Zul-aer Anzeiger
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Nr. 12 — 1932
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Fulda, Freitag, 15. Januar
9. Jahrgang
Die nächste Aufgabe
Zwischen Lausanne und Reichspräsidenienwahl.
Die Vorbereitungen zur Reichspräsidenten- w a h l im Reichskabinett Dürsten in der nächsten Zeit wieder in den Hintergrund treten gegenüber Beratungen für die Lausanner Konferenz Mu diesen Vorarbeiten hatte sich bisher der sogenannte ReparaiionS- auSschutz der Reichsregierung eingehend beschäftigt, und das Ergebnis seiner Beratungen wird Die Grundlage bilden für die jetzt beginnenden eingehenden Erörterungen im Kabinett. Ferner wird eine Reihe laufender Angelegenheiten verabschiedet werden, Die im Laufe Der letzten Zeit zu kurz gekommen sind. Dazu gehört Die Entscheidung über Den noch nicht vergebenen Sitz un Verwallungsrat der Reichsbahn, ferner die Frage der Bankenfusion und die Ergänzung einiger Punkte Der Osthilf e. Schließlich ist Damit zu rechnen, daß Reichsernährungsminister Schiele Dem Kabinett seine neuen Zollvorschlüge unterbreiten wird, besonders die Erhöhung des B u > l e r z 0 l l s.
In der Angelegenheit der Präsidentenwahl sind, wie gesagt, in Der nächsten Zeit kaum irgendwelche offiziellen Schritte zu erwarten, dagegen nehmen Die einmal in Fluß gekommenen Besprechungen und Beratungen zwischen einzelnen Persönlichkeiten und zwischen und innerhalb von einzelnen Parteien ihren Fortgang. Der Antrag aus Zulassung eines Volksbegehrens über die Amtsverlängerung Hindenburgs, den die Iungdeutsche Bewegung beim Reichsinnenminister gestellt hat, scheint wenig Aussicht aus eine praktische Verwendbarkeit zu haben, schon, weil Die Durchführung einer solchen Volksbefragung fristgemäß zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Stellungnahme der Nationalsozia- l i ft.e n zur Reichspräsidentenwahl erörterte erneut Der frühere thüringische Innenminister Dr. Frick. Er forderte, wie in seiner vorausgegangenen Rede, wieder den Rücktritt Brünings bis spätestens zur Reichspräsidentenwahl. Als stärkste Partei Deutschlands hätten Die Nationalsozialisten Den Anspruch darauf, daß der Reichspräsident aus ihren Reihen gewählt werde. Alles das gelte aber nur unter Der Voraussetzung, daß Brüning noch weiter am Ruder bleiben wolle. Etwas anderes, sei es, wenn sich diese Sachlage ändere, denn Dann könnten die Nationalsozialisten ruhig abwarlen. Die Reichs- leitung der NSDAP. Hat sich, wie in München erklärt wird, bisher offiziell noch nicht mit der Volkswahl des Reichspräsidenten befaßt und ihre endgültige Haltung in dieser Frage liege daher auch nicht fest.
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Der Stahlhelm über die Volkswahl Hindenburgs.
Berlin, 15. Ian. Der „Stahlhel m“, das Organ des Bundes der Frontsoldaten, schreibt zur Volkswahl Hindenburgs: Selbstverständliche Voraussetzung wäre nach unserer Ansicht, außer der Zustimmung des Eeneralfeldmarschalls, die Ausschaltung jeglicher Parteipolitik, gleichgültig welcher Richtung, und die Durchführung des Wahlaktes in einer Form, die der menschlichen und der historischen Würde Hindenburgs entspricht. Ob eine Schild- erhebung des Eeneralfeldmarschalls praktisch möglich ist und wie sie im einzelnen durchzuführen wäre, darüber ist im Augenblick Schweigen besser als Reden. Der Stahlhelm wird sich in seinen Beschlüssen auch künftig leiten lassen von dem Bestreben, der historischen Würde des großen Soldaten Hindenburg gerecht zu werden und von seinem Hochziel: „Dem Wohl der Nation!".
