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Hochzeit in Pella.
Skizze von Ernst v. B a sse r m a n n - -I o r d a n.
Es war schwül im Saale, der Abend brachte keine Kühle. Wein und Lärm taten ihre Wirkung.
Um die Tische hatten sich die Gäste nach Nationen ge» lagert. Das war nicht die Absicht des königlichen Gastgebers, aber im Verlauf des Festes hatte es sich so ergeben: Der Tisch ter Griechen, der Thessalier, der Epiroten, der Illyrier. Ein paar Sturen erhöht die Tafel des Hochzeiters. König Philipp war von seinen getreuen Makedonen umgeben, neben ihm seine zweite Gattin Kleopatra, seines Feldherrn AttaloS Nichte, an den Seiten des Tisches deren Verwandte. Aber am anderen Ende des Saales hatte sich ein zweiter Tisch mit Niatedonen zusammengefunden, dort lagerte sich Philipps Sohn A-exander zu seinen jungen Freunden. Er schien ganz rinne, keine Bewegung war in dem straffen jugendstarken Kor vr. seine Augen glitten mild und doch beobachtend über die Versammlung. Niemand konnte ahnen, daß er feiner verstoßenen Mutter Olympias gedachte, die nach Epirus gc- ganaeu war, um ihre Verwandten zum Kriege gegen Philipp auszubetzen.
Die junge Königin an Philipps Seite griff sich an Stirn und SâLäfc/als ob die Königsbnwe sie schmerze. Sie sah im Sam umher und begegnete nur feindseligen Blicken. „Ich fürchte mich", stieß sie hervor und barg ihr armes Handt an Philipps breiter Brust.
„Wen sürchtest Tu? Er soll nicht leben!"
„Kein Blut um meinetwillen."
„Gist?"
„Kein Leben um das meine." Ihre entsetzten Augen blickwn zu Alexander hinüber. Der sprach ruhig mit seinem Freunde Hephaistion. Philipps Augen.waren Kleopatras Blick gefolgt. „Mein Sohn ist nicht zu fürchten, so lange ich lebe. Er ist in Wahrheit seiner Mutter Sohn. Leidenschaft, die ich zu zähmen weiß."
Eine Sodar thessalischer Tänzerinnen trat auf, und die :n! vieler setzten gellend ein. Während des Tanzes warfen Mädchen dem König vertraute Blicke zu. „Tort die K, Große ist's", sagte ein Illyrier, „die ihm ein Kind
ixrecy gebar
; es wird verschwinden, wie andere auch."
,5kb nur", sagte ein Epirote zu seinem Tischgenossen, kleine Königin fürchtet sich schon heute."
.Wer in sie denn?" fragte ein anderer. „Unsere große
Königin Olympias wird sie mit ihrem eigenen Gürtel würgen und mir ihrem Haß verbrennen. Olympias ist auch Achilleus' Geschlecht."
Die Tänzerinnen waren abgetreten. Ein makedonischer Kriegstanz wurde zwischen den Säulen des Saales auf« gcfüvrr. Der Lärm der Waffen, die Musik, das Stampfen der Tänzer verschlangen jedes leisere Wort. Man unterhielt
sich ungKcheut, Nachbar zu Nachbar, an den Tischen. Dem König aKiel das wilde Spiel, aber sein Antlitz war erhitzt, fein Blick unstet. Wieder sah er zu feinem Sohn hinüber. „Ter wird nicht, wie ich, vieles zu bereuen haben, was nicht mehr zu ändern." Tann verzerrten sich seine Mienen, und er griff sich schmerzhaft an die Brust.
„Die Wunde von Chäroneia", sagte einer aus Alexanders Kreise, „bald wird er toben."
„Er ist in eher Hellene noch mit Hellenen verwandt", rannte einer am Lisch der Griechen, „er ist ein Barbar. Die taugen nicht einmal zu Sklaven."
