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OeuWs Zugsnd an

deutschen Kriegsgräbern.

Von Dr. Erich Müller Halbcrstavt.

^nrch Zufall haben mir ihn entdeckt. Mit Halber« Lädier Schulern war ich in den letzten Sommerserien in einem Aerieniaaer bei Sète (früher Gotte, Departement Geranin. Vom Hügel aus sahen wir auf einem spazrer- aana den Friedhof da unten an der Autostraße, der Gor= nische, liegen, mitten in grünen Weiufeldcru. Der große Binnensee reichte fast bis an die Mauern, hinter ihm blidien die blauen Fluten des Mittelländischen Meeres. Nur linkte Funaen traten mit mir ein. Wir kannten ja >W Drieduese -a unten, die so gar nichts von der feierlichen è und Würde unserer deutschen Grabstätten haben: Ein Steinhaufen, dessen Weiß die Augen blendet, aus dem sich beim Näberkommen Zementplatten und plumpe Denk­steine beraussckäle». Aus den wackligen Eisengittern der G Nir er dangen starre, aus Blech gestanzte Kränze oder unschöne Gebilde aus Draht und Perlen. Das zwischen den Steinen wuchernde Gras ist das einzige Grün, das sirr -m.n die südliche Hitze behaupten kann. Auch hier war es nmn anders. Ju einer Ecke lagen die gefallenen Söhne der Stadt Celte vereint. Hier und da war eine Photographie des Toten aus Porzellan am Gedenkstein. Wir wandten uns schon wieder zum Geben, ein wenig bebrimt von der Unordnung und Verwahrlosung. Da floate uns der Friedbofswarter: „Wollen Sie die deutschen Gräber sehen?" — Deutsche Grüber, hier am Mittelmeer? Also hatte uns doch eine Ahnung hierher gezogen. Hinten in der Ecke lagen sic, dic hier in der Gefangenschaft, fern von, der Heiman gestorben sind, 76 an der Zahl: neben deutschen Namen nennen die Bronzeschilder zu Häupten der sasichren Zcmemplattcn auch türkische. Ihre Kameraden haben ihnen ein einfaches Denkmal gesetzt: „Den in Sette gestorbenen Deutschen, Offizieren, Unteroffizieren und Maumcbaftcn gewidmet von ihren Kameraden."

Aber der Ort siebt eher einer Wüstenei ähnlich als der letzten Ruhestätte deutscher Soldaten. Gras und Disteln hatten alles überwuchert und bie und da die Grabplatten gesprengt, auf den Wegen lag allerlei Unrat umher. „Das kann nicht so bleiben, hier müssen mir Ordnung scharfen", das war der erste Gedanke meiner Jungen, und gleich machten wir uns daran, das Unkraut heraus- zurcißcn, so gut es mit Händen und Taschenmessern ging. Aber wir sahen bald ein, daß wir so nicht weiterkamen. So aingen wir zum Lager zurück, entliehen dort Werkzeug, und" nach dem Mittagessen zog ich mit einer Schar Frei­williger wieder zum Friedhof. Der Totengräber bestaunte uns neugierig bei unserer Arbeit und erzählte uns, erst vor zwei bis drei Monaten habe eine Kommission die Gräber in Ordnung bringen lassen, aber das Unkraut wüchse ia Jo vbantastiicb" nach. Er stellte uns aber sofort

sèine' sämtlichen Hacken und Hârken sowie eine Schubkarre zur Verfügung. Manchen Schweißtropfen vergossen mir in der Mittagshitze, bis unser Werk beendet war. Wir taten es gern und freudig für die, die ja auch für uns gestorben waren und denen die Angehörigen diesen

Mr gebenken!

Alles, alles habt ihr hingegeben Und geopfert euer freies Leben, Und das freie Land, das euch geboren, Nie vergißt es, daß es euch verloren, Nie vergißt es, daß ihr treu geblieben! Und in jedes Deutschen Herz geschrieben Steht am Tag, da sich die Fahnen senken: Wir gedenken!

Wir gedenken eurer, all ihr Reinen, Die ihr aus der Jugend Blütenhainen Siegesmutig seid hinausgeschritten Wie zum Feste in des Kampfes Mitten, Tic ihr stürmtet in der Feinde Reihen, Um dem Vaterlande euch zu weihen, Um ihm euer Herzblut froh zu schenken: Wir gedenken!

Wir gedenken eurer, treue Sassen, Männer, die ihr Weib und Kind verlassen, Die ihr aus des Hauses stillem Frieden Unb von Heim und Herd und Hof geschieden, Die ihr, fern schon von der Jugend Lenzen, Dennoch eiltet zu des Landes Grenzen, Um vom Wehr die Wogen abzulenken:

Wir gedenken!