Ein neuer „plan"?
Sir Walter Layton über Deutschlands Zahlungsfähigkeit.
Der englische Wirtschaftler Sir Walter Layton sprach über die gegenwärtige finanzielle Lage der Welt. Er erörterte die deutsche Erklärung der Zahlungsunfähigkeit und sagte, cs fei klar, daß Deutschland e t w a s z a h l c n könne, wenn ein Plan fertiggestellt werden könne, unter dem der zerstörende Einfluß der Tribute während der D c p r e s s i 0 n s z e i t aufgehoben werde, daß er keine schlimmen Folgen habe.
Es sei wichtig, daß eine Vereinbarung getroffen werde, die einen Wiederaufbau ermögliche, da die Welt nicht mehr zwöl^ Monate lang warten könne. Ein wirtschaftlicher Wiederaufbau ohne eine Vereinbarung zwischen Frankreich und Deutschland sei nicht möglich.
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Die Preissenkung und die Tribute.
Binnenmarkt und Weltmarkt.
Der Reichskommissar für Preisüberwachung, Dr. G 0 c r d c l r r, gab vor dem Hauplausschuß des Deutschen Industrie- und Handclslages einen übcrblict über die Preissenkung. Wenn gegenwärtig von einer Ilm* stellung allein auf dem Binnenmarkt gesprochen werde, so sei zwar nicht zu verkennen, daß der Binnenmarkt die stärkste Stütze der deutschen Wirtschasi darstellt. Es warb aber verfehlt, die Arbeit aufzugeben, die mehrere Generationen Geleistet haben, um den deutschen Erzeug«
Nissen auf dem Weltmarkt die hervorragende Stellung zu erringen, die sie gegenwärtig noch immer innehabcn. Es kommt daraus an, die einzelnen Preisfaktoren auf Möglichkeiten der Senkung zu untersuchen, wie sie durch Sparmaßnahmen, insbesondere aber auch durch Anwendung der letzten Notverordnung, sich ergeben können. In das Tarisvertragssystem brächten die neuen Richtlinien des Reichsarbeitsministers die erforderliche Elastizität. Die Preisbildung werde im übrigen selbstverständlich auch stark beeinflußt durch die Anforderungen der öffentlichen Verwattungszweige, wo Reformen durch- ■ geführt werden müßten. Voraussetzung für den Erfolg aller Bemühungen sei aber die völlige Erreichung der Deutschland auserlegten Tribute
Ter Präsident des Industrie- und Hattdelstages, Dr. Grund, führte u. a. aus: Der Baseler Sachver- ltändiaenberiän richtet den Avoell an die Reaierunaen,
Um Reparationen und Kriegsschulden
Ein bekannter englischer Wirtschaftssachverständiger für völlige Streichung.
England soll sich an die Seite der Italiener stellen.
London, 15. Ian. (Eigene Funkmeldung.)
zahlen, wenn dadurch eine Regeluri solche endgültige Regelung müßte
In einem Artikel tritt heute der bekannte Wirtschaftssachverständige Keynes dafür ein, daß die britische Regierung sich offen für völlige Streichung der Reparationen und Kriegsschulden und für Ver- tagung der Lausanner Konferenz für 6 Monate erkläre. Keynes schreibt: An den Staatsmännern der Welt ist es .jetzig die Frage zu behandeln, für die, sie Sachverständnis haben sollten. Ich bin sicher, daß das britische Volk einmütig wünscht, daß die Regierung entschlossen für die völlige Streichung der Reparationen und Kriegsschulden eintritt und daß der Premierminister sich an die Seite der Italiener stellt und den Aufruf Dr. Brünings unterstützt. Dies sollte unsere „erklärte" Politik sein. Diese Politik braucht aber nicht unvereinbar zu sein mit der Rücksichtnahme auf die Schwierigkeiten und den verschiedenen Grad der Entwicklung, den die öffentliche Meinung der verschiedenen Länder erreicht hat. Deshalb wäre es im Interesse einer vereinbarten Regelung für Deutschland der Mühe wert, sein Einverständnis zu erklären, „bescheidene und vernünftige" Summen zu
...... _____; ' Regelung möglich würde. Eine solche endgültige Regelung müßte im Laufe des Jahres erfolgen, doch glaubt Keynes, daß die Lage noch nicht reif ist, um eine solche Regelung bereits jetzt in Lausanne zu
erzielen.