Die ganzer hatten geendet, und noch im Beifallslärm ber (Säfte erhob sich Attalos, um einen Trinkspruch auf den König und seine Gattin auszubringen. An Alexanders Tasel wurde Pausanias, der junge Leibwächter des Königs, unruhig. „L er G s", flüsterte er seinem Nachbarn, einem jungen makedonischen Offizier ins Ohr „der ist's, der mich so schwer blieidlgt, und der König hat mich nicht gerächt."
„Tun wir's?"
Tüftelte er seinem Nachbarn, einem jungen Offiner inS Ohr, „der ist's, der mich so schwer
„Nein, noch nicht."
„Tie Pferde der Olympias warten draußen. Der große König der Perser wird Tir's lohnen und Olympias; ihr Gold ist gelber noch. Tun wir's?"
„Noch nicht."
Der Redner pries die Taten des Königs, den Beginn des .vrcg:s gegen bie Perser, den Sieg bei Chäroneia. Die (brüten verhüllten das Haupt. Alexanders Gestalt reckte ncy. „Wer hat bei Chäroneia gesiegt, mein Vater oder ich?" tagte er zu Sepbaistion.
Untechaltungsblatt
„Er ist der Vater, ilnd er hat die Wunde."
„Und ich den Sieg."
„Tun wir's?" raunte wieder einer dem Pausanias zu, „unsere Vortruppen stehen schon in Asien, sie werden uns folgen, die Perser nehmen uns auf..
Da rief Altalos in den Saal: „Bittet die Götter, Make- donen, daß sie unserer Königin Schoß segnen und dem Lande einen rechtmäßigen Thronfolger schenken."
Alexander sprang auf: „Bin ich Dir ein Bastard, Du Schurke?" Und er schleuderte die gefüllte Trinkschale nach AttaloS, die an seinem Kinn zersprang und Gesicht uni) Kleid mit rotem Wein befleckte.
Plötzlich war völlige Stille, und man hörte nur noch einen Griechen hämisch sagen: „Gut gezielt und getroffen, das hat er bei Aristoteles nicht gelernt." Aber da und dort wurden Schwerter bloß, Schmähung und Schmach zu rächen.
Wie ein Rasender war König Philipp aufgesprungen. „Haltet den König, er ist von Sinnen!" — „Er ist betrunken!" Nm Alexander hatten sich seine Freunde geschart, Hephaistion stellte sich dicht vor ihn. Der König wollte mit gezogenem Schwert auf seinen Sohn los, strauchelte aus den Stufen, schlug der Länge nach zwischen den Tischen hin, und seine Waffe alitt auf den Marmorfliesen bis vor Alexanders Füße. „Helft dem König!" — „Er ist verletzt!" — „Er ist betrunken!" Und im allgemeinen Lärm und Getümmel wurde Alexander von seinen Freunden zur Tür gedrängt. „Seht", rief er noch in den Saal, „das ist der Mann, der ben Fnß von Europa nach Asien setzen will! Er findet den Weg nicht von einem Tisch zum andern." —
Nicht lange danach war König Philipp dem Mordstahl des Pausanias erlegen, der Mörder niedergemacht, Olympias zurückgekehrt, Kleopatra erhängt.
Alexander aber überschritt mit allen seinen Völkern den Hellespont, um Asien dem Hellenismus zu gewinnen.
Der Malzzucker.
Skizze von Oskar Maria Gras.
Das war zutiefst im Winter, lange nach Weihnachten. Ich ■tun dazumal noch in die Schule gegangen und kann acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als sich tinfere Großmutter hat hinlegen müssen.
Ich kann mich noch gut erinnern. Der Kranken muß es vorgegangen sein, daß es jetzt in die Ewigkeit geht, denn sie wollte sich absolut nicht ins Bett legen. Also hat man sie in den großen Sorgenstuhl gesetzt, Kisien hinter ihren Rücken hineingestopft und vorne, von einem Lehnenvorsprung zum andern, ein breites Leinentuch gebunden, damit sie nicht herausfallen hat können.