Wir gedenken eurer, all ihr Stillen, Die ihr, nach des Todes starrem Willen, Schlummert irgendwo im fremden Lande, Auf dem Meeresgrund, im Wüstensande, Deren Gräber keine Blumen letzen, Keiner Mutter fromme Tränen netzen, Keiner Gattin heiße Zähren tränken:

Wir gedenken!

Wir gedenken eurer, schlichte Helden, Deren Taten keine Lieder melden, Denken eurer unter tausend Schmerzen — Alle, alle lebt ihr uns im Herzen.

Alle, alle seid ihr unvergessen!

Und voll Stolz, daß wir euch einst besessen, Mit den Fahnen sich die Häupter senken:

Wir gedenken!

Liebesdienst nicht erweisen konnten. Noch einmal gingen wir dann zum Friedhof, um auch die letzten Spuren des Unkrauts zu entfernen, ehe wir am letzten Sonntag unseres Aufenthaltes die Gräber mit Blumen schmückten. In einer schlichten Feierstunde an den Gräbern gedachte der Führer unserer Ferienkolonie, Oberstudiendirektor Dr. Lane, der hier Ruhenden und dankte seinen Schülern für ihr Tun und ihre Gesinnung. Zur Ehre der Fran­zosen sei gesagt, daß auch sie voll Achtung und Anerken­nung über uns und unser Werk berichteten. Die Zeitung „L'information mdridionale" brachte folgenden Bericht: Die Pflege der Erinnerung bei den im Ferienlager weilenden Teutschen. Eine Tat, die verdient, berichtet zu werden, ist die besonders rührende der jungen Deutschen, die seit kurzer Zeit im Ferienlager an der Cornische sind. Während der Stunden, die sie nicht dem Badevergnügen widmen, gehen diese jungen Leute abwechselnd zum Fried­hof von Ramassis und pflegen die Gräber der deutschen Soldaten, die während ihrer Gefangenschaft in Sète ge­storben sind. Es ist uns nicht bekannt, ob das auf An­ordnung der Reichshauptstadt geschieht, der besonders die deutschen Schüler, die sich in Frankreich aufhalten, nach­kommen müssen, oder ob das der Ausdruck eines frommen Gedankens ist, der im Geist einer dankbaren Generation geboren wurde. Was wir kennzeichnen wollen, ist die Tat selbst, denn sic stellt ein schönes Beispiel dar.

Als ich den Redakteur aufsuchte unb ihm erzählte, daß unsere Jungen Gott sei Dank — keiner Weisung von „oben" bedurft, sondern einfach aus sich heraus die Gräber in Ordnung gebracht hätten, in dem Gefühl einer selbstverständlichen Dankespflicht gegenüber unseren Ge­storbenen, erklärte er sich sofort bereit, eine entsprechende Berichtigung in seine Zeitung entrücken zu lassen. Leider konnte ich nicht feststellen, ob das geschehen ist, da wir ja kurz darauf abreiften.

Die Gerechtigkeit gebietet auch, zuzufügen, daß die Gräber der französischen Soldaten, die nicht in Celte be­heimatet waren und die in einem anderen Teil des Fried­hofes bestattet sind, kaum in besserem Zustand waren als unsere deutschen Gräber. Das Denkmal, das man ihnen gesetzt hat, war hinter Dornen und Unkraut kaum zu sehen. Hier zeigt sich ein Abgrund zwischen deutscher und französischer Anschauung von Totengedenken und Helden­ehrung.

Heute, wo ich diese Zeilen schreibe, werden wohl auch die letzten Spuren unserer Arbeit verschwunden sein. Unsere Blumen waren schon verwelkt, als ich ihnen am Tage nach unserer Gedenkstunde frisches Wasser geben wollte. Längst wird das Unkraut wieder Wege und Gräber bedecken. Aber vielleicht liest einer der An­gehörigen jener Toten diese Zeiten und ist den deutschen Jungen dankbar, die ihre Toten und sich selbst ehrten durch ihre Tat. Sind auch die Früchte der Arbeit verloren, eins bleibt bestehen: die Gesinnung, die dahinterstand.

(Entnommen den Mitteilungen „Kricgsgräbersürsorge".)

Die Nachtwache.

Erzählung von Richard Pilaczek.

Leise schloß der Alte die Tür des Krankenzimmers und folgte dem, jungen Arzt auf den hakbdunklen Korridor.