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Fragt sich nur, was unter „bescheidenen und vernünftigen Summen" zu verstehen wäre, ob sich Frankreich mit ihnen zufrieden geben würde und — das Entscheidende — ob Deutschland sie überhaupt zahlen kann.
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Keynes Programmvorschlag für die Lausanner Konferenz.
London, 15. Jan. Der Schlußteil des oben angeführten Aufsatzes des Wirtschaftssachverständigen Keynes in der Wochenschrift „New Statesman and Ration" bezieht sich auf die Konferenz von Lausanne und besagt: Die Lage ist noch nicht reif für eine endgültige Regelung in Lausanne in diesem oder dem nächsten Monat. Es gibt mehrere Gründe, aus denen sie bestimmt unmöglich ist. Europa und Amerika werden von politischer Erregung beherrscht. Be-
Brüning und Hiller.
HillcrS Denkschrift an Hindenburg wird veröffentlicht.
Im Völkischen Beobachter schreibt der nationalsozialistische Außenpolitiker Rosenberg u. a.: „Man stelle sich vor, daß Dr. B r ü n i n g noch vor wenigen Wochen ganz offiziell den F ü h r e r der deutschen Freiheitsbewegung in seiner Rundfunkrede in heftigster Weise angegriffen hatte. Und nun wurde plötzlich der Führer dieser „Weltgefahr" gebeten, unter Vorschiebung Hindenburgs die politische Lebensdauer desselben Herrn Brüning zu verlängern. Wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß in den Tagen, die zwischen dem letzten Angriff und dem Telegramm liegen, der immer noch amtierende Reichskanzler von sehr autoritativer an s ländischer Seite daraus aufmerksam gemacht worden war, daß er nicht mehr recht verhand- lungsfähig sei ohne Adolf Hitlers Unterstützung, da ja kein Volk mehr hinter der Regierung stände. Mir wurde schon im Dezember 1931 in London von der dortigen Botschaft eines Groß staates bekanntgcgebcn, daß mit der jetzigen Rcichsregicrung keine dauernden Abmachungen getroffen werden könnten."
Rosenberg teilt im übrigen mit, daß die Denk- s ch'r i f t Adolf Hitlers an den Reichspräsidenten mit ergänzenden Ausführungen „zu gegebener Zeit" veröffentlicht werden wird.
ohne Verzug zu Entscheidungen zu kommen. Wir glaubens daß solchen Entscheidungen nicht besser vorgearbeilet werden kann, als wenn der Reichskanzler in Lausanne in voller Klarheit und Festigkeit die von ihm eingenommene Stellung vertritt. Das Vertrauen der von uns vertretenen deutschen Wirtschaft steht jedenfalls geschlossen hinter ihm.
Der Reichskommissar für Preisüberwachung teilt mit: Tie Verhandlungen mit der Margarineindustrie haben zu einer Aufhebung der Preisbindung für die billigsten Margarinesorlen geführl. Für diese Sorten bestand bisher eine Karlellbindung, wonach die Preise nicht unter 33 Pfennig gesenkt werden dürften. Da inzwischen aber schon Margarine für 28 und 29 Pfennig verkauft werden konnte, ist die Preisbindung aufgehoben worden. Die übrigen Margarinepreise sind um zehn Prozent gesenkt worden. Die Preisbindungen hierfür bleiben bestehen. Ter Reichskommissar betont, daß die V u l t e r p r e i s e auf die Gestaltung der Margarinepreise keinen Einfluß haben.
sonders können wir angesichts der bevorstehenden Wahlen in Frankreich und in Preußen sicher fein, daß die Staatsmänner weder des einen noch des anderen Landes heute die Zu- gestündnisse machen können, hie sie vielleicht innerlich als weise erkennen, und die sie in einigen Monaten zu machen imstande sein dürften.