Ich hab' schon als Kind mollig-warme Stuben lieber gehabt, als das Freie. Und um diese Zeit natürlich, wo unsere Spielsachen von Weihnachten her noch nicht ganz demoliert waren, sind wir Geschwister meistens tagsüber in der „Großmutterkammer" gewesen. Anfangs wollten es Vater und Mutter nicht dulden; Sterbende aber mögen nicht gern allein sein, und unsere Großmutter war schon fast achtzig; sie verlangte stets nach uns und war schon wieder so wie wir Kinder. Und da dursten wir jeden Tag zu ihr.
Das ging jetzt immer so: Wenn die Schule aus war, rannten wir um die Wette den verschneiten Hügelweg hinunter, kamen schnaufend und dampfend zu Hause an, würgten das Essen hinunter und stürzten über die Stiege hinauf, in die Großmutterkammer.
Eigentlich erkundigten wir uns nicht einmal, wie es der Kranken ginge, und das schien ihr auch weiter nichts anszu- machen. „Soso, seid's jetzt wieder da ... Heut' hat's aber Schnee draußen... Soso, kalt ist'Z, ja — jaaaa, Kinderlein, ja — jaa", brümmelte sie, und wir sagten auch ein paar ähnliche,^ gleichgültige Worte. Tann fingen wir zu spielen an. Ich stellte meine Bleisoldaten auf dem Boden auf, mein Bruder Lorenz legte sich flach hin und zeichnete in einem fort auf große,, weiße Einwickelpapierbogen Landkarten, zog Schiff- fahrtslinien, entdeckte oder eroberte. Maurus, der älteste, las meist in der „Guten Stunde" oder in der „Gartenlaube", und meine Schwestern beschäftigten sich mit Puppen.
Es war wunderbar gemütlich. Schon in der Schule freuten wir uns auf die Stunden und hatten alle den Wunsch, dieses Kranksein möchte nur ja nicht aufhören.
Aber es war doch noch etwas, etwas ganz anderes, was uns zur Großmutter hinzog und was uns wiederum geradezu gierig wünschen ließ, sie mochte doch recht bald sterben. Nämlich — das Tütchen Malzzucker, das sie ständig hinter ihrem Kissen stecken hatte. Dieser Malzzucker, meine Herren, der in ar wirklich eine höllische Sache. Unsere Großmutter lutschte den ganzen Tag an so einem Stück und — sie hat uns sehr gern mögen, besonders meine Schwestern — mit diesem Malzzucker, da war sie der reinste Geizhals. Bettelten wir sie an. so wurde
sie erst mürrisch und schließlich traurig, zum Schluß weinte sie gar wie ein beleidigtes Kind und verdarb uns dadurch alle Stimmung. Nicht um alles in der Welt gab sie uns je ein Stück davon. Absolut nicht.
Bei solchen Gelegenheiten fingen wir an zu streiten und beschuldigten uns gegenseitig: heimlich aber ärgerten wir uns nur, weil wir wieder nichts erreicht hatten.
Wenn aber ein Mensch — und bei'Kindern ist das alles noch viel stärker — nur einmal durch Zufall auf ein Verlangen gebracht wird, ist's schon aus mit seiner Ruhe. Je mehr wir sozusagen der Verführung ins Netz kamen, desto mehr dachten wir darüber nach, wie wir den Malzzucker kriegen könnten. Gott hab' sie selig, unsere Großmutter, aber im Wachen über ihren Malzzucker war sie wie ein Satan.
Und — vielleicht kam das gerade davon — wir wurden zuletzt immer gieriger. In uns allen war nur noch ein Drang und ein Wunsch: Wie erwischen wir ihn. Wir sagten's einander nicht, nein, nein, wir redeten nie davon, aber wir lasen's uns gegenseitig aus den Augen.
Endlich einmal wieder, als meine Großmutter langsam einzunicken schien, griff Eugen ganz sacht hinter die Kissen. Er tat's, und wir sahen alle wie gebannt ans ihn. Jetzt —■ jetzt mußte er die Tüte erreicht haben.