Ter Arzt blieb stehen, senkte nachdenklich den Kopf. Er pan': :e seine Stimme mit all der sachlichen Nüchternheit, die sein Kopf von ihm verlangte, als er zögernd begann: „Tfa — es tut mir sehr leid, Ihnen das sagen zu muffen, aber — nun ist kaum mehr etwas zu machen. Es geht lang­sam 3cm Ende zu. Machen Sie sich also..."

Ter Alte schnellte aus seiner gebückten Stellung aus wie ein geteiltes Raubtier. Seine zitternden, knochigen Finger Wulfen sich an der Brust in den Mantel des Arztes. „Sie müssen helfen, Herr Doktor!"

Seine Stimme war wie stöhnendes Röcheln eines Träumenden, dem die lähmende Angst vor qualvollen Traumbildern imder Kehle'sitzt, gellenden Hilfeschrei er­stickend. „Sie mimen — Sie müssen--mein Kind, Herr Toktor, mein Kind---"

Der junge Arzt stand wartend. Mit einem Male war seine Aeberlegenheit davongeflattert. Körperlichen Schmerz zu heilen, war ihm eifriges, Stolz auf sich selbst erweckendes Bestreben, machte'ihn flott, sicher, fast elegant in Wort und Gebärde. Toch nun staub er verlegen fast vor dem Alten.

. Es nützt alles nichts. Sie müssen fest bleiben. Ihre Ver- zweurung würde der Kranken letzten Stunden nur unnütz den Frieden nehmen, der in ihrer stillen Ergebenheit liegt Also: Kopf hoch! — Und nun auf Wiedersehen."

Er ti mte dem Alten die Hand hin, doch dieser sah nichts. Erst als die Wohnungslür hohl klappernd zufiel, fuhr er aus, erwachend aus süßer Unfähigkeit, einen Gedanken zu finden oder zu formen. Langsam, schleppend — schlürfenden Schrittes ging er nach dem Krankenzimmer zurück. Sein Rücken, von der Last arbeitsharter Jahre gebeugt, wurde noch krummer. Es war, als habe der Alte demütig-ergeben erkannt: Tichaufbäumen ist nutz- und zwecklos, Sichbèugen Frömmigkeit und Gottesglaube.

Als er die Türklinke bereits in der Hand hielt, blieb er noch sekundenlang stehen und zwang sich, irr flatternde Ge­danken der Angst und Verzweiflung zu bannen. Wischend rühr er - a mit ^er freien Hand über die Stirn, sie von Fai­ren zu glätten. Tann trat er leise ein, mit eiserner Energie ein Lächeln auf sein vergrämtes Gesicht zwingend.

, ' Regungslos lag die Kranke, doch ihre dunklen, großen Augen, deren Blick leuchtend war wie ein Rubin im Abend­glühen, diese Augen sprachen von Lust und Freude. Leben und Sommer. Nur die Lider, die schwer darüber schatteten, gaben ihrem jungen Gesicht die Schwermut des in Nacht sich neigenden Herbsttages.

Ter Alte entflammte mit behutsamen Fingern das Nacht­licht und löschte die Gaslampe aus, sodaß die Grelle sich jäh in weiches Dämmern wandelte. Als der Mann sich der Kran­ken zuwandte, sah er, daß sie eingeschlummert war. Leise holte er einen Stuhl an das Bett heran und setzte sich nieder. Nnenttvegt beobachtete er das Gesicht seines Kindes. Seine . murr: wußte, daß die Tochter bald von ihm gehen würde für immer, doch sein Herz bäumte sich gegen diese Erkenntnis auf. Tausend Erinnerungen zerrte er herbei, um seinem von Angst zerquälten Herzen den Trost der Hoff- nuug zu geben. Er sah sie, wie sie vor kurzem noch vor ihm . stand, mund, kräftig und lebensfroh, — sah sie, wie sie in dem kleinen Haushalt hantierte, immer fröhlich und wohlgemut.

G plötzliche Wut gegen den Arzt erfaßte ihn, gegen diesen Menschen, der die zitternde Qual verzweifelter Angst in sein Herz gelegt hatte. Dann lachte er ein kurzes, • höhnisches Lachen — ein Lachen, das ihn von seiner Mul- lougkrrt. frei machen sollte — ein Lachen, mit dem er sich ?^t über die Wahrheit hinwegtäuslhen wollte, und das Loo.! nur cm verzweiflunasvoller Aufschrei war.