Die Beschlüsse, die in Lausanne zu fassen sind, könnten die folgende Form annehmen:
1. Ein Versprechen der Alliierten, Deutschland noch in diesem Jahre einen präzisen und endgültigen Vorschlag für die endgültige Festsetzung seiner Verpflichtungen zu machen.
2. Eine Vereinbarung, die Entwicklung der Wirtschaftskrise während weiterer 6 Monate zu beobachten, bevor dieses Angebot gemacht wird.
3. Im Hinblick auf diese Ziele eine Verlängerung des Moratoriums Deutschlands bis zum 15. Dez. und eine Vertagung der Konferenz um 6 Monate.
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Frankreichs Vorschläge an Leiih Roß.
Nach den Berichten aus London scheint Die englische Auffassung in der Tributfrage noch wesentlich von der französischen abzuweichen. Das Pariser „Journal des Debats" erklärt sogar, daß, wenn der englische Standpunkt sich durchsetzen sollte, Deutschland von vornherein gewonnenes Spiel habe.
Erklärungen amtlicher französischer Kreise bestätigen, daß französischerseits in den Besprechungen mit dem englischen Finanzsachverständigen Leith Rotz eine Lösung vorgeschlagen worden ist, nach der Deutschland ein Zahlungsauischub von zwei Jahren für die geschützten Zahlungen gewährt werden soll. Die ungeschützten Zahlungen sollten lommer- zialisiert in Obligationen der Reichsbahn auf den Marli gebracht werden. Sie sollten erst vom Jahre 1934 ab >n den Verkehr kommen. Es wird amtlicherseits betont, daß diese vorgeschlagene Lösung nicht der endgültige Vorschlag dèr französischen Regierung gewesen sei.
Eine bemerkenswerte Rede Sir Ernest BennS.
Der bekannte englische Wirlschaftspuvlizist Sir Ernest Benn erklärte in einer Rede in London, daß das große politische Spiel der Tribute vorbei sei Man ivisse ganz genau, daß kein weiterer Pfennig an Tributen oder Regierungsschulden jemals wieder bezahlt werden würde. So wie die Dinge lägen, seien die Tribut- und Schulten* Zahlungen tot.
Frankreichs neuer Haushalt für Die Militärluftfahrt:
1,9 Milliarden Franc.
Paris. Der Finanzausschuß der Kammer beschäftigte sich mit dem Haushaltskapitel Militärluftfahrt für 1932, für das im Voranschlag 1,9 Milliarden Franc vorgesehen sind. Nur 400 Millionen kommen davon für Verwaltungskosten ne Abzug, so daß 1,5 Milliarden für die reine Militärluftfahrt übrig bleiben. Der Berichterstatter des Finanzausschusses hat eine Kürzung der Kredite um 70 Millionen vorgeschlagen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der englische Wirtschaftssachverständige Keynes fordert völlige Streichung der Reparationen und Kriegsschulden und schlägt eine Verschiebung der Lausanner Konferenz bis zur endgültigen Regelung der Reparations- und Kriegsschuldfrage vor.
* In Oberschlesien hat sich ein neues Bergwerksunglück ereignet.
* Hitlers Denkschrift an Reichspräsident v. Hindenburg soll veröffentlicht werden.
* Der Calmette-Prozeh nähert sich dem Ende. Die Beweisaufnahme ist geschloffen worden.
* Mit bcat heutigen Tage, de« 15, Jaafar, ~uim bis neuen Gebühren bei Reicherest in Kraft.