Fuldaer /lnzeiger
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^r. 36 — 1932
Fulda, Freitag, 12. Februar
9. Jahrgang
Wunschzettel zur Abrüstung.
Aus Deutschlands Rücken.
Die „großen Tage" der Abrüstungskonferenz in Genf nähern sich ihrem Ende. Nachdem die Vertreter der Hauptmächte ihre Programme ausgestellt haben, wird die Diskussion einsetzen und die Beratungen werden sich in Kommissionen und Unterkommissioncn zersplittern Mit Worten wird man trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten. Die Weltgeschichte wird indessen ihren Gang geben, und Krieg und Friede wird sein, beides trotz der Weltabrüstungskonferenz. Es läßt sich eben nicht alles rationalisieren, auf enden gemeinsamen Wenner der Vernunft bringen. Bei allen noch so ausgeklügelten Vorherbestimmungen und Vorherberech- innigen, wie sie doch die Abrüstüngs- und Friedensver- trâg gern geben möchten, bei allem heißen Bemühen, die Zukunft zu regeln, bleibt doch immer „ein Erdenrest, zu tragen peinlich", der sich nicht „buchmäßig" erfassen läßt. Plötzlich ist er da, ob erwünscht oder unerwünscht, und wir nennen ihn Schicksal. Unser Wissen und Vorsorgen im privaten und öffentlichen Leben hat eine Grenze, die wir besonders in unserer heutigen Zeit oft vergessen. Wir täten besser daran, nicht so stolz zu sein, dann würde uns manche Überraschung erspart bleiben.
An eine tatsächliche Abrüstung der Völker scheint auch bei den Genfer Verhandlungen niemand mehr recht zu glauben. Man sucht daher nach irgendwelchen Auswegen, durch die man wenigstens mittelbar ein ähnliches Ziel zu erreichen hofft. Auf der Linie des geringsten Widerstandes stößt man vor und findet dabei natürlich das entwaffnete Deutschland als geeignetes Objekt. Aus seinem Rücken und seine Kosten soll anscheinend der ganze Abrüstungskampf ausgetragen werden. Von englischer unterrichteter Seite versucht man die ganze Frage einen eigentümlichen Dreh zu geben. Der eigentliche Zweck der Abrüstungskonferenz "sei, so heißt es, eine Wiederaufrüstung zu verhindern. Europa könne einen neuen niedrigen Rüstungsstand auf Grund allgemeiner Übereinstimmung schaffen, der von der Welt zu verbürgen sei. Alle Interessen der Welt würden sich dann zusammenfinden, falls dieser Zustand gestört würde. Gäbe es eine stärkere und praktischere Bürgschaft gegen eine Wiederaufrüstung Deutschlands, der gemeinsamen Ursache für die französischen und die polnischen Besorgnisse? Man schlägt also vor, Deutschland und anderen Staaten die Wiederbewaffnung ein für allemal zu verbieten, um auf diese Weise Frankreich und seine Verbündeten über ihre Sicherheit zu beruhigen und sie zu einer Abrüstung zu bewegen. Bemerkenswerterweise wurden in dem Vorschlag die Waffen zur See in den Vordergrund gestellt, daß der Verdacht besteht, als ob man einen Beitritt Frankreichs zum Londoner Flottenabkommen und zu listigen Abrüstungsmaßnahmen zur See mit einem Verbot für Deutschlands Wiederauf- ^üstuug erzielen will.
Der Marsch auf Memel.
Die Beseitigung der Memel-Autonomie.
Aus dem Memekgcbict liegen ziemlich bestimmt wütende Meldungen vor, wonach ein litauischer Aufmarsch in der Zeit zwischen dem 13. und 16. Februar geplant ist. 5000 im Innern Litauens wohnende Schützen haben sich dem litauischen Kricgskommandanteu Zur „Beseitigung der M c m e l - A u t 0 u 0 m i c" Angeboten.
Zunächst scheint festzustchen, daß der litauische V e r - band der Landwirtschaft am 13. Februar einen großen Demonstrationszug, der als „Marsch aus Memel" aufgezogen werden soll, veranstalten will. Die Memcl- Jutonomie soll nach den Plänen der geistigen Urheber otefcö Demoustrationszuges am litauischen Unab« y a n 0 i g f e i t â t a q e, nämlich am 16. Februar, endgültig beseitigt werden.
