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Äil-aer /lnzeiger

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Alr. 25 1932

Fulda, Samstag, 30. Januar

9. Jahrgang

Die Wettgefahr im Osten.

Der Marsch aus Nanking.

Die Abrüstungskonferenz steht vor der Tür, der Bölkerbundrat verhandelt über die Beilegung des fern­östlichen Konflikts, bittet, droht und beschwört um des lieben Friedens willen und Japan marschiert. Im Vertrauen auf seine militärische Übermacht über das zersplitterte und zerfallene China kümmert es sich nicht um Verträge und Pakte, sondern schlägt an sein Schwert, und nachdem es die gesamte Mandschurei und einen Teil der Mongolei in seine Gewalt gebracht hat, rückt es gegen das eigentliche China vor. Die wichtigste Hafenstadt, Schanghai, das Tor zu der neuen Hauptstadt Nan­king, soll die Schlüssel- und Ausgangsstellung dieser Operation bilden. Angebliche Übergriffe chinesischer Truppen gegen japanische Staatsbürger und japanisches Eigentum bilden den Borwand, während der wahre Grund das Ausdehnungsbedürfnis des Jnselreichs Japan auf das asiatische Festland ist, das, seitdem Japan in die Reihe der Großmächte eingetreten ist, der unentwegt fest­gehaltene Richtpunkt seiner Außenpolitik ist. Ein weiterer Vorstoß Japans in das Innere von China müßte aber auf den Widerstand von Amerika und England stoßen, die es nicht dulden werden, daß sich ihr wirtschaftlicher Konkurrent in diesem Gebiet, in dem Zukunftsreich der Mitte, festsetzt. Dazu kommt noch Ruß­land, das China bereits innerlich mit kommunistischen Zellen durchsetzt hat und an der mandschurischen Grenze vorläufig noch Gewehr bei Fuß aus der Wacht steht.

Der Völkerbund hat völlig versagt, Verträge sind der berühmteFetzen Papier" geworden, und nur die Furcht vor den Waffen eines mächtigeren Gegners wird Japan zu einem Zurückweichen bringen können. Japan ist bereits zum Totengräber der Friedenspolitik des Völkerbundes geworden, sein Vorgehen hat auch den Abrüstungsgedanken bereits empfindlich getroffen; lenkt es nicht ein, so kann ein Weltereignis von katastrophalen Folgen der Ausgang dieses japanischen Marsches auf Nanking sein.

Die Kämpfe in Schanghai.

Ueber die gestern gemeldeten schweren Kämpfe in Schanghai erfahren wir noch^

Drei Stunden' nach dem Ausruf des japanischen Admirals begann das

Bombardement der japanischen Kriegsschiffe auf die Wusung-Forts. Es wurden 40 Granaten ab­gefeuert, worauf die Forts das Feuer einstellten. Als Grund für das Bombardement wird von den Japanern angegeben, das eines ihrer Kanonenboote von chinesischen Soldaten beschossen worden sei. Dann wurden japanische Seesoldaten gelandet, die chinesische Soldaten und Polizei- beamte unter Feuer nahmen und durch die internationale Niederlassung im Stadtteil Chapei in den

chinesischen Stadteil eindrangen.

Bald darauf fielen die ersten Schüsse. Chinesische Scharf­schützen feuerten von den Dächern und aus Hinterhalten auf die Japaner. Maschinengewehre, die aut versteckt in

Schanghai mit der brennenden Chinesenstadt Tschapei.

den Häusern ausgestellt waren, eröffneten das Feuer auf

Eindringlinge. Obwohl die Japaner die Telephon- drähie durchschnitten, waren die chinesischen Truppen gut über die jeweilige Stellung der Japaner unterrichtet. Der -.widerstand der Chinesen verstärkte sich zusehends. Bald standen die Japaner mit den Chinesen überall im heftigen Kampf. Erst, als japanische Flugzeuge

über der Stadt Bomben abwarfcu, gelang es den Japanern, in den Stadtteil Chapei ein* zudringen. Verirrte Kugeln fielen in die i n t c r n a t i 0 - Hale Niederlassung. Bald darauf erhielten die japanischen Truppen Verstärkung, die den Stadtteil Hongkin besetzten. Japanische Automobile durchfuhren die internationale Niederlassung und warnten die Be­völkerung vor Flugzeugangriffen. Um diese Zeit er- vsfneten die Wusung-Forts zeitweise wiederum das

Feuer auf die japanischen Kriegsschiffe, um die Landung weiterer Truppen zu verhindern. Die Geschütze der japanischen Kriegsschiffe brachten darauf die Forts vollständig zum Schweigen.

In der internationalen Niederlassung haben die Japaner Lazarette eingerichtet, Krankenwagen fahren hin und her, dazwischen Lastkraftwagen mit chinesischen Gefangenen. Zahlreiche chinesische Nicht­kämpfer fliehen in die internationale Niederlassung. Die Chinesen erhalten angeblich neue Verstärkungen aus Futschau und Nanking. Die ursprüngliche Stärke der chinesischen Garnison wurde auf 10 000 Mann geschätzt, sie soll aber auf 30 000 Mann verstärkt worden sein.

