Zul-aer /lnzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 53 — 1932
Fulda, Donnerstag, 3. März
9. Jahrgang
Der chinesische Rückzug bei Schanghai.
20 Kilometer „Niemandsland" bei Schanghai?
Rückzug der chinesischen Truppen.
Die Chinesen haben ihre bisherigen Stellungen bei Schanghai aufgcgcbcu und sich hinter die 20-Kilomctcr- Zone zurückgezogen. Die Loslösung der Truppen erfolgte unbemerkt von den Japanern und in voller Ordnung. Der chinesische Oberkommandierende Tsai erklärte, wenn die Japaner folgen und einen weiteren Druck auf seine Truppen ausüben sollten, werde der Widerstand fortgesetzt werden. Trotz des Rückzuges der Chinesen bombardierten sechs Flugzeuge die Schanghai-Nanking-Eisenbahn. Die Japaner besetzten T a s a n g. Die Stärke der japanischen Truppen beläuft sich zusainmen mit den neu cingetrofsencn auf insgesamt 60 000 Mann.
Amerikanische Truppen landen in Schanghai.
Der japanische Botschafter Dibuschi hat dem japanischen Auswärtigen Amt telegraphisch davon Mitteilung gemacht, daß amerikanische Truppen in Stärke von 3000 Mann aus Manila in Schanghai eintreffen werden, um die Interessen der amerikanischen Staatsbürger zu schützen. Amerika beabsichtige, noch weitere Truppenverstärkungen nach Schanghai zu entsenden.
Der Grund für den plötzlichen Rückzug der Chinesen ist in der Gefahr zu suchen, die sie liefen, vom Hinterland abgeschnitten zu werden. Sie hatten sich einen günstigen Augenblick ausgesucht, und es gelang ihnen, sich ohne die großen Verluste, die sonst ein Rückzugsgefecht im Gefolge hat, von dem japanischen An- ßreifrr zu lösen. Dieser bemerkte das Herausziehen der chinesischen Truppen aus ihren Stellungen zu spät, um es durch Sperr- und Trommelfeuer noch verlustreich gestalten zu können. Durch das auf die geräumten Stellungen dann einsetzende Trommelfeuer wurde ein breiter Gürtel an der ganzen Tschapeisroni in ein einziges Flammenmeer verwandelt, in dem vereinzelte chinesische M a s ch i n e n g e w.e h r n e st e r heldenmütig ihre Stellungen verteidigten, obwohl sie den sicheren Flammentod vor Augen hatten. „Nicht der Völkerbund, sondern die Feuersbrunst hat jetzt eine neutrale Zone geschaffen," erklärte ein chinesischer Diplomat.
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Der chinesische Rückzug.
Schanghai, 3. März. (Eigene Funkmeldung.)
Der Rückzug der Chinesen aus den von ihnen geräumten Stellungen dauert fort. Vor Beginn der Nacht hatten die Japaner Tschangu und Taschang besetzt und näherten sich Wansiang, wo von den Chinesen neubesetzte Stellungen genommen wurden.
Die Hoffming, daß der Rückzug der chinesischen Truppen Wf eine Entfernung von 20 km von Schanghai die Beengung der Feindseligkeiten im Gefolge haben würde, sind Mich die Meldung erschüttert worden, daß das Kriegsmini- herium in Tokio die japanischen Truppen bei Schanghai angewiesen hat, die zuruckgehenden Chinesen so lange zu
Sensationeller Kindesraub.
Amerikas bemhmiefles Kind entführt
Große Aufregung im Hause Lindbergh.
Charles Augustus Lindbergh, der 19 Monate alte
des berühmten amerikanischen Ozcansliegcrs und -finsionalhelden Lindbergh, ist aus der Wohnung seiner Cltcrn in Hopcwell im Staate New Jersey ans bisher """> unaufgeklärte Weise entführt und bisher trotz ktzrigster Suche, an der sich sozusagen ganz Amerika bc-
M nicht wieder nufgcfundcn morden. Als Oberst vindbrrgh Dienstag abend vor dem Schlafengehen noch "Mal das Kindcrzimmcr betrat, um nach seinem Söhn- zu sehen, machte er die Entdeckung, daß daS Kind gc- J”^«’ war. Die Entführer haben den Weg durch neuster eines neben dem Klnderzimmer liegenden maiiiUcs genommen. Lindbergh benachrichtigte sofort die ' d'e die Nachricht durch Rundfunk an alle ameri- . Polizeistationen weitergab. Überall sind starke »Mk eingesetzt worden. Sämtliche Autos auf den in>t t ^cn in New Jersey wurden ungehalten und Kindesentführungen sind in den Vereinigten Staaten lvÄ„ Außergewöhnliches; sie werden meist zu Er- ^^"ngszmeckcn in Szene gesetzt. Im Falle „Baby Lind- kam> °"^>e es sich jedoch, wie man allgemein annimmt, bn ei"e Entführung ans solchen Gründen handeln, dak n ^nlführcr nicht so töricht sein dürften, anzunehmen, Gl»/? diesem sensationellen Falle mit Erpressungen «ein», bcn könnten. Man ist daher auf die Vermutung Aminen, daß vielleicht
ben ™, eine hysterische Frau
SüÄ erdacht haben könnte, um das berühmteste Kind Kbet hn« ihre Gewalt zu bekoinmen und zu betreuen, wie gesagt, nur eine Annahme.
