte sind der Ansicht, daß er bald wieder in der Lage sein werde, sein Amt zu übernehmen.
Im Krankenhaus haben wiederholt Vertreter der Sowjetregicrung, des Diplomatischen Korps, der Presse und der deutschen Kolonie vorgesprochen, um dem Verletzten ihre Glückwünsche und ihre Anteilnahme auszusprechen.
folge der völligen Unklarheit die Haupiâusspracyc uver die Einstellung der Feindseligkeiten und den Waffenstillstand verschoben werden müsse.
Anschließend verlas der chinesische Gesandte Jen Telegramme, wonach die japanischen Angriffe fortgesetzt würden. Er warf den Japanern vor, die Offent- lichkeit in Europa und Amerika mit Millionen von Ben gekauft zu haben. Der japanische Botschafter Saio ver- wahrte sich energisch gegen diese Behauptung und ver- langte Beweise dafür.
Der Generalsekretär machte dann Mitteilung von einem Telegramm Stimsons, ivonach die a in e r i kaut s ch e Regierung bereit sei, an dem vorgesehenen Abkommen über die endgültige Einstellung der Feind- seligkeilen und Zurückziehung der japanischen Truppen mitzuwirkcn. ... .
In der Aussprache wurde von ,amtlichen Rednern betont, daß man über der gebietsmäßigen Unantastbarkeit der Mitgliederstaaten wachen und jeden Versuch der ge- waltsamen Einmischung in Angelegenheiten eines anderen Landes mit allen Mitteln abweisen müsse. Die meisten Redner verlangten, daß Z w a n g s in a ß - n a h in e n gegen I a p a n ergriffen werden mußten, falls Japan sich weigere, einen Vermittlungsvorschlag des Völkerbundes anzunehmea,
Sie verworrene Lage in Schanghai.
Große chinesische Kundgebungen.
Während das j a p a n i s ch e Hauptquartier die Meldung ausgab, daß feit dein japanischen Best bl ^ur Einstellung der Feindseligkeiten keinerlei Kämpfe mehr statt- gefunden haben, berichtet das chinesische Hallpl- auartier weiter von militärischen Operationen der Japaner. Diese, durch neugelandete Truppen verstärkt, versuchten weiter, die linke Flanke der Chinesen zu umgehen und dadurch die chinesische Verteidigungslinie zu zerstören. _ ,. .
S ch a it ghai nahmen die chineflichcn Kund- gedungen immer größere Ausmaße an. Auch im Rundfunk wurde von ü b c r w ül 1 igend e n ch i ne ft 1 ch e n Siegen gesprochen. Die japanischen Kriegsschiffe leuch- telen mit ihren Scheinwerfern ununterbrochen die ganze Stadl ab. Die regulären und freiwilligen neutralen Truppen wurden mobilisiert. Zunächst glaubte man, daß es sich um einen kommunistischen Ausstano handele. Unter großen Schwierigkeiten konnte die Ruhe wieder hergestellt werden. Die Chinesen bebauVtciL die Umsüae veranlaßt
Genfer Verlegenheiten.
Auf Kosten des armen Völkerbundes Witze zu machen, ist heute leichter und billiger als in all den bisherigen Zeiten seines Bestehens. Wir Deutsche haben wenigstens noch eine unstreitbare Berechtigung dazu, über ihn zu spotten; es ist überflüssig, über das Warum dieser Berechtigung nur ein Wort zu verlieren, denn das Memelland, Oberschlesien, deutsch-österreichische Zollunion, Minder- Heitenverfolgung und noch sonstige Geschehnisse sprechen darüber schon laut genug. Wir Deutsche sind auch durchaus der ebenso berechtigten Meinung, daß die Kette solcher Geschehnisse durchaus noch nicht zu Ende ist, sondern daß ihr allein schon die Abrüstungskonferenz ein paar neue groteske Glieder anhängen wird. Darüber hat die Rede Tardieus vor dem Auswärtigen Ausschuß der Französischen Teputiertenkammer eine so unzweideutige Klarheit gebracht, daß man wirklich nicht mehr weiß, was aus der ganzen Konferenz nun eigentlich werden soll. Denn wenn auf der einen Seite Tardieu erklärt, eine Abrüstung oder selbst nur ein Abstoppen der Rüstungsverstärkung könne es nur dann geben, wenn der Völkerbund zum „Gendarmengemacht und dadurch eine unbedingte „Sicherheit- für Frankreich gewährleisten könne, andererseits aber das deutsche Verlangen feststehl, dem Völkerbundstatut gemäß müsse die Aufrechterhaltung des Friedens zu einer Herabsetzung der Rüstungen auf ein Mindestmaß führen, — so hat hierbei schon Tardieu mit seiner Behauptung recht, daß sich „die deutsche und die französische These d i L m e t r a l g e g e n ü b e r st e h e n "!