So verrannen die Stunden. Still, unbeweglich saß der Alte neben dem Bett. Seine Sinne begannen sich zu schärfen. Er vernahm das fast unhörbar leise Atmen der Kranken, hörte das geheimnisvolle Knistern im Ofen, im Holz, in den Wänden. So still war es und so geschärft sein Gehör für jeden Laut, daß ihm das Ticken der Uhr wie hartes, lautes, blecher­nes Pochen schien. Fast schmerzte ihn diese trostlose Gleich­mäßigkeit, mit welcher der Perpendikel hin und her schwang, begleite^ von einem Ticken, das klang, als klopfe ein knochig- harter Finger an die Tür. Einen Augenblick, nur einen Herz­schlag lang, entstand der brennende Wunsch in ihm, die Uhr anzuhalten, doch die Angst seines Aberglaubens hielt ihn da­von ab, es wirklich zu tun.

Er wandte sein Gesicht wieder der Kranken zu. Fast un­merklich hob und senkte sich ihre Brust unter den Atemzügen, die so vorsichtig schienen, als wüßte selbst die Schlafende noch, daß sie ihrer schwachen, kranken Lunge jede Anstrengung er­sparen müsse. Ihre Lider zitterten und zuckten leise wie die eines schlummernden, feinnervigen Kindes. Die bläulich durch­schimmernden Aederchen, die der Alte trotz seiner schlechten Augen zu erkennen vermochte, diese Aederchen vervollständigten den Eindruck eines müdgespielten, zarten, nervösen Kinoes. Der Anblick erregte in ihm die tiefe, feierlich-wehe Inbrunst des Mitleides und überquellender Zärtlichkeit. Flüsternd b--

weglen uch imu nippen, türmten innige, lüge Koseworte, wie sie sich noch nie vorher aus der schamhaften Ver­schwiegenheit seines Herzens herausgefunden, Worte, die ihm bisher zu innig, zu heilig und groß erschienen waren, um sie auszusprechen, zu sehr Gefühl, um sie in Laute formen zu können.

Tie Kranke bewegte die über der Brust gekreuzten Hände ein wenig. Ein Aermel schob sich zurück und ließ den zerbrech­lich-dünnen Arm sehen. Ter Anblick des lang Gewußten trieb durch dl^e unerwartete Plötzlichkeit dem Alten die Tränen ins Auge. Sein hemmungsloser Schmerz ballte sich zu aufstöhnen­dem Mitleid zusammen, das ihn erschütterte bis in die Tiefen bet unbekannten, geheimnisvollen Quellen, die das Leben sind, welche die Fähigkeit geben, zu sehen, zu hören, zu fühlen. Seine Hände zum Munde führend, grub er tief die Zähne in gefühllos ihm scheinendes Fleisch, Trotzdem vermochte er der ansturmenden Gewalt seines Gefühls kaum Herr zu werden.

Ein unverständlich leise geflüstertes Wort der Kranken 9.°° .fön der Wirklichkeit zurück. Abgerissene Worte quälten Uch über ihre Lippen. Ter Alte hielt den Atem zurück, daß kein Hauch ieines Mundes das Flüstern übertöne. Wie eine ungeheure, körperliche Anstrengung war es für ihn. alle Sin- ne, jebe ^bensäußerung seines Körpers abmtöten, um alle Strafte dem Gehör zuzuführen. Tas Blut schog in heißen Wel- en ourih leinen Körper. An den Schläfen strömte es fühlbar n victen pulsten, die wie eiserne, harte Seile den Stopf ihm 1 Hm:«-m Tas unwirklich laute, heftig-harte Klop- t n "^ Herzens schien das Ticken der Wanduhr zu übertönen, m“ , e batte Nch auf den linken Arm gestützt, der auf dem Schwere seines Körpers hemmte das Blut, in . belasteten Arm vorzudringen. Vom Ellenbogen aus fain 2 '^tt’f-^enbe Kälte, ein Gefühl des Absterbens bis in bie gekrochen. Tas Gefühl verstärkte sich Ziehen, Kreisen - reglos, still blieb Bewegung, die ihm Erleichterung, Entspannung bie Strauß ” ^stvvll, da er fürchtete, sie tönne Leere^I^ Minuten verstrichen, quälend in der trostlosen laa ^ Kranke regte sich nicht mehr. Still $ ^'nes, eigenes Lächeln machte ihr Gesicht leben. 3eit burrfm™ *â^dächtiger Schwerfälligkeit trottete btt leer ^"^ stunde versaiik. Eine Stunde, d« e" und tot, und doch voller Leben, volle, »Hf Herzensnot. —