Stadt â Nutzung Lindberghs liegt vier Kilometer vor der " 0 hi b c r t 5 v i 11 c in einer ziemlich einsamen
verfolgen, bis ein Waffenstillstand vereinbart worden sei.
Unter dem Schutz heftigen Sperrfeuers ihrer Kriegsschiffe begannen die Japaner am frühen Morgen eine Offensive, um das Dorf Wusung und die Wusungs-Forts zu erobern. Außerdem haben japanische Batterien von vorgeschobenen Stellungen aus die neuen chinesischen Linien beschossen.
Wusung-Forts von den Japanern genommen.
Einer amtlichen Meldung zufolge haben die japanischen Streitkräfte heute früh um 8 Uhr die Wusungforts genommen.
Später wird gemeldet: Eine japanische Brigade hat Nanschiang besetzt. Die 11. japanische Division rückt gegen Kiatinghsien vor, einen Ort Halbwegs zwischen Rangschiang und Liuho (an der Jangtse-Mündung), westlich der Wusungforts. Die von Tschapei zurückgegangenen chinesischen Truppen haben Tschensu geräumt.
Hauptstadt und Staatsoberhaupt der neuen Mandschurei.
London, 3. März. „Times" meldet aus Peking: Die Hauptstadt des neuen autonomen Mandschureistaates wird Tschangtschun sein. Der vormalige Kaiser Puji dürfte binnen kurzem zum Staatsoberhaupt erklärt werden.
Die japanischen Waffenstillstandsbedingungen.
Schanghai, 3. März. (Eigene Funkmeldung.)
Die Bedingungen des japanischen Oberkommandos für eine Waffenruhe, die gestern abend durch Vermittlung des britischen Gesandten der djinefi^en Regierung übergeben worden sind, unterjochen ^ch erheblich von den Bedingungen, uie am letzten Sonntag an Bord des britischen Kreuzers „Kent" provisorisch vereinbart worden waren. Die japanischen Bedingungen lauten:
Wenn China der Zurückziehung seiner Truppen über die 20-km-Zone hinaus zustimmt, ist Japan bereit, der Einstellung der Feindseligkeiten für eine bestimmte Zeit zuzu- ftimmen, während der die Einzelheiten einer endgültigen Beendigung der Feindseligkeiten zwischen den beiderseitigen Militärstellen festgesetzt würde.
Japan fordert, daß während der Einstellung der Feindseligkeiten eine Konferenz am „runden Tisch" zwischen den Chinesen und Japanern abgehalten wird, an der Vertreter neutraler Mächte teilnehmen sollen. Diese Konferenz soll über die Methode entscheiden, nach der beide Seiten ihre Truppen zurückziehen werden und nach der der Status quo in Schanghai und um Schanghai herum wiederhergestellt werden soll.
Japan fordert, daß die chinesischen Truppen zuerst zurückgehen. Wenn dies geschehen ist, werden die japanischen Streitkräfte sich nach den „Bezirken von Schanghai und Wusung" zurückziehen. Sobald normale Bedingungen bestehen, wird die japanische Armee auch aus diesen Bezirken zurückgezogen werden.
Japan erklärt, daß im Falle der Verletzung dieser Bedingungen durch eine der Parteien die andere Partei ihre volle Handlungsfreiheit zurückgewinnt.
Lindberghs entführtes Baby.
Gegend. Daraus erklärt sich, daß die Kindesräuber unbehindert flüchten konnten. Eine Leiter, die sie zum Ein- fteigen in das Landhaus benutzt hatten, lehnte noch am Fenster, als die Polizei erschien. Die Kindesentführung hat
im ganzen Lande größtes Aufsehen erregt und alle anderen, auch die wichtigsten politischen Ereignisse weit in den Hintergrund gedrängt. Ganz Amerika ist mobilisiert, ugd es gibt kaum eigen Amerikaner, der sich
nicht in irgendeiner Weise an der Jagd oder an den Nachforschungen nach den Entführern beteiligt. Der Polizei- präsident von Newyork übernahm persönlich die Oberleitung der Fahndung. Es wird noch berichtet, daß Frau Lindbergh im Mai einem neuen freudigen Ereignis entgegensetze.
Todesstrafe auf Menschenraub beantragt.
Fast unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Entführung ging beim Kongreß in Washington ein Antrag ein, in dem verlangt wird, daß fortan das Verbrechen des Menschenraubes der Gerichtsbarkeit der Einzelstaaten entzogen und der Bundesgesetzgebung unterstellt werden soll. Ein solches Verbrechen soll nach dem Willen des Antragstellers mit dem Tode des Täters gesühnt werden
50000 Dollar für das Lindbergh-Baby.
Die Familie Lindbergh hat für die Rückgabe ihres geraubten Söhnchens 50 000 Dollar ausgesetzt.