Und was glauben Sie, meine Herren, was in diesem Augenblick geschah?
Die Kranke reckte sich plötzlich, es riß sie zurück, dann sank ihr Kopf auf die Brust, Eugen zog schreckblaß die Hand zurück. „Du! Du!" fuhr meine Schwester ihn an und sah
fuhr meine Schwester ihn an und sah mit tiefster Verachtung auf ihn. Uns allen stand das Herz still, denn jetzt zuckte der ganze Körper unserer Großmutter noch einmal so schaurig zusammen, wieder hob sich ihr Kopf, wir sahen offen in ihre verdrehten Augen, ihr Unterkiefer klappte herab. „Oe — ö — o —öchch — ch —ch!" machte sie und rührte sich nicht mehr.
Ich habe in meinem Leben schon allerhand Aengste durchlebt, aber die Angst die wir damals alle zusammen gehabt haben, war die ftirchtbarste.
Unsere Großmutter hing steif herunter. Sie war tot. Wir wußten es alle, aber wir rührten uns nicht, wir atmeten kaum, wir warteten bloß so, wie wir waren.
An dem Tag aber habe ich zum erstenmal erfahren, daß der Mensch das Verlogenste und Scheinheiligste ist, was auf Gottes Erdboden herumläuft.
Einige Minuten nachher nämlich hörten wir die Tritte meiner Mutter die Stiege heraufkommen und sofort — wie verabredet — belebten wir uns alle zugleich und spielten wieder arglos mit allem Eifer, als sei gar nichts vorgefallen. Mit Gewalt gaben wir uns als die ahnungslos Heiteren, und — es gelang uns völlig. Unsere Mutter kam herein mit der Kerze, schaute auf die steife Großmutter und sagte stockend: „Ja! Ja — ja, um Himmels willen, ja! Ja, warum sagt, ihr denn nichts!... Za! Ja, die ist ja g'storben Dünnst ja tot!!"
Und wir? Wir sagten gar nichts, stauben auf, 'Wmtèn betroffene, bestürzte Gesichter, falteten gewohnheitsmäßig die Hände und fingen endlich zu weinen an ...
Es kann möglich sein, daß wir aus Schuldbewußtsein weinten, aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich, ich wenigstens dachte an den Malzzucker.
Als dann unsere Mutter draußen war, haben wir ihn doch herausgezogen, zwar zögernd und gar nicht mehr gierig, wahrscheinlich, weil uns doch unbehaglich war.
Ost, sehr oft im späteren Leben hab' ich an die Geschichte denken müssen, und stets, wenn ich so furchtbar weinend Trauernde um einen Toten sehe, muß ich mich ärgern über das Geflenne, denn oft wird's genau so sein, wie damals bei uns . Kindern. „
Ob es der Malzzucker ist oder etwas anderes, bleibt sich ziemlich gleich ...
Das Schlack tfest.
Von Ernst Eimer.
Es war ein schöner, warmer Novembertag. Christians Vater, der Han;örg, hatte den letzten Stoppelacker umgepflügt und war vce. tiefer Arbeit spät am Nachmittag nach Haus gekommen. Es mochte Hon vier Uhr fein, da saß der Bauer erst beim Mittag- efien.
„Hunger hätte ich alleweil", sagte der Hanjörg zu seiner Fra. und Isnelte mit größtem Appetit seine Fleischbrocken und seine Bohnensuppe.
„Hanjörg, es ist das letzte Stück Dörrfleisch, das du auf dem -teilet hast", meinte die Lisbeth.
„Ei", rief der Hanjörg, „dann ist es Zeit, daß wir kaltes Wetter kriegen, bann muß geschlachtet werden".
„Da ist niemand sroher als ich", meinte die Lisbeth, „das Srtge Sauding frißt für zwei und das Eimerschleppen wird man mild".