äfloraenâ0^ Gesicht verbarg und deL aens arau zitternde Schleier unter erwachendem Lichi

nebelgleich zerrannen, schlug endlich die Kranke die Augei auf. Ein Beben, das jäh den Alten überfiel mit gubelyder Zu- verficht, nahm aus seinem des Sprechens unfähitzW^MMlA fragende Worte. Nur ein Stammeln kam, das schluchzende,K Freude entströmte. Leise zog er seinen Arm vom Bett zurück doch er vermochte ihn erst zu heben, nachdem die Linke ihn Kraft der kraftlosen, saft abgestorbenen Rechten geliehen Halle sie auf die Knie bettend wie lebloses, körperfremdes Irgend­etwas,

„Vater — —" Der Kranken unnatürlich wächjerni Hande irrten suchend über die Decke, Der Alte tastete danach iühlte ihre mageren Finger in seiner Hand, Er neigte sich weil vor, brachte sein Gcqichi nahe ihren Mund, um kein Wort sich entgehen zu lassen, Toch Die Augen Der Kranken — weil, strah- lenb geöffnet, Lächeln Darinnen - schienen ihn nicht zu sehen Sie neigte etwas den Kopf zur Seite, als sei dort Der Vater, und nicht vor ihr.

„Wo bleibt Mutter so lang?" — Den Alten durchrieselt- Grauen mit Eiseskälte. Mutter? — Mutter war schon lange tot. Alle Hoffnung in des Mannes Brust zerriß. Trotz seine, Verzweiflung kam ernste, stille, ruhige Feierlichkeit über ihn, Ehrfurcht vor irgend etwas Unnennbarem. Noch ehe er sich ermannte, Antwort zu geben, sprach die Sterbende von etwas Anderem. Ihre Gedanken, von ihr selbst kaum mehr erfaßt und begriffen, hüpften und sprangen, flatterten tändelnd um mett zurück liegende kleine Ereignisse und Freuden, quälten Ichlver sich hinweg über die Erinnerung an Leid und Trü- bes. Der Alte, selbst wenn er fähig hierzu gewesen wäre, hatte Antwort zu geben nicht vermocht, Da ein halb aus­gesprochenes, angedeutetes Wort oft ohne jeden Hebergang, zufammenhanglos von neuen Worten, Erinnerungen ver­wischt wurde.

Sanu ward es still. Erschöpft schloß die Kranke bie Augen. Noch ehe der Alte Zeit hatte, zu fühlen das alles Blut leinen Körper zu verlassen schien, lächelte sie wieöer mit weit geöffneten, eigenartig strahlenden Augen. Leise, schluk- keud ging ihr Atem: ruckweise, in erschütternd rhythmischem Abebbeu. So geht das Arbeiten einer Maschine dem Ende, der Ruhe zu: gleichmäßig, in lebensvollem Rhythmus noch, und doch - unverkennbar, ja, mit fast brutaler Klarheit erkennen gssend, nun noch sechs — noch fünf — vier Kolbenhübe, Atem- bewegungen nnd dann — unweigerlich, unabänderlich — das Ende, die Ruhe.

Immer noch strahlten weit offen ihre Augen, als längst der letzte Atemzug gegangen war. Der Alte, unfähig zu begrei­fen, fühlte keinen Schmerz vorerst, keine Trauer, kein Leid — es gab sein Gefühl mehr in ihm. Er hätte fluchen können - unb es wäre Beten, Schluchzen — es wäre Lachen gewesen. Er sag lange, iah, Horle, fühlte, wußte nichts mehr von seinem Kinde, von sich, Der ganzen Welt. Nur sein Körper barg noch Leben, fern Hirn war tot.

Da sandte die Sonne, deren Licht mit einem Male brutal War, zuckenden Strahl durchs Fenster, hart den Alten auf« reißenb ans Schlaf und Tod des Begreifens. Müdigkeit, Kraft- , ^ostloftr, sein Gefühl zersetzender Schmerz warf ihn Pölich über Den Körper der Toten, und hemmungsloses Schluchzen durchrültelte ihn wie Fieber.

^ami zwang er sich hoch, brachte Blumen aus armseligen Tonlopfen, unb öffnete das Fenster, durch das bie Sonne lacheliib ms Zimmer strahlte.

Den Gefallenen zum Gedächtnis!

Dies aber ist des Osifertvdes leiser Sinn: Sie starben nur für die, die für sie leben. Nur her wird seiner letzten Schuld befreit, Der täglich wirbt, des Bruders Geist zu erben. Wer anders trinkt boni heilgen Geist der Zeit, Dem bricht des Bruders Leidenskelch in Scherben!