Keine Beweise für Hoch- und Landesverrat Böttchers.
. Die Staatsanwaltschaft des litauischen Militärgerichts, das sich auf Antrag des Gouverneurs mit der präge beschäftigte, ob Landespräsidcni Böttcher wegen der Ulkriminierten Reise nach Berlin wegen Landesverrat vor Kriegsgericht gestellt werden könne, hat fcftgeftctU, daß
unterbreitete Material für die Einleitung eines solchen Verfahrens vor dem Kriegsgericht nicht ans- relchend sei, da ihm keine i r i s t i g e ii B c w e i s e für 'bch- bzw. Landesverrat zugrunde lägen.
Die Mcmclfrage vor dem Rat.
Beim Völkerb undsekretartat ist die Mit- uulung etugeqangen, daß der litauische Außenminister in oer Viacbt zum Sonnabend in Genf eintreffen werde. Im Unverständnis mit der deutschen Abordnung ist darauf un beschlossen worden, die Sitzung des Völkerbund rates uver die Memelfragc am Sonnabend nachiuittaa statt- lUtdcn zu lassen.
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Landes-iretLor Gzigaud gewaltsam abgesetzt. h„a LandeSdircktor Szigaud, dnS einzige Mitglied d « â'urlcr Direktoriums, daS noch im Amte war, ist nun
Hemeler Direktorium, das noch im Amte war, ist nun Wenfalls von dem „Landesdtrcktvr" T 0 l i s ch u S gemalt, mm seines Amtes enthoben morsen.
Rußlands Abrüstungsfordernngen.
Vernichtende Kritik
an der französischen Sicherheit st Hefe.
Der sowjetrussische Autzenkommissar Litwinow hielt in Genf unter größter Aufmerksamkeit und Spannung des bis auf den letzten Platz gefüllten Saales eine einstündige Rede, in der er die französische Sicherheitsthese einer vernichtenden Kritik unterzog. Er forderte die Sicherheit gegen den Krieg und die sofortige vollständige allgemeine AS-rüstung und Abschaffung aller Rüstungskategoricn als Mittel zur Beseitigung künftiger Kriege.
Im Rahmen des Völkerbundes sei in den letzten Jahren ein ganzes System von neuen Sicherheitsbürg- schaften geschaffen worden. Die Folge sei, daß die Abrüstungskonferenz unter dem Kanonendonner i m Fernen Osten beginne. Zwei durch Völkerbund- und Kellogg-Vertrag gebundene Staaten führten seit fünf Monaten einen erbitterten Kampf. Litwinow sprach sodann die ernste Befürchtung aus, daß der Streit im Fernen Osten nur der Beginn eines neuen Weltkrieges varstelle. Weder die internationalen Organisationen und Pakte, noch die ösentliche Meinung sowie eine Beschränkung und Herabsetzung der Rüstungen seien imstande, einem Kriege vorzubeugen. Es gebe heute nur einen einzigen Ausweg: Sicherheit gegen den Krieg durch Abschaffung aller Rüstungen.
Litwinow setzte sich dann in langen Ausführungen mit den französischen Vorschlägen auseinander. Die Schaffung einer internationalen Armee beim Völkerbund bedeute, daß diese Arbeit in den Händen neuer Bündnispartner liege und von diesen gegen schwächere Staaten verwandt werden würde. Tas ganze System der Vorkriegsbündnisse würde von neuem aufleben. Den Abrüstungsentwurf des Abrüstungsausschusses lehnte er als vcMtäriLig ungenügend ab. Die Moskauer Regierung verlange völlige Gleichheit des Rechts für alle Staaten.
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Schweden für Abrüstung
auf ein Mindestmaß.
Der schwedische Außenminister Baron Ramel erklärte in seiner Rede vor der Abrüstungskonferenz, die schwedische Regierung verlange die Herabsetzung der Rüstungen auf ein" Mindestmaß, insbesondere eine wesentliche Verminderung der aktiven Truppenbestände. Die Methode der Herabsetzung der H e e r e s a u s g a b e n sei ungenügend. Man müsse jetzt zu einer unmittelbaren Verminderung der Rüstungsbestünde schreiten. Ferner müsse unbedingt das gesamte aktive und lagernde Kriegsmaterial von der Herabsetzung erfaßt werden. Die schwedische Regierung trete weiterhin für , eine Abschaffung der Luft- und der chemischen Waffe ein.