Tausende von Chinesen und Ausländern hatten sich auf den Dächern der Häuser versammelt und beobachteten die Kampfhandlungen. Die Japaner haben das chinesische -Hauptquartier in Chapei besetzt, während die Chinesen mit Hilfe von Panzerwagen den Nordbahnhof zurück­erobern konnten. Japanische Bombenflieger griffen dar­aufhin den Bahnhof an itnb zerstörten einen Flügel des Gebäudes.

*

SerAusmarschd» intenraMalenTku-pen

Das Vorgehen der Japaner hat in der internationalen Niederlassung in Schanghai große Überraschung hervor­gerufen, da man nach der befriedigenden Antwort der Chinesen eine Entspannung der Lage erwartete.

Die Grenzen bei internationalen Niederlassung sind der ganzen Länge nach mit einer dichten Schützen­linie französischer, amerikanischer, englischer, japanischer und italienischer Truppen besetzt. Die Gesamtzahl der internationalen Truppen beläuft sich aus rund 10 000 Mann einschließlich der Polizeikräfte.

Im Hafen liegen ein amerikanisches, zwei französische, fünf englische und 23 japanische Kriegsschiffe. Außerdem sind aus dem Jangtsefluß weitere englische, amerikanische und französische Kriegsschiffe verankert.

Fünf japanische Flugzcugbomben auf die internationale Zone.

Der Kommandeur der amerikanischen Truppen in Schanghai meldet, daß ein japanisches Flugzeug über der internationalen Zone fünf Bomben abgeworfen hat. Dabei wurden mehrere Chinesen getötet und einiger Sachschaden angerichtet.

Ksin Waffenstillstand in Schanghai.

Die japanischen amtlichen Stellen erklären, daß zwischen den chinesischen Behörden und dem japanischen Marinekommando keine Vereinbarung über die Einstellung der Kämpfe in Schanghai getroffen sei. Die Ursache des japanischen Vorgehens in Schanghai sei auf die japanfeindlichen Kundgebungen der chinesischen Stu­denten zurückzuführen, ferner hättendesorganisierte Sol­daten" die Geschäftsläden geplündert. Das japanische Oberkommando habe es sich zur Pflicht gemacht, sofort zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung einzi'- schreiten.

Funkverkehr SchanghaiEuropa gestört.

Nach Berliner Beobachtungen ist seit Freitag der Funkverkehr zwischen der chinesischen Großfunkstelle Schanghai und Europa gestört.

Offizielles Kriegsversahren in Genf.

Der Völkerbundrat muff jetzt Farbe bekennen.

Im chinesisch - japanischen Streitfall hat in Genf Freitag ein neuer Abschnitt begonnen. Der chinesische Gesandte hat dem Generalsekretär dcS Völkerbundes im Auftrage seiner Regierung ein Schreiben übermittelt, in dem China die Einleitung des offiziellen Verfahrens gegen Japan auf Grund der Artikel 10 und 15 des Bölkerdundpaktes fordert.

Der Artikel 10 enthält die Verpflichtung der Mitglied­staaten, sich j c d e ü A n g r i f f s auf die territoriale Inte­grität und die politische Unabhängigkeit der übrigen Mit­gliedstaaten zu enthalten. Artikel 15 enthält Vorschriften über das Verfahren zur Regelung eines Streitfalles im Falle eines bev 0 r st e h e n d c n B r u ch e s der Be­ziehungen. Der chinesische Gesandte teilt mit, die chinesische Regierung sehe sich zu diesem außergewöhnlichen Schritt gezwungen angesichts der Ereignisse der letzten Stunden.

Der chinesische Gesandte teilte dem Generalsekretär weiter mit, daß er sich vorbehalten müsse, das Sank- 1 i 0 n s v c r f a h r c n des Artikels 16 des Völkerbund- paktes in Anspruch zu nehmen.

Die geplante Sitzung des Völkerbundrates ist im Hin­blick auf die außerordentliche Verschärfung der Lage ins Fernen Osten verschöbe n tvorbeu.

Der Antrag der chinesischen Regierung, das Verfahren nach Artikel 10 und 15 des BöllcrbundpakteS gegen Japan -zu eröffnen, hat allgemeine Bestürzung und Unsicherheit auSgelöst, da jetzt der Völkerbundrat gezwungen ist, das außerordentlich verwickelte Verfahren zur Regelung dieses Konfliktes in Gang zu setzen.

Der Völkerbundrat trat ohne die Vertreter von Japan und China zu einer geheimen S i h u n g zusammen, in der die jetzt nach dein neuen chinesischen Antrag zu er­greifenden Masrnahmen dnrchberäten werden. Es wurde beschlossen, das offizielle Verfahren deS Artikels 15 ein« xuleiten. Die Vertreter Chinas unt> Japans werden er­

Chinesische Truppen zerstören Südstrecke der ostchinesischen Eisenbahn.