Und wenn er außerdem die deutschen Abrüstungs- Vorschläge einfach und ohne weiteres als eine ganze Reihe von Revrsionsforderungcn gegenüber den Versailler Bestimmungen bezeichnet unb darin die Begründung für ihre Ablehnung sieht, so hat er damit zwar nicht recht, aber er hat die Macht dazu, auch hier wieder unverblümt das Gcgcnüberstehen der deutschen und sranzMchcn „Thesen" zu unterstreichen. So daß cs nur eine Schlußfolgerung aus der gesamten Haltung Tardieus ist, wenn er nochmals bemerkt, Frankreich werde cs auf keinen Fall zugeben, daß die Folgen der Konferenz sich für irgendeinen Staat in einer Aufrüstung ausdrücken könnte.
Anderes hat ja wohl in Deutschland niemand erwartet. Und bei diesem Punkte vermögen wir allerdings keinerlei Spottlust aufzubringen. Es fehlt dem Völkerbund eben die innere Möglichkeit, das ihm vor dreizehn Jahren gesteckte Ziel der allgemeinen Abrüstung zu erreichen. Ebenso wie ihm die äußere Möglichkeit fehlt, einem wehr- kräfttgen Friedensbrecher in den Arm zu fallen. Zu jenem mangelt es ihm an Willen, zu diesem an Macht. Aber trotzdem hat er nicht den offenen Hohn verdient, mit bet« er sich vom japanischen Delegierten behandeln ließ. Was bisher der Konferenzsaal des Völkerbundes noch nicht hörte, ein Wort, das man hinsichtlich des japanisch-chinesischen „Konflikts" auszusprechen aufs ängstliche vermied, drang jetzt unbekümmert über die Lippen des Japanerin die Öffentlichkeit hinaus: das Wort „Krieg"! Und bei Satz, in dem dieses Wort fiel, hat auch die bisherigen Ereignisse im Fernen Osten als „Krieg" bezeichnet. Die Völkerbundversammlung quittierte darauf mit einer „lebhaften Bewegung", aber diplomatisch unverseuchte Gemüter in aller Welt werden diese „Bewegung" kaum verstehen, es sogar billigen, daß schwarz endlich einmal als schwarz bezeichnet wird.
Ein „falscher Zungenschlag" deS Japaners war jene Äußerung bestimmt nicht, sondern eher der Ausdruck einer inneren Verachtung, die daS „Reich der ausgehenden Sonne" gegenüber diesem Völkerbund der weißen Rasse hegt, weil er ja nie einen entschlossenen Willen zur Tat aufgebracht hat, höchstens einen solchen gegen Wehrlose. Den blutigen Spott kann sich Japan denn auch leisten, weil eS weiß, daß nur eine Entschließung in Gens die Antwort war und auch jetzt wieder ist. Ein zweiter Friede von Schimonoseki, wie ihn drei europäische Großmächte 1895 den gegen China siegreichen Japanern aufzrvangen und der dem Mikado reich wesentliche Früchte dieses Sieges entrissen hat, wird den Japanern niemals wieder diktiert werden, zu allerletzt vom Völkerbund. D i e e r st e „k a 11 c“ R achc, die sie genommen haben, Ivar auf Deutschland gerichtet, indem Tokio für das Ultimatum an uns im August 1914 den Wortlaut jenes anderen Ultimatums kopierte, das neunzehn Jahre zuvor jene Großmächte — unter ihnen leider auch Deutschland — den Japanern überreicht hatten. Von Rußland holten sie sich schon zehn Jahre nach Schimonoseki das damals wieder verlorene Port Arthur zurück, — und jetzt stehen sich an der nord - mandschurischen Grenze Russen und Japaner wieder schwerbewaffnet einander gegenüber! Schon sagt man sich ganz undiplomatisch allerhand „Wahrheiten".
ES steht schlecht um den Weltfrieden, schlechter noch um den Völkerbund!
Kleine Zeitung für eilige £efcr
/ Der Brief Hitlers an Hindenburg ist von RcichSministcr Groener in einem offenen Schreibe» beantwortet worden.
* Am ehemaligen L>crrcnhause in Berlin fand anläßlich der 50 Wiederkehr des TageS, an dem der Tuverkelbazilluc- entdeckt würde, eine große Robert-Koch-Feier statt
* Dev japanisch, chinesisch» Konflikt befestigte ss» AvLschutz bei Völkerbundes in Genf.