Präsident Hoover hat das amerikanische Justizdepartement beauftragt, die Suche nach dem Kinde Lindberghs in jeder Weise zu unterstützen.
Auf einer an Oberst Lindbergh gerichteten Postkarte wurde Lindbergh in Druckbuchstaben mitgeteilt, daß sein Kind gesund und wohlbehalten sei. Lindbergh werde noch besondere Anweisungen erhalten, nach denen er sich zu richten habe.
Der japanische Machlhunger.
Gerade vierzehn Tage ist es her, als der Völkerbundrat hilflos vor dem Ultimatum stand, das Japan an di« chinesischen Verteidiger der Front von Schanghai gerichtet hatte und dessen Ablehnung dem japanisch-chinesischen „Konflikt" alle Eigenschaften eines Krieges geben sollte. Zwei Wochen sind es her, daß an jenem 19. Februar Japan das Bitten des Völkerbundrats damit beantwortete, daß es die chinesischen Verteidigungslinien mit allen Kräften angriff; und zwei Wochen schon währen die erbitterten Kämpfe. Um die Mächte, die an der Entwicklung der Lage in China, besonders in und um Schanghai „interessiert" sind, hat sich die Regierung Japans ebensowenig gekümmert wie die japanische Heeresleitung es getan hat. Auch durch Truppensendungen europäischer Staaten oder Amerikas ließen sich die Japaner nie und nirgends in ihrem Vorgehen gegen die Chinesen stören. Und nun sind auch die von England vor Schanghai mühsam genug zustandegebrachten Waffenstillstandsverhandlungen so gut wie gescheitert, nachdem es zuerst den Anschein gehabt hatte, als würden dort die Waffen wenigstens dann ruhen, wenn — der Völkerbund Zusammentritt. Japanische Offiziere sollen in Schanghai erklärt haben, Japan vertraue der Stärke seiner Truppen mehr als der Wirkung internationaler Friedensbemühungen, und da sich dies auch infolge des chinesischen Rückzuges zu bewahrheiten scheint, braucht man cs dem Völkerbund gegenüber in Tokio auch weiter nicht eilig zu haben, mit der Friedenspalme zu wedeln, auch wenn der Völkerbund nach ihr voller Sehnsucht ausschaut! Erst will man siegen, dann — vielleicht nachgeben. Aber selbstverständlich nur bei Schanghai, denn über die Mandschurei dürfte Japan weder mit Cbina selbst noch mit einer anderen Macht verhandeln. Es hat das „Kaisertum" Korea geschluckt und wird mit einer Republik oder einem Kaiserreich der Mandschurei nicht mehr Umstände machen, auch wenn fortan erst die „Unabhängigkeit" dieses jüngsten Staates der Welt feierlich proklamier! ist.
Damit wächst Japan nach Worben und Nordwesten tief in das ostasiatische Fe st - land hinein, nimmt, wenn man so sagen darf, „Fest- landscharakter" an in Fortsetzung einer Entwicklung, die mit der Eroberung Koreas und — gegen die 9 hissen — der Liautunghalbinsel begonnen hatte. Aber der Entschluß Amerikas, bei den Hawai-Jnseln große Flottenmanöver zu veranstalten und jetzt „zu diesem Zweck' so ziemlich alle Schiffe zu entsenden, bat sofort die Augen der Japaner wieder hinausgezogen in das Gebiet des Stillen Ozeans, wo es eine „historische Sendung" zu besitzen oft genug erklärt hat. „Weitschauen- derweise" hat man 1919 in Versailles den Japanern in der Pazifik bereits einen Stützpunkt dadurch verschafft, daß die europäischen Mächte ihnen die deutschen Südseeinseln als „Mandatsgebiet" übertrugen, und trüber Ahnungen voll schrieb am 18. Februar ein großes englisches Blatt: „Geschichte wird jetzt im Fernen Osten mit halsbrecherischer Geschwindigkeit geschrieben," - und da war doch von Japan nur erst die „Unabhängigkeit" der Mandschurei gegenüber Cbina erklärt worden.
Was soll nun eigentlich die Völkerbnndversammlung nach ihrer Konstituierung beginnen? Dem Völkerbundrat ist alles mißglückt, was nur immer er anstellte, um den
Kleine Zeitung für eilige Leser
♦ Der Deutsche Gastwirteverbagd rät zu einem ArrSsttzen beS BierstreikS während der Verhandlungen mit der Reichsregierung.
* Im Schultheiß Patzcnhofcr-Prozcß beantragte der Ober- ftaatSanwau gegen Ludwig Katzcnellcnbogcn anderthalb Jahre Gefängnis und eine hohe Geldstrafe, gegen die anderen Angeklagten geringere Gefängnis- und Geldstrafen.
* Ganz Amerika ist in Aufregung versetzt worden durch die geheimnisvolle Entführung deS KindeS deS OzeanflicgerS und Nalioiialhcldcn Lindbergh.
* Die Chinesen haben an der ganzen Schanghai Front ihr« Truppen znrückgcnommrn.