TolifchuS erschien im Zimmer Szigauds und forderte ihn in barschem Tone aus, ihm die sämtlichen Amtsschlüssel zu übergeben, was Szigaud verweigerte. Tolischus holte sich drei bewaffnete Polizeibeamte und gab Befehl, das Zimmer zu räumen. Sjigaud mußte der Gewalt weichen.
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Deutschlands Memel-Forderungen.
Zwischen dem Völkerbundsekretariat und der deutschen Abordnung haben Beratungen über die Memelfrage stattgefunden. Die Reichsregierung dürfte im Völker- bundrat folgende
vier Forderungen an die litauische Regierung stellen:
1. Nichtigkeitserklärung sämtlicher von der litauischen Regierung während der letzten Vorgänge in Memel ergriffenen Maßnahmen;
2. sofortige A b s e tz u n g des von der litauischen Regierung gewaltsam gebildeten Direktoriums und Wiedereinsetzung des bisherigen verfassungsmäßigen Direktoriums.
3. Eine amtliche Erklärung der litauischen Regierung airf strengstes Einhalten der Memelkonvention und des Memclstatutö für die Zukunft.
4. Sofortige A b f e V u n g des Gouverneurs M e r k y s.
Die litauische Regierung wird im Völkerbundrat den Standpunkt vertreten, daß ein R e ch t s b r u ch der Memelkonvention nicht vorliegt, und daß Merkys 31t der Absetzung des Direktoriums berechtigt war.
Diese Behauptung entbehrt jedoch jeder Rechtsgrundlage, da die Memelkonvention keinerlei Bestimmungen ent hält, die dem litauischen Gouverneur des Memelgcbiets das Recht cinräumen, den Präsidenten und das Direktorium des Meinelgebiets abzusetzen.
Ein deutsches Kriegsschiff nach Memel?
Die Königsberger Allgemeine Zeitung berichtet über die Gefahr einer litauischen
Jungschützeninvasion in das Memelland
und fordert die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach dem Memelgebiet. Dieses hätte lediglich die selb st- v e r st ä n d l i ch e Pflicht, die durch den „Marsch auf Memel" gefährdete deutsche Bevölkerung in Litauen zu schützen und gegebenenfalls an Bord zu nehmen, falls es zu weiteren Zusammenstößen und zu Blutvergießen kommen sollte.
Auch in Berliner politischen Kreisen macht sich eine steigende Stimmung dafür bemerkbar, die einen tatkräftigen Schutz der im Memelgebiet wohnenden Deutschen nachdrücklichst fordert.
Zaunius nach Genf abgereist.
Ter litauische Außenminister Zaunius ist von Kowno zur außerordentlichen Ratstagung über die Memelfrage nach Genf abgereist. -------
Der Franc regiert Wien.
Ein überaus seltsames Vorlommnis in Wren ist geeignet, noch stärker als bisher die Aufmerksamkeit Deutschlands auf das zu lenken, was vor und — kaum verborgen — auch hinter den politischen Kulissen in Österreich eigentlich vor sich gehl. Um zunächst dieses seltsame, aber außerordentlich aufschlußreiche Vorkommnis zu erwähnen: Der französische Gesandte in Wien dementiert aufs eifrigste: er habe auf die Ernennung des christlichsozialen Parteiführers Dr. Kienböck zum Präsidenten der Österreichischen Nationalbank keineswegs und durchaus nicht die Hände im Spiel gehabt und er müsse sich wundern, daß die österreichische Regierung nicht schon längst von sich aus dieses Gerücht energisch dementiert habe. Woraufhin dann dieses amtliche Dementi von der Regierung schleunigst in die Welt gesetzt wurde mit dem Zusatz, daß schon vor ein paar Tagen einige Wiener Zeitungen jenem Gerücht widersprochen hätten. Man dementiert also nicht bloß wunschgemäß, sondern man — entschuldigt sich gewissermaßen auch noch!