„Mütter, wenn wir schlachten, da bin ich aber grad so froh", rief letzt der kleine Christian von der Ofenbank her Dort 'mtkae e über seiner Schiefertafel und schrieb an seinen Schul- mnm in herum. Er ließ aber diese Arbeit jetzt liegen und setzte sich zu seinen Eltern an den Tisch, denn er hatte nun beide Ohren voll Schlachtfest.
„Vater, Vater", bat der Christian, „gelt, wenn wir schlachten, dann bekomme ich vom Nierchen und auch ein Stück vom Schwänzchen und ein Würsten noch dazu?" Die Bitte wurde ihm natürlich nicht abgeschlagen.
Der Christian hatte aber noch andere Wünsche: „Mutter, Vater", rief das Bürschchen jetzt ganz übereifrig, „wenn wir tthlachten, dann hole ich das Dortchen und Rotmullers Konrad und das Peterchen aus der Rappelgasse und das Lenchen und Berghanjers Johann — ja und Kuhjörgs Jakob auch. Za und wer. noch? Ach io, das kleine Zu Uchen hatte ich ja fast ver- genen. Za — und wen denn noch?"
„Jung, Zung, jetzt langt's", sagte bet Hanjörg, „das gibt schon einen ganzen Tisch voll Gäste".
Ach nein, es langt noch nicht", sagte bei Christian. Er zählte noch einmal ein Dutzend Namen an den Fingern her. Und lein Pate, der alte Wotlkopf, war auch dabei. Atte sollten zur Wurstsuppe kommen.
Das Wetter hatte nun mit Hanjörgs leeren Fleischtöpfen wirklich ein Einsehen. Die Witterung schlug um und es wurde empfindlich kalt. Es war also das richtige Metzelfuppenwetter.
„Serabe io wollt ich's haben", schmunzelte ber Hanjörg. Und weil dies am Sonntag war, machte er sich ein wenig in bie Reih und ging zum Dorfmetzger.
„Sander", sagte er, „wir haben Frost und bekommen noch mehr; unsere Fleischtöpfe sind leer und da muß unser Schwein alleweil bran glauben. Wann paßt dir's denn?"
„Hanjörg, das könnte nicht besser klappen", meinte der Sander, „Wißbaums Dicker hat für morgen bestellt und da kämst du am Dienstag an die Reihe".
. „Ich bin's zufrieden", sagte der Hanjörg. Die beiden besprachen dann noch die verschiedenen Därme und Blasensorten, die der Metzger zum Würstemachen in Vorrat hat, bann trollte Haniorg wieder davon.
., Am Montag putzte die Lisbeth die Bütten und Töpfe und schrubbte die kupfernen Kessel blank. Christian half dem Vater, den Bruhtrog beim Metzger holen, und durfte beim Krämer Vfefter, Salz und Knoblauch laufen. Das waren alles Dinge, Lte zum -chlachten nötig waren. Und schon ein ganzes dutzend- mal hatte das Bübchen nun feinen Eltern und feiner Schwester, dem Kathrtnchen, vorgeplappert, wen es zur Metzelsuppe laben wolle. Das waren Große und Kleine, Männlein und Weiblein, Alte und ^unge, im ganzen wohl sieben Tische voll.
«Jetzt nur einmal langsam und nicht so vorwitzig", sagte der Hanzorg zu seinem Zungen, „kommt Zeit, kommt Rat!"
x .Dienstagmorgen Schlag sechs war Christian schon in oen Kleibern. Er stand am Fenster und guckte mit großen, neu« gierigen Augen die Dorfgasse entlang.
„^unge , belehrte die Mutter, „es ist ja noch dunkel, der Metzger kommt noch nicht".
.. Christian ließ im Eucken nicht nach. Und als endlich die «Nebelwände der Bauernhäuser aus dem Morgennebel her- aus kamen, da dappelte auch der Metzger daher. Er hatte die Wurstmulde auf der Schulter und die fcharfgefüllte Mefjer- icheide am Leibgurt hängen.
. „Miltter Vater, ber Sander kommt", jubelte der Christian in tue otube hinein und stob im Galopp vor die Haustür«.