Moskau, 30. Jan. Die Telegraphenagentur der Sowjet­union verbreitet eine Pressemeldung aus Peking, daß auf Ver­fügung des chinesischen Kommandos einige Linien der Süd­strecke der ostchinesischen Bahn zerstört und einige Brücken ge­sprengt worden seien.

Chinesische Verstärkungen für Schanghai.

Schanghai, 30. Jan. Die Kämpfe in Tschapei beschränken sich zur Zeit auf Scharmützel. Weitere chinesische Verstärkungen sind aus Nanking zu erwarten.

Die japanischen Truppen zurückgezogen?

Die Japaner sollen ihre Truppen wegen der Ankunft chine« sischer Verstärkung zurückgezogen haben. Ein japanischer Kreuzer und vier Zerstörer sind in Schanghai eingetroffen.

Die englische Presse zu den Kämpfen in Schanghai.

London, 30. Jan. Die Berichte über die Kämpfe in Schang­hai füllen den Hauptteil der heutigen Morgenzeitungen. Der Ernst der Lage wird allgemein anerkannt, jedoch lassen die Schlußfolgerungen eine einheitliche Linie vermissen. Von aus­schließlicher Parteinahme für China wie z. B. im liberalen News Chronicle" über die Mahnung zu strengster Neutralität bis zur völligen Rechtfertigung der Japaner sind alle Meinungs- schattierungen vertreten.

News Chronicle" schreibt, es dürfte ohne Parallele in der Geschichte sein, daß ein« Stadt so ohne Kriegserklärung und ohne ersichtlichen Grund angegriffen wird. Die öffentliche Mei­nung der zivilisierten Welt kann nur einer Ansicht sein.

Morningpost" setzt sich eindeutig für die japanische Sache ein und kritisiert lediglich die Art des Vorgehens der japanischen Truppen. England wird, so schreibt das Blatt, nie­mals zustimmen, sich in die Gefahr eines Krieges einer derarti­gen Sache wegen hineinziehen zu lassen.

Time s" drückt erneut Zweifel an der Fähigkeit der Regie­rung in Tokio aus, ihre Truppenführer im Zaume zu halten, und meint, man könne mit Zuversicht erklären, daß die eng­lischen Vorstellungen in Tokio wahrscheinlich schärfer ausgefal­len wären, wenn die jüngsten Ereignisse schon bekannt gewesen wären. Gemeinsame internationale Aktion durchgreifender Art werde notwendig sein, wenn in Schanghai die Ordnung wieder hergestellt werden solle.

AuchDaily Herold" begrüßt das engere Zusammen­gehen der englischen mit der amerikanischen Regierung.

*

Empörung in Washingion.

Dohkottverhängung und Flotten­demonstration verlangt.

Die Berichte über das japanische Vorgehen in Schang­hai riefen im Amerikanischen Senat tiefste Empörung her­vor. Senator King (Utah) forderte die sofortige Boykott- vcrhânguttg gegen Japan. Besonders erregt sind die Ver­treter der Vacincstaaten.

sucht, dem Generalsekretär'deS Völkerbundes sofort eine erschöpfende Darstellung der Streitlagc zu geben.

Ferner wird erwogen, den Untcrsnchungsaus)chutz nicht, wie vorgesehen, über Washington, sondern

direkt über Sibirien auf schnellstem Wege zu entsenden, um so schnell wie möglich in den Besitz eines telegraphischen Berichtes über die Lage zu gelangen.

Amerika und Schanghai

Die Stimmung im Amerikanischen Kongreß ist nach nett letzten blutigen Zusammenstößen in Schanghai äußerst erregt. Es wird darauf hingewiesen, daß das Vorgehen der Japaner die letzte Hoffnung auf einen Erfolg in Genf zunichte mache. Einflußreiche Persönlichkeiten des Kon­gresses erklärten, daß Stimsons Außenpolitik durch die Schwäche der amerikanischen Flotte lahmgelegtsci.

In diesem Zusammenhang hat bereits eine Kam pagne für die Erhöhung des Flottenbauprogramms ein« ^^ England schließt sich an.

^er britische Botschafter in Washington hat ^taatt^ sekrctä" Stimson davon unterrichtet, daß England sich einem amerikanischen Protest für den ^n emcr vct Sung der internationalen Zone in Schanghai durch Ja hatt e n a auk -b ließcu würde.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Die ReichSregierung gibt in einer offiziösen Erklärung eine Ausstellung über die Trioutteistungen Teutschland nach dem SLaffenstiUstand.

* Die 7. Grüne Woche in Berlin hat jetzt ihre Tore geöffnet

* ^n Berlin begann der Prozeß gegen Katzenellcnbogcn und Genuffen, hic früheren Generaldirektoren der Schultheiß- Patzcnhofer A.G.

* In einem Mietbarste in Berlin W. wurde ein anderthalb­jähriges Kind von einem angeblich zahmen Leoparden, der sich in der Wohnung eines Kunstmalers befand, in Stücke gerissen.