Amtliche Dementis leiden, auch wenn sie an sich Wahrheit enthalten oder sogar wahr find, meist unter dem Schicksal, nicht viele Gläubige zu finden. Dieses Schicksal dürfte ganz besonders jenem österreichischen Regierungsdementi widerfahren. Denn es ist in den letzten Wochen so viel politisch Eindeutiges in Österreich bzw. in Genf und in Basel passiert, wohin österreichische Staatsmänner nicht wallfahrteten, sondern Bitlfahrten zu machen hatten, daß jene angebliche Intervention des französischen Gesandten zum mindesten „gut erfunden" ist, wenn sie wirklich nicht wahr sein sollte. Denn es ist keinerlei Geheimnistuerei damit gemacht worden, daß bei österreichische Außenminister Dr. Schober kurz und deutlich gesagt: auf französischen Befehl von seinem Bundeskanzler Buresch „in hohem Bogen" aus dem Auswärtigen Amt am Wiener Ballplatz hinausgesch missen worden ist. Seine Partei im Parlament, die Großdeutschcn, teilten dieses Schicksal hinsichtlich ihrer bisherigen Beteiligung an der Regierungskoalition. Hinter dem neuen Kabinett Buresch stehen überhaupt nur noch die Christlichsozialen und Dr. Schober wird sich mit eigenartigem, aber sicherlich bitterem Lächeln das — Großkreuz der Ehrenlegion betrachten, das man ihm vor ein paar Jahren in PaRs verlieh und das auf der einen Seite die Inschrift „Ehre und Vaterland", auf der andern aber das „Französische Republik 1870" trägt! In der Zwischenzeit bat Dr Schober nämlich den deutsch-österreichischen Zollunions- plan in die Öffentlichkeit gebracht, — und das war eben eine TodsündegegcndasfranzösischeVerboi des Zusammenschlusses mit Deutschland. Für diese Todsünde hat nun Dr. Schober durch eine fast gewaltsame Entfernung aus seinem Amt büßen müssen, nachdem er vorher auf keinerlei Winke mit dem Zaunpfahl bzw mit dem französischen Kreditboykott gegenüber Österreich bat reagieren wollen.
Diè furchtbare Wirtschafts- und namentlich Geldlage dieses Krüppelstaares ist ja der Hebel, mit dem nun Frankreich alle seine Absichten bei der Wiener Regierung durch, bringt und durchzwingt. Ein leichter Druck auf diesen Hebel genügt schon dafür; aber trotz größter Bereitwilligkeit in Wien läßt man in der Kreditfrage die Regierung vorerst noch wei1er„zappeln". Das Ziel dieser Vcrgcwal- tigungspolitik — was ganz offen namentlich in Prag gesagt wird — ist die g r ü n d l i ch c Z c r st ö r ii n g u n d Verhinderung des Zusammenschlusses mit Deutschland; "die Schaffung einer mit französischen Krediten vergoldeten Donaukonföderation ist von Paris, Basel und Prag aus eifrig „in Arbeit". In der Nationalbank, in der Allgemeinen Creditanstalt sitzen ausländische Berater oder „zuverlässige" Präsidenten und Direktoren. Nach der österreichischen Staatsbahn, nach der Tabaksregie streckt das politisch geführte französisch- Kapital die Hände aus; beide Einrichtungen sollen „privatisiert" und dann als Kreditpfänder vcrivandl ivcr= den. Äor einem Monat wurde dies auch „dementiert . Jetzt leugnet und verleugnet diese Pläne niemand mehr. Man hat die Wiener Regierung so lange mit dem „Kreoit- knüppel" bearbeitet, bis sie „mürbe" geworden i|t '-wn
ii W^mW >'I",««lME ...........................
Kleine Zeitung für eilige Leser
* T'ic Hamburger Gaffwirte sind in einen Bierffreik ein« getreten, der sich auf andere Städte auözudchnen droht.
* Der russische Außenminister Litwinow übte vor der Abrüstungskonferenz scharfe Kritik an der französischen Sicher- heitSthese.
* Der Papst hat Dèuffoliiii in feierlicher Audienz curp- fangen.