„Hai, Metzger, ich bin auch schon auf!" rief er diesem zu, „und ich. Wie bas Wuzi schlachten".
.. s""'ch , meinte lachend der Sander, „solche Kerle wie dich, die kann man da gut gebrauchen!"
â Lisbeth ben Kaffeetisch deckte, da kamen auch noch ! °pf und Knottetuchs Hannes, der Nachbar, zur „ure herein, denn auch sie sollten das Schwein schlachten helfen.
ll"5^ Knottetuchs Hannes, als alle am gewicht?^ ße"’ "°"? s^wer schätzt du deine Sau im Schlacht- wirß^ st? wiegend b<!1 ^"i“10, "ihre zweihundertneunzig
"Aein, mit dem Kopf!" rief der kleine Christian.
Da sprang eine dicke Lachsalve um den Tisch herum Aber am wenigsten lachte der Christian. Er saß in del Ö wie ein
Großer, nahm den Schlachttag sehr wichtig und war erstaunt, daß man über feine Bemerkung lachen tonnte.
„Hanjörg", fragte jetzt Ler Sander, „ist das Wasser bald heiß?"
„Bis wir's brauchen ist es so weit“, sagte der Hanjörg und schob ein Stück Brot in den Mund.
„Ihr Männer", rief der Wollkopf, „heiß gebrüht ist halb geschrubbt, da fliegen die Borsten von selber!"
„Dafür bin ick auch", sagte der Knottetuchs Hannes und trank Las dritte Schälchen leer.
Als die Männer dem Hof und dem Schweinestall zudap- pelten, ging auch der kleine Christian in der Reihe. Er war fest entschlossen, das Wuzi schlachten zu helfen und kam sich gerade so unentbehrlich vor wie der Metzger. Dieser schellerte die Stalltüre auf und schlang dem fetten Schwein mit großem Geschick einen Strick um ein Hinterbein. Aber das Schwein ließ sich dieses nicht stillschweigend gefallen, es grunzte und quiekte und schrie, als wenn es das Messer schon zwischen den Rippen spüre. Unb da sank auch dem kleinen Christian der Atut; er machte kehrt, schlug in seiner Unsicherheit über einen alten Kübel einen Purzelbaum, hastete wieder auf und sauste im Galopp zum Hofe hinaus.
_ Und vor dem Schweinestall nahm das Drama seinen Verlauf. Der Wottkopf zerrte das Gäulein am rechten und Knottetuchs Hannes zerrte es am linken Ohre der Schlachtbank zu. Hanjörg hals hinten und vorn« und der Metzger biß sich auf die Unter« Uppe, hatte das Wuzi am Strick unb knotete es bann am Scheunentolben fest. Das Säulein machte einen steifen Kopf, gurgelte und schrie alle Höse unb Dorsstraßen voll. Und nie« mand tonnte ihm das übelnehmen, beim jeder wehrt sich seiner
Der kleine Christian hatte in seiner Herzensnot einige 3>orj|traßen durchraunt unb saß nun wohlgcboraen in einem alten Holzschuppen. Aber er hielt den Atem an und machte groge horchende Augen, denn Wuzis Todesschrei drang ihm auch hier noch in bie Ohren. Erst nach einer Stunde kroch er wieder aus seinem Versteck heraus.
, . Und als er bann vorsichtig und mit klopfendem Herzen an feinem Elternhaus um die Ecke guckte, da schien die Gefahr
Der alte Wottkopf hatte die halbe Sau auf ber Schulter unb Knottetuchs Hannes schleppte die andere Hälfte und beide trugen Las Schwein zur Stube hinein.
Am Scheunentor stand ber Metzger, hatte den Schweinskopf am Ji ii II el und schwenkte ihn in einem in aff er gefüllten Kübel bin unb per. Unb weil dieser Schweinskops nicht mehr schrie, da kam beim Christian wieder bie Tapferkeit. Er faßte Mut und ging zum Metzger hin.
lgortsetzung